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Ein Lob der Lederhose

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Zur Volksfestsaison feiert der Trachtenwahnsinn wieder schrille Triumphe. Dabei sind Entsetzen und Geschrei über vermeintliches Pseudo-Volkstum ein alter Hut. Schon der Klerus und die Nazis haben sich an dem Trachtenthema abgearbeitet.

Wenn es wieder dirndlt und lederhoselt in den Stadtbahnen der Landeshauptstadt – der baden-württembergischen wohlgemerkt – weiß ein Jeder: Das Cannstatter Volksfest hat begonnen. Karohemd und Krachlederne surfen auf einer Riesenwelle. Doch der Trachten-Tsunami kündigt sich inzwischen Monate vorher an. Einzelhandelsgeschäfte wie Breuninger räumen ganze Etagen für die Saisonware frei, und dort, wo früher Teppichgalerien gefühlt jahrzehntelang Räumungsverkauf plakatierten, steht jetzt Trachtiges im Schaufenster. Reflexartig kommen dann von Nicht-Tracht-Trägern Kommentare, die in ihrer verächtlichen Tonlage an Sprüche vom Format "Eigentlich schaue ich nur Arte und 3Sat" erinnern. Originalzitat vom 2. Oktober, Frau Mitte 50 zu (ihrem?) Mann Mitte 60 vor dem Schaufenster eines Ladens in der Calwer Straße: "In München lasse ich mir das noch gefallen, aber in Stuttgart hat das doch keinerlei Tradition."

Der historische Wahrheitsgehalt dieser Aussage tendiert allerdings gegen null. Oder beginnt Tradition schon mit den so genannten Nuller-Jahren? Bis zur Jahrtausendwende war auf dem Münchner Oktoberfest die Lederhose ein Exot, und ein Dirndl war die Arbeitskluft von Bedienungen. Heute hat es das Dirndl bis in die Maschinen der Lufthansa als Borduniform der Flugbegleiterinnen und in den Reichstag geschafft. Dort musste sich allerdings die Dirndl-tragende Staatssekretärin Dorothee Bär (CSU) von der Grünen-Abgeordneten Sylvia Kotting-Uhl per Twitter sagen lassen, sie sei "rückständig". Die Gescholtene keilte zurück: "Spießer." Immerhin verdanken beide Politikerinnen dieser tiefgründigen Debatte einen wenn auch kurzen Popularitätsgewinn. Fehlt nur noch der Gleichstellungsbeauftragte, der sich für das Recht auf Lederhose im Bundestag starkmacht.

Die Deutungshoheit über den Hosenlatz hat schon so mancher Zeitgenosse für sich reklamiert. So ließ sich in den 1920er-Jahren ein aufstrebender Politiker im heimatlichen Gewand fotografieren, um mittels der Aufnahmen seine Wirkung auf das deutsche Volk zu ermitteln. Die Bilder zeigen Adolf Hitler in der sogenannten Kurzen an einen Baumstamm gelehnt. Das Ganze sollte wahrscheinlich irgendwie bodenständig und lässig wirken, kam aber dann doch reichlich verklemmt rüber. Instinktsicher ahnte der Führer, dass die Fotos "unter seiner Würde" seien und ließ sie im Giftschrank seines Leibfotografen Heinrich Hoffmann verschwinden.

Der Lederhose blieb somit eine Karriere als großdeutscher Freizeitlook für den korrekt gekleideten Volksgenossen erspart. Das Dirndl hingegen wurde zum reichsweiten Renner. Dabei hatte bereits das Singspiel "Im weißen Rössl" inklusive Verfilmung in den frühen Dreißigerjahren die Erfolgsspur für das Kleidungsstück gelegt. Die alpenländische Mode schwappte sogar über den Atlantik und wurde in den USA als "Bavarian Style" gefeiert. Daheim bekam das Kleid mitsamt Schürze in den Folgejahren zwangsläufig braune Flecken. Bildbeiträge vom Obersalzberg dokumentieren die Frauen der NS-Bonzen als fesche Dirndlträgerinnen und in den Bunkerszenen aus den letzten Tagen des tausendjährigen Reichs im Kinofilm "Untergang" hüpft eine Eva Braun im Kleid ihrer bayerischen Heimat durch die apokalyptische Szenerie.

Die Nazis hatten die Tracht als Mittel der Zugehörigkeit zum Volk und umgekehrt zur Ausgrenzung alles Nicht-Völkischen brutalstmöglich missbraucht. An vorderster Front dieser Schlacht taten sich die angeschlossenen Österreicher aus der Region Salzburg hervor. Dort mokierten sich die selbst ernannten Bewahrer der richtigen Tracht bereits seit vielen Jahren über die Sommerfrischler – vor allem aus der fernen Hauptstadt Wien. Die trugen in den Kur- und Badeorten zwischen Mondsee und Altaussee gerne zum Janker eben Dirndl oder Lederhose und deckten sich gerne in großen Konfektionshäusern ein, die das Trachtige in einer modernisierten Form in großer Auswahl im Sortiment hatten.

Wenn sowohl Kaufhausbesitzer als auch Käufer dann womöglich noch Juden waren, ergab sich ein perfektes Feindbild. "Die einzige Tracht, die diese Typen verdienen, ist eine Tracht Prügel", hetzte eine NS-Zeitschrift. Sofort nach dem Anschluss an das Deutsche Reich wurde im Gau Salzburg eine "Trachtenverbot" gegen Nicht-Arier erlassen. Ein reichsweit geltender Gesetzentwurf trat nur wegen des Kriegsbeginns nicht mehr in Kraft.

Die Tracht als attraktive Allerweltskleidung war somit erst einmal diskreditiert. Nur die Traditionalisten, die sich in den Trachtenvereinen ballten, hielten ihr die Treue. Diese organisierten Trachtler bilden seit über 100 Jahren die Speerspitze im Kampf um das vermeintlich korrekte Gewand. Dabei war das Faible für die Tracht häufig auch nur ein Aspekt einer für das Zeitalter der Industrialisierung typischen, romantischen Verklärung der guten alten Zeit. Textiler Antipode war in den Gründerzeiten in Süddeutschland die Lodenhose. "Selbst der Eunuch, der Hodenlose, trägt von Frey die Lodenhose", reimt man heute noch in der Bayernmetropole. 

Im Trachtenstreit bildeten sich bei den Wittelsbachern und Habsburgern ganz ungewohnte Allianzen. Gegen die zu Ende des 19. Jahrhunderts aufkommende Mode, statt der bis dahin dominierenden Bundhose auf einmal kniefreie Hosen – sogenannte Plattler – zu tragen, wetterte anfangs noch die katholische Kirche. Gegen den "Sittenverfall" predigten die Geistlichen im Oberland – und rührten mit ihrer Suada unfreiwillig die Werbetrommel für die kurzen Hosen. Der Klerus musste erleben, dass sich Kaiser Franz Joseph oder Prinzregent Luitpold in Bayern mit dem Landvolk solidarisierten und sich ebenfalls kurzbehost zur Jagd aufmachten. In der Folge mussten sich auch die Hofschranzen beim Landausflug die Krachledernen überstreifen. Das Bürgertum aus den Metropolen München und Wien nahm diesen angeblich ländlichen Look in den Sommerferien begeistert an. Der Keim für den Trachtenboom war gesetzt, der erst mit den Nazis seinen Höhe- und Tiefpunkt erlebte.

Nach dem Krieg lebte zwar die Kinderlederhose noch weiter in den Aufbau- und Wirtschaftswunderjahren. Ihre Vorteile sind ja auch nicht von der Hand zu weisen. Unverwüstlich, auch nach hundertfachem Sturz auf den Hosenboden, abwaschbar und sie sieht zudem gerade nach langem Tragen immer besser aus. Mit dem Prädikat "schön speckig" wird die Hose heute noch geadelt. Doch gegen die globale Konkurrenz war sie ohne Chance. Mit den Siegermächten hielt eine andere Arbeitshose ihren triumphalen Einmarsch in die Kleiderschränke der Nachkriegsdeutschen. Jeans war cool, und Lederhose galt als vorgestrig. Mit der Sexfilm-Reihe aus den 70er-Jahren, "Liebesgrüße aus der Lederhose", war das gute Kleidungsstück endgültig zur Deppenkluft für den brunftgeilen Schnellvögler verkommen.

Tempi passati. Ein Jugendlicher muss heute schon viel Selbstbewusstsein aufbringen, um ohne Lederhose oder Dirndl auf die Wiesn oder den Wasen zu gehen. Das "Süddeutsche Zeitung Magazin" qualifizierte bereits 2010 das Dirndl etwas schief als "bayerische Burka" und befürchtete, "wenn es so weitergeht, trägt bald der Rest der Republik Dirndl und Lederhose". Diese Vorhersage hat sich für den südlichen Teil der Republik erfüllt. Ob sich diese Massenbewegung irgendwann einmal dreht, bleibt abzuwarten. Wiederum die "Süddeutsche" glaubt modeseismografisch bereits zu erkennen, dass die wahren Trendsetter schon heuer in Zivil auf das Oktoberfest gehen. Das klingt allerdings eher noch einem frommen Wunsch einer mehrheitlich immer noch unbe(leder)hosten Redaktion. Dabei sind die wahrhaft lässigen Lederhosen-Avantgardisten selbst heute noch ziemlich unentdeckt. Der Oberbayer, Radikalpazifist, Chronist der Münchner Räterepublik und von den Nazis exilierte Schriftsteller Oskar Maria Graf trug seine Lederhose auf dem Moskauer Schriftstellerkongress 1934 genauso wie an seinem endgültigen Fluchtpunkt in New York. Aus Heimweh nach seiner verlorenen Heimat.


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31 Kommentare verfügbar

  • Jupp
    am 14.10.2014
    Antworten
    @someonesdaughter
    Sie können sich Seitenweise an mir und meinem Pseudonym abarbeiten.
    Es bleibt dabei: Es ist mir wurscht wer hinter someonesdaughter steckt. Es bringt mich nicht aus der Fassung, wenn jemand eine andere Meinung hat. Wir sind alle Individuen.
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