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"Schaut mal, was alles möglich ist"

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Die Menschheit ist mehr als die Summe ihrer Einzelheinze. Meint die Journalistin Julia Fritzsche und plädiert dafür, der bedrängenden Gegenwart eine neue linke Erzählung entgegenzustellen. Mit einem Weltbild, das grundsätzlich vom Guten im Menschen ausgeht, und sich, wo nötig, enttäuschen lässt. Ein Gespräch über soziale Bewegung und die grauen Haare von Barack Obama.

Frau Fritzsche, als Journalistin befassen Sie sich mit so verschiedenen Themen wie streikenden Krankenpflegerinnen in Berlin, aber auch mit den Umweltschutz-Konzepten indigener Völker im globalen Süden. Wie passt das zusammen?

Sehr gut. Bei vielen sozialen Bewegungen überall auf der Welt gibt es inhaltliche Überschneidungen. Neben ökologischen Ideen habe ich mir migrationspolitische Ideen von globaler Bewegungsfreiheit angeschaut, wohnungspolitische Ideen für bezahlbare Mieten und feministische Gedanken zu einer Care Revolution, also einer Gesellschaft, in der unentlohnte und entlohnte Fürsorgearbeit wie Kinder großziehen, Kranke versorgen, Alte pflegen angemessen gestaltet ist. Was diese Strömungen gemeinsam haben, sind vor allem drei Dinge: Einerseits wollen sie in Bereichen des Gemeinwohls wieder eine Ökonomie, die sich an Bedürftigkeit und nicht Profitmargen ausrichtet. Zweitens wollen sie neue Formen demokratischer Teilhabe, etwa über Räte auf regionaler Ebene, die Fragen diskutieren wie: Wie wollen wir eigentlich unsere gegenseitige Fürsorge hier vor Ort gestalten? Und drittens geht es um ein anderes Menschenbild, das davon ausgeht, dass wir grundsätzlich einfühlsame Wesen sind und anerkennt, dass wir voneinander und der Natur abhängig sind.

Abhängig? Die meisten Leute hören lieber, sie wären frei und könnten alles erreichen.

Julia Fritzsche, geboren 1983, lebt als Fernseh- und Radio-Journalistin unter anderem für ARD, den Bayerischen Rundfunk und Arte in München. Für ihr Radio-Feature "Stell dich nicht so an! Indizien für eine Rape Culture" wurde ihr der Juliane-Bartel-Preis – Niedersächsischer FrauenMedienPreis 2013 verliehen. Für "Prolls, Assis und Schmarotzer! Warum unsere Gesellschaft die Armen verachtet" bekam sie 2016 den Deutschen Sozialpreis und den zweiten Preis des Otto-Brenner-Preises. Für "Das Pogrom von Hoyerswerda: Eine Reise in die Gegenwart" erhielt sie 2018 den Pechmannpreis.

Wir vergötzen heute die Autonomie und reden uns gerne ein, wer sich nur genug anstrengt, wird auch erfolgreich sein. Die Abhängigkeit von anderen, insbesondere in den westlichen Industrienationen, ist dabei total in Verruf gekommen. Es bringt aber überhaupt nichts, sie zu leugnen. Also versuche ich wie viele Feministinnen, Migrations- und Umweltaktivisten, den Leuten erst einmal zu vermitteln, dass Abhängigkeit besteht. Als Babys würden wir keine drei Tage alt werden, wenn sich nicht andere Menschen um uns kümmern würden. Unser ganzer Lebenslauf wird entscheidend von einer Pass-Lotterie geprägt, die bestimmt, wohin wir uns damit bewegen dürfen. Wir sind abhängig vom Verhalten der Menschen auf der anderen Seite des Planeten und sie umgekehrt noch viel abhängiger von unserem, weil ja vor allem unsere Art zu wirtschaften dort Lebensgrundlagen kaputt macht und Klimakatastrophen wie Dürren und Fluten begünstigt. Diese Abhängigkeit anzuerkennen hat aber auch etwas sehr Beruhigendes: Dass wir nicht allein auf diesem Planeten unterwegs sind, sondern immer in Netzwerke eingebunden sind.

Sie sprechen sich in diesem Zusammenhang für "eine neue linke Erzählung" aus. Was hat es damit auf sich?

Wir verhalten uns täglich in einer Welt, die aus Erzählungen besteht. Neben der heute wieder akuten extrem rechten Erzählung, die ein gutes Leben für die "Volksgemeinschaft" verspricht, herrscht in der politischen Kommunikation die neoliberale vor: "Wir sind alle Einzelheinze, und wenn jeder an sich selbst denkt, dann ist an alle gedacht." Wenn wir aber von einem anderen Menschenbild ausgehen, können wir dieser Weltsicht überall im Alltag eigene Geschichten und Erfahrungen entgegensetzen. Denn wir erzählen uns ja andauernd Dinge, am Kinderbett, im Büro, in der Kantine, auf der Straße; manche mit etwas mehr impact von einer Kanzel herab, vielleicht als Pfarrerin, oder vom Lehrerpult aus. Diese Räume können wir nutzen und so auf etlichen Ebenen im Kleinen, in unserem unmittelbaren Umfeld, sehr viel bewirken, nämlich mit vielen kleinen Geschichten dazu beitragen, dass eine andere große Erzählung entsteht: Eine davon, dass wir Menschen im Kern sozial und mitfühlend sind. Ich lasse mich dann auch enttäuschen, wenn ich mal auf einen Idioten treffe. Aber erst einmal gehe ich davon aus, dass andere mir wohlgesonnen sind, dass sie empathische, lebensfrohe und verantwortungsvolle Menschen sind, die genauso gerne wie ich reden, lachen und Beeren pflücken, und die ein angenehmes Leben in einer friedlichen Gemeinschaft führen wollen.

Ist Optimismus bei einem Blick auf die Lage der Welt tatsächlich gerechtfertigt?

Nein. Die Gegenwart wird ja im Gegenteil immer bedrängender und wir werden auch nicht von heute auf morgen die Lebensverhältnisse mit einer Erzählung ändern. Deswegen würde ich mich nicht "Optimistin" nennen, eher "Possibilistin", eine, die die Möglichkeitsräume sieht. Denn ich glaube, dass wir täglich wirken können und damit einen großen Unterschied machen. Tatsächlich handeln wir in vielen Bereichen ja schon die ganze Zeit solidarisch, empathisch und bedürfnisorientiert. Wir helfen aus, wenn uns jemand an der Kreuzung nach dem Weg fragt, wir teilen in der Familie ganz selbstverständlich, ohne eine Gegenleistung zu erwarten, Kinder bekommen Essen und Miete nicht in Rechnung gestellt. Wir haben darüber hinaus 15 Millionen Menschen in der Bundesrepublik, die sich ehrenamtlich einbringen, vom Engagement im regionalen Sportverein bis zum Singen mit Demenzkranken im Altenheim, wie es meine Mutter macht. Solche Geschichten sollten wir viel häufiger benennen und verbreiten – und auch feiern!

Beispiele für ein gutes Sozialverhalten sind in den Medien also unterrepräsentiert?

Ja. Oft sind die kleinen Achtsamkeiten des Alltags nicht aufregend genug, um zur Nachricht zu werden. Viele Medien, und auch andere Kulturprodukte, legen großen Wert auf eine Dramaturgie mit Spannungsbogen: etwa eine Herausforderung, die heldenhaft überwunden werden muss, oder ein Übel, das jemandem zu Unrecht widerfahren ist. Deswegen liegt der Fokus vieler Geschichten auf Skandalen, Negativität und Ausgrenzung.

Wenn es unterhalb der Oberfläche verborgenes Potenzial für ein umgänglicheres Miteinander gibt: Was hindert die Gesellschaft daran, es abzuschöpfen?

Wichtig ist, sich hier bewusst zu machen, dass sehr viele Menschen eine Kritik an den bestehenden Verhältnissen teilen: Etwa weil sie unzufrieden mit dem Zustand der Pflege in Bundesrepublik sind oder mit der Situation an den europäischen Grenzzäunen. Aber oft halten sie etwas anderes, einen Gegenentwurf, nicht für realistisch. Da muss eine progressive linke Erzählung den Leuten klarmachen: Schaut mal, was alles möglich ist.

Was denn zum Beispiel?

Da tut es gut, sich umzusehen. Einmal geografisch: Wo läuft etwas besser bei der Sozialvorsorge?  Österreich hat etwa bei einer ähnlichen Demographie und ähnlichem Wohlstandsniveau ein viel besseres Rentensystem und Skandinavien eine viel bessere Gesundheitsvorsorge. Wenn es das dort gibt, ist es offensichtlich machbar, wenn der Wille da ist. Oder im Baskenland, da arbeiten 70.000 Menschen in einer riesigen Genossenschaft zusammen, die haben sogar eigene Banken. Und neben diesem geografischen Blick gibt es noch den historischen.

Wofür ist der gut?

Gerade in Bezug auf die Klimakrise hört man oft den Spruch: Es ist leichter, sich das Ende der Menschheit vorzustellen als das Ende des Kapitalismus. Aber da lohnt sich die Frage: Wie lange ist das denn mit dem kapitalistischen Zustand schon so? Und ein paar hundert Jahre sind jetzt kein so gewaltig großes Kapitel in der Menschheitsgeschichte, dass man hier von einer natürlichen Notwendigkeit, so zu wirtschaften, ausgehen müsste.

Seit der Industrialisierung gab es weltweit einen ganz erheblichen Wohlstandszuwachs. Was ist denn früher besser gelaufen?

Die wirklich krassen gesellschaftspolitischen Verwerfungen in der Bundesrepublik, die großen Privatisierungen und der Sozialstaatsabbau beim Wohnen, bei der Rente und bei der Gesundheitsvorsorge, das hat vor allem über den Zeitraum der vergangenen 30 bis 40 Jahre stattgefunden. Zum Beispiel ist die Tradition noch nicht besonders alt, dass mit Gesundheit und Krankheit ein Profit erwirtschaftet werden soll. Die großen Krankenhauskonzerne wie Helios und Asklepios gibt es erst seit den 80er Jahren. Beim Wohnen, was ja wie die Gesundheit ein menschliches Grundbedürfnis ist, ist das ganz ähnlich: Da gab es noch in den 90ern deutlich mehr soziale Fürsorge von staatlicher Seite und andere Modelle, bezahlbarer zu hausen. Jetzt sollen wir uns das als Gesellschaft nach Jahren des Wachstums nicht mehr leisten können? Das klingt wirklich unrealistisch, finde ich.  

In Ihrem Buch "Tiefrot und radikal bunt" raten Sie davon ab, nur gegen etwas zu sein. Was heißt das für die Praxis einer linken Erzählung?

Damit da keine Verwirrung aufkommt: Es ist wichtig, gegen bestimmte Dinge zu sein, und sich klar davon abzugrenzen. Etwa wenn wir uns "Antifaschistinnen" nennen. Allerdings hat die Linguistin Elisabeth Wehling untersucht, wie schlecht sich unser Gehirn das Wort "nicht" oder "anti" vorstellen kann. Und sie hat auch ein Beispiel, um das zu verdeutlichen. Wenn ich jetzt sage: "Denken Sie nicht an die grauen Haare von Barack Obama!" Woran denken Sie dann?

An die grauen Haare von Barack Obama …

So geht es fast allen Menschen. Wir denken an die grauen Haare, obwohl wir sogar wussten, dass unser Gehirn gleich ausgetrickst werden soll. Und so ist das auch mit politischen Konzepten. Wenn linke Bewegungen beispielsweise von "no borders" sprechen, dann befeuert das in den Köpfen ungewollt immer die Idee "border, border, border", unser Gehirn denkt an Grenzen. Was viele aber eigentlich wollen, wenn sie von "no borders" sprechen, ist eine globale Bewegungsfreiheit für alle Menschen. In dem Begriff "globale Bewegungsfreiheit" schwingt viel mehr mit von dem, was wir eigentlich meinen. Etwa die Bewegung: Das machen wir ohnehin jeden Tag, und das ist was tendenziell Schönes. Wir bewegen unseren Geist und spüren unseren Körper. Und dann natürlich die Freiheit: Da würden vielleicht sogar Liberale sagen, dass das erst einmal eine tolle Idee ist – auch wenn es aus dieser Ecke dann später wahrscheinlich hieße: "Gut, so ganz ohne Einschränkungen geht es natürlich auch nicht." So ähnlich ist das auch bei anderen Themen. Statt zu sagen "Ich will weniger Autoverkehr" könnte es auch heißen: "Ich möchte in zehn Jahren durch eine Innenstadt mit vielen Grünflächen spazieren, mit einer Luft, die ich gerne atme, frei von Feinstaub und Stickoxiden."

Momentan sieht es dennoch nicht so aus, als wären die Parteien, die mit linken Ideen werben, besonders mehrheitsfähig.

Wir wissen aber nicht, ob das so bleibt. In den USA etwa, wo das Wort "Kommunist" lange als Schimpfwort galt, gibt es ein paar spannende Kennzahlen. Bei den unter 30-Jährigen im Wahlalter sehen dort inzwischen 51 Prozent den Sozialismus als etwas Positives an. Der Kapitalismus kommt in der gleichen Gruppe auf 47 Prozent. Das ist also schon mal halb/halb. Da findet offenbar gerade ein Shift statt und eine neue Generation denkt nicht mehr in den Kategorien des Kalten Krieges. Der Kapitalismus war im Westen lange Zeit so sehr Normalzustand, dass er kaum noch benannt, geschweige denn groß hinterfragt wurde. Mit dem Zerfall der Sowjetunion war vom "Ende der Geschichte" die Rede. Die Jugend heute sieht das, glaube ich, ein bisschen anders. Die meisten Menschen, die jetzt bei Fridays for Future auf die Straßen gehen, sind groß geworden mit der Wirtschafts- und Finanzkrise, und haben erlebt, dass globaler Wettbewerb nicht das gute Leben für alle bringt – sondern eine hohe Jugendarbeitslosigkeit, Wohnungsnot, Armut, die Klimakrise und Kriege, in der Folge auch weltweite Fluchtbewegungen. Diese Generation hat auch erlebt, wie Menschen im arabischen Frühling aufgestanden sind und angefangen haben, sich zu wehren gegen die lokale und globale Ausbeutung. Sie haben die Occupy-Wallstreet-Bewegung miterlebt. Greta Thunberg will maßvolles Wirtschaften, das sich an Bedürfnissen orientiert, kein uferloses Wachstum mit Profitlogik. Der Youtuber Rezo versteht nicht, warum wir eine Wirtschaftspolitik verfolgen, die nicht den Armen, sondern den Reichen dient, und er versteht auch nicht, warum Deutschland sich an Drohnenkriegen beteiligt. Kevin Kühnert will Wohnraum und große Industriezweige kollektivieren und zu Genossenschaften umgestalten. Ob er das dann macht, ist die Frage. Aber es entsteht gerade wieder ein Denken in Alternativen. Und eben nicht in nur "Alternativen für Deutschland", sondern in global verantwortlichen Alternativen.


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