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Ostermärsche für den Frieden

Alles nicht so einfach

Ostermärsche für den Frieden: Alles nicht so einfach
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Sie haben gerade einen schweren Stand: die Ostermarschierenden. Der SPDler Wolfgang Thierse hat ihnen Arroganz und Zynismus vorgeworfen, die Grüne Ricarda Lang spricht von Ignoranz, in Berlin organisieren UkrainerInnen eine Gegendemo. Und in Stuttgart? Zeigen sich auf und rund um den Friedensmarsch alle Facetten und Widersprüche dieser Zeit.

Die Öffentlich-Rechtlichen würden Dauermobilmachung betreiben, alle reden nur noch von der Ukraine, keiner rede über den Jemen oder erinnert sich noch an die Jugoslawienkriege, sagt ein Redner auf der Bühne. "Gegen jeden dieser Kriege haben wir demonstriert", sagt er. Die Kriegsparteien müssten an den Verhandlungstisch, und die Nato hätte nur den Wunsch, dem strategischen Rivalen Russland eine Niederlage zu verschaffen. Dafür gibt es Applaus aus der Menge.

Etwa 2.500 Menschen sind zur Auftaktveranstaltung des Ostermarschs in Stuttgart gekommen. Die Wiese neben dem Eckensee im Oberen Schlossgarten ist voll. Regenbogenfriedensflaggen wehen, es gibt Banner der Gewerkschaften, die MLPD ist natürlich da, wie immer, wenn irgendwo demonstriert wird, auch die DKP, die vor kurzem in ihrer Mitgliederzeitung ein Statement der Russischen Kommunisten und damit Kreml-Propaganda veröffentlicht hat. Antifa, Friedensbewegte, ein Banner mit Prilblümchen, "Nato go home"-Plakate, eines, auf dem "Frieden braucht Verständigung, Respekt und Zuhören" steht, ein anderes fordert "Kein Blut für Öl – Frieden mit Sonne, Wind und Biogas", auf einem Plakat steht "Arm Ukraine now" – Bewaffnet die Ukraine. Zu Beginn des Ostermarsches lebt dieses Schild noch, das wird sich ändern.

Kurz vor dem Losmarsch führt das OTKM, das Offene Treffen gegen Krieg und Militarisierung, ein Theaterstück auf: "Tarifrunde 2022" steht auf einem Schild an der Bühne, das die Szene einordnen soll – auf der einen Seite der Bühne sitzt der Vorsitzende des Arbeitgeberverbands. Er sagt: "Angesichts des Krieges können wir keine Gehälter erhöhen." Ein paar junge Leute mimen auf der anderen Seite der Bühne GewerkschafterInnen: Erst Corona, jetzt Krieg, Inflation, Strom, Lebensmittel – alles teurer. "Armut? Sagen Sie das doch mal den Menschen in der Ukraine!", ruft der Mann vom Arbeitgeberverband. Es täte sich mit gutem Gehalt leichter, für den Frieden frieren, entgegnen die schauspielernden GewerkschafterInnen.

Die MLPD hat einen großen Lautsprecher dabei

"Marschieren wir gegen den Osten, marschieren wir gegen den Westen", heißt es aus den Lautsprechern gegen kurz vor eins. Der Marsch setzt sich damit in Bewegung. Das internationalistische Bündnis (MLPD) hat zur Kompensation der eigenen Winzigkeit einen tragbaren und potenten Lautsprecher mitgebracht, um den Demo-Zug mit Selbstgesungenem zu beschallen.

Mittendrin läuft eine Familie aus Backnang – Vater, Mutter, zwei Kinder. Sie sind zum ersten Mal auf einem Ostermarsch und würden auch sonst nicht oft demonstrieren gehen, sagt die Mutter, 41 Jahre alt. Aber der Krieg in der Ukraine bewege sie sehr. "Wir müssen ein Statement setzen, dass niemand diesen Krieg will. Alle wollen Frieden und miteinander gut leben", sagt sie. Wobei schon ein Nebeneinanderleben, ohne sich gegenseitig mit Gewalt zu überziehen, im Grunde reichen würde. "Manches unterstütze ich hier nicht", sagt sie. "Ich bin auch nicht gegen die Nato, die ist eine gute Sache, damit sich die Mitgliedstaaten untereinander nicht angreifen." Aber Krieg sei nie eine Lösung, Konflikte jeglicher Art müssten immer politisch gelöst werden, nicht mit Gewalt.

Auch eine Gruppe junger Leute ist zum ersten Mal dabei. Sie laufen etwas zögerlich mit, irritiert von Plakaten, die eine Bewaffnung der Ukraine fordern, und solchen, die die Nato verdammen. Eine junge Frau aus der Gruppe sagt, dieser Krieg in der Ukraine sei so grauenvoll, da hätte sie keine Worte für. Und wie ein Frieden nun genau aussehen könnte, das wüsste sie auch nicht. "Aber man darf ja bisschen in einer Utopie leben." Sie ist in Oberndorf aufgewachsen, der Heckler-und-Koch-Stadt, und es sei nicht ihre erste Anti-Kriegs-Demo, aber der erste Ostermarsch, den sie mitlaufe.

Ostermärsche. Ins Leben gerufen wurden sie Ende der Fünfziger Jahren in England von Pazifisten gegen nukleare Aufrüstung. In Deutschland fand der erste 1960 statt und wurde, unter dem Eindruck von Kaltem Krieg und Kuba-Krise zu einer jährlich wiederkehrenden pazifistischen Tradition mit alternden und weniger werdenden Teilnehmern. Ostermärsche scheinen wie "Relikte aus einer vergangenen Zeit" hieß es einmal in einem Text von Paul Schobel, Betriebsseelsorger i. R..

Diese Relikte und die Forderung nach Frieden sind selten so wichtig gewesen wie im Augenblick, in Zeiten des Krieges. Auch wenn sie derzeit deplatziert wirken angesichts all der Grausamkeiten und Kriegsverbrechen, die das russische Militär in der Ukraine begeht. Dennoch: Der Ruf nach Frieden, nach Ab- statt Aufrüstung kann niemals falsch sein. Einfache Wahrheiten gibt es in keinem Krieg, auch wenn das schwer auszuhalten ist. Pazifisten und Mahner haben es momentan schwer. In Stuttgart in diesem Jahr vielleicht auch deshalb, weil dieser Ostermarsch nicht sehr sensibel auf die aktuelle Situation reagiert, die eben eine andere ist, als in früheren Jahren.

Stars and Stripes sind nicht erwünscht

Am Rande der Theodor-Heuss-Straße steht Niklas, 29 Jahre alt, mit Sonnenbrille. Aus dem kleinen Lautsprecher in seinem Rucksack klingen Pet Shop Boys, er schwenkt eine US-Flagge. "Ich will wenigstens ein kleines Zeichen setzen", sagt er. "Da laufen Leute, die sich einfach nicht aus ihrem Weltbild lösen können und nicht verstehen, dass Russland der Aggressor ist. Es hat sicher in der Vergangenheit Sinn gemacht, eine Freundschaft mit Russland zu pflegen. Aber jetzt?" Zudem frage er sich immer, warum, außer aus historischer Verklärung, Linke sich an die Seite von Putin stellen würden. "Was bitte ist links an Putin, wenn er seine Bevölkerung unterdrückt? Wenn ich schwul wäre, würde ich in diesem Land nicht leben wollen." Er wisse sehr wohl um die Verfehlungen der Nato, Stichwort Irakkrieg, sagt Niklas. "Aber auch die Amis haben uns vom Faschismus befreit, und ich bin froh, dass sie hier sind."

Kurz zuvor hatten ein paar Marschierer versucht, ihm seine Flagge wegzunehmen. Sie würden ihm eine reinhauen, hieß es, wenn er nicht verschwinde, erzählt Niklas. "Ich dachte, das sind Pazifisten", sagt er, und als er das gerade formuliert, steht schon eine junge Frau aus dem Demo-Zug vor ihm, um ihm wortreich auseinanderzusetzen, dass er auf alle Fälle die falsche Meinung hat. Sein Radio spielt "Together" von den Pet Shop Boys.

Mittlerweile ist der Zug an der Königstraße angekommen. Die Frau vom Internationalistischen Bündnis schickt antiimperialistische Phrasen durch den mitgebrachten Lautsprecher, ein Passant mit einer Bierflasche in der Hand und sicher einer weiteren im Kopf brüllt vom Gehweg aus mit Zornesfalte: "Geh in die Ukraine zum Kämpfen, du Fotze!" Ein paar Meter weiter legen sich die Antifas im Vorbeigehen zwar nur verbal, dafür sehr wütend und lautstark mit der Polizei an, die den Demo-Zug filmt.

Um kurz nach zwei Uhr steht der Marsch wieder im Schlossgarten. Der Mann, der mit dem Plakat "Arm Ukraine now" mitgelaufen war, hat jetzt nur noch ein halbes Schild. Die andere Hälfte hat ihm jemand in einer Handgreiflichkeit abgerissen. Was aber auch egal ist, er wird sowieso von einem Ordner der Rest-Demo verwiesen. Es gehe hier ja nicht um Bewaffnung. Sondern um Frieden.


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15 Kommentare verfügbar

  • Stefanie
    am 27.04.2022
    Antworten
    Es ist irritierend, dass sich eine große Anzahl der Teilnehmer der Friedensbewegung in ihrem Protest an die Opfer des Krieges richten. Oder an jene Länder, die den Opfern beistehen. Oder an jene Länder, die angesichts der Bedrohlichkeit der Lage, Ihr Militär für einen potentiellen Verteidigungsfall…
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