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Weihnachtsmarkt und Corona

Satz mit X

Weihnachtsmarkt und Corona: Satz mit X
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Ab 2. Dezember sind alle Weihnachtsmärkte in Baden-Württemberg geschlossen. Der in Stuttgart hätte beinahe stattgefunden. Er stand schon. Dann wurde abgebaut. Wir waren dabei.

Ja, nein, doch, 3G, 2G, 2Gplus, sicher, vielleicht, letztlich doch abgesagt, nahezu alle im Land. In Karlsruhe gibt es gerade noch einen und in Calw. AfD-Hochburg im Schwarzwald. Da kennt man sich aus mit dem Eigenen und dem Fremden, da gibt’s einen Weihnachtsmarkt nur für Menschen, die einen Wohnsitz in Calw nachweisen können. Pro Calwer und Calwerin darf exakt eine Person ohne Calwer Wohnsitz mitgebracht werden, um den Markt vor aus der Fremde Herbeistürmenden zu schützen, die der Weihnachtsmarklosigkeit ihrer eigenen Städte entfliehen wollen. Ob die Calwer wohl Frontex um Unterstützung angefragt hatten? Bleibt zu hoffen, dass kein Nicht-Calwer die Bannmeile durchbrochen und womöglich das Virus eingeschleppt hat. Aus dem Ausland, sozusagen. Es ist kompliziert derzeit.

In Stuttgart wurde der Weihnachtsmarkt am Montag der vergangenen Woche abgesagt, Mittwoch vor Ort war die Laune der Schausteller mittel bis mies. Engele landeten neben diesen schauderhaften hölzernen Kerzenbögen in Kartons, die sie eben erst verlassen hatten, gerade festgeschraubte Tannenbäume werden von Budendächern montiert, vom winterlichen Plastikreh ist nur noch der Po zu sehen, über dem Vorderteil hängt eine Arbeitsjacke. Weihnachtsfeeling eingesargt. Der psychologische Effekt, sagt ein junger Abbauer, sei dabei nicht zu unterschätzen: "Drei Tage aufgebaut, dann wieder abgebaut, und dazwischen nichts passiert." Das sei frustrierend. Hinter ihm flutet warmes, gelbes Weihnachtslicht den Stand, Akkuschrauber liegen neben Christbaumkugeln.

Das Wirtschaftsministerium ist im Stress

Die Zeitungen sprechen von Versagen der Politik, Stadt, Land und Bund – nein, Städte, Länder und Bund denken fieberhaft darüber nach, mit welchen Mitteln die SchaustellerInnen nun entschädigt werden sollen und vor allem, wer da wen entschädigt. Bis auf Bayern, da war es Markus Söder, CSU, Bayerns Corona-Wunder persönlich, der die Märkte in Gänze gekippt hat. "Da war wenigstens klar, woran man ist", sagt eine Marktbeschickerin.

Die Landeshauptstadt, schreibt die Pressestelle, prüfe ein "finanzielles Entgegenkommen", und ob Verderbliches vielleicht sozialen Einrichtungen zugute kommen könnte. Baden-Württembergs Wirtschaftsministerium ist im Stress wegen der vielen Anfragen von JournalistInnen zum Thema. Überbrückungshilfe III Plus, Überbrückungshilfe IV, fiktiver Unternehmerlohn, Neustarthilfe Plus, Landesprogramm Tilgungszuschuss Corona – "Mein Haus arbeitet unter Hochdruck an den Vorbereitungen für die Umsetzung und Ergänzung dieser Programme", schreibt Ministerin Nicole Hoffmeister-Kraut, CDU, auf Anfrage und im Angesicht der beiden so völlig unerwartet aneinandergerasselten Ereignisse a) Weihnachtsmarkt und b) Corona-Pandemie. "Dabei haben doch eigentlich alle gewusst, dass der Markt nicht stattfindet", sagt ein Arbeiter auf dem Marktplatz am Rathaus und lädt Kisten in einen Transportbus. Menschenmenge, wir erinnern uns, ist schon seit anderthalb Jahren eher asozial.

Auch in Stuttgart, wo OB Frank Nopper, CDU, sich nur Tage vor der Absage dafür einsetzte, dass der Markt stattfinden kann, obwohl Teile seines Gemeinderats das eigentlich nicht so gut fanden (bis auf CDU und die Grünen). Zuletzt wurde dann ein 2GPlus-Zaun ins Feld geführt, der Geimpft-Getestete von Ungeimpften trennen sollte. Wenige Tage später fielen die Märkte im Land, einer nach dem anderen, wie Dominosteine. Den Ansturm der Weihnachtsmarktbegeisterten ohne Markt hätte die Landeshauptstadt nicht verkraftet, siehe Calw. Ab Donnerstag schließen nun auch die restlichen Märkte in Baden-Württemberg, befand Söders Südschiene-Kumpel (Impfpflicht) Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) am Dienstag.

Paraffin ist 80 Prozent teurer als sonst 

Und so steht da mittwochs einer auf dem Marktplatz, der eigentlich weihnachtliche Kerzen verkaufen wollte. In Stuttgart hatten von 290 Weihnachtsstandbetreibern schon 100 abgesagt, erzählt er, die verbliebenen seien sich einig gewesen, dass man solidarisch "einen schönen Markt" bieten wolle. Das war der Plan.

Weihnachtsmarkt macht er seit Jahrzehnten im Nebenberuf, von den Einnahmen leiste er sich Urlaube und was sonst noch an Extras anfalle. Im September habe er von der Stadt grünes Licht bekommen und angefangen zu produzieren. Paraffin, hergestellt aus Rohöl, sei dieses Jahr 80 Prozent teurer als sonst, Bienenwachs um die 25 Prozent. Seine Kerzen kann er nicht bis nächstes Weihnachten lagern, also muss er sie jetzt zu seinem Imker bringen, der wird sie entdochten, schmelzen, das Wachs reinigen, insgesamt rechnet der Mann mit 1500 Euro Kosten, nur um seine Kerzen wieder in ihren materiellen Urzustand zu versetzen. Von der Dezemberhilfe habe der Steuerberater einen Großteil gefressen, seine drei Mitarbeiterinnen seien enttäuscht. Nach der Absage hätte er zwar an einem Losverfahren teilnehmen können, das einzelne Stände über die Innenstadt verteilt, will er aber nicht. Das ganze Gezerre fasst er unter "Sauerei" zusammen und schiebt ein "ich bin es leid, verarscht zu werden" hinterher.

Auch einer seiner Kollegen, Weihnachtsmarkt-Abbau scheint vor allem Männersache, ist enttäuscht. Klaus Wilke, ein freundlicher, ruhiger Mann aus Freiburg, verkauft Dinge aus Holz und schraubt gerade einen Heizlüfter auseinander. "Ich kann es nicht ändern", sagt er, "ich schaue nach vorne." Seit 40 Jahren verkauft er auf Märkten, 1991 erstmals auf einem Weihnachtsmarkt. Hinter ihm betrachtet ein Holz-Buddha verklärt die Aufräumarbeiten. "Ich bin sauer auf die, die sich nicht impfen lassen", sagt Wilke, "und auf Corona, und auf ... ach überhaupt. Aber ich kann verstehen, dass ein Weihnachtsmarkt einer Pandemie nicht dienlich ist." Es wäre halt einfacher, mit all dem umzugehen, wenn es nicht so an die Existenz ginge. Bis 2019 war er Marktbeschicker im Hauptberuf, seit Corona arbeitet er als Kurierfahrer.

Von der Absage hat er im Radio gehört

Von der Absage des Stuttgarter Marktes hat Wilke aus dem Radio erfahren, sagt er. Keine Mail, kein Anruf. "Ich hätte mir gewünscht, dass die Kommunikation anders gelaufen wäre." Wilke ist einer der wenigen, die ihren Namen nennen wollen. Der Stuttgarter Markt, heißt es unter den Schaustellern, sei heiß begehrt. Viele hätten Angst davor, nächstes Mal aussortiert zu werden, wenn sie jetzt etwas vermeintlich Falsches sagen.

Bitte keine Namen, keine Beschreibungen, nicht schreiben, was ich verkaufe, sagt ein anderer und beginnt sich Luft zu machen: "Ich kann Beileids-Bekundungen und Mitleid nicht mehr hören", schnaubt er. Sein Sohn habe den Beginn seines Studiums verschoben, um ihm auf diesem Markt zu helfen, die ganze Familie habe mit vorbereitet, seine Kinder und seine Frau hätten geheult, als die Absage kam, und jetzt hänge auch noch der Haussegen schief, weil er kürzlich im Zorn gesagt habe, er lasse sich keinesfalls ein drittes Mal impfen. Einfach aus Rache dafür, dass man sich an alles halte, und dann doch einen Tritt in den Hintern bekäme. Jaja, natürlich lasse er sich impfen, aber trotzdem. "Ich kann es nicht mehr hören, dass es in den Krankenhäusern zu wenig Personal gibt. Die sollen denen gefälligst mehr Geld zahlen! So zu versagen und uns Kleine so leiden zu lassen!" Donnerstags habe es noch geheißen, dass nur Kretschmann den Markt absagen kann, und montags wird die Absage im Stuttgarter Rathaus, zehn Meter Luftlinie von diesem Mann entfernt, beschlossen – "und keiner von denen aus dem Gemeinderat hatte die Eier, zu uns runterzukommen und uns das zu sagen. Dann hätten wir doch gar nicht weiter aufgebaut." Und wenn er schon höre, dass ihm die Politik die Fixkosten erstatten will – "Was sind denn bitte Fixkosten?" Nein, er sei nicht in seiner Existenz bedroht, aber er finde das alles nur noch "bedrückend, frustrierend, surreal und total unfair. Die sollen einen Lockdown für alle machen, dann ist es wenigstens gerecht", sagt der Mann. TUI und Daimler würde man das Geld hinterherwerfen, all die Reichen und Großen würden immer nur noch reicher. "Das ist ungerecht, schreiben Sie das deutlich: Es ist nicht fair! Ich hab so die Faxen dicke." Dann stapft er davon.

Aus Tannenreisig wird Tischdeko

Wilke kommt hinter seinem Bus hervor, zwischenzeitlich sei auch der Weihnachtsmarkt in Freiburg abgesagt worden, ruft er und schwenkt das Handy. Da seien aber wenigstens die Marktbeschicker in die Entscheidung eingebunden gewesen. Sein Helfer entfernt den Tannenreisig von Wilkes Stand und wird das Grün irgendwann auf einen der großen Haufen werfen, die überall aus dem Boden wachsen und um die sich Frauentrauben sammeln. Weihnachtsreisig scheint Frauensache.

Eine davon sucht gerade einen schönen Zweig, der sein zweites Leben als Tischdeko fristen wird. Den Kretschmann habe sie mal so gern gehabt, sagt die ältere Dame, "jetzt hat er es bei mir verschissen". Es klingt endgültig. Ihr Ärger gilt allerdings vornehmlich der gelben The-Länd-Kampagne, in einer so schlimmen Zeit so viel Geld für so einen Quark rauszuwerfen will ihr nicht in den Kopf. "21 Millionen!", ruft sie aus. Und dass der Weihnachtsmarkt abgesagt sei, "aber da drüben beim Wintertraum dürfen sie offen haben!", das sei eine Unverschämtheit. Der Wintertraum, eine Eisbahn mit Fressständen, ist an diesem Tag noch gut besucht, wird in den darauffolgenden allerdings auch geschlossen werden. Nicht von der Stadt, sondern von den Betreibern selbst: das 2G-Geschäft lohne sich nicht, heißt es.

Mittendrin steht ein winterlich eingemummelter Junge, der irgendwo dazugehört. Er hält sich einen Tannenzweig vor die Brust wie eine Taufkerze: "Dann gibt es wohl dieses Jahr keine gebrannten Mandeln", sagt er weise. Im Hintergrund hört man noch die Reisig-Frau brutteln: "21 Millionen für The Länd!!!"


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