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Zaun und Mensch

Mal Schutz, mal Ausgrenzung

Zaun und Mensch: Mal Schutz, mal Ausgrenzung
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Vor Jahren schon wurde der Protestzaun der Stuttgart-21-Gegner im Haus der Geschichte Baden-Württemberg ausgestellt. In naher Zukunft wird dort auch jener Zaun zu sehen sein, der während des Corona-Lockdowns Kreuzlingen und Konstanz voneinander trennte. Dabei hätten Zäune längst ihre eigene Ausstellung verdient – zumal im Südwesten.

Musste das Haus der Geschichte (HdG) Baden-Württemberg 2010 beim S-21-Bauzaun noch ein wenig darauf gestoßen werden, so handelte es diesmal früh aus eigenem Antrieb: Anfang Juni verlautete es bereits, dass der Zaun, der zur Eindämmung der Corona-Pandemie zwischen März und Mai sechs Wochen lang das schweizerische Kreuzlingen vom deutschen Konstanz trennte – und damit viele deutsch-schweizerische Familien, Liebespaare und Freunde – ins HdG kommen solle. Am 16. Juni nahm ihn Direktorin Paula Lutum-Lenger vom Konstanzer Landrat Zeno Danner (parteilos) in Empfang. Ab wann genau er als museales Exponat zu sehen sein wird, ist noch unklar; der Corona-Zaun werde in den nächsten Jahren entweder in der Dauerausstellung oder in einer Sonderausstellung zum Thema "Liebe" präsentiert, heißt es aus dem HdG.

Aber eigentlich hätten Zäune längst ihre eigene Ausstellung verdient. Nicht nur, weil mit dem Obergermanisch-Raetischen Limes ein Teil des Grenzwalls des römischen Reiches auf württembergischem Gebiet liegt, Schwaben also über bedeutendes Weltzaunerbe verfügt. Der Zaun als solcher ist ein faszinierendes Gebilde, das von der Vertracktheit des Verhältnisses zwischen Freiheit und Einschränkung, Offenheit und Geschlossenheit zeugt. Vielleicht ist die folgende Anekdote geeignet, das Wesen des Zaunes in all seiner Ambivalenz zu veranschaulichen.

Unlängst rief mein Nachbar über den Zaun: "Herr Scheller! Züchten Sie Rosen oder Blattläuse?" Offenbar ragten einige unserer Rosenzweige auf sein Grundstück und auf ebendiesen Zweigen hatte er Blattläuse ausgemacht. Nun muss man wissen, dass der Garten meines Nachbarn, eines auf die neunzig Jahre zugehenden ehemaligen rechtspopulistischen Politikers, materialisierte Geometrie ist. Jeder Quadratzentimeter ist so geordnet und präzise durchgestaltet, dass ein Barockgartenmeister neidisch wäre. Klingt wie ein Klischee, ist aber wahr.

Unsere Grünfläche indes – ein paar Saunahandtücher groß – ist ein eher liberaldemokratisch gewachsener Kompromiss aus biederem Nutzgarten, verzweifelten Reminiszenzen an die Blumeninsel Mainau und etwas Alibiwildnis wegen Ökodiversity und so. Mein Nachbar riet mir zu Gift, er habe da einschlägige Chemikalien vorrätig. Seine Augen leuchteten; der Finger, mit dem er gleich die Spritzpistole bedienen würde, zuckte schon. Als friedfertiger Kraftsportler insistierte ich auf die nichttödliche Waffe Knoblauchsud und ließ dabei, meine Argumentation untermauernd, sanft den Bizeps spielen. Eine grüne Medaille sei mir sicher, entgegnete er sarkastisch, und stapfte, enttäuscht ob der verpassten Ausmerzungsgelegenheit, davon.

Rousseau: Der Zaun als Quell von Elend und Schrecken

Was wäre, wenn der Zaun nicht wäre? In diesem Moment kam mir eine Welt ohne Grenzen wenig segensreich vor. Jene Grenze, die der Zaun hier markierte, erschien mir nicht als ungerechtfertigt. Im Gegenteil. Sie schützte mich vor einem Lebensstil und einer politischen Mentalität, die mit der meinigen nicht kompatibel ist. In diesem Zusammenhang fiel mir auch Jean-Jacques Rousseaus berühmter Wink mit dem kulturkritischen Zaunpfahl ein. Im Jahre 1755 schrieb der französische Philosoph: "Der erste, der ein Stück Land mit einem Zaun umgab und auf den Gedanken kam zu sagen 'Dies gehört mir' und der Leute fand, die einfältig genug waren, ihm zu glauben, war der eigentliche Begründer der bürgerlichen Gesellschaft. Wie viele Verbrechen, Kriege, Morde, wieviel Elend und Schrecken wäre dem Menschengeschlecht erspart geblieben, wenn jemand die Pfähle ausgerissen und seinen Mitmenschen zugerufen hätte: 'Hütet euch, dem Betrüger Glauben zu schenken; ihr seid verloren, wenn ihr vergesst, dass zwar die Früchte allen, aber die Erde niemandem gehört.'" Was aber, wenn der eine die auf dieser Erde wachsenden Früchte spritzen will und der andere nicht?

Rousseaus Spekulation ist populistisch und ideologisch, eine verabsolutierte Teilwahrheit. Vielleicht war der erste Zaun ja ein Schutzzaun, um jene abzuhalten, die Blattläuse mit chemischen Keulen ausmerzen, anstatt sie mit pazifistischem Knoblauchnebel zu vertreiben. Vielleicht war der erste Zaun eine Kulturtechnik, welche die körperlich Schwachen zur Abwehr der körperlich Starken ersannen. Vielleicht war der erste Zaun Ausdruck des trotzigen Aufbegehrens einer kontemplativen Seele, die des Herumstreifens müde war und einmal ohne Säbelzahntigerattacken über das Wahre, Gute und Gerechte nachdenken wollte. Wir wissen es nicht. Und vermutlich können wir es auch nicht wissen.

Die Ambivalenz des Zauns

Ein schönes Beispiel für die Mehrdeutigkeit des Umzäunens und Einzäunens sind die "Sanctuarien" ("Heiligtümer") des 1931 geborenen Künstlers Herman de Vries. Eines davon steht im Leibfriedschen Garten in Stuttgart. Wo Heilbronner Straße und Pragstraße aufeinander treffen, hat de Vries anlässlich der Internationalen Gartenbauausstellung 1993 ein kreisrundes Areal mit einem hohen, von goldenen Spitzen bekrönten Zaun aus Stahlstäben abgegrenzt. Was martialisch wirkt, hat einen eher liebevollen Beweggrund: De Vries will der Natur Räume sichern, in denen sie sich ohne Einwirkung barockgärtnender Menschen frei entfalten kann.

Jedes der de Vries'schen Sanctuarien ist ein Memento Naturae und, wenn man so will, ein Protestzaun gegen "unsere zu einseitig entwickelte technologisch-kommerzielle Natur", wie der Künstler 1995 schrieb. Mit konzeptkünstlerischen Feinheiten nicht vollumfänglich vertraut, mähten pflichtbewusste Mitarbeiter des Garten- und Friedhofsamts der Stadt Stuttgart 2018 de Vries' Miniaturwildnis im Innern des Heiligtums nieder. Ungeheuerlich, dieses frivole Gewucher! Die Welt war um ein "Ist das Kunst oder kann das weg"-Skandälchen reicher.

Je nach Situation und politischer Schlagseite erscheint der Zaun mal als Instrument von Gewalt und Ungerechtigkeit, mal als Schutz vor Gewalt und Ungerechtigkeit. Der Zaun ist Markierung weltanschaulicher Differenzen und gesellschaftlicher Konflikte, die auch ohne Zaun bestünden – er kann aber auch zur Verstetigung, ja zur Naturalisierung dieser Differenzen dienen, obwohl sie längst beigelegt werden könnten. Wenn es hart auf hart kommt, werden aus Zäunen Mauern.

Trumps "Wall": ein Zaun auf Steroiden

Mit Mauern assoziieren wir eherne Grenzen wie die chinesische Mauer, die Berliner Mauer oder die Eismauer aus "Game of Thrones". Es hat schon seinen Grund, dass Donald Trump seinen Wählern explizit eine "Wall", eine Mauer, und keinen "Fence", einen Zaun, versprach. Wenig überraschend, hat sich sein Slogan "Build the Wall" indes als Lüge erwiesen. Die ersten Prototypen, die der Präsident errichten ließ, waren echte Mauern. Was heute an der Grenze zu Mexiko entsteht, ist jedoch ein Zaun auf Steroiden – vermutlich aus Kostengründen, wird für Zäune doch weniger Material benötigt als für Mauern. Die Funktion dieses Zaunes aber ist eindeutig: Mauer.

Während Mauern geschlossene Flächen bilden, sind Zäune blickdurchlässig – und mitunter, wie einst der Limes, auch durchbrochene, heterogene Gebilde, die streckenweise ins Mauernhafte wachsen, streckenweise eher symbolpolitischen Charakter haben. Im besten Fall kann die poröse Zaunarchitektur die Hoffnung am Leben halten, dass eine Grenze nicht absolut ist, dass sie verhandelbar bleibt. Und wer nur klein genug ist, schlüpft schon mal zwischen den Stäben hindurch.

Durch Zäune hindurch sind grundsätzlich Dialoge möglich, bleibt das abgegrenzte Andere zumindest als Bild ein Teil der eigenen Lebensrealität. Auch Berührungen sind, je nach Bauweise, nicht ausgeschlossen. Da sich im April dieses Jahres vom Liebesvirus Infizierte durch den Grenzzaun zwischen Konstanz und Kreuzlingen hindurch umarmten, gar tröpfchentauschend küssten, wurde flugs ein zweiter Zaun errichtet. Der virushemmende Zwischenstreifen erinnerte an das klassische Niemandsland zwischen zwei Hohheitsgebieten, wie es vor nicht allzu langer Zeit in Europa noch Alltag war. In ihrer Porösität und Transparenz können sich Zäune aber auch umso grausamer erweisen – dass das Gefangenenlager von Guantanamo Bay von Zäunen umgeben ist, hinter denen die Freiheit nicht nur liegt, sondern auch sichtbar ist, dürfte die Internierung für manche Insassen noch härter machen.

Welt ohne Zäune? Auch nicht besser

So bleibt am Ende die Einsicht, dass eine Welt ohne Zäune auch keine bessere wäre – schon gar nicht für die Blattläuse. Aber auch mit Zäunen ist sie nicht besser. Es bleibt alles vertrackt, es bleibt alles in der Schwebe. Ein Zaun kann Proteststätte und Heiligtum sein, er kann die Schwachen vor den Starken schützen, und er kann den Alltag ein wenig vereinfachen, müssen Grenzen doch nicht unablässig neu gezogen werden. Überall dort aber, wo Zäune zu Mauern werden, sind Skepsis und Widerspruch angesagt.

Die Frage ist somit nicht, ob Zaun ja oder nein, Zaun gut oder böse, Welt ohne Grenzen oder Welt mit Grenzen. Die Frage ist, ob es uns gelingt, ein zaunkönighaftes Verhältnis zu Zäunen zu entwickeln. In Grimms Märchen "Der Zaunkönig" gelingt es einem kleinen Vogel, beim Wettbewerb um den Job des Vogelkönigs alle anderen Vögel auszutricksen. Weil ihnen der Winzling an List und Raffinesse überlegen ist, zieht er den Hass seiner Artgenossen auf sich. Fortan muss er sich verstecken: "Er schlüpft in den Zäunen herum, und wenn er ganz sicher ist, ruft er wohl zuweilen: 'König bün ick!'." Der Zaun als Versteck für den verletzlichen König der Raffinierten – das ist eine weitere unerwartete Wendung in der Zaungeschichte. Wer das Märchen aufmerksam liest, kommt nicht umhin, das eine oder andere versteckspendende Rankgewächs entlang seiner Zäune zu pflanzen.


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