KONTEXT:Wochenzeitung
KONTEXT:Wochenzeitung

AfD-Bürgerdialog

Eine schrecklich rechte Familie

AfD-Bürgerdialog: Eine schrecklich rechte Familie
|

Datum:

Assamstadt, "das Ass im Ärmel Frankens", Asmundhalle. Zuletzt haben hier 1.000 Gäste eine türkische Hochzeit gefeiert, demnächst beginnt der Senioren-Advent, am vergangenen Freitag stieg hier der Bürgerdialog der AfD. Björn Höcke war auch da.

Vor der Halle steht viel Polizei für diesen 2.240-Einwohner-Ort. Auch ein Polizist mit Warnweste, der eifrig Mailadressen von ihm nicht geläufigen Pressevertreter:innen aufschreibt. Kürzlich haben die Kollegen in Sinsheim den Drogenfund des Jahrhunderts gemacht, erzählt er. 200 Kilo Crystal Meth, Straßenverkaufswert 20 Millionen, der größte Methamphetamin-Fund überhaupt jemals in Deutschland! Ob's okay wäre, wenn er wichtige Polizeimeldungen künftig auch an Kontext sendet?

Im Hintergrund trillert die Gegendemo von "Netzwerk gegen rechts Main-Tauber". Motto: "Ja zu Toleranz und Menschlichkeit, nein zum Rechtsextremismus". Der macht sich derweil in der Halle breit.

Assamstadt im Main-Tauber-Kreis ist der Wahlkreis von Christina Baum, AfD-Rechtsaußen und Höcke-Freundin. Geladen hat die Landesgruppe der Bundestagsfraktion, um den im Westen nicht existenten heißen Herbst anzufeuern. Dirk Spaniel wird vortragen, verkehrspolitischer Sprecher der AfD-Fraktion im Bundestag. Ebenfalls Emil Sänze, Landtagsabgeordneter und Vorsitzender des Landesverbands, der mittlerweile vom Verfassungsschutz beobachtet wird. Stargast ist der Thüringer AfD-Chef Björn Höcke, den die etwa 300 Besucher stehend mit "Höcke, Höcke"-Rufen begrüßen.

Genderfreier Abend mit "echten Volksvertretern"

Sanfte Klaviermusik legt sich wie ein Teppich über die Rechten in dieser Turnhalle. Baums Büroleiterin Carolin Birzer startet in den Abend. Sie hat sich hörbar viel Mühe gegeben, patriotisch durch diese Veranstaltung zu führen: "Ich darf anmerken, dass dieser Abend genderfrei sein wird. Wir sind uns unserer Sprache bewusst", sagt sie. Zudem seien heute keine Politiker (korrupt, faul, gierig) zu hören, sondern hart arbeitende "echte Volksvertreter mit Rückgrat". Solche "braucht unser schönes Deutschland".

Zuerst aber zeigt die Landtagsfraktion noch ihren neuesten Film. Standortsicherung sei das Wichtigste heißt es da, unterlegt mit Bildern einer Autofabrik. Passend dazu spricht im Anschluss der ehemalige Daimler-Manager Spaniel, anmoderiert als "ein Herr, der sich durch Taten auszeichnet". Einer, der sich "mit vollem Einsatz der irrsinnigen Energiewende entgegenstellt". Und dem der Rechtsaußen-Flügel der AfD zu verdanken hat, dass die rechten Pseudogewerkschaft "Zentrum Automobil" doch nicht mehr als "toxischer Verein" mit bester rechtsextremer Vernetzung auf der Unvereinbarkeitsliste der Partei steht. Im Schlepptau hat Spaniel denn auch wie so oft seinen Sidekick Oliver Hilburger, Ex-Rechtsrocker und "Zentrums"-Chef (Kontext berichtete).

"Wir gehen schweren Zeiten entgegen", sagt Spaniel. Ein Drittel der Bundesbürger habe kein Geld für Weihnachtsgeschenke und Strom. Das sei das Ergebnis jahrzehntelanger Misswirtschaft und der Sanktionen gegen Russland. Spaniel fürchtet eine Deindustrialisierung auch wegen der CO2-Neutralität, die Deutschland bis 2045 erreichen will, obwohl nicht schuld an übermäßigem CO2-Ausstoß. "Die Bundesrepublik verlangt Ihnen Opfer ab, der Rest der Welt lacht sich schlapp über uns", eine gern genommen Erzählung unter Rechten, war schon bei Corona so. Spaniels Lösung, denn darum geht es an diesem Abend: kurzfristig denken. Weg mit der CO2-Steuer, Kraftstoffsteuer senken, Atomkraftwerke langfristig ausbauen und zwar alle. In einem Industrieland "brauchen wir billige, jederzeit verfügbare Energie", sagt er. "Die Rettung der Welt ist nicht unser größtes Problem, sondern Stromrechnungen."

Die Mühen der Ebene

Jetzt käme ein "echtes Arbeitstier", kündigt die Moderatorin an. Emil Sänze selbst sagt in Richtung Publikum beglückt, es sei herrlich, in all die Gesichter ohne Masken zu blicken. Der Föderalismus, für den Generationen gekämpft hätten, würde von der EU gerade abgeschafft. Er spricht von der Umklammerung einer "Zentralregierung, die uns alles andere als legitimiert eine Währung aufzwingt" und einen "Multikulti-Staat" wolle, "der aus Brüssel gesteuert wird". Zudem kämen dauernd Anweisungen vom Bund, als Landtagspolitiker habe man einen schweren Stand. Kinder hätten wegen zu vieler Migranten in den Klassen nicht mal mehr "das Niveau eines Volksschülers von 1965". Und dann das Bürgergeld: "Ich sehe es nicht gerne, wenn mein Geld verschwendet wird an irgendwelche Faulenzer, die von weltweit anreisen." Fachkräftemangel gebe es auch nicht, vielmehr würden deutsche Fachkräfte in Länder abwandern, wo man noch echte Freiheit habe. Wenn er durch Stuttgart laufe, könne er auf den Baustellen überhaupt nicht mehr identifizieren, wo die ganzen Arbeiter herkämen, was dabei rauskomme sehe man ja bei Stuttgart 21.

Dann kommt Christina Baum dran, eine "Kämpferin", einst im Landtag von Baden-Württemberg, jetzt im Bundestag. Eine, die "die Kartellparteien mit ihrer schonungslosen Offenheit zur Weißglut treibt", die sich gegen die "Genspritze" wehre, moderiert Birzer. Unvergessen auch ihr Auftritt bei irgendeiner Demo, wo sie "mit Deutschlandfahne auf die Antifanten zulief". Büroleiterin Birzer ist sich sicher: "Die halbe Nation fürchtet sich vor ihr."

Also Baum: Das Gesundheitssystem dürfe nicht vom Gewinn abhängig gemacht werden, kleine Krankenhäuser sollten erhalten bleiben, die Bedingungen für Pfleger:innen, sorry, Pfleger natürlich, müssten verbessert werden, "Gesundheit darf nicht zur Ware werden". So weit, so richtig und nicht auf Baums Mist gewachsen, sondern seit Jahren linke Position. Unterschied: Der Bedarf an Pflegekräften ließe sich auch durch Deutsche decken, behauptet Baum und wettert zum Schluss noch gegen Corona-Impfungen, die gesunde Menschen vergiften.

Björn Höcke gegen die Genderverschwulung

Moderatorin Birzer macht sich bereit für den "Höhepunkt des Abends. Das Wichtigste zuerst: Björn Höcke ist Vater von vier Kindern!" Applaus brandet auf für diese großartige Vermehrungsleistung. Sie kenne keinen Namen, der so dämonisiert würde wie seiner, dabei sei Höcke der Mann, der wie kein anderer für eine politische Wende einstehe, "ganz anders, menschlich".

"Sporthalle" sagt Höcke, grade frisch wegen Volksverhetzung angezeigt, und lässt den Blick schweifen. Da kämen Erinnerungen an seine Lehrer-Karriere hoch, die er aufgab, als er merkte: "Das Land brennt." Er kämpfe, sagt Höcke, bis die Wende erreicht sei und Kinder wieder eine Zukunft hätten. Sein Thema: die Bedrohung der Demokratie. Durch Corona-Politik beispielweise. Die "Plandemie" sei eingebettet in die "Gesamtstrategie des Regenbogen-Sozialismus", um die Welt zu transferieren und "uns Deutsche an Obrigkeitshörigkeit zu gewöhnen". Die "altehrwürdige Kulturnation Deutschland mit ihrem arbeitsamen, fleißigen Volk wird gegen die Wand gefahren", soll wahlweise "abgeschafft" oder "zum Abschuss freigegeben" werden, damit das Land "sich nicht nochmal zur führenden Nation aufschwingen kann".

Er spricht vom Wirtschaftskrieg gegen Deutschland, von der drohenden Bargeldabschaffung, digitaler Diktatur à la China, die dräue, und von den "transatlantischen Strippenziehern, die uns unsere menschliche Identität nehmen wollen". Dann empfiehlt er – apropos "Regenbogen-Imperium" und digitale Diktatur – den österreichischen Online-Sender "Auf 1" um Stefan Magnet, Heimsender aller Corona-Schwurbler und auf Expansionskurs.

Magnet hat kürzlich hergeleitet, dass sich die Farben der Regenbogen-Pride-Flagge, also "der homosexuellen Genderbewegung", unter anderem auch im Logo der Agenda 2030 des Weltwirtschaftsforums wiederfinden. Gleichfalls auch im Google- und Microsoft-Logo und – ha! – auch in der Darstellung der Nukleinbasen. Woraus folge, das die Mächtigen dieser Welt die Menschheit gegen Cyborgs ersetzen wollen, was schon in der Mache sei. Darüber hat er auch ein Buch verfasst, Klappentext: "Für Transhumanisten haben Menschen keine Seele und keinen freien Willen. Dafür wollen sich die wenigen milliardenschweren Auserwählten selbst zu Göttern erheben. Sie reißen das Monopol der Schöpfung an sich. Totale Kontrolle!" Es sei ein wunderbares Buch, sagt Höcke, "ich empfehle unbedingt die Lektüre". Die Lösung aller Probleme: er selbst, die AfD und der "Druck der Straße" nach Vorbild der Corona-Demos. Das Publikum bekommt von ihm zum Schluss noch die Hausaufgabe, bei Freunden und Bekannten "die Liebe zum eigenen Land zu befreien".

Dann gibt's belegte Brötchen. Und weil der Mensch noch kein Cyborg ist und seine Futtertröge nur ungern verlässt, müssen die AfD-Spitzenvertreter auf der Bühne ganze dreimal mahnen, sich doch für die Fragerunde wieder zu setzen. Letztlich ergreift Christina Baum angesäuert das Mikro: Wenn jetzt nicht gleich alle wieder auf ihren Platz gingen, bliebe "später weniger Zeit für Autogramme und Fotos mit Björn Höcke". Mit Höcke, dem Rechtsextremisten, der extra aus Thüringen angereist ist. Das zieht.

 

In einer früheren Version dieses Textes stand, Emil Sänze sei Fraktionsvorsitzender der AfD-Landtagsfraktion. Das ist falsch, wir haben den Fehler korrigiert.


Gefällt Ihnen dieser Artikel?
Unterstützen Sie KONTEXT!
KONTEXT unterstützen!

Verbreiten Sie unseren Artikel
Artikel drucken


1 Kommentar verfügbar

  • Philipp Horn
    vor 5 Tagen
    Antworten
    Und das schlimmste ist, die A.. für Deutschland werden genau wegen diesem Geschwubl auch noch gewählt. :(
Kommentare anzeigen  

Neuen Kommentar schreiben

KONTEXT per E-Mail

Durch diese Anmeldung erhalten Sie regelmäßig immer Mittwoch morgens unsere neueste Ausgabe unkompliziert per E-Mail.

Letzte Kommentare:




Ausgabe 609 / Über den Gleisen / Andreas Spreer / vor 2 Tagen 22 Stunden
Sehr interessant!


Die KONTEXT:Wochenzeitung lebt vor allem von den kleinen und großen Spenden ihrer Leserinnen und Leser.
Unterstützen Sie KONTEXT jetzt!