KONTEXT:Wochenzeitung
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Die Ein-Mann-Demo

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Stefan Heidrich demonstriert vor jeder Sitzung des Kreistags Main-Tauber gegen die AfD-Politikerin Christina Baum und ihre Gefolgschaft. "Nein zu Hass und Hetze im Kreisparlament", steht auf dem Plakat, das er sich immer um den Hals hängt.

Auf den ersten Blick sieht Stefan Heidrich aus wie einer, mit dem man sich lieber nicht anlegt. Kräftig, die sich lichtenden Haare zur Spiegelglatze frisiert, dicke silberne Ohrringe in den Ohrläppchen. Er könnte Trucker sein oder Motorradfahrer. Ist er nicht. Heidrich, ITler, 52 Jahre alt, ist einer, der viel und gerne lacht, einer mit Humor und Lebensfreude und Antirassist aus ganzem Herzen.  

Vor ein paar Monaten hat er sich ein Demo-Schild gebastelt, weißes Papier mit schwarzen Buchstaben: "Ich stehe hier und schäme mich, weil nach fast 75 Jahren wieder völkischer Nationalismus in den Kreistag eingezogen ist. Nein zu Hass und Hetze im Kreisparlament." Zu allen vier Versammlungen bisher stand er damit vor dem jeweiligen Sitzungsgebäude, einmal vor dem Kloster Bronnbach, dreimal vor dem Landratsamt in Tauberbischofsheim, um gegen die drei AfD-Politiker zu demonstrieren, die im Mai dieses Jahres in das Gremium gewählt wurden. Und vor allem gegen Christina Baum, Wahlkreis Main-Tauber.

Heidrich lebt in Lauda, diesseits der Tauber und der B 290. In Königshofen, dem anderen Teilort der Gemeinde, betreibt Baum eine Zahnarztpraxis. Seit 2016 sitzt sie als Abgeordnete im Landtag von Baden-Württemberg. Für ihren Wahlkampf reiste der Thüringer Björn Höcke an, den man per Gerichtsurteil einen Faschisten nennen darf. "Da war dann klar, wie sie tickt", sagt Heidrich.

Christina Baum ist eine ausgewiesene Parteirechte

Baum hat einen knackigen Ruf und alles durch, was sie ganz weit rechts in der AfD verortet. Sie hat die Erfurter Resolution unterzeichnet, den ersten großen Rechtsruck der Partei, später die Stuttgarter Erklärung, die eine ähnliche Intention hatte. Baum ist eine ausgewiesene Parteirechte, die im August 2018 beim Neonazi-Aufmarsch in Chemnitz mitgelaufen ist. Baum hat nach dem Mord an einem Mädchen in Kandel zu den sogenannten Frauenmärschen aufgerufen, die den Ort an den Rand der Verzweiflung brachten (Kontext berichtete). "Niemals werde ich mich damit abfinden, daß ich zukünftig als Frau zum Menschen zweiter Klasse, zu einer Sklavin, degradiert werden soll, so wie es die muslimische Lebensweise vor­sieht", sagte sie dem rechten Magazin "Zuerst" im Februar 2018.  

Vor einigen Monaten hat sie gemeinsam mit dem AfD-Abgeordneten Stefan Räpple zur Veranstaltung in Burladingen (Zollernalbkreis) eingeladen, auch dorthin sollte Höcke kommen. Kam aber nicht, dafür standen Aufsteller mit seinem Konterfei auf der Bühne. Marcel Grauf, gegen den Kontext vor Gericht steht, ist ihr Mitarbeiter. Bis vor kurzem war Anna-Lena Schuster für Baum in ihrem Wahlkreis tätig, verurteilt im Jahr 2017 wegen Volksverhetzung und Verwendung verfassungsfeindlicher Symbole. Vor kurzem hat Christina Baum versucht, sich ins Parlamentarische Kontrollgremium wählen zu lassen, das dem Verfassungsschutz auf die Finger schaut. Was nicht zuletzt daran scheiterte, dass Baum zum rechtsextremen Flügel der AfD zählt, und der wird selbst als Verdachtsfall beim Verfassungsschutz geführt.

Es gebe viele in der AfD, die einfach so mitschwämmen auf der rechten Welle, sagt Heidrich. Solche, die sich besonders rechts gäben, um anderen zu imponieren. "Aber Christina Baum ist nicht so", sagt er. "Sie sieht aus wie ein Püppchen, dadurch wird sie unterschätzt. Und sie scheint wirklich zu glauben, was sie erzählt. Das macht sie gefährlich."

Als er im Juli 2019 zur konstituierende Sitzung des Kreistags im Wertheimer Kloster Bronnbach das erste Mal mit seinem Plakat gegen Baum demonstrierte, versuchte sie, mit Heidrich zu diskutieren. Aber der sagte nur: wer solche Mitarbeiter einstelle und einen Höcke in seinen Wahlkreis einlade, der mache sich deren Meinung und Haltung zunutze.

Höckes Besuch hat damals Wellen geschlagen im Main-Tauber-Kreis. Eigentlich sollte die Veranstaltung in einer Brauerei stattfinden, dann aber machte das Bündnis "Mergentheim gegen Rechts" im Schulterschluss  mit Gewerkschaften, Parteien und anderen Initiativen dagegen mobil, und Höcke samt Baum mussten mit ihrer Veranstaltung umziehen. 

Heidrich kommt aus einem christlich geprägten Elternhaus, ist mit vier Geschwistern aufgewachsen. Seine große Familie, sagt er, habe ihm Werte vermittelt: Menschlichkeit, Gleichheit, Mitgefühl. Weil er sich als "gläubigen Christen" bezeichnet, ist er vor einigen Jahren aus der katholischen Kirche ausgetreten. Bis auf den Vater ist ihm nach und nach seine gesamte Familie gefolgt.

Heidrich hat einst bei der Bundeswehr gearbeitet

Er hat mal Bäcker gelernt, dann umgeschult auf Kommunikationselektroniker,  und weil er damals keinen Job fand, hat er sich bei der Bundeswehr beworben. Luftwaffe in Lauda, die gab’s damals noch. Als Stabsunteroffizier in Uniform hat er sich acht Jahre lang, "50 Meter unter der Erde", um die Computer gekümmert, "und das als Antifaschist und Pazifist aus Überzeugung."

In den Achtzigerjahren ist er bei Anti-Atom-Demos mitgelaufen, hat mit den Startbahn-West-Demonstranten sympathisiert, fand die Grünen der Neunzigerjahre gut, bis die anfingen, sich in Fundis und Realos zu spalten. "Was sollen denn Realos bitte schön sein?", fragt Heidrich. Das hat er nie verstanden. Ganz gekippt ist seine Grünen-Sympathie unter Schröder, als die Grünen den Kriegseinsatz im Kosovo befürworteten. "Ausgerechnet die Grünen. Die haben zu viele Werte für Macht verraten."

Mitte der 2000er-Jahre wurden die Piraten Heidrichs neue politische Liebe. "Was die wollten, fand ich einfach toll. Basisdemokratie bis ins Letzte, keine Delegierten, alle können online überall teilnehmen, das fasziniert mich immer noch." Zu der Zeit war Heidrich deren Zugpferd in der Region. Er stand an Infoständen, machte Werbung. Aber mit der Macht hat sich auch diese Partei verändert, sie wurde "gekapert", sagt Heidrich, und von den tollen Ideen des Anfangs blieben nur noch die Forderungen nach Abschaffung des Urheberrechts und das Recht auf Rausch für alle übrig. Da hatte er genug. "Aber im Herzen bin ich immer noch Pirat".

Anfang 2014 hatte sich die Initiative "Mergentheim gegen rechts" gegründet. Auslöser war eine Vorführung der Dokumentation "Blut muss fließen - Undercover unter Nazis", die der Journalist Thomas Kuban über rechtsradikale Musikkonzerte gedreht hatte. Stefan Heidrich war dort. Und plötzlich dachte er: "Jetzt muss ich auch was machen."

Als Timo Büchner, der damalige Kopf von "Mergentheim gegen Rechts" in eine andere Stadt zog und die Stelle sozusagen vakant wurde, hat Heidrich übernommen. Mittlerweile ist die Organisation in "Netzwerk gegen rechts Main-Tauber" umbenannt, weil die Aktionen und Vernetzung mittlerweile weit über Bad Mergentheim hinausgehen. Zu den Kooperationspartnern gehören  "Herz statt Hetze" im Neckar-Odenwald-Kreis, die Rosa Luxemburg Stiftung, die bundesweite Initiative "Kein Bock auf Nazis", die Amadeu Antonio Stiftung und regionale Kultureinrichtungen.

Für den Vorstand der AfD-Main-Tauber ist die Initiative ein "linker Mob", für einen AfD-Kreisrat ist Heidrich ein Taugenichts, und ein CDU-Mitglied belehrt ihn, Christina Baum sei harmlos, habe noch nie Hass und Hetze verbreitet, das machten nur die Linken. "Das finde ich schlimm", sagt Heidrich, "dass sich jemand aus dem bürgerlichen Lager auf die Seite von Frau Baum stellt."

"Wir kriegen dich auch noch, nur eine Frage der Zeit"

Nach der ersten Sitzung haben die "Fränkischen Nachrichten" über die kleine, feine Ein-Mann-Demo berichtet und ein Foto von Heidrich und seinem Schild veröffentlicht. Kurz darauf fand sich das Bild auf der Facebook-Timeline von Christina Baum wieder. Jemand hatte den Text auf dem Plakat ausgetauscht, jetzt stand da: "’Deutschland verrecke’, weil ich gegen Hass bin. Keine AfD im Kreistag, weil ich demokratische Ergebnisse nur akzeptiere, wenn sie mir gefallen. Bitte findet mich toll." Die "Fränkischen Nachrichten", erzählt Heidrich, seien wegen Urheberrechtsverletzung juristisch gegen die AfD-Abgeordnete vorgegangen und das Bild verschwand von Baums Timeline. Zum nächsten Kreistagstermin tauchte Heidrich dann mit zwei Plakaten auf: mit seinem Original und dem manipulierten Foto von der Facebook-Seite, damit die Leute wissen, wie man bei der AfD so tickt. 

In einer Bürgerfragestunde vor der Kreistagssitzung forderte Heidrich, dass sich das Gremium mit den AfD-Personalien befasse, vor allem mit Frau Baum. Der Vorsitzende, Landrat Reinhard Frank, wiegelte ab: Das sei ein Verwaltungs- und kein politisches Gremium, habe der gesagt, berichtet Heidrich. Zu dessen Ehrenrettung habe er aber auch Frau Baums Beitrag mit demselben Argument eingehegt. Die forderte später eine Resolution gegen Gewalt: Ihr Büro wurde in der Vergangenheit mehrmals beschädigt. Erst vor ein paar Tagen fand sie vor ihrer Arztpraxis ein Holzkreuz mit einer Todesdrohung – es ging durch alle Medien. Im Oktober wurde ihr Parteibüro mit Farbbeuteln beworfen.

"Scheiße ist das", sagt Stefan Heidrich, "solche Aktionen fallen dann auf alle zurück, die sich gegen Rechts einsetzen. Das ist absolut kontraproduktiv." Auch das Netzwerk gegen Rechts findet dafür klare Worte. Auf ihrer Homepage schreibt die Initiative: "Wir hoffen, dass der oder die Täter ermittelt und zur Verantwortung gezogen werden können."

Mit Morddrohungen kennt sich Heidrich aus. Kurz nach dem Mord an Kassels Regierungspräsident Walter Lübcke fand Heidrich den Artikel aus den "Fränkischen Nachrichten" mitsamt einem Zettel in seinem Briefkasten: "Wir kriegen dich auch noch, nur eine Frage der Zeit." Heidrich hat das angezeigt, nicht aus Angst, sondern für die Statistik, sagt er. Damit solche Drohungen amtlich werden.

Abschrecken lässt er sich nicht. Und so wird er weiterhin vor jeder Sitzung des Kreistags stehen, mit seinem Schild in der Hand. "Eigentlich ist es Aufgabe aller, gegen Rassismus aufzustehen", sagt er.

 

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3 Kommentare verfügbar

  • zahni
    am 18.12.2019
    Antworten
    da schaemen sich auch noch andere:

    https://www.dgzmk.de/presse/pressemitteilungen/gemeinsame-pk-von-bzaek-kzbv-und-dgzmk-zahnmedizin-und-zahnmediziner-im-nationalsozialismus.html

    find ich gut !
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