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Ausgabe 205
Schaubühne

Lauter coole Socken

Von Anna Hunger
Fotos: Joachim E. Röttgers
Datum: 04.03.2015
Gewerkschaften, schrieb das Institut der deutschen Wirtschaft Köln am vergangenen Dienstag, seien im Aufwind. Das ist eine gute Nachricht. Die schlechte: Junge Arbeitnehmer und Frauen seien unterrepräsentiert. Dabei sind Frauen nicht nur starke Kämpferinnen, sie machen Streiks und Tarifrunden auch um einiges attraktiver. Eine Gewerkschaftsfrauen-Schaubühne zum internationalen Frauentag.

Ihre Eltern haben Cheyenne Todaro vor 21 Jahren mit dem Namen eines stolzen Indianerstamms ins Leben geschickt. Seitdem streift sie mit einer Menge Kampfgeist durch die Prärie des Patriarchats und das Unterholz männlicher Überheblichkeiten, immer unter der sengenden Sonne einer vor allem für Frauen häufig immer noch ungerechten Arbeitspolitik.

Cheyenne Todaro. Foto: Joachim E. Rötters
Cheyenne Todaro. Foto: Joachim E. Rötters

Cheyenne Todaro ist eine Kämpferin. Bildhübsch, ein Derwisch, fröhlich, zackig und laut immer dann, wenn es sein muss. "Es kommt keiner und zahlt dir mehr Geld, weil du so eine coole Socke bist", sagt sie bestimmt. "Wir sind Arbeiter, wir bekommen nichts geschenkt." Sie ist eine von Tausenden Gewerkschaftsfrauen in Deutschland, die für ihre Rechte, Wünsche und Forderungen auf die Straße gehen.

"The woman worker needs bread, but she needs roses too", forderte die Gewerkschafterin Rose Schneidermann 1910 und streikte mit 20 000 New Yorker Textilarbeiterinnen für gerechte Löhne und Anerkennung. "Brot und Rosen" ist seitdem Slogan von Gewerkschaftsfrauen, Frauenrechtlerinnen und Überschrift des Internationalen Frauentags am 8. März. 105 Jahre ist das her. Heute kämpfen Frauen immer noch für dasselbe. Für Brot mit guten Arbeitsbedingungen und gerechtem Entgelt. "Für die Rosen sorgen wir Frauen in der heutigen Zeit häufig selbst", sagte Monika Lersmacher
, Frauenbeauftrate der IG Metall Baden-Württemberg, in einer Rede 2012. Und fügte noch etwas abgewandelt den L'Oréal-Slogan hinzu, jahrelang von Claudia Schiffer durch den Fernsehbildschirm gehaucht: "Weil wir es uns wert sind."

Dass sie etwas wert ist, für das sich zu kämpfen lohnt, hat die Vollblut-Gewerkschafterin Cheyenne Todaro früh gelernt. Sie kommt aus einer Arbeiterfamilie, Taschengeld gab es gegen kleine Leistungen wie einkaufen oder Spülmaschine ausräumen. Nach der Grundschule hat sie sich, anstatt die empfohlene Hauptschule zu besuchen, gegen ihre Lehrer durchgesetzt und sich auf die Realschule geboxt, mit 16 dann Ausbildung bei Daimler Mannheim als Kfz-Mechatronikerin. "Rumschrauben an Autos ist meine Leidenschaft", sagt sie. Das sei so, seitdem sie als Kind das erste Mal mit dem Vater unter dessen altem Ford Mustang gekrochen war.

Vom ersten Tag im Betrieb war Todaro Gewerkschaftsmitglied. Damals zwar kaum mit politischer Vorbildung gesegnet, aber mit dem indifferenten, aber unumstößlichen Gefühl im Bauch, dass es zwischen Mensch und Kapital eine sehr große Kluft gibt.

Sie war ein Mädchen unter Männern. In der Berufsschule war sie die einzige Frau unter 25 Jungs. Alle viel älter, alle der klassischen Meinung, als Frau habe man eh keine Ahnung von Autos. Im Betrieb war sie der "Stift", die Azubine, die von all den Männern als Springer benutzt, rumgescheucht und abgestellt werden konnte, wie es gerade passte. Wenn da einer den Mund aufmachte, sagt sie, habe der gleich schlechte Bewertungen vom Ausbilder bekommen.

Ungerecht und unerhört fand sie das damals und hat sich als Jugendvertreterin im Betriebsrat aufstellen lassen. 2011 ist sie ins Gremium nachgerückt, seit 2012 ist die Vorsitzende der Jugend- und Auszubildendenden-Vertratung im Mercedes-Benz-Werk Mannheim. Wenn man sie fragt, in wie vielen Gremien sie mittlerweile sitzt, grübelt sie "eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs, sieben ..." es gibt kaum eines in der IG-Metall-Jugend, das ohne sie tagt.

Cheyenne Todaro kämpft für bessere Ausbildung, weil Bildung an sich Grundlage ist für das Dazugehören und die Zufriedenheit. Sie kämpft für gerechte Arbeitszeiten, für gerechte Bezahlung, für Integration von Behinderten und Ausländern, sie kämpft für gerechte Löhne, für Arbeit, die mit Leben vereinbar ist, für diejenigen, die sie früher belächelt haben, und für Solidarität, "weil das ein unumstößlicher Grundwert ist". "In den Jahren der Gewerkschaftsarbeit habe ich Blut geleckt. Es gibt nichts, was ich lieber machen möchte als diesen Job." Brot und Rosen. Nicht nur, weil sie es sich wert ist, sondern weil es auch alle anderen wert sind.


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