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Meßstetten

Die Bäume sollen weg

Meßstetten: Die Bäume sollen weg
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In Meßstetten wird ein kleiner, hübscher Park sehr schlecht behandelt. Statt versiffte Bänkchen gegen ein paar neue auszutauschen und ein paar Blümchen zu pflanzen, damit sich vor allem ältere AnwohnerInnen wohlfühlen, werden 23 alte Bäume gefällt. Für drei popelige Häuser.

Der Park ist tatsächlich ein kleines, aber hübsches Stückchen Erde. Gelegen am Höhenweg in Meßstetten, gehobene Wohngegend, mehr als 900 Meter überm Meeresspiegel, thront er über der Stadt am Berg. Die Kinder aus den Häusern drumherum haben hier Radfahren gelernt. Der Park sei prädestiniert gewesen dafür, erzählen Lore und Willy Binder, weil sich der kleine Park-Weg, momentan verschwunden unter einer Blätterdecke, zu einem Kreis schließt, "wie eine Mini-Rennstrecke".

1970 hat man diesen Flecken Erde im Bebauungsplan als Parkanlage angelegt, Flurstück 4873, 1.600 Quadratmeter. 23 Bäume stehen hier, seit 40 Jahren. Es gibt noch ein paar Bänkchen, es gab mal einen Sandkasten, eine Blühinsel, und früher, sagt Lore Binder, als der Park noch schöner und die Nachbarschaft noch jünger war, habe man sich hier zum Plausch getroffen und die Kinder zum Spielen.

163 neue Bauplätze schafft die Stadt

"Die Anlage hat man total verwahrlosen lassen", sagen die Binders, 73 und 77 Jahre alt, sie leben seit Ende der Siebziger hier. Der Sand aus dem Sandkasten sei irgendwann versifft, die Blühinsel habe das Zeitliche gesegnet, die Bänkchen seien mittlerweile so dreckig, dass, wer sitzen möchte, sich ein Kissen mitbringt. Eine Gruppe Jugendlicher, die vor einiger Zeit mit Putzzeug angerückt waren, hätten sie gar nicht mehr sauber bekommen. "Bei der Stadt herrschen keine hehren Gedanken, dass man da Wohnraum schafft, sondern dass man kein Geschäft mehr mit der Anlage hat", sagt Lore Binder verbittert. Dabei seien die AnwohnerInnen bereit, sich an der Pflege zu beteiligen.

Nachverdichtung ist das Zauberwort, Wohnraum schaffen. Die Stadt Meßstetten, etwas mehr als 10.000 Einwohner, macht das gerade im großen Stil. Mehr als 160 neue Bauplätze sollen entstehen, berichtet die örtliche Zeitung: im Gebiet Pfarrwiesen in Heinstetten: 32 Bauplätze. Im Gebiet Wasserfuhr in Unterdigisheim: 29 Bauplätze. Grund/Hülbenwiesen, beste Lage: 60 neue Bauplätze. Im Gebiet Loh: 42 Bauplätze. Die großen Bäume, die seit 40 Jahren im kleinen Park am Höhenweg wachsen, sollen drei Ein- und Zweifamilienhäusern weichen, deren neue Besitzer jeweils einen neuen Baum pflanzen sollen. Wegen der Umwelt. "Dazu braucht man nichts zu sagen", sagt Lore Binder.

Sauerstoff für 100 Menschen, Lebensraum für Tiere

Die bestehenden Bäume, das haben die Binders ausgerechnet, spenden am Tag etwa 100 Menschen Sauerstoff, jährlich würden sie drei Tonnen Co2 binden, 115 Kilo Feinstaub filtern. Ein Gutachten, das die Stadt in Auftrag gegeben hat, listet vier Fledermaus- und 16 Vogelarten auf, die im kleinen Park leben, auch ein Turmfalke hat dort sein Zuhause. Die Binders fügen noch Grün- und Buntspecht, Drossel, Dompfaff, Kleiber und Rotkehlchen hinzu. Eichhörnchen gibt’s auch. Und Menschen, nicht zu vergessen. Die aber, sagt die Stadt, würden den Park ja kaum noch nutzen. Das stimme nur bedingt, sagt Lore Binder.

Richtig sei, dass mittlerweile aus den Eltern von damals ältere Herrschaften geworden seien, die nicht mehr gut zu Fuß seien. "Alte Menschen können keine Hochalbpfade mehr begehen", hat Lore Binder an die Stadtverwaltung Meßstetten geschrieben, "fußläufig kann man aber die Anlage erreichen" - auch die Bewohner des naheliegenden Seniorenwohnheims. Immer wieder höre sie von den Älteren, "wie gerne sie sich mit anderen in einer gepflegten Anlage treffen würden", steht im Brief. Gemeinsam unter Bäumen zu sitzen, die Schatten spenden, das sei doch ein Stück Lebensqualität, gerade für Menschen, die nicht mehr so mobil seien. Und der "Zollernalbkurier" zitiert einen Anwohner: "Für die Alten tun Sie nichts – jetzt wollen Sie mir auch noch mein Bänkchen wegnehmen."

Arme Mäuse

Außerdem würden immer mehr junge Familie ins Wohngebiet am Berg ziehen, also würden auch Kinder nachkommen, die sich über so einen Park freuen würden, sagt Binder. Und tatsächlich kommt eine Frau mit einem kleinen Bub vorbei. Sie erzählt, dass sie im Herbst immer zum Blättersammeln mit dem Sohn herkomme oder im Frühjahr zum Radfahren. Im Sommer, sagt sie, haben ihr Sohn und sie sich mit einer Picknickdecke in den Park gesetzt und sich von ihm verabschiedet. "Wir sitzen doch eh am kürzeren Hebel." Der Bub sagt: "Wenn die hier baggern, graben sie ja die ganzen Gänge von den Mäusen auf."

Mehrere Briefe haben Lore und Willy Binder ans Rathaus geschrieben, den ersten davon im Februar 2018, und auf keinen davon eine Reaktion erhalten, sagen sie. Lore Binder war in mehreren Gemeinderatssitzungen, da habe man sie zwar angehört, aber reagiert habe man kaum auf ihre Einwände. Die Binders haben über 60 Unterschriften aus dem Wohngebiet gesammelt, damit der Park erhalten bleibt. Gebracht hat es nichts. Der Gemeinderat stimmte in der Sitzung im Oktober 2020 mehrheitlich für die Änderung des Bebauungsplanes und dafür, die "innerörtliche Baulücke" zu schließen. Man habe, so steht es in einer Sitzungsunterlage, die Bürger ja angehört.

Auf mehrfache Kontext-Nachfrage beim Rathaus, warum eine Stadt, die andernorts mehr als 160 Bauplätze schafft, für popelige drei Häuser 23 große, alte Bäume fällen möchte - und das mitten in der Klimakatastrophe - kam keine Antwort.


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2 Kommentare verfügbar

  • Rita Bauermeister
    vor 1 Woche
    Antworten
    "Pferdewiese oder neue Wohnungen?“ -was braucht Misburg?- , fragen sie im Titel.
    Der vorgelegte Bebauungsplan kennt da nur eine Antwort: Wohnungen! Eingebettet zwar in Grün, verkehrsberuhigt und eventuell mit Grasdächern, neu angepflanzten Bäumen- aber sonst? Alles, was natürlich gewachsen ist,…
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