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Winterhilfe und Wanderausstellung

Arm gegen Ärmer ausgespielt

Winterhilfe und Wanderausstellung: Arm gegen Ärmer ausgespielt
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Sie ist alles andere als neu und längst entlarvt: die Erzählung von Sozialschmarotzenden, die auf dem Rücken der Gesellschaft leben. Und dennoch ist dieses Narrativ nicht kleinzukriegen. Eine Ausstellung verfolgt seine Wurzeln bis in die Nazi-Zeit.

Acht Tage lang aufgepeitschte Polizisten, wohin das Auge blickt. In allen Gassen und in allen Winkeln in Nord, Süd, Ost und West. Im ganzen Land durchkämmen sie Herbergen, Nachtasyle, Treffpunkte; zerren Menschen durch Straßen, über Plätze in Gefängnisse und Lager hinein. Am Ende melden sie 100.000 Verhaftete. Die Rede ist von der größten Verfolgungsaktion, die es binnen so weniger Tage je in Deutschland gegeben hat. Die Rede ist von der sogenannten Bettlerrazzia – einer beispiellosen Jagd auf Wohnungslose, Bettelnde und Prostituierte.

Es ist Mitte Juli im Jahr 1933. Das neu gegründete Propagandaministerium ist erst wenige Wochen alt, als es eine Initiative zur "umfassenden Bekämpfung des Bettelunwesens" plant. In einem Brief an das Reichsinnenministerium schlägt Ministerialrat Wilhelm Haegert eine Razzia vor, bei der "schlagartig in einer bestimmten Zeitspanne mit ganzem Aufgebot aller Polizeikräfte sämtliche bettelnde Personen angehalten werden sollen". Es dauert nicht lange, da findet die Razzia statt. Vom 18. bis zum 25. September gehen nicht nur Polizisten, sondern auch Männer der SS und der SA auf die Jagd. Der Großteil der Festgesetzten landet wegen Bettelei und/oder Landstreicherei für bis zu sechs Wochen in Haft. Auf etliche wartet danach für weitere zwei Jahre ein Arbeitshaus. Und weil der September 1933 erst der Anfang ist, verenden viele später in einem KZ oder werden ermordet. 

Ein Etikett, das Leben auslöscht

Aber warum überhaupt? In der Welt der Nazis sind Menschen ohne festen Wohnsitz schlichtweg "asozial". Wohnungslosigkeit wird als eine Folge "ungezügelter Triebe" oder "krimineller Veranlagung" angesehen, die es im Sinne der Rassenhygiene auszumerzen gilt. Eine, die sich intensiv mit dem Begriff "asozial" beschäftigt hat, ist die promovierte Historikerin Katrin Köhl. Die gebürtige Stuttgarterin studierte einst in Tübingen und in Münster. Heute arbeitet sie in der Geschichtsvermittlung für die Stiftung Bundespräsident-Theodor-Heuss-Haus sowie für das Haus der Geschichte Baden-Württemberg. "'Asozial' war unter den Nationalsozialisten ein Etikett, das Menschen ihr Recht auf Leben absprach. In der Nazi-Ideologie waren Asoziale das genaue Gegenteil des leistungsstarken, produktiven und deshalb nützlichen 'Volksgenossen', den es für einen 'gesunden Volkskörper' brauchte. Man sprach von ihnen wie von Schädlingen oder Krankheitserregern, die es auszurotten gilt." So führte Köhl vor wenigen Wochen in eine Wanderausstellung ein, die den Titel "Wohnungslose im Nationalsozialismus" trägt. 

Zwei Wochen lang war diese Ausstellung in der Begegnungsstätte der Stuttgarter Straßenzeitung "Trott-war" zu Gast. Auf 13 Roll-up-Bannern macht sie deutlich, wie eng Sprache, Ideologie und Gewalt miteinander verbunden sind. Für "Trott-war"-Chefredakteurin Adriane Dietrich lag es schlichtweg nah, "diese beeindruckende Wanderausstellung einmal ins Haus zu holen". Denn die Straßenzeitung sei vor mehr als 30 Jahren einerseits mit der Absicht gestartet, wohnungs- und obdachlose Menschen am gesellschaftlichen Leben zu beteiligen und ihnen die Chance auf einen Verdienst zu geben. Andererseits möchte sie seit jeher "Sprachrohr sein und der Mehrheitsgesellschaft zeigen, mit welchen Problemen und Vorurteilen Menschen mit dem Lebensmittelpunkt Straße zu kämpfen haben".

Von der Profession zur Perversion

Die Ausstellung dokumentiert Schicksale wie das von Ernst Rutzen. Der Wandermusiker ist 1942 im Alter von 62 Jahren im Arbeitshaus Breitenau gestorben. In der Urteilsbegründung für ihn und einen Weggefährten heißt es: "Die Angeklagten befinden sich seit Jahren auf Wanderschaft; sie arbeiten nur gelegentlich, im Übrigen ziehen sie von Ort zu Ort. Arbeitsbücher besitzen sie nicht: beide betteln. Der Angeklagte Rutzen spielt Mundharmonika und andere Instrumente. Er spielt und singt gewerbsmäßig auf öffentlichen Straßen; von Kunst kann dabei keine Rede sein …"

Recherchiert und zusammengetragen hat solche Begebenheiten Wolfgang Ayaß. Er wurde 1954 in Marbach am Neckar geboren und hat sowohl Pädagogik als auch Geschichte studiert. Die Wanderausstellung "Wohnungslose im Nationalsozialismus" hat er im Jahr 2004 gemeinsam mit der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe (BAG) entworfen. Ein Anliegen stand dabei im Vordergrund: Anlässlich ihres fünfzigjährigen Bestehens und der damit verbundenen Feierlichkeiten wollte die BAG den Teppich heben und mit dem eigenen Berufsstand ins Gericht gehen. Denn was kaum jemand weiß: Die Wohlfahrtsverbände spielten bei der Hetzjagd der Nazis eine unrühmliche Rolle. Sie haben die Aktion nicht nur mitgetragen, sondern sie zum Teil auch vorangetrieben. Ein Funktionär der württembergischen Wohnungslosenhilfe, die damals Wandererfürsorge hieß, war 1933 Karl Mailänder. Er war schon Ende August per Brief über die geplante Razzia informiert worden und antwortete prompt: "Die Zentralleitung für Wohltätigkeit und der Verein für Wanderarbeitsstätten begrüßen es lebhaft, dass nunmehr gegen den gewerbsmäßigen Bettel strenger wie bisher vorgegangen werden soll." Ferner bot er im Namen seiner Organisation sogar Unterstützung an.

Hanna und Lina, die ihre Nachnamen nicht veröffentlicht wissen wollen, waren bestürzt, als sie während des Studiums von diesem Teil der Vergangenheit ihres Berufsstandes erfahren haben. Die beiden Stuttgarterinnen sind selbst Sozialarbeiterinnen und haben die Ausstellung bei Trott-war gleich am ersten Tag besucht. "Die eigene Berufsethik komplett über den Haufen werfen und den Menschen schaden, die man unterstützen soll – das ist pervers", finden sie. Und ergänzen: "Aber zugleich auch eine Mahnung für uns selbst."

Konstruierte Konkurrenz

Auf Anhieb zu durchschauen war die Propaganda der Nazis vermutlich nicht, kam sie doch im Mantel der Fürsorge daher. Das war namentlich die Winterhilfe, eine von den Nazis selbst eingerichtete Hilfsaktion, bei der Sach- und Geldspenden für bedürftige "Volksgenossen" gesammelt wurden. Diese "Volksgenossen" waren zum Teil beinahe mittellos, dem Regime dabei aber treu und arbeitswillig noch dazu. Ihnen gegenüber stellten die Nazis die "berufsmäßigen Bettler", die zum Teil "ganz wohl situiert" seien. Sie hätten mehr als genug zum Leben und würden sich bereichern an der Bettelei. Entsprechende Zeitungsartikel nach der ersten großen Razzia hatten dieses Narrativ mit aufgebaut und genährt. "Der Tenor in der Presse war immer gleich: Bettler würden besser leben als anständige Arbeiter", fasst Katrin Köhl zusammen. Die Nazis nutzten die allgegenwärtige Not und die daraus resultierenden Ängste aus. Sie konstruierten eine Konkurrenzsituation und teilten in gute und in schlechte Arme auf. So hing das Gelingen der Winterhilfe laut Reichspropagandaminister Goebbels zum Beispiel von der "Bekämpfung des übermäßig angewachsenen Bettelunwesens" ab. Als "konsequent verfolgte Strategie der zunehmenden Entsolidarisierung" bezeichnet das Historikerin Köhl.

Hinzu kamen verbindende Elemente für die übrige Bevölkerung. Ein Paradebeispiel ist der sogenannte Eintopfsonntag. Die Maxime: Einmal im Monat nur Eintopf anstatt des üblichen Bratens essen und das eingesparte Geld dem Hilfswerk spenden. "Auf diese Weise zeigten die Nationalsozialisten der breiten Öffentlichkeit, dass sie sich sozial engagieren. Und zugleich gaben sie den Menschen das Gefühl, etwas Gutes zu tun. Die Idee dahinter: den Zusammenhalt der 'Volksgemeinschaft' stärken", erläutert Historikerin Köhl.

Trott-war-Chefredakteurin Adriane Dietrich vermutet, dass es wohnungs- und obdachlose Menschen immer geben wird, "so lange die Systeme auf der Welt sind, wie sie sind". Deshalb müssten wir alles dafür tun, dass demokratische Werte nicht infrage gestellt und arme Menschen nicht instrumentalisiert werden. Katrin Köhl ist überzeugt: "Strategien zu erkennen und zu wissen, wohin sie uns schon einmal geführt haben, ist der erste Schritt." Hanna und Lina wünschen sich deshalb, dass die Wanderausstellung zu den Wohnungslosen im Nationalsozialismus schon ganz bald wieder von Berlin ins Ländle kommt.

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