Wie verroht muss man sein, um so etwas lustig zu finden? Foto: Andri Rostetter/St. Galler Tagblatt

Ausgabe 358
Debatte

Rechte Narren

Von Michael Lünstroth
Datum: 07.02.2018
Bei einem Fasnachtsumzug in der Schweiz laufen Rechtsradikale, angeführt von einem Hitler-Fan, mit einem Wagen auf, der sich brachial über das Leid von Geflüchteten lustig macht. Die Reaktionen darauf sind beinahe ebenso beschämend.

Was darf Humor? Und wie weit darf Satire gehen? Zwei alte Fragen, über die immer wieder neu gestritten wird. Gerne auch in der jetzt wieder anstehenden Fasnacht. Oft genug geht da humortechnisch gesehen auch mal was daneben. So wie jetzt in dem 8000-Seelen-Nest Aadorf im schweizer Kanton Thurgau. Die Fasnachtsgruppe "Toggenburger Hülsnerbuben" fand es dort besonders komisch, einen Umzugswagen zu gestalten, der sich über das Leid von Menschen lustig macht. Von Menschen, die sich in der Hoffnung auf ein besseres Leben auf eine lebensgefährliche Schiffsfahrt einlassen. Mit "Asylparadies Schweiz" war der Wagen beschrieben, die beiden S im Wort "Asylparadies" waren runenartig gestaltet. Am Wagen hingen zudem bemalte Planen. Auf einer war ein sinkendes Boot abgebildet. Daneben die schwarzen Hände von Personen, die im Meer versinken. Wie verroht muss man sein, um so etwas lustig zu finden? Und wie dreist muss man sein, wenn man glaubt, das auch noch als Satire verkaufen zu können, wie es die Hülsnerbuben versuchten?

Blöd für den Cliquenchef war allerdings, dass er sich vorher auf Facebook als Fan von Adolf Hitler geoutet hatte und im Netz Sympathiespuren für die rechtsextreme Partei nationalorientierter Schweizer (PNOS) im Netz hinterlassen hatte, wie die "Thurgauer Zeitung" berichtet. PNOS hatten in den vergangenen Monaten große Rechtsrock-Konzerte in der Ost-Schweiz organisiert. Da noch zu behaupten, man sei gar nicht rechtsradikal, ist, nun ja, gewagt.

Interessant an dem Fall ist auch, was die mediale Berichterstattung dazu ausgelöst hat. Es gab nur wenige empörte Stimmen, ansonsten beredtes Schweigen. Die Gedankenwelt der rechten Narren scheint vielen Schweizern vertraut zu sein: Bei einer Online-Umfrage der "Thurgauer Zeitung" sagten mehr als 40 Prozent der fast 1700 Teilnehmer, dass der Wagen schon okay sei, die Fasnacht dürfe schließlich alles. Veranstalter eines Umzugs, der nach dem Eklat von Aadorf stattfinden sollte, luden die "Toggenburger Hülsnerbuben" zwar aus. Aber nicht wegen des indiskutablen Motivs auf deren Wagen - sondern aus Angst vor Krawallen zwischen linken und rechten Gruppierungen, wie die Veranstalter explizit betonten. Eine Organisatorin eines weiteren Umzugs im Kanton St. Gallen, wo die rechten Hülsnerbuben ebenfalls mit ihrem Wagen teilnehmen wollten, wird in der "Thurgauer Zeitung" mit den Worten zitiert, dass es schade sei, wenn sie nun nicht kämen, "sie hatten ja auch einen Aufwand und Kosten für den Wagen". Und am Ende ist natürlich immer der Überbringer der schlechten Nachricht der Böse: "Es ist schade, dass die Medien das Ganze nun so aufbauschen. Wir wollen uns nur auf einen schönen Fasnachtsumzug freuen können", meint die Organisatorin.

Da kommt ein Hitler-Fan mit seiner Truppe und einem menschenverachtenden Motiv auf seinem Wagen und alles was der Organisatorin einfällt, ist die Medien für die Berichterstattung zu schelten. Wenn Vergehen gegen die menschliche Würde geduldet werden, um den eigenen Spaß nicht zu gefährden, muss man sich dringend Sorgen um das gesellschaftliche Klima machen.

Kontext schaut nach den Rechten

Wer sich als Alternative für Deutschland anpreist, muss Lösungen anbieten. Kontext lässt sich durch politische Nebelkerzen und dreiste Lügen nicht einlullen, sondern checkt die Fakten.

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2 Kommentare verfügbar

  • Jue.So Jürgen Sojka
    am 28.09.2018
    Schweiz – recht närrisch, das Treiben dort!
    Jetzt sollte sich darüber im Grunde genommen niemand wundern, so der Blick sich weitet in die Vergangenheit! [b][1][/b] Das unbeugsame Volk der Helvetier.
    Die Helvetier waren ein keltischer Volksstamm, der im 1. Jahrhundert v. Chr. im heutigen schweizerischen Mittelland sowie in Südwestdeutschland siedelte.
    01.08.2016 Am Anfang stand der „Rütlischwur“ [b][2][/b] An jedem 1. August feiern die Schweizer die Erinnerung an ein Ereignis, das heute vor 725 Jahren stattgefunden haben soll: die Verschwörung freiheitsliebender Eidgenossen zum Kampf gegen tyrannische Vögte.

    [b][1][/b] 26.04.2017 um 20:15 auf 3sat http://up.picr.de/33930387pb.pdf Film von Xavier Harel
    Hitlers Geldwäscher | Wie Schweizer Banken den Krieg finanzierten

    Im Video "Hitlers Geldwäscher" auf YouTube https://www.youtube.com/watch?v=TzJS8jUztKA#t=23m26s
    Min. 23:26 „Die Banken haben sich auf eine gemeinsame Position verständigt. Legitime Arten und begünstigte, die Ansprüche auf verwaiste Konten anmelden, müssen sich durch eine offizielle Sterbeurkunde des Kontoinhabers legitimieren! Aber, beim Tod in Dachau oder in einem der Vernichtungslager, hatten die Nazis nun mal keine Sterbeurkunden ausgestellt.“

    Min. 25:27 „Eine Bemerkung des Vorstands der größten Schweizer Bank, der UBS, ist bezeichnend für die Haltung der Schweizer Führungspersonen: "10 Millionen. 10 Komma 5 Millionen. Aber das ist die, diese 10,5 Millionen, das ist nicht, das ist heute. Das ist Zins und Zinseszinseszins. Das ist absolut, in diesem Falle glaub ich darf man sagen «Peanuts»!“
    Min. 25:52 „Er sprach von «Peanuts»! Dieser Begriff ging in Windeseile um die Welt.“

    18.01.15 Der letzte Schweizer Gentleman-Bankier http://www.watson.ch/Schweiz/Best%20of%20watson/932282751-Der-letzte-Schweizer-Gentleman-Bankier
    Die Holocaust-Gelder Mitte der 1990er Jahre

    [b][2][/b] Schweiz https://www.deutschlandfunk.de/schweiz-am-anfang-stand-der-ruetlischwur.871.de.html?dram:article_id=361708
    … Doch auf den 1. August 1291 als Stichtag einigten sich die Schweizer erst am Ende des 19. Jahrhunderts.

    Die Nacht ist sternenklar. Auf dem Rütli, einer Wiese am Ufer des Vierwaldstättersees, haben sich 33 Männer versammelt, Vertreter der Landgemeinden Schwyz, Uri und Unterwalden, um einen feierlichen Eid zu leisten.
    • Jue.So Jürgen Sojka
      am 28.09.2018
      Schweizer geben uns in Baden-Württemberg Nachhilfe in Bürgerbeteiligung, und das schon seit 2012!!!
      https://www.ag.ch/de/rr/strategie_rr/aussenbeziehungen/demokratiekonferenz/demokratiekonferenzen.jsp

      Demokratiekonferenz in Stuttgart 2013
      Unter dem Titel "Gegenseitige Blicke über die Grenze – Bürgerbeteiligung und direkte Demokratie in Deutschland und der Schweiz" organisieren der Regierungsrat des Kantons Aargau und die Landesregierung Baden-Württemberg zusammen mit der Universität Konstanz und dem Zentrum für Demokratie Aarau (ZDA) die Demokratiekonferenz vom 20. und 21. Juni 2013.
      Detailprogramm (PDF, 12 Seiten, 859 KB)

      Demokratiekonferenz in Stuttgart 2015
      https://www.ag.ch/de/rr/strategie_rr/aussenbeziehungen/demokratiekonferenz/stuttgart_2015/stuttgart2015.jsp
      Auf Einladung des Ministerpräsidenten von Baden-Württemberg und des Regierungsrats des Kantons Aargau findet am 11./12. Juni 2015 eine Demokratiekonferenz unter Einbezug der Erfahrungen weiterer Schweizer Grenzkantone sowie deutscher Bundesländer in Stuttgart statt.
      Programm der Demokratiekonferenz 2015 in Stuttgart (PDF, 1.5 MB)

      SWR1 Mi. 14.10.2015 Nachrichten um 13:00 Uhr | Landtag beschließt die Bürgerbeteiligung zu stärken! http://up.picr.de/33930645cu.pdf
      – Stuttgart: Bürgerbeteiligung auf Kommunaler Ebene wird einfacher…Landtag beschließt Gesetz
      …Innenminister Gall sprach von mehr Möglichkeiten für eine lebendige Demokratie…
      …Die Opposition im Landtag stimmte dem Gesetz nicht zu.

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