Ausgabe 206
Gesellschaft

Plaisir, Plaisir! Vom Bong-Land Baden-Württemberg

Von Anna Hunger
Fotos: Joachim E. Röttgers
Datum: 11.03.2015
Die Grünen haben in der vergangenen Woche einen Gesetzentwurf zur Legalisierung von Cannabis vorgelegt. Der wird scheitern. Dabei könnte gerade das grün-regierte Baden-Württemberg stolz sein auf seine Kifferhistorie. Denn im Land der Tüftler und Erfinder wurden die ersten Glaswasserpfeifen Deutschlands hergestellt. Dietmar Reiß von der Firma Plaisir aus Böblingen bei Stuttgart ist einer der Pioniere der Bong-Fabrikation. Geraucht werden in den Pfeifen natürlich nur gesundheitsfördernde Kräuter.

"Das allerwichtigste an einer Bong: Es muss genug Wasser reinpassen", sagt Dietmar Reiß. Unten der Fuß, darüber ein Kolben mit einem Loch, ein Rohr mit Mundstück, an der Seite ein Glasröhrchen mit einem Kopf, da kommen die Kräuter rein. Den Kolben bis kurz unters Loch mit Wasser füllen, die Kräuter anzünden, mit dem Daumen das Loch zuhalten, feste ziehen, bis es blubbert, Daumen vom Loch nehmen, einatmen, fertig.

Dietmar Reiß dreht ein winziges Glasröhrchen über einer Flamme und pustet eine gläserne Seifenblase aus dessen Ende. Die Blase dehnt sich aus, wird größer und größer und erstarrt Sekunden später hauchdünn zu einem filigranen Ballon. "Als ich meine erste Pfeife gemacht hab, hab ich noch gedacht: 'So ein Schwachsinn, wer raucht denn durch Wasser.'" Reiß schlägt den Glasballon mit feinem Klirren in eine Schublade und schaut über seine zwei Brillen hinweg, eine große mit grünem Rand zur Unterstützung der alten Augen, auf der Nasenspitze eine schwarze kleine für die Nahsicht. "Aber das Wasser kühlt den Rauch, und deshalb ist es eben der wichtigste Bestandteil einer Bong." Wasser. Und das Glas. Borosilikat 3.3, hohe Temperaturwechselbeständigkeit, minimale Wärmeausdehnung, höchste Formstabilität.

Seit mehr als 50 Jahren ist Dietmar Reiß Glasbläser, mit grauen Händen vom Ruß, der sich mit der Zeit in die Ritzen seiner Haut eingegraben hat. Früher hat er in der väterlichen Werkstatt Laborgeräte hergestellt. Heute fertigt der 70-Jährige gemeinsam mit seinem Sohn Daniel hochklassige Glaswasserpfeifen. Denn eine handgemachte, gute Bong ist für den Kräuterfreund wie das Bose-Soundsystem für den Opernfan: was für Genießer, für Liebhaber. Außerdem ist ihr Gebrauch je nach Krautbefüllung gut für die Bronchien und gut gegen Schmerzen. 

Dietmar Reiß kommt aus Stützerbach, am Nordhang des Thüringer Walds gelegen, ein Luftkurort mit Kneipp-Faible, der damit wirbt, das Goethe dreizehnmal da war und sogar ein paar Zeilen gedichtet hat: 

"Was weiß ich, was mir hier gefällt,
In dieser engen kleinen Welt,
Mit leisem Zauberband mich hält!"

Reiß' Vater war Glasbläser, sein Opa auch, dessen Vater ebenfalls. Früher war der Ort weltweit als die "Wiege der Laborglasindustrie" bekannt. 1830 fertigten die Stützerbacher das erste deutsche Thermometer, 1896 die erste Röntgenröhre.

Als der Krieg zu Ende war, das Land und die Glasindustrie kaputt, wurde Dietmar Reiß in einen Laborglasboom hineingeboren. Alle Krankenhäuser, Chemiker und Forscher brauchten Laborgläser, und nur die Stützerbacher konnten die gut. Seine Eltern flohen vor den russischen Besatzern in den Westen, nach Stuttgart, dann nach Weil im Schönbuch kurz vor Tübingen, die einzigen Glasbläser unter Bauern, die einzigen Ossis unter Schwaben. Später zogen sie ein paar Kilometer weiter nach Böblingen. "Der Bedarf an Laborglas war damals immens", sagt Reiß.

Als sich in den USA jungen Männer die Haare bis zum Hintern wachsen ließen und die Frauen sich Blumen in die Zöpfe flochten, stand ein paar Hundert Kilometer nordwestlich von Böblingen Rudolf Petrasch in der sauerländischen Provinz vor einer Disco. Um ihn herum verkauften sie allerlei Heilkräuter und Petrasch dachte: "Jetzt müsste noch einer einen Koffer auspacken und Rauchgeräte anbieten." Tat aber keiner, erzählt er. Und so reiste er selbst nach Indien und packte bei der Rückreise ein paar Pfeifen ins Handgepäck, aus Speckstein, Ton oder Holz. Ab da verkaufte er auf Wochenmärkten Mineralien und Gewürze und auf Flohmärkten Mineralien und Pfeifen. Damals wurde noch aus Kokosnüssen geraucht, später aus Plastikröhren, ganz selten mal aus einem echten Bong-Import, den amerikanische GIs aus Vietnam mitgebracht hatten.

Weil die Flohmärkte überragend liefen, eröffnete er 1975 einen kleinen Laden für Raucherzubehör und nannte ihn Bam Bam Bhole, heute mit Sitz in Berlin. Petrasch war damit der erste Bong-Importeur und Wasserpfeifenhändler Deutschlands. Anfang der Achtziger gab er die erste deutsche Glaswasserpfeife in Auftrag – bei Helmut Zimmermann in Eschelbronn bei Heidelberg. Zimmermann ist heute weit über 80 und lebt irgendwo in Indien, sagt man, aber das Modell GW 1, die Glaswasserpfeife Nummer 1, gibt es bei Bam Bam Bhole immer noch.

Wer wann wo die wirkliche Number one der Bong-Historie erfunden und geraucht hat, ist selbst in der einschlägigen Wissenschaft nicht abschießend geklärt. Die einen behaupten, sie käme aus Thailand, die anderen verorten ihre Ursprünge ins China der Ming-Dynastie, generell sei sie ein direkter Nachfahr der um 1600 in Ägypten erfundenen Shischa. Der Name Bong soll sich ableiten vom Thailändischen Wort 'baung', hat erstmals Erwähnung gefunden im McFarland-Thai-English-Wörterbuch von 1944; das übersetzt ihn etwa mit "Bambuspfeife". Andere wollen schon elfhundertnochwas Pfeifen in äthiopischen Gräbern gefunden haben und führen den Namen auf ein aussterbendes Volk in Kenia zurück, die Bong'om. Aber genau weiß das alles keiner. Die Bong ist jedenfalls alt. Und ein Kulturgut.

Als Rudolf Petrasch die ersten Erfolge mit seinen Heilbronner Glaswasserpfeifen feierte, verkaufte der Vater von Glasbläser Dietmar Reiß in Böblingen seine Glasbläserei samt Grundstück für zwei Millionen Mark an eine Gruppe Baptisten. Die bauten eine Kirche dorthin, wo vorher die Werkstatt war. Der Vater zog mit seinem Geld fort, Dietmar Reiß blieb zurück in Böblingen. 40 Jahre alt, arbeitslos und zutiefst deprimiert.

Bis 1985 plötzlich "so ein Faulenzer" vor der Tür stand. einer mit langen Haaren und bunten Klamotten, und ein rundes Gefäß in Auftrag gab, das er irgendwo anders gesehen hatte. Eines mit Ansaugstutzen, Loch und einem zylindrischen Köpfchen. "Es war im Grunde ganz einfach", sagt Reiß. "Nur ein Kölbchen, das steht." Seitdem produziert er Bongs.

Zuerst verkaufte er sie auf dem Stuttgarter Flohmarkt, lernte viele bunte und neue Leute kennen, und mit jeder Glaspfeife, die er fertigte, kroch er ein kleines Stückchen aus dem schwarzen Loch heraus, das sein Vater und die Baptisten hinterlassen hatten. "Das war wie eine Fügung Gottes, dass ich das entdeckt hatte. Es hat mich richtig beflügelt!"

In den Neunzigerjahren stieg sein Sohn Daniel ins Geschäft mit ein. Das Bundesverfassungsgericht hatte gerade die "geringe Menge" erfunden, den straffreien Besitz von einem kleinen bisschen Cannabis für den Eigenbedarf. Den Zusammenhang mag allerdings kein Hersteller so recht in Worte fassen, weil kiffen natürlich illegal ist und damit auch das Gespräch darüber in der Branche streng verboten. 

Etwa zur selben Zeit ging die Nachfrage an Laborgeräten immer weiter zurück, denn die wurden nun maschinell in China hergestellt. Und da veränderten Glas-Gerätebauer wie Dietmar Reiß ihr Sortiment eben ein klein wenig. Laborglas ist für den Pfeifenzweck perfekt geeignet, die Schliffe, Röhren und Spiralen sind denen der Laborgeräte nicht so fern, und natürlich muss auch eine Bong wie eine Destilliervorrichtung perfekt abgestimmt sein, damit bei Gebrauch nichts wackelt und nichts abbricht. Mit der Zeit wurden die Bong-Bauer kreativer und trieben das ehemals einfache Rauchgerät zu handwerklicher Perfektion.

Bei Roor in Frankenthal gibt es seit 20 Jahren Bongs aus Panzerglas, absolut um- und runterfallsicher. Bei Ehle im hessischen Limburg werden Metalloxide zu bunten Applikationen auf das Glas gedampft, G-Spot in Wertheim, am nördlichsten Zipfel von Baden-Württemberg, hat den sogenannten Panzerschliff erfunden und beliefert den gesamten westlichen Markt bis nach Australien. Mit einer G-Spot kann man sogar Nägel einschlagen. "Das kriegt keiner so hin wie wir", sagt Geschäftsführer Dieter Feil. "Liegt halt am Know-how." Dann lacht er. Die G-Spot Snake, dreiteilig mit Schlangenmuster, einen Meter hoch, sieben Zentimeter dick, Wandstärke fünf Millimeter, kostet dann schon ihre 450 Euro.

In Emmerting im bayrischen Landkreis Altötting stellt die Firma Stollwerk, neben Apparaturen für Chemie und Medizin und ab und zu einer Sonderanfertigung für Formel-1-Rennställe, auch einen der Luxusliner unter den Glaswasserpfeifen her: die Hurricane-Bong. Im einfachsten Modell TDE 750 TT rund 350 Euro teuer, mit handgeschliffenem Medusa-Abbild knapp 1000 Euro. Benannt sind die Hurricanes nach ihrer speziellen Rauchströmungstechnik. Drei winzige Lufteinschlüsse und eine dreigliedrige Form schleudern den Rauch per Zentrifugalkraft wie in einer Waschmaschine nach oben, sodass Rückstände nicht in der Lunge landen, sondern an der Glaswand kleben bleiben. Das Verfahren haben sich die Macher sogar patentieren lassen. Gesundheit ist sowieso immer mehr im Kommen in der Raucherszene. Immerhin sind ihre Pioniere schon ein bisschen in die Jahre gekommen.

Frank Fuchs hat die Rückstandsfreiheit des Rauchens auf die Spitze getrieben. Ende der Sechziger hatte er noch Pfeifen aus Urinflaschen gebastelt und an die Amerikaner in den Heidelberger Campbell Barracks verkauft. Seit den Neunzigern stellt er sogenannten Vaporizer her, die alles Mögliche zu schadstoffarmem Dampf vaporisieren. Was als skurrile Schlauchmaschine begonnen hatte, ist heute ein Hightech-Rauchgerät, das nicht nur bei Kräuterfreunden immer beliebter wird, sondern mittlerweile auch bei Krankenkassen. Die natürlichen Dämpfe ohne Dreck helfen bestens gegen Nebenwirkungen von Chemotherapien, Asthma oder Begleiterscheinungen von Multipler Sklerose. Zur baden-württembergischen Landesgartenschau hat Frank Fuchs im Jahr 2000 mit seinen Vaporizern die gesamte Singener Fußgängerzone mit Augentrost beduftet und seitdem er die Toskana-Therme in Bad Sulza rückstandsfrei einparfümiert hat, gilt er sogar als "Duftkünstler". Die Fuchs'sche Firmenhymne hat 1910 übrigens vorausschauend Christian Morgenstern gedichtet:

"Angeregt durch Korfs Geruchs-Sonaten,
gründen Freunde einen "Aromaten".
Einen Raum, in welchem, kurz gesprochen,
nicht geschluckt wird, sondern nur gerochen.

Gegen Einwurf kleiner Münzen treten
aus der Wand balsamische Trompeten,
die den Gästen in geblähte Nasen,
was sie wünschen, leicht und lustig blasen."

Dietmar und Daniel Reiß aus Böblingen sitzen nebeneinander in der Werkstatt zwischen Rohren und bunten Farbgläsern in den Regalen, Vater und Sohn, jeder an seiner Flamme. Dietmar Reiß dreht noch ein Röhrchen übers Feuer, bis es an seinem Ende rot und gelb glüht. Ob er seine Geräte schon einmal ausprobiert hat? "Nö", sagt Reiß. Es sei schon immer Nichtraucher und wegen so ein paar Kräutern fange er mit einen 70 Jahren auch nicht mehr damit an. "Aber ich liebe das Glas", sagt er. "Es ist ein besonderer Rohstoff. Schwierig, unberechenbar und sehr sensibel." Er bläst eine feine, schimmernde Blase aus dem glühenden Röhrchen, die größer und größer wird.


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