Nebenan auf dem Karlsplatz: viel zu bunt für die "Demo für alle". Fotos: Jens Volle

Ausgabe 390
Gesellschaft

In Stuttgart zum Höhepunkt

Von Minh Schredle
Datum: 19.09.2018
Manche betrachten das als Flopp: Eine Handvoll verwirrter Erwachsener versucht fast zwei Stunden lang, diskriminierende Parolen herauszuposaunen. Sie werden aber von einem Vielfachen an GegendemonstrantInnen übertönt. Für die homophobe "Demo für alle" war der Aufenthalt in Stuttgart dennoch der "Höhepunkt ihrer Tournee".

Hedwig von Beverfoerde, 2015 zur "Miss Homophobia" gekürt, steht vor dem Stuttgarter Rathaus, sie wirkt ziemlich aufgebracht, hat zwei Mikrofone in der Hand, die Lippen bewegen sich auf und zu, vielleicht schreit sie sogar. Aber zu hören ist nichts, ein paar dutzend Meter weiter, hinter den Absperrgittern, ist es einfach zu laut. "Eu-re Kin-der werden so wie wir!", rufen mindestens 800 freche GegendemonstrantInnen, und das auch noch ziemlich gut gelaunt. In der Sicherheitszone stehen gut 70 Männer und Frauen (ganz überwiegend Männer), die an einer Veranstaltung mit dem irreführenden Namen "Demo für alle" teilnehmen. "Alle" waren am vergangenen Freitag ganz schön wenige.

Vielleicht lag es einfach an den sehr restriktiven Zugangsbedingungen. Reingelassen wird nach Vor-Ort-Informationen der Polizei "jeder, der nicht gewaltbereit aussieht". Ein gar nicht mal so verschlagen wirkender Lockenschopf probiert es aus. "Ich hab' auch was gegen Schwule, ehrlich", behauptet er. Dann hoffnungsvoll: "Lasst ihr mich rein?" Tun sie nicht. "Schade", seufzt er. Und küsst seinen Lebensgefährten auf den Mund. Andere GegendemonstrantInnen hier tragen Schilder mit Sprüchen wie "Lieb doch, wen du willst", "Rechts geht's zum Scheißhaus" oder "Auch Jesus hatte zwei Väter".

Aufklärung statt Ideologie!

Etwa vierhundert Meter und zwei Straßen weiter, am Karlsplatz, gibt es den etwas bürgerlicheren Protest gegen Homophobie. Oberbürgermeister Fritz Kuhn will sich nicht "von Altherren mit Dackelkrawatte vorschreiben lassen, wie er lieben darf", sagt er auf der Bühne.

Davor haben sich weitere gut 2000 Menschen versammelt, die für eine offene und vielfältige Gesellschaft eintreten wollen. Unterstützt wird das von Projekten wie 100 Prozent Mensch, den Grünen, der Linken, SPD und FDP, und ein bisschen sogar von der CDU. Die traut sich zwar nicht, Flagge zu zeigen. Aber ihr Bundestagsabgeordneter Stefan Kaufmann, den die dpa einmal mit der Überschrift "katholisch, konservativ und schwul" charakterisierte, tritt ebenfalls als Redner auf.

Die Union wirkt in der Frage gespalten: Denn während Kaufmann sich für die Gleichstellung von Homosexuellen einsetzt, wurde sein Parteikollege Karl-Christian Hausmann ("Ich bin in der CDU wegen dem C.") bei der "Demo für alle" zum wiederholten Mal als Gastredner begrüßt.

Die Schwulen-, Lesben- und Transgender-Feinde touren durch die halbe Republik. Und nachdem sie in Stuttgart mit bescheidener Teilnehmerzahl insgesamt etwa vierzigmal so vielen GegendemonstrantInnen gegenüberstanden, verkünden sie auf ihrer Website: "Was für ein Wahnsinns Tag - der bisherige Höhepunkt unserer Bustour." Ihr orangefarbenes Vehikel nennen sie "Bus der Meinungsfreiheit" - noch pathetischere Namen waren wahrscheinlich schon vergriffen -, und auf dem Gefährt sind Slogans aufgedruckt wie "Jugend forscht statt Puff für alle". Denn genau das passiert gerade in der Republik: Fördergelder werden zusammengestrichen, damit Kleinkinder Bordelle besuchen können? Oder auch nicht, aber wen kümmern schon Fakten.

Hedwig von Beverfoerde, Gründerin der "Demo für alle", behauptet zwar, sie wolle lieber auf Aufklärung statt auf Ideologie setzen. Aber dann erzählt sie im Gespräch mit den "Stuttgarter Nachrichten", die ihr dafür eine Bühne bieten, dass "die sexuelle Ausübung von homosexuellen Akten nicht gut ist". Im Sinne der Gesundheit, versteht sich, nämlich "wenn man die körperlichen Leiden bedenkt, die aus praktiziertem Homo-Sex resultieren".

Nun ist der Kontext-Redaktion nicht bekannt, woher die Freifrau und (platonische!) Freundin von Beatrix von Storch ihre Informationen bezieht. Aber wissenschaftlich und im Sinne der Aufklärung lassen sich jedenfalls keine Belege dafür finden, dass gleichgeschlechtlicher Verkehr mit gesteigertem körperlichem Leiden verbunden wäre. Im Gegenteil: Während bei Männern unabhängig von der sexuellen Orientierung kaum ein Unterschied festzustellen ist, gaben laut einer aktuellen Studie aus Kalifornien 86 Prozent der lesbischen Frauen an, mit ihren Partnerinnen regelmäßig zum Höhepunkt zu kommen – bei heterosexuellen Frauen waren es nur knapp zwei Drittel. Und: "30 Prozent der Männer glauben", lässt sich Co-Autorin Elisabeth Lloyd zitieren, "dass sexueller Verkehr die beste Möglichkeit ist, einen Orgasmus zu erleben. Das ist tragisch, weil es nicht stimmt." Vielleicht hilft ja Aufklärung.


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7 Kommentare verfügbar

  • Ulrich Hartmann
    am 22.09.2018
    Meinungsfreiheit gibt es anscheinend nicht für alle. Ich teile die Ansichten der "Demo für alle" nicht, aber ich möchte auf keinen Fall, daß "lustig-laute Gegendemonstranten" entscheiden, wer bei uns reden darf und wer nicht. Es ist schlimm genug, daß so eine Demonstration nur unter massivem Polizeischutz stattfinden kann. Ich finde das beängstigend, ebenso die launige Berichterstattung in diesem Artikel.
    • Schwa be
      am 23.09.2018
      Oh, ein Vertreter der ach so seriösen und toleranten bürgerlichen "Mitte" (?!) - die Geburtshelfer von AfD und Identitären sowie mit zur Schau getragener demokratischer Großzügigkeit. Alle anderen (insbesondere linke die sich rechts mutig in den Weg stellen) sind dagegen natürlich undemokratisch - schon klar!
  • Dr. Diethelm Gscheidle
    am 20.09.2018
    Sehr geehrte Damen und Herren,

    ich finde es absolut unredlich, wie hier über die redliche "Demo für alle" berichtet wird. Aufgrund der massiven Präsenz gewaltbereiter linker Gegendemonstranten, welche die redliche "Demo für alle" niederbrüllen (das tut man nur dann, wenn man keine Argumente hat!), habe ich mich selbst nicht auf die "Demo für alle" getraut - die geringe Besucherzahl ist damit eindeutig den gefährlichen linken Gegendemonstranten zu verdanken! Ich bin mir sicher, ohne diese wären mindestens 500.000 Demonstranten da gewesen, denn die "Demo für alle" tritt ja für ein sehr wichtiges, hoch-redliches und gutes Ziel ein, das alle redlichen Menschen nur unterstützen können: Die Weltkeuschheit! Die redlichen Demonstranten der "Demo für alle" wollen bekanntlich diese widernatürliche, unhygienische und absolut ekelerregende sogenannte "Sechs"-Sache da (in allen ihren Ausprägungen) endlich verbieten - und das ist gut so! Schließlich können wir dadurch die Menschheit nicht nur von gefährlichen Krankheiten wie Syphillis, Hepatitis und Ez befreien, sondern gleichzeitig auch die Probleme Frauenhandel, Kinderpornographie und Prostitution lösen! Ich kann daher auch überhaupt nicht verstehen, warum unser relativ redlicher Bundeskanzler, Herr Angela Merkel, diesen schlimmen "Sechs" noch nicht längst verboten hat - ein Grund mehr für mich, die Partei bibeltreuer Christen zu wählen, die bekanntlich für ein allgemeines Sechs-Verbot eintritt.
    Es ist daher äußerst schade, dass den unredlichen Gegendemonstranten in diesem Artikel so viel Raum gegeben wird - viel angemessener wäre es gewesen, von den absolut stichhaltigen Argumenten der "Demo für alle"-Redner in Bezug auf ein allgemeines Sechs-Verbot zu berichten.

    Mit freundlichen Grüßen

    Dr. Diethelm Gscheidle
    (redlicher und keuscher Verkehrswissenschaftler & Dipl.-Musikexperte)
    • Peter Kurtenacker
      am 20.09.2018
      Ist das Verarschung oder in irgendeiner Form ernst gemeint?
      Also ich erspare mir in Zukunft Kommentare.
    • Peter Kurtenacker
      am 21.09.2018
      Es hat mich jetzt doch einmal interessiert ob es sich um einen totalen Spinner handelt. Wenn man die Spur "Bibeltreuer Christen" folgt, kommt man schnell darauf das es die unter den Namen nicht mehr gibt...Feinheiten erspare ich mir.
      Also ist Gscheidle anscheinend ein Spezialist im Veralbern.
      Leider ist die ganze Sache überhaupt nicht so lustig wie er tut. Ich erinnere nur daran was Flüchtlinge so alles zu den Thema sagen. Egal ob Moslems oder orthodoxe Christen. Aber nicht nur die.
      Das Themen ist leider viel ernster zu nehmen als es manche tun > Stichwort sexueller Missbrauch Minderjähriger in frommen Korntal dürfte langen.
      Mir ist unverständlich wie man mit diesen Themen so umgehen kann.
      Ich wüsste schon gerne ob man ihm wegen Titelmissbrauch (Dr.) anzeigen könnte.
      Da mussten schon andere wegen weniger bei der Staatsanwaltschaft antreten und sich erklären. Ok, das gäbe maximal eine Geldstrafe.
      Aber genau über diese Schiene kommen Parteien wie die AfD hoch. Ich kriege sehr wohl ab und zu mit, was für Lügen in Kreisen einfacher Arbeiter im Umlauf sind.
      Und das sind dann auch "Gutachten uä." auch von Prof. und Dr. unterschrieben.
      Erst irgendetwas in Frage stellen und auf lustig machen. Was ist hier eigentlich das Ziel? Unabhängig von der persönlichen Einstellung eines erwachsenen Menschen? Und dann wundern sich einige warum die Diskussionen enden.
      Auf so einer Basis diskutiert niemand gerne. Wobei es mir jetzt nicht um irgendeine sexuelle Ausrichtung geht. Aber wir wissen alle das dies eine der Hauptmöglichkeiten ist andere Menschen zu unterwerfen. Wird nicht umsonst in frommen Kreisen jeder Richtung angewandt. Als egal ob Evangelikal, Katholisch, Moslem, usw. Trotz aller Aufklärung ist Sex immer noch belastet. Nur das Thema Geld ist noch gravierender, da wird die Auflistung viel länger.
      Eigentlich ist es für mich eine Belanglosigkeit Anfangs gewesen. Nur irgendetwas regte mich an den Gscheidle-Beitrag sofort auf.
      Jetzt ist es mir klar, das ist im Prinzip die Vorlage für die folgenden Sprachlosigkeit, auch bei allen anderen Themen.
      Der Typ ist weder Christ, noch Konservativ, noch bürgerlich... meine Meinung verschweig ich lieber, ist auf jeden Fall nicht ab druckfähig. Beliebige Schimpfwörter kommen in deren Nähe.
    • hajo mueller
      am 21.09.2018
      Wäre das vom Gscheidle geforderte allgemeine "Sechs-Verbot" eingeführt und kontrolliert umgesetzt, gäbe es in Zukunft keine Gscheidles mehr. Welch ein Segen.
  • Schwa be
    am 19.09.2018
    Diese Situation wie sie letzten Freitag in Stuttgart stattfand spiegelt den grotesken Zustand unserer Gesellachaft wieder.
    Im Grunde waren es 3 Demos, zwei auf dem Marktplatz und eine auf dem Karlsplatz.
    Eine rechte Demo (Mitglieder der CDU und führende Mitglieder der Identitären Bewegung waren zugegen) - genannt "Demo für Alle" - mit den im Artikel genannten ca. 70 Zuhörern. Eingezäunt und abgeschirmt von martialisch ver- bzw. gekleideten (meist jungen) PolizistInnen. Eine linke (Gegen)Demo die lautstark (und wie ich finde erfolgreich und moralisch unbedenklich) die "Demo für Alle" übertönte (nieder pfiff, schrie und sang) - auch die "Internationale" und andere linken Lieder wurden gesungen.
    Dann gab es die Demo ca. 100 m weiter auf dem Karlsplatz, zu der viele verschiedene Gruppen und Parteien aufriefen - im Artikel der "bürgerlichere Protest gegen Homophobie" genannt.

    Minh Schredle schreibt, das sich die CDU nicht traut auf der "bürgerlichen" Gegendemo Flagge zu zeigen - obwohl sie dazu mit aufgerufen hat. Ja warum den wohl? Ja genau, weil sie meines Erachtens lieber bei der rechtslastigen "Demo für Alle" mitmachen würde - was der dortige CDU-Redner Karl-Christian Hausmann ja auch beweist.
    Ich persönlich habe aber auch keine linke "Flagge" bei dieser "bürgerlichen" Gegendemo gesehen (nur die der neoliberalen SPD), was ich jedoch gut finde, da sich linke (fortschrittliche) Politik deutlich von einer "bürgerlichen" (reaktionären) Politik fernhalten sollte. Die Linke hätte zur direkten (friedlichen) Konfrontation mit der "Demo für Alle" aufrufen sollen.
    Beide jedoch, sowohl die CDU als auch Die Linke sind m.E. damit heuchlerisch unterwegs.

    Auch die räumliche Distanz der "bürgerlichen" Gegendemo (auf der ja auch OB Kuhn sprach) finde ich interessant. Dies lässt Raum für Interpretationen. Während linke Personen, Gruppen, Menschen sich direkt der rechten "Demo für Alle" entgegenstellen, versuchen die sogenannten "bürgerlichen" (insb. Parteien) - welche haupt-verantwortlich sind für das erstarken rechter/aggressiv-nationalistischer Gesinnungen und Parteien - in gebührendem, sicheren Abstand mit Sonntagsreden die menschen weiter einzulullen.

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