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Korntal – Skulptur als Mahnmal

Ein Schuldbekenntnis ist kein Schlussstrich

Korntal – Skulptur als Mahnmal: Ein Schuldbekenntnis ist kein Schlussstrich
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Zum Gedenken an ihre Opfer hat die Brüdergemeinde Korntal drei Stelen aufgestellt. Im Juni 2014 deckte Kontext den Skandal um jahrzehntelangen Missbrauch in den pietistischen Kinderheimen auf. Acht Jahre danach hat die Gemeinde zwar Schuld eingestanden, doch Betroffene geben sich damit nicht zufrieden.

Mit einer Gedenkveranstaltung haben die Brüdergemeinde Korntal und ihre Diakonie am vergangenen Wochenende an den Missbrauch in ihren drei Kinderheimen zwischen 1950 und 1980 erinnert. Das Schuldbekenntnis und die Enthüllung von drei Skulpturen sollten ein Meilenstein in der seit Jahren laufenden Aufarbeitung der Quälereien sein, unter denen hunderte von Kindern gelitten haben. Mit den Stelen soll eine Erinnerungskultur etabliert werden, erläuterten Vertreter:innen von Brüdergemeinde und Diakonie. Zwar sprachen sie davon, dass dies kein Schlusspunkt sei, aber zugleich vermittelten sie den Eindruck, dass mit dem öffentlichen Eingeständnis zumindest ein erster Schlussstrich unter jahrelange schmerzhafte und konfliktreiche Auseinandersetzungen um Schuld und deren Anerkennung gezogen werden kann.

Das ärgerte die Vertreter:innen der Opfer. So erklärte Martina Poferl, die Betroffenen seien mit der Gedenkveranstaltung vor vollendete Tatsachen gestellt worden. Detlef Zander, der vor acht Jahren die Zustände bei den Brüdern öffentlich gemacht hatte, sagte, an den Opfern nage, dass seit Beginn des Aufklärungsprozesses immer wieder Zweifel an ihrer Glaubwürdigkeit geäußert worden seien.

Aber der Reihe nach: Auf dem Gelände des Hoffmannhauses in Korntal wurde eine Skulptur mit dem Titel "Hoffnung" des Künstlers Gerhard Roese enthüllt. Zwei weitere Skulpturen "Vertrauen" und "Respekt" haben ihren Platz beim Flattichhaus in Korntal sowie beim Hoffmannhaus in Wilhelmsdorf bei Ravensburg gefunden. Roese, der als Jugendlicher an der Odenwaldschule selbst Missbrauch erlebt hat, wollte den schrecklichen Erlebnissen etwas Positives entgegensetzen. Hoffnung, Vertrauen und Respekt seien notwendige Eigenschaften, um im Umgang mit Kindern Missbrauch zu verhindern, sagte Dieter Weißer, der neue Weltliche Vorsteher der Brüdergemeinde.

Höchstens 20.000 Euro für Missbrauchsopfer

Im Anschluss ging es schweigend zur Stadthalle Korntal, wo es eine Podiumsdiskussion gab, an der neben den Repräsentanten Korntals auch die Vertreter der Opfer und der Landeskirche sowie die Aufklärer:innen teilnahmen. Klaus Andersen als Vorsitzender des Komitees Aufarbeitung und Prävention für die Evangelische Brüdergemeinde und ihrer Diakonie, Dieter Weißer sowie Jutta Arndt und Veit-Michael Glatzle von der Geschäftsführung der Diakonie verlasen gemeinsam das Schuldbekenntnis. Darin heißt es: "Wir bekennen uns schuldig, Kinder und Jugendliche in unseren Kinderheimen in Korntal und Wilhelmsdorf in den 1950er bis 1980er-Jahren nicht ausreichend vor Missbrauch geschützt zu haben. Wir sind beschämt, dass wir das nicht früher erkannt haben." Und es folgt die Bitte um Vergebung: "Wir haben das Leid der Betroffenen anerkannt und bitten sie aufrichtig um Vergebung für die schrecklichen Erlebnisse und Schmerzen, die ihnen in unseren Einrichtungen widerfahren sind."

Diese Vergebung gab es zumindest auf dem Podium von den drei Opfer-Vertreter:innen nicht. Martina Poferl lehnte die Gedenkveranstaltung nicht nur als zu früh ab, sondern fand auch, dass ihr Schmerz und ihr Leid in den Skulpturen nicht zum Ausdruck kommen. Angelika Bandle beschrieb ihre qualvollen Erfahrungen und kritisierte die Brüdergemeinde bezüglich der Anerkennungsleistungen – also Geld, das bislang an 138 Betroffene gezahlt wurde. Maximal gab es pro Person 20.000 Euro, insgesamt ist den Angaben zufolge ein hoher sechsstelliger Betrag ausgezahlt worden. Bandle hob hervor, dass diese Anerkennungsleistungen ohne Beteiligung der Betroffenen festgelegt worden seien. "Wie oft muss jemand vergewaltigt worden sein, damit er Anspruch auf 5.000 Euro hat?", fragte sie ketzerisch. Und Detlef Zander, der auch am runden Tisch der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) zum Missbrauch sitzt, merkte an, dass sich die Diakonie "als Täteroganisation" nicht arm rechnen dürfe.

Dass Professor Benno Hafeneger erklärte, Korntal sei ausgeforscht, machte die Vergebung nicht einfacher. Der Pädagoge hat mit der ehemaligen Jugendrichterin Brigitte Baums-Stammberger im Auftrag der Brüdergemeinde 2018 einen Aufklärungsbericht vorgelegt, in dem 100 Interviews mit Betroffenen dokumentiert sind. Dass die 53 weiteren Gespräche, die im Anschluss daran geführt worden sind, ebenfalls in den Bericht einfließen, wie von Seiten der Betroffenen gewünscht, halten die beiden Aufklärer:innen nicht für nötig. Diese Interviews hätten nur die vorliegenden Erkenntnisse bestätigt, hieß es. Die Taten sind sowohl straf- als auch zivilrechtlich verjährt.

Theologisch verbrämter Psychoterror

Trotz allen Differenzen werde man miteinander im Gespräch bleiben, versichern die beiden Seiten. Und es gibt auch noch viel zu besprechen. Klaus Andersen vom Aufarbeitungskomittee griff das Thema Geld noch einmal auf. Er verstehe, dass die Betroffenen darüber verärgert seien, wies jedoch auch darauf hin, dass die Einrichtung bei der Höhe von Anerkennungsleistungen ihre Gemeinnützigkeit und die Wirtschaftlichkeit im Blick haben müsse. Auch Arndt erklärte, dass nicht nur erhebliche Mittel an die Opfer geflossen seien, sondern mehr Stellen als offiziell nötig für die Prävention geschaffen worden seien.

Auch an diesem Punkt wurden die unterschiedlichen Sichtweisen deutlich. Angelika Bandle von der Selbsthilfegruppe "Heimopfer Korntal" sieht in dem Präventionskonzept einen weiteren Beleg für die Missachtung der Opfer. Dieses sei ohne deren Beteiligung erstellt worden, was sie als nachlässig bezeichnete. Die gesamte Aufklärung ist aus ihrer Sicht "im Schweinsgalopp" durchgezogen worden. Neben der sexualisierten und körperlichen Gewalt, sei viel zu wenig der Medikamentenmissbrauch und die Zwangsarbeit beim Hausbau und auf dem Feld berücksichtigt worden. "Wir sind jeden Tag mit Tabletten abgeschossen worden", beklagte sie.

Bandle betonte, wie schlimm der theologisch verbrämte Psychoterror gewesen sei – ein Thema, das bislang wenig zur Sprache kam. So monierte Detlef Zander, dass der Blick bei der Aufarbeitung auf die persönlichen Schicksale fokussiert gewesen sei und nicht die dahinterliegenden Strukturen in den Blick genommen habe. Im Gespräch mit Kontext-Chefredakteurin Susanne Stiefel hatte Matthias Katsch, der den Missbrauch im katholischen Berliner Canisiuskolleg öffentlich gemacht hatte, schon 2019 genau darauf hingewiesen. "Es kommt, gerade bei einer pietistischen Gruppierung, der religiöse Aspekt dazu: Es wurde nicht nur geschlagen und mit Zwang gefüttert, sondern es wurde auch immer zwischendurch gebetet".

Detlef Zander wies auf ein weiteres Problemfeld hin, das bisher weitgehend unter den Tisch gefallen sei: Das lebenslange Leiden der Opfer an der ihnen angetanen Gewalt. Viele könnten nicht mehr arbeiten und würden jetzt in ein Alter kommen, in dem sie pflegebedürftig seien. In diesen Fällen plädiert er für auf Trauma spezialisierte Pflege und die Übernahme von Mehrkosten für bessere Pflegeplätze. Finanziert werden müsse das von der Brüdergemeinde und Diakonie, befand Martina Poferl. Es sei nicht einzusehen, dass die Allgemeinheit für ihre Therapiekosten aufkommen soll.

Andersen sicherte zu, dass die Diakonie bereit sei, Betroffene über gezahlte Anerkennungsleistungen hinaus zu unterstützen, bei Therapiekosten oder bei der Suche nach einer geeigneten Wohnung. "Auf individuelle Hilfsleistungen müssen wir uns einstellen", bekräftigte er. Zugleich machte er deutlich, dass damit eine Frage angestoßen sei, die weit über die Leistungsfähigkeit der Diakonie hinausgehe. "Finanzierungsformen, die es hier braucht, müssen nachhaltig sein." Dies könne eine Einrichtung allein nicht stemmen. In diesem Zusammenhang wies Andersen auf die Verantwortung des Staates hin, der seine Aufsichtspflicht in den Heimen vernachlässigt habe. "Der Staat muss hier aktiv werden", fordert er.


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