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Von Risiken und Nebenwirkungen

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Bislang sponsern Pharmakonzerne vor allem Ärzte, Apotheker und Krankenhäuser. Seltener sind Zuwendungen an Wohlfahrtsverbände. Vom Geld des amerikanischen Biopharma-Unternehmens AbbVie profitieren in Stuttgart leberkranke Drogenabhängige. Caritas-Bereichsleiter Klaus Obert fällt die Kooperation schwer.

Die Perspektiven sind alles andere als rosig. Für die derzeit knapp über 75 000 Drogenabhängigen, die in Deutschland eine Substitutionsbehandlung erhalten. Vielen fehlt eine eigene Wohnung, den meisten schlicht das Geld, um selbst die kleineren Herausforderungen des Alltags zu bewältigen. Oft reichen die einzigen sozialen Kontakte nur ins Drogenmilieu. "Hinzu kommt, dass viele Substitutionspatienten mit dem Hepatitis-C-Virus (HCV) infiziert sind, der typischerweise durch verunreinigtes Spritzbesteck übertragen wird", sagen Gesundheitsexperten. Häufig leben die Betroffenen über Jahre mit der Infektion, ohne zunächst von ihr zu wissen. Das Virus löst eine Entzündung der Leber aus, die oft unbemerkt über einen längeren Zeitraum voranschreitet, und so zu Leberschädigung, Leberzirrhose, Leberkrebs und schließlich zum Tod führen kann. Um den Betroffenen in diesen komplexen Situationen zu helfen, müssen die Akteure aus dem Gesundheits- und Sozialsystem eng zusammenarbeiten, fordern Experten.

Doch bislang scheiterte dies meist am fehlenden Geld. So auch in Stuttgart, wo allein die Caritas im Rahmen ihres Subsitutionsprogramms rund 1000 Menschen betreut. Mindestens zwei von drei Substituierten tragen das HC-Virus in sich, schätzt Klaus Obert, Bereichsleiter der Sucht- und Sozialpsychiatrischen Hilfen im hiesigen Caritasverband. Doch der Zahl der Klienten kann die katholische Wohlfahrtsorganisation kaum gerecht werden. "Aufgrund der personellen Situation reicht die Zeit der Sozialarbeiter in vielen Fällen gerade mal aus, um die akuten sozialen Probleme anzugehen", sagt Obert. Vieles, was den Betroffenen neue Lebensperspektiven eröffnen könnte, bleibt so auf der Strecke.

Ein Hoffnungsschimmer tat sich Anfang 2014 auf. Von unerwarteter Seite: durch das amerikanische Biopharma-Unternehmen AbbVie. Dessen deutsche Gesellschaft kontaktierte Caritasverband und Deutsche Leberhilfe. Mit dem Vorschlag, gemeinsam die Versorgungs- und Lebenssituation suchtkranker Patienten zu verbessern, insbesondere im Hinblick auf Hepatitis C. Daraus entstand das Aktionsbündnis PLUS, in das sich die drei Partner entsprechend ihrer Kompetenzen einbringen. Mit der Stuttgarter CDU-Bundestagsabgeordneten Karin Maag kam eine einflussreiche Schirmherrin mit an Bord, weil diese im Gesundheitsausschuss des Parlaments sitzt.

Für das Aktionsbündnis zückte Patrick Horber, Geschäftsführer von AbbVie-Deutschland, großzügig das Scheckheft: Das Unternehmen finanziert zwei zusätzliche Sozialarbeiterstellen beim Caritasverband sowie Sachmittel, die unter anderem in der Gesundheitsaufklärung von Betroffenen, Angehörigen und Betreuern zum Einsatz kommen. Ein Teil des Geldes floss auch in eine Theaterproduktion, in der ehemaligen Drogenabhängige die Rollen spielen. Rund 300 000 Euro macht das Unternehmen während der zweijährigen Projektlaufzeit locker. "Dank der besseren personellen Ausstattung ist es nun möglich, sich mit den Menschen intensiver über ihre gesundheitliche Lage auseinanderzusetzen", beschreibt Caritas-Leiter Obert, welchen Nutzen das Geld in diesem Bereich stiftet.

Pharmaindustrie hat ein schlechtes Image

In der öffentlichen Wahrnehmung stehen Pharmafirmen bislang kaum als Wohltäter da, mehr als Raffzähne. Immer wieder sorgten Medikamentenskandale und Preiswucher für Schlagzeilen, und für ein schlechtes Image der gesamten Branche. Von Korruption, Bestechung und Vorteilsnahme ist immer dann die Rede, wenn Journalisten wieder geheime Geldtransfers der Pillenhersteller an die Akteure im Gesundheitswesen aufdecken. Ende 2015 berichtete der "Stern", wie das Ulmer Unternehmen Ratiopharm seine Medikamente in den Markt drückte: Mit Mustermedikamenten, Gratis-Software und Geldgeschenken an Ärzte. Auch Krimi-Autor Wolfgang Schorlau setzte 2011 seine Romanfigur auf die Branche an. In "Die letzte Flucht" ermittelt der Stuttgarter Privatdetektiv Dengler zu den Machenschaften der Pillenhersteller. "Zwei Jahre lang habe ich über die Pharmaindustrie recherchiert", schreibt Schorlau im Nachwort. "Ich kann es nicht anders sagen: Diese Industrie wird von einer beispiellosen kriminellen Energie getrieben."

Als "Kulturbruch" kann deshalb gelten, was die Branche in diesem Jahr machte: Ende Juni legten 54 Pharmakonzerne erstmals offen, wie viel Geld sie an ihre Geschäftspartner im deutschen Gesundheitswesen Deutschland zahlen. 575 Millionen Euro flossen demnach im vergangenen Jahr an mehr als 71 000 Ärzte, Fachkreisangehörige und medizinische Einrichtungen. Ein knappes Drittel dieser Ärzte hat zugestimmt, dass die an sie geleisteten Zahlungen veröffentlicht werden dürfen. Nach einer gemeinsamen Auswertung der Daten veröffentlichten das Rechercheportal "Correctiv" und "Spiegel Online" erstmals eine Datenbank mit den Namen von 20 489 Mediziner, die im vergangenen Jahr Geld von der Pharmaindustrie erhalten haben.

Die Datenbank verrät, dass die deutsche AbbVie insgesamt 15,9 Millionen Euro im vergangenen Jahr an Ärzte und Einrichtungen zahlte. Über 6,7 Millionen Euro überwies das in Wiesbaden angesiedelte Unternehmen für Studien und Anwendungsbeobachtungen, knapp 4,3 Millionen zahlte es Ärzten, 4,9 Millionen Euro sind als Zahlungen an Kliniken und Forschungslabore verbucht. Im Vergleich zu den Mitbewerbern ist das fragliche AbbVie-Budget relativ bescheiden. Der Branchenprimus in diesem Bereich, die Novartis Pharma GmbH, überwies im gleichen Zeitraum 91,1 Millionen Euro an verschiedene Empfänger.

Caritas-Leiter Obert warnt vor "amerikanischen Verhältnissen"

Vor diesem Hintergrund erscheinen die AbbVie-Zuwendungen an den Stuttgarter Caritasverband in Höhe von knapp 28 000 Euro im vergangenen Jahr dürftig. Beim Empfänger löste das Sponsoring dennoch Zwiespälte aus. "Wir haben uns gefragt, ob wir unsere Seele verkaufen, wenn wir das Geld annehmen", schildert Caritas-Leiter Obert die Bedenken, die man gegen das Aktionsbündnis hegte. Obwohl klar war, dass das Unternehmen keinen Einfluss auf Stellenbesetzung oder Therapiepläne hat. Kritisch gesehen wurde auch, dass ein privates Unternehmen sich in einem Bereich engagiert, dessen Finanzierung eigentlich Aufgabe staatlicher Fürsorge ist. "Wir wollen schließlich keine amerikanischen Verhältnisse", so Obert. Im chronisch unterfinanzierten US-Gesundheitssystem sind Kliniken und Ärzte häufig auf Geld- und Sachspenden von Pharmakonzernen angewiesen, um vor allem einkommensschwache Patienten adäquat versorgen zu können.

Dennoch dürfte AbbVie nicht ganz uneigennützig im Aktionsbündnis mitwirken. Das Biopharma-Unternehmen forscht schwerpunktmäßig an neuen Medikamenten gegen Hepatitis C. Erst vor kurzem gelang ihm dabei ein Durchbruch mit einer interferonfreien HCV-Therapie, mit der sich Patienten mit dem Virustyp 1 und 4 behandeln lassen. Der Genotyp 1 ist der weltweit vorherschende Genotyp, er macht rund 62 Prozent aller HCV-Fälle in Deutschland aus. Klinische Studien ergaben mit dem neuen AbbVie-Medikament Heilungsraten von 97 bis 100 Prozent, bei gleichzeitig guter Verträglichkeit.

"Unsere Therapien können zwar die gesundheitliche Situation der Substitutionspatienten verbessern, nicht aber deren Lebensumstände", betont Patrick Horber, der Geschäftsführer von AbbVie Deutschland. Man betrachte die Situation der Menschen aber immer ganzheitlich, beteuert er: "Deshalb setzen wir uns im Aktionsbündnis und in anderen Partnerschaften für eine bessere Gesamtsituation der Betroffenen ein."

Positiv fällt nach anderthalb Jahren die Projektbilanz der Deutsche Leberhilfe aus. Dank des Sponsorings habe man neue, spezifisch aufbereitete Hepatitis-Infomaterialien entwickeln können, die einen direkteren Zugang zu den Patienten bieten. "Damit haben wir die Chance, die Menschen zu erreichen und sie für die Risiken zu sensibilisieren", sagt Geschäftsführerin Babette Herder. Auch Projekt-Schirmherrin Karin Maag findet nur lobende Worte für das Projekt. Zwar gebe es beim Pharmasponsering Licht und Schatten, sagt die CDU-Politikern. Auch müssten Pharmaunternehmen die viel kritisierten Anwendungsstudien machen. "Die Firmen verkaufen schließlich nicht nur, sie forschen auch", sagt Maag.

Caritas-Leiter Klaus Obert hofft derweil auf weitere Sponsoren für ein neues Projekt. "Ein sozialpsychiatrischer Pflegedienst bereitet mir gerade schlaflose Nächte", sagt er. Die Zielgruppe sind chronisch depressive Menschen. "Ein Personenkreis, der von der Gesellschaft abgehängt ist, und für den man nicht die Kostenträger mit ins Boot bekommt", so Obert. Sprich: Keine Krankenkasse will den geplanten Pflegedienst bezahlen. Obwohl sich das deutsche Gesundheitsbudget in diesem Jahr auf rund 200 Milliarden Euro summiert.


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1 Kommentar verfügbar

  • andromeda
    am 16.10.2016
    Antworten
    Folgende finanzielle Adressaten der Pharmakonzerne hat Herr Lessat noch vergessen : Die Zulassungsbehörden , egal ob die FED oder ihr europäisches Pendant , Gesundheitspolitiker und - minister , sowie deren Beamte , Wirtschaftspolitiker - und Minister sowie deren Beamte , Bildungs- und…
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