US-amerikanische Atombomben des Typs B61 lagern in Büchel in der Eifel. Foto: gemeinfrei

US-amerikanische Atombomben des Typs B61 lagern in Büchel in der Eifel. Foto: gemeinfrei

Ausgabe 358
Gesellschaft

Atomarer Angstschweiß

Von Jürgen Lessat
Datum: 07.02.2018
Bei den GroKo-Verhandlungen geht es um die Wurst, nicht aber um ein atomwaffenfreies Deutschland. Dabei ist die Gefahr eines Atomkriegs so groß wie lange nicht mehr. Eine neue Friedensbewegung muss her, verlangt ein Friedensnobelpreisträger in Stuttgart.

Rund hundert Menschen strömen vergangenen Samstagabend ins Cannstatter Bezirksrathaus in Stuttgart. Sie wollen wissen, wie es um das friedliche Zusammenleben auf unserem Planeten in diesen unruhigen Zeiten steht. Von keinem Berufeneren als einem leibhaftigen Friedensnobelpreisträger.‌

"Ich bin nur ein Preisträger der dritten Kategorie", schickt Alex Rosen, Vorstand der deutschen Sektion der Internationalen Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges (IPPNW, das steht für International Physicians for the Prevention of Nuclear War), seinem Vortrag in Stuttgart voraus. Staatspräsidenten stünden ganz oben in der Nobelpreis-Hierarchie, erklärt der Berliner Kinderarzt schmunzelnd. Danach folgten Persönlichkeiten ohne machtvolles Amt. Und erst zuletzt Institutionen und Nichtregierungsorganisationen, wie die im vergangenen Jahr ausgezeichnete Initiative zur Abschaffung von Atomwaffen (ICAN), zu deren Gründern Rosen und die deutsche IPPNW-Sektion gehören.‌‌

IPPNW-Vorsitzender Alex Rosen.
IPPNW-Vorsitzender Alex Rosen.

Das war es dann auch schon mit lustig. "Die jüngsten Nachrichten treiben einem den Angstschweiß ins Gesicht", schwenkt Rosen über zur bedrohlichen Lage, in der die Welt gerade vor sich hintaumelt. Wochenlang bestimmte das verbale Säbelrasseln zwischen US-Präsident Donald Trump und seinem nordkoreanischen Gegenspieler Kim Jong-un die Schlagzeilen. Nur Stunden vor Rosens Auftritt wird eine weitere Hiobsbotschaft publik: die neue US-Atomwaffendoktrin. Die Trump-Administration will kleinere und daher "besser nutzbare" Atomwaffen entwickeln, um die Glaubwürdigkeit der Abschreckung gegenüber Russland und China zu steigern.

Aus Sicht von ICAN und IPPNW macht diese Doktrin den Einsatz von Atomwaffen nur wahrscheinlicher. Selbst ihr sogenannter begrenzter Einsatz hätte katastrophale humanitäre Auswirkungen, mit Langzeitschäden für Gesundheit und Umwelt, warnen beide Organisationen: "Jeder Einsatz von Atomwaffen würde zu einem Atomkrieg führen – mit verheerenden Folgen für die Menschheit und den gesamten Planeten."

In Stuttgart erzählt Alex Rosen von Überlebenden von Hiroshima und Nagasaki, die er beim Besuch der jährlichen Gedenkveranstaltungen in Japan kennenlernte. Erst durch ihre Schilderungen, wie sie Eltern, Familie, Freunde und ihre Heimat verloren haben, sei ihm klargeworden, welche Zeitenwende die Atombombenabwürfe am 6. und 9. August 1945 bedeuteten. "Sinn von Atomwaffen ist, die Zivilbevölkerung des Gegners systematisch umzubringen. Also einen Massenmord zu begehen, der mit keiner jemals definierten Moral- und Rechtsnorm vereinbar ist. Das darf man angesichts der aktuellen Entwicklungen nie vergessen", mahnt er seine Zuhörer. ‌

Atomkrieg zwischen Russland und USA wäre "das Ende der Welt"

Welche Folgen ein nuklearer Konflikt heute auslösen würde, hatte der amerikanische Arzt Ira Helfand auf der sogenannten Oslo-Staatenkonferenz 2013 anhand wissenschaftlicher Berechnungen skizziert. Demnach würde ein begrenzter Atomkrieg zwischen Pakistan und Indien, die rund 100 Atomwaffen mit relativ geringer Sprengkraft einsetzen könnten, unmittelbar 20 Millionen Menschenleben auslöschen. Zudem würden die Explosionen rund fünf Millionen Tonnen Staub und Asche in die Atmosphäre aufwirbeln, die das Sonnenlicht massiv absorbierten. Innerhalb weniger Tage würde ein Temperatursturz die Erdoberfläche weltweit um 1,25 Grad Celsius abkühlen und die Niederschläge um etwa 40 Prozent verringern, ergaben Klimaberechnungen. Bis das Weltklima sich davon komplett erholt hätte, würde rund ein Jahrzehnt vergehen.‌

Die IPPNW wurde 1980, in der Zeit des Kalten Krieges, von Jewgeni Tschasow, einem russischen Kardiologen, seinem amerikanischen Kollegen Bernard Lown und vier weiteren Ärzten aus den USA und der Sowjetunion gegründet. Heute hat der Ärzte-Verein Mitglieder in mehr als 60 Ländern auf allen Kontinenten, 6500 Ärzte, Ärztinnen, Medizinstudierende und Fördermitglieder hat er in Deutschland. Die IPPNW forscht zu gesundheitlichen, sozialen und politischen Auswirkungen von Krieg und Atomtechnologie, entwickelt friedliche Lösungsansätze und informiert die Öffentlichkeit auf Veranstaltungen mit Aktionen und Kampagnen. "Unsere Medizin ist vorbeugend und politisch", so lautet das Selbstverständnis der Gruppe: "Wir setzen uns für friedliche Konfliktbewältigung ein, für internationale Verträge, für die Abschaffung von Atomwaffen und Atomenergie und für eine Medizin in sozialer Verantwortung.“ 1984 wurde der Verein mit dem UNESCO-Preis für Friedenserziehung ausgezeichnet, 1985 mit dem Nobelpreis. (ana)

Die Folge wären massive Ernteausfälle, in der Spitze bis zu 35 Prozent bei Mais in den USA und bis zu 40 Prozent bei Reis in China. Die Lebensmittelpreise würden massiv steigen. An Hunger, Epidemien, Ressourcenkriegen und durch Flucht und Vertreibung würden rund zwei Milliarden Menschen sterben, bezifferte Helfand die weltweite Opferzahl eines regionalen Atomkriegs.

"Die Folgen sind vergleichbar mit den größten Vulkanausbrüchen im Laufe der Menschheitsgeschichte", vergleicht Rosen. So bewirkte etwa der Ausbruch des indonesischen Vulkans Tambora 1815 globale Klimaveränderungen, die aufgrund der Auswirkungen auf das nordamerikanische und europäische Wetter dem Jahr 1816 die Bezeichnung "Jahr ohne Sommer" einbrachten.‌

Noch unvorstellbarer sind die Folgen eines großen Atomkriegs zwischen Russland und den USA, deren Einsatzdoktrinen bei einem Gegenschlag den Einsatz von mehreren Hundert Atomwaffen vorsehen. Durch die enormen Aschemengen würde sich die Oberflächentemperatur der Erde innerhalb eines Jahres um 20 Grad abkühlen, was weder Vegetation, Tierwelt noch Menschen überleben könnten. "Das wäre das Ende der Welt, wie wir sie heute kennen", so Rosen.‌

Mit seinem Pessimismus steht der Berliner Kinderarzt nicht allein. Die Gefahr eines Atomkrieges ist so groß wie seit Ende des Zweiten Weltkriegs nicht mehr, sagen auch US-Atomforscher. Erst vor wenigen Tagen stellten sie die symbolische Weltuntergangsuhr erneut eine halbe Minute vor – auf zwei Minuten vor der Apokalypse. Schon 2017 war die Uhr um 30 Sekunden vorgestellt worden.‌

Deutsche Piloten müssten Atombomben abwerfen

Die Bemühungen von ICAN, das heute ein globales Bündnis von über 450 Organisationen in 100 Ländern ist, um eine internationale Vereinbarung, die die Entwicklung, Produktion, Test, Erwerb, Lagerung, Transport, Stationierung und Einsatz von Nuklearbomben verbietet, mündeten im Juli 2017 in einen Atomwaffenverbotsvertrag. "Bis heute haben 56 Staaten diesen Vertrag unterzeichnet", verkündet Rosen in Stuttgart eine gute Nachricht. "Wir gehören nicht dazu", folgt der Wermutstropfen. Alle 29 Nato-Länder verweigern ihre Unterschrift. Die Niederlande, beziehungsweise deren rechtsgerichtete Regierung, stimmte sogar in der UN-Vollversammlung gegen den Vertragsentwurf.‌

Demonstration gegen Atomwaffen in Deutschland am Fliegerhorst Büchel 2008. Foto: gemeinfrei
Demonstration gegen Atomwaffen am Fliegerhorst Büchel 2008. Foto: gemeinfrei

"Deutschland ist eine harte Nuss", kommentiert der Kinderarzt die Weigerung bislang jeder Bundesregierung, aus der atomaren Strategie der Nato auszuscheren. Zwar ist die Bundesrepublik keine Atommacht. Doch auf dem deutschen Fliegerhorst Büchel in Rheinland-Pfalz lagern amerikanische Atombomben vom Typ B61. Friedensaktivisten gehen davon aus, dass es bis zu 20 Bomben sind. Weitere amerikanische A-Bomben lagern auf Nato-Stützpunkten in Belgien, den Niederlanden, Italien und in der Türkei. ‌

Moderne Atombomben erreichen auf Trägerraketen von Abschussbasen an Land oder von U-Booten aus ihr Ziel. "In Büchel handelt es sich um völlig veraltete Atombomben, die militärisch keinen Sinn haben", betont Rosen. "Konkret handelt es sich um Gravitationswaffen, die im Kriegsfall deutsche Tornado-Piloten im Rahmen der innerhalb der NATO vereinbarten nuklearen Teilhabe über dem Ziel abwerfen müssten", erläutert er. ‌

Viel Zeit, sich mit dem Hinweis auf veraltete Waffensysteme aus der atomaren Geiselhaft zu befreien, wie es Rosen nennt, bliebe jedoch nicht. Noch unter Barack Obama wurde ein Modernisierungsprogramm für die Altbomben beschlossen. Nach Informationen amerikanischer Friedensaktivisten könnte die Produktion moderner nuklearer Lenkwaffen in zwei Jahren anlaufen. Mit der Stationierung neuer B61-Bomben in Büchel wäre dann frühestens 2024 zu rechnen. "Ich gehe nicht davon aus, dass man auf deutscher politischer Ebene den USA bis dahin einen Strich durch die Rechnung macht", sagt Rosen nüchtern.‌

Die aktuellen politischen Entwicklungen stützen diese Einschätzung. Für die potenziellen GroKo-Partner sind Atomwaffen auf deutschem Boden kein Thema. Atomare Abrüstung und die Ächtung der Waffen fanden bei den Koalitionsverhandlungen keine Erwähnung, obwohl das europäische Parlament, der Bundestag und laut Umfragen auch 93 Prozent der Bevölkerung sich dafür aussprachen.‌

Guido Westerwelle setzte sich gegen Atomwaffen ein

Bei den vorangegangenen Jamaika-Sondierungen waren die Waffen wenigstens noch ein Thema. So stand der Abzug der taktischen US-Atomwaffen im Wahlprogramm der Grünen zur Bundestagswahl. Sie hofften auf Unterstützung durch die Liberalen. Denn der ehemalige FDP-Chef Guido Westerwelle hatte sich als Außenminister vehement für den Abzug der Nuklearwaffen stark gemacht und dies 2009 auch in dem mit den Unionsparteien geschlossen Koalitionsvertrag festgeschrieben. Doch davon wollten die Liberalen unter Parteichef Christian Lindner nichts mehr wissen. Auch die Unionsparteien waren nicht bereit, die US-Atomwaffen in Deutschland für Jamaika in Frage zu stellen. Bereits in der Koalition mit der FDP hatte Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) gegenüber Washington signalisiert, dass man an der nuklearen Teilhalbe nichts ändern wolle, trotz der anderslautenden Vereinbarung im Koalitionsvertrag.‌

Den Großteil der Arbeit haben die Friedensaktivisten damit noch vor sich. "Ich bin die letzten zehn Jahre für einen Atomwaffenverbotsvertrag durchs Land gezogen, nun müssen wir ihn mit Leben füllen", sagt Rosen. Er gibt sich nicht geschlagen. Es gelte, eine gesamtgesellschaftliche Friedensbewegung zu mobilisieren, um Druck auf die Bundesregierung zu machen. Frau Merkel müsse den Vertrag unterzeichnen, ratifizieren und ihn als Instrument zur Ächtung und Abschaffung von Atomwaffen anerkennen. ‌

Da tut sich was: Ostermarsch durch Stuttgart 2017. Foto: Joachim E. Röttgers
Da tut sich was: Ostermarsch durch Stuttgart 2017. Foto: Joachim E. Röttgers

Doch nicht nur Regierungen sollen ihre Länder zu atomwaffenfreien Zonen erklären. "Auch Banken und Versicherungen müssen sich dem Atomwaffenverbotsvertrag anschließen", verlangt IPPNW-Vorstand Alex Rosen. Denn Atombomben sind ein Milliardengeschäft. In Deutschland "finanzieren vor allem die Commerzbank und Deutsche Bank Atomwaffen", verweist Rosen auf die Kampagne Don't bank on the Bomb. Pikanterweise ist der Bund der größte Anteilseigner der Commerzbank. Daneben versorgen aber auch landeseigene Institute wie die Landesbank Hessen-Thüringen (Helaba) und die BayernLB sowie die genossenschaftliche DZ Bank Atomwaffenfirmen mit Kapital. "Das sollten Kunden in der Bankfiliale vor Ort ruhig ansprechen", ermuntert Rosen zu friedlichem Widerstand. ‌

"Die Geschichte zeigt, was alles möglich ist", verweist er auf erfolgreiche Bewegungen, die eine weltweite Ächtung von biologischen und chemischen Waffen erreichten. Oder auf das völkerrechtsverbindliche Verbot von Landminen und Streubomben. "Wir müssen eine Friedensbewegung aufbauen, wie wir sie in Deutschland schon in den 80er-Jahren hatten", ruft am Ende ein Zuhörer in den Saal. "Da tut sich schon was", ist ein anderer sich sicher.


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