Eine Geschäftsreise als Abenteuer: Nach elf Stunden Fährfahrt ist endlich Land in Sicht. Fotos: Rüdiger Sinn

Eine Geschäftsreise als Abenteuer: Nach elf Stunden Fährfahrt ist endlich Land in Sicht. Fotos: Rüdiger Sinn

Ausgabe 439
Gesellschaft

52 Stunden bis Helsinki

Von Rüdiger Sinn
Datum: 28.08.2019
Von Tübingen nach Finnland mit Schiff und Zug statt mit dem Flugzeug, geht das? Unser Autor hat es ausprobiert. Er hat gearbeitet, Menschen getroffen, geträumt, aus dem Fenster geschaut und eine Menge CO2 gespart. Aus dem Kontext-Archiv, Ausgabe 350, Dezember 2017.
Icon Archiv-Perle

Icon: Freepik, Bearbeitung: Kontext

Kleine Perlen

Kaum eine Zeitung im Netz hat ein Archiv wie wir: Von der ersten Kontext bis zur aktuellen Nummer sind dort alle Texte als komplette Ausgaben aufrufbar. Viele kleine Perlen schlummern in dieser Sammlung aus acht Jahren Kontext. Manche davon einfach schön erzählt, andere aktueller denn je, wieder andere entlarvend für das Heute. Bis Mitte September werden wir für unsere LeserInnen jede Woche eine Geschichte aus dem Archiv holen, die es wert ist, noch einmal gelesen zu werden.

Ausgerechnet Helsinki! Denke ich, als die Einladung nach Finnland in meinem Posteingang landet. Eingeladen hat eine finnische Holzfirma. Weil ich für eine Fachzeitschrift für Zimmerer und Dachdecker arbeite, ist der Termin für mich relevant. Als Redakteur einer deutschen Zeitschrift war ich bislang nur im angrenzenden Ausland unterwegs: Österreich, Schweiz, Niederlande oder Belgien. Alles gut mit dem Zug erreichbar. Die letzte Flugreise habe ich vor acht Jahren nach Irland unternommen, ich versuche nachhaltig zu leben, da passt Fliegen nicht.

Verflixt. Ich überlege, den Termin aus ökologischen Gründen sausen zu lassen. Aber ich will schon gerne hin. Dann kommt mir der Gedanke, ganz anders zu reisen. Warum nicht mit Bahn und Fähre nach Finnland? Vor 20 Jahren war ich zum Auslandsstudium in Stockholm. Billigflieger gab es damals noch nicht, uns Studenten blieb der Zug. Mit dem 15-Mark-Ticket reisten wird zu dritt nach Lübeck, um dann mit dem Nachtzug durch Dänemark und Schweden zu gondeln. Es war ein Abenteuer, einen Tag früher oder später ankommen spielte keine Rolle.

Heute bin ich Geschäftsreisender, Zeit ist wertvoll. Ich hadere. Soll ich nicht doch der Einfachheit halber Fliegen? Das Flugzeug fliegt doch sowieso. Aber der Gedanke, die Strecke mit dem Zug zurückzulegen, lässt mich nicht mehr los. Mich interessiert, wie viel umweltfreundlicher ich bin, und auch, wie viel langsamer, wenn ich so reise. Und ich will zeigen, dass es geht.

Als ich die Strecke Tübingen–Helsinki im Bahn-Reiseportal eingebe, spuckt mir die Seite tatsächlich eine Verbindung aus. Sie führt früh morgens von meinem Wohnort über Stuttgart, Hamburg nach Kopenhagen. Dort geht es mit dem Nachtzug weiter nach Stockholm, Ankunft früh morgens. Die Fähre dort legt um acht Uhr ab und braucht elf Stunden nach Turku in Finnland. Mit dem Zug sind es nochmal zwei Stunden bis Helsinki, wo ich um zehn Uhr abends eintreffen würde. Gesamte Reisezeit: 39 Stunden.

Sieben Mal umsteigen macht skeptisch

Allerdings nur, wenn alles passt und die Züge pünktlich sind. Sieben Mal umsteigen macht mich skeptisch. Nachtzüge und Fähren warten nicht und fahren nicht jede Stunde, und ich möchte meine Fahrt berechenbar halten, denn ich muss rechtzeitig in Helsinki sein. Ich verfeinere meine Reise in den nächsten Tagen, komme aber wieder ins Grübeln.

Bei der Entscheidung, welches Verkehrsmittel jemand für seine Reise nutzt, ist meistens die Reisezeit ausschlaggebend. Ab etwa 300 Kilometern Entfernung spricht viel für den Flieger, außer auf Schnellbahnstrecken. Innerdeutsch erreicht man mit der Bahn beispielsweise Köln von Stuttgart aus in Zweieinviertel Stunden, von Frankfurt aus in nur einer Stunde. Rechnet man die Check-in-Zeiten für Flüge hinzu, ist die Bahn schneller und der CO2-Ausstoß um ein Vielfaches geringer. Bei 39 Stunden mit dem Zug allerdings müsste man normalerweise nicht viel nachdenken.

Ich denke von der anderen Seite: Kann ich mir eine 39-Stunden-Tour überhaupt leisten? Demgegenüber steht schließlich nur ein 2,5-stündiger Flug? Andererseits ist es ja ein Experiment. Ich brauche mehr Zeit, dafür reise ich umweltfreundlicher.

Der Mann am Bahnschalter schaut mich ungläubig an. "Nach Helsinki?", fragt er nach. Ich nicke. "Setzen Sie sich mal hin, dann rechne ich Ihnen alles aus", sagt er. Nach ein paar Minuten hat er ein Ergebnis. 160 Euro sind reine Zugkosten mit Bahncard 50. Ohne wären es 260 Euro. Die Fähre kostet rund 54 Euro. Allerdings ist dem Mann am Schalter die kurze Umsteigezeit in Hamburg nicht geheuer. "Wenn es möglich ist, dann planen Sie hier ein wenig Puffer ein", empfiehlt er. Er scheint seinen Arbeitgeber zu kennen.

Ich beschließe zwei Zwischenstopps: Einen in Hamburg, zudem übernachte ich bei einem Freund in Flensburg. In Kopenhagen habe ich einen Puffer von zwei Stunden. Ich werde also am Montagmorgen um 5.08 Uhr südlich von Tübingen in den Bus steigen und zwei Tage später, um 10.23 Uhr Ortszeit in Helsinki sein. Wegen der Zeitverschiebung darf ich eine Stunde abziehen. Summa Summarum bin ich 52 Stunden unterwegs.

Das Ticket kostet – inklusive Bahnfahrt in Finnland – 152,40 Euro. Mit Fähre sind es 206,40 Euro. Die günstigsten Einfachflüge ohne Zwischenstopp von Frankfurt nach Helsinki kosten zwei Wochen im Voraus gebucht um die 160 Euro und dauern 2,5 Stunden. Bahnfahrkosten von 43 Euro (mit Bahncard) kommen noch dazu. Ab Stuttgart geht kein Flieger direkt, allerdings gibt es von hier einen Flug mit Stopp in Frankfurt für nur 104 Euro. Die Reisezeit verlängert sich auf vier Stunden. Das wäre günstiger und um einiges schneller.

Abflug mit dem Bus

Am Tag meiner Abreise kommt der Bus pünktlich um 5.08 Uhr. Über Reutlingen, Metzingen, Nürtingen, Wendlingen, Plochingen und Esslingen erreichen wir Stuttgart. Hier gilt es, zum ersten Mal flexibel zu sein. Der ICE nach Hamburg fällt aus, ein IC-Ersatzzug wird gestellt, allerdings fehlt das Zugpersonal. Alles verzögert sich, und die Reservierung ist natürlich auch weg. Das WLAN, das es seit einiger Zeit im ICE gibt, und das ich zum Arbeiten sehr schätze, bringt mich dazu, nochmal umzusteigen in einen regulären ICE nach Mannheim.

Ein Bahn-Montag zeichnet sich ab. Im ICE werden wegen einer "Systemstörung" die Sitzplatzreservierungen nicht angezeigt. Der Anschlusszug nach Hamburg kommt später an, ab Frankfurt hat er eine Verspätung von 15 Minuten. Kurz vor Hanau: Bahnübergang-Störung. Die Schranke geht nicht runter, der Zug muss langsam passieren, noch mehr Zeitverlust. Ich lausche einer Unterhaltung im Abteil, vier Mitreisende wollen nach Erfurt und werden ihren Anschlusszug nicht erreichen. "Man muss eine Zugfahrt immer als Abenteuerreise sehen", sagt einer.

In Kassel steige ich um, weil ich nach Hamburg-Harburg möchte und der ICE da nicht hält. "Wegen einer technischen Störung gehen die Türen leider nicht auf", sagt die Stimme aus dem Lautsprecher, der Unterton ist vielsagend, der Schaffner selbst genervt. Ich stehe in Kassel-Wilhelmshöhe und warte auf den IC, der kommt verspätet, überfüllt, und die Klos sind verstopft. In Hamburg-Harburg treffe ich schließlich mit fast zwei Stunden Verspätung ein.

Mein Aufenthalt an der Elbe verkürzt sich, denn ich muss noch nach Flensburg, Endspurt. Die Strecke zum nördlichsten deutschen Zipfel durch Schleswig-Holstein führt vorbei an Wiesen, Feldern und Windkraftanlagen. Ich schaue aus dem Fenster, lese, döse vor mich hin. Die Fahrt dauert zwei Stunden, dann bin ich da, 700 Kilometer Luftlinie von Tübingen und 13 Stunden nach meiner Abfahrt erreiche ich mein erstes Etappenziel. Ich bin erschöpft und doch gerade erst ein Drittel der Strecke unterwegs. Aber: In Flensburg war ich noch nie.

Der zweite Reisetag

Wieder weckt mich der Wecker zu früh. Zwanzig Minuten laufe ich zum Bahnhof, dann bin ich wach. Der dänische Zug, ein IC, steht schon am Gleis, pünktlich. Ein "Free Wifi"-Zeichen empfängt mich, sehr gut, denke ich mir. Es gibt freie Platzwahl in den bequemen, bunten Sitzen. Der Zugbegleiter begrüßt auf Dänisch, Deutsch und Englisch, kurz darauf erreichen wir schon die Grenze. "Bitte halten Sie Ihre Pässe bereit", bittet der Schaffner. Grenzkontrollen aufgrund verschärfter Einreisekontrollen in Europa. Grenzpolizisten steigen ein, ein Mann möchte nach Schweden und hat keine Papiere dabei. Die Fahrt endet für ihn jäh am ersten dänischen Bahnhof.

Es wird hell, über den Wiesen liegt der erste Nebel, und die wunderschöne dänische Landschaft – Wiesen, Wald, Weide und auch mal eine Photovoltaik-Feld – begleiten mich auf der Fahrt. Einmal muss ich umsteigen bis Kopenhagen. Die Namen der Haltestellen schreibt man Tinglev, Roedekro, Vojens, Lunderskov oder Kolding, sie hören sich in der Lautsprecherdurchsage aber ganz anders an. Der Zug füllt sich, genügend Platz zum Arbeiten gibt es trotzdem, das WLAN funktioniert und ist superschnell (im Gegensatz zum ICE in Deutschland, und wir befinden uns in einem IC). Es ist ein schönes Reisen in diesem Zug.

Kopenhagen empfängt mich bei milden Temperaturen und einem lauen Lüftchen. Ich treffe meine ehemalige Mitbewohnerin, und wir verbringen mit ihrem kleinen Sohn den Zwischenstopp im Skulpturengarten bei mitgebrachtem Kaffee und Apfelstücken. Kopenhagen ist sehr schön. Und fühlt sich entspannt an!

Durch Schweden mit dem Zug und dann aufs Schiff 

Es ist Mittag. Im Schnellzug nach Stockholm treffe ich zwei deutsche Abiturienten, die mit dem Interrail-Ticket unterwegs nach Norwegen sind – Göteborg und dann die Lofoten. Klingt gut. Kurz nach Kopenhagen nimmt der Zug Fahrt auf, und wir fahren über die knapp acht Kilometer lange Öresund-Brücke, die Dänemark mit Schweden verbindet (oben Autoverkehr, unten Bahnverkehr). Mitten drin – auf Höhe einer kleinen Insel – dann die Lautsprecher-Durchsage: "Ladies and gentleman, we just passed the border, so very welcome to Sweden."

Von Malmö aus, der ersten großen Stadt in Südschweden, geht die Reise weiter gen Norden über Lund, Hässleholm, Linköping, Norrköping und Södertälje nach Stockholm. Bei jeder Lautsprecherdurchsage fühle ich mich zurückversetzt in meine Studienzeit. Die Sitze im Zug sind bequem, und die Beinfreiheit: exzellent. Der SJ X2 rast mit rund 250 Stundenkilometern über flaches Land und durch viel Natur, es regnet. Ich arbeite an meinem Laptop.

Gegenüber hat ein Reisender einen köstlich duftenden Kanel-Bullar (Zimtschnecke, schwedische Spezialität) aus dem Restaurant geholt. Der feine Duft steigt mir in die Nase. Jetzt ist "Fika", Kaffeezeit. Ich hole mir auch eine Schnecke. In Deutschland gibt's die zwar auch bei Ikea, aber original in Schweden schmecken sie einfach besser. Sogar im Zug.

Um 17.39 Uhr erreichen wir Stockholm, pünktlich auf die Minute. Ich gehe aus der Central-Station und juble innerlich: Wie schön, so eine Reise machen zu dürfen, egal wie lange sie dauert. Für mich hat es sich jetzt schon gelohnt. Ich schlendere durch Gamla Stan, die Altstadt, vorbei an der Tunnelbana-Haltestelle (Tunnelbana = schwedische U-Bahn) rüber zu der Anlegestelle der Viking-Line-Fähre, die schon bereit steht und ihren Schlund mit Autos füllt.

Es ist schon dunkel, als das Schiff ablegt, der Himmel ist klar. Vom Oberdeck leuchtet in der Dämmerung Stockholm, die Stadt am Wasser, die auf sieben Inseln gebaut ist. Unter Deck beginnt das Abendprogramm. Irgendwie scheint alles ein wenig aus der Zeit gefallen zu sein. Im Restaurant auf der Bühne unterhält ein finnisches Entertainer-Duo die Gäste mit Bingo. Ein Stock tiefer beginnt der Run aufs Buffet, das ein wenig lieblos daher kommt. "All you can eat", 30 Euro, wenn man im Voraus bucht.

Natürlich gibt es einen großen Einkaufsmarkt, ein Kino, eine Bar und zur Bespaßung der Kinder ein Bälleparadies. Die Überfahrt nach Turku dauert fast genau elf Stunden, und ich verliere eine Stunde wegen der Zeitverschiebung. In der Viererkabine bin ich alleine, es ist Nachsaison. Mit dem Brummen der Dieselaggregate in den Ohren schlafe ich ein.

Am Morgen um 6.30 Uhr stehe ich am Frühstücksbuffet, (für 10 Euro, wenn man im Voraus bucht), das Schiff ist schon im Anlegevorgang. Der Kaffee ist tief schwarz und schmeckt nicht gut. Dann betrete ich finnischen Boden. Der Tag ist grau und der Hafen und die Häuser drum herum sehen aus wie in einem Kaurismäki-Film: Einsilbig, melancholisch, ein wenig traurig. Aber am Horizont geht die Sonne auf. Von der Fähre sind es keine fünf Minuten bis zu einem kleinen Bahnhof, der finnische IC nach Helsinki steht schon bereit. Meine letzte Etappe führt mich durch finnische Wälder und über Felder. Ich genieße die zwei Stunden, schaue aus dem Fenster. Um 10.23 Uhr erreiche ich Helsinki, fahrplanmäßig.

Beim Reisen mit dem Zug ist noch Luft nach oben 

Mein Fazit: Es war kein kurzer Trip, sondern eine richtige Reise. Für die meisten Geschäftsreisenden dürfte der Zug keine Alternative sein, dafür müssen zu viele Annehmlichkeiten zurückgestellt werden: Kostenloses WLAN gibt es immerhin in Deutschland schon in ICEs. Es ist allerdings selten stabil und oft langsam. Pünktlichkeit, Service und Sauberkeit – das Übliche bei der Deutschen Bahn – könnten verbessert werden. Und gäbe es auf der Fähre von Stockholm nach Finnland Rückzugsmöglichkeiten für Geschäftsreisende, könnten sie dort arbeiten. Aber für alle, die ein wenig Zeit mitbringen, lohnt es sich, langsamer zu reisen, anstatt nur im Jet-Set einen Termin abzuhaken. Und ich habe CO2 gespart. Sogar eine ganze Menge, je nach Berechnung bis zu 500 Kilogramm.

Den Rückweg habe ich mit dem Flieger gemacht und meinen CO2-Fußabdruck wieder verschlechtert. Es war eng und laut – ein kurzer Flug, der mich von der Einsamkeit der finnischen Wälder zurück in die Geschäftigkeit der Zivilisation des Frankfurter Flughafens geworfen hat. Vom Hotel in Helsinki bis nach Hause südlich von Tübingen war ich etwa sieben Stunden unterwegs. Das ging natürlich viel schneller.

Trotzdem habe ich aus meiner Reise, meinem kleinen Abenteuer, eines zumindest für mich persönlich gelernt: Ich werde auch in Zukunft meine Termine, wann immer das möglich ist, mit dem Zug wahrnehmen.


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