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"Initiative Gegenwind" in Öhningen

Gegenwind am Bodensee

"Initiative Gegenwind" in Öhningen: Gegenwind am Bodensee
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Seine Vorfahren wurden von den Nazis deportiert und ermordet. Justus Wolf, Enkel des "letzten Juden von Wangen", kandidiert ganz oben auf der Liste der "Initiative Gegenwind" in Öhningen, die sich hinter der Windkraftdebatte versteckt und von der AfD angeführt wird. Doch auf der Höri formiert sich Widerstand.

Es ist die Ablehnung von Windrädern auf dem Schiener Berg zwischen Radolfzell und Öhningen, die der AfD die Tür in die Gemeinderäte öffnen soll: Als "Initiative Gegenwind" tritt bei den Kommunalwahlen in Öhningen am Untersee eine vom regionalen AfD-Vorreiter Thorsten Otterbach geführte Liste an. Angeblich nur gegen Windkraft und Grundsteuer. Auf Platz 1 der Liste steht mit Justus Wolf ausgerechnet ein Enkel von Nathan Wolf, "des letzten Juden von Wangen", wie die Presse schrieb.

Zudem verwendet die Liste ausgerechnet jenes Label, unter dem Gert Wolf, Justus Wolfs Vater, gegen die Zerstörung jüdischer Baudenkmäler im Öhninger Teilort Wangen kämpfte. Der bemerkenswerten Geschichte der Familie fügt Justus damit ein neues Kapitel hinzu.

Sein jüdischer Großvater Nathan wirkte nach dem Kriegsdienst im Ersten Weltkrieg als Landarzt und später sogar als Ortsvorsteher in Wangen. Dort lebten Christ:innen und Jüd:innen recht friedlich zusammen. Den Dienst in der Dorfschule versahen ein jüdischer und ein katholischer Lehrer, Nathans Jugendfreund Jacob Picard hat das Dorfleben in seinen Erzählungen etwas harmonisierend geschildert.

Nathan heiratete die Katholikin Auguste Neuhaus, 1925 wurden die Tochter Hannelore und 1928 der Sohn Gert geboren und wuchsen in einer Familie auf, die religiöse Traditionen sehr tolerant handhabte – gefeiert wurde Weihnachten und Chanukka, und die Eltern besuchten mit den Kindern bei hohen Feiertagen die Kirche und die Synagoge. Doch 1933 marschierte die SA durch den Ort. Schikanen begannen, die Kinder wurden als "Saujud" beschimpft, durften nicht mehr ins Strandbad. Nathan verlor die Zulassung als Arzt, wurde am 10. November 1938 nach der Zerstörung der Synagoge durch SS und SA wie die anderen jüdischen Männer des Dorfes misshandelt und ins KZ Dachau eingeliefert. Schwer misshandelt kehrte er nach sechs Wochen zurück.

Es blieb nur das Exil, kurz vor Kriegsbeginn floh Nathan in die Schweiz. Walther Bringolf, der befreundete sozialistische Nationalrat und Stadtpräsident von Schaffhausen, konnte ihn vor der Rückdeportation durch eine "Wegweisungsverfügung" bewahren. Vom Ausflugsschiff aus, das dicht an Wangen vorbeifuhr, winkte Wolf sonntags seiner zurückgebliebenen Familie zu. 1943 verurteilte ihn ein Schweizer Militärgericht wegen Fluchthilfe als "Emigrantenschlepper". Er hatte einer Berliner Jüdin geholfen, über die grüne Grenze in die Schweiz zu entkommen. Wolf wurde interniert. Die Kinder mussten das Grenzgebiet verlassen und als "Halbjuden" in Stuttgarter Gärtnereien arbeiten, bis sie der zurückgekehrte Vater 1945 wieder nach Wangen holte und für eine Fortsetzung ihrer Schulbildung sorgen konnte.

Nathans Mutter wurde 1940 mit den anderen badischen Jüd:innen in das Internierungslager Gurs in Südfrankreich deportiert, Verwandte in Auschwitz ermordet. 1945 setzte die französische Besatzungsmacht Wolf als Gemeinderat und stellvertretenden Bürgermeister ein. Im Juli desselben Jahres, zwei Monate nach Kriegsende, berichtete er in einem Brief: "Die Nazis dürfen nicht so ungestraft davonkommen, sie machen sich schon wieder frech und würdelos an die Besatzung heran, das muss sofort unterbunden werden."

Stolze Deutsche

Die Kinder Hannelore und Gert erhielten Nachhilfe, konnten ihr Abitur nachholen und studieren. Gert blieb auf der Höri, wurde Zahnarzt. Er engagierte sich als Gemeinderat für Ökologie, aber auch für den Erhalt des jüdischen Erbes, wurde Gründungsmitglied der Grünen im Kreis.

Bis zu seinem Tod 1970 arbeitete Nathan Wolf als Landarzt, sein Grab auf dem jüdischen Friedhof in Wangen ist das jüngste. Mehrmals wurde der verlassene jüdische Friedhof geschändet. 1992 setzte Gert Wolf eine Belohnung von 5.000 DM für Hinweise auf die Täter aus, als der jüdische Friedhof in Öhningen-Wangen verwüstet und dabei auch das Grab seines jüdischen Vaters und 16 weitere Grabsteine beschädigt werden. Die jungen Rechtsradikalen betonten im Prozess, dass sie ihren "Stolz, den man haben muss, wenn man deutsch ist" beweisen wollten, ihre "Deutschstämmigkeit". Im selben Jahr zogen "Die Republikaner" in den Stuttgarter Landtag ein.

Nun drängt die zunehmend völkisch dominierte AfD in die Gemeinderäte, auch auf der Höri. Sie gibt sich harmlos, konservativ und verschiebt doch unter dem Deckmantel der Volksnähe die Grenzen des Sagbaren weit nach rechts. Gegen "Coronawahnsinn" und "Ökosozialismus" der Grünen hetzte ihr Statthalter Thorsten Otterbach bei der Landtagswahl und auf Querdenker-Demos – die Bundesrepublik sei eine Diktatur wie die DDR. Otterbachs Frau Natalia, eine Weißrussin, unterstützt ihn beim Verteilen von Flugblättern. Sie dürfte dann wohl der in Potsdam diskutierten Deportation entgehen, denn, so Otterbach im AfD-Blättchen "Seesicht", bleiben dürften "perfekt integrierte Ausländer".

Doch gegen den Versuch der AfD, sich hinter der Windkraftdebatte zu verstecken, formiert sich Widerstand – selbst auf der idyllischen Höri. Am 4. Mai folgten Hunderte Menschen dem Aufruf des "Bündnisses Höri – gemeinsam für Demokratie" zu einer Kundgebung vor dem Öhninger Rathaus. Bürgermeister, Pfarrer und Abgeordnete waren da und berichteten wie Frank Leitner vom Bündnis von Drohungen und Beleidigungen. Die verraten sicher mehr über den "Gegenwind", den die AfD entfachen will, als ihre sehr selektiven Bekenntnisse zum Naturschutz. Unverständnis wurde in Gesprächen besonders geäußert über die Bereitschaft von Justus Wolf, sich instrumentalisieren zu lassen. Die Enkel fechten's eben nicht immer besser aus.

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3 Kommentare verfügbar

  • BadenMailer
    am 24.05.2024
    Antworten
    Der Artikel ist interessant zu lesen. Mit all den historischen Hintergründen. Aber ich erkenne nicht, warum das - mit diesem Tenor - zum Thema gemacht wird. Und was da alles "zusammengemischt" wird. Enkel eines verfolgten Juden wird nun (vermeintlich) zum AfD'ler? Und jetzt? In einem klitzekleinen…
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