Die Zierschale fehlt noch. Aber seit vergangener Woche steht auf dem Stuttgarter Wasen wieder eine Fruchtsäule. Die alte war über 50 Jahre alt, da war es Zeit für eine Erneuerung. Während auf dem Stuttgarter Volksfest heute eher Überfluss und Exzess gefeiert werden, liegen die Ursprünge der Tradition in einer Hungersnot: 1816 galt als das "Jahr ohne Sommer", nachdem ein Vulkanausbruch in Indonesien die Atmosphäre im globalen Maßstab verdunkelte, und Missernten in verschiedensten Erdregionen zum Verlust der Heimat führten. Allein aus Württemberg machten sich über 17.000 Wirtschaftsflüchtlinge auf die Suche nach einem besseren Leben. Heute sind es die Jahre mit Sommer, in denen es sich in der vertrauten Umgebung nicht mehr aushalten lässt. Und erneut macht die Ernte Probleme.
Andreas Siegele, der städtische Obstbauberater, hat kürzlich der "Stuttgarter Zeitung" geschildert, es leide "gerade alles": egal welche Obstart, ob große alte oder junge kleine Bäume. Nur den Feigen geht es gut. Der Förderkreis Stuttgarter Apfelsaft rechnet für die Saison mit miserablen Erträgen, auch bei Birnen und Quitten sind die Prognosen düster. Nutzpflanzen bekommen Sonnenbrand, neben Süßkirschen und Johannisbeeren sind auch Gemüsesorten und Getreide im Allgemeinen betroffen. Am vergangenen Freitag hat Baden-Württembergs Landwirtschaftsministerium den Katastrophenfall für Ökobetriebe ausgerufen. Kühen, Schweinen und Ziegen geht das Futter aus, Reserven für den Winter werden bereits angezapft. Besonders überraschend ist das alles nicht, auch wenn einige Politnasen derzeit weismachen wollen, dass den Klimawandel ja niemand kommen sehen konnte.
Auf einmal quengelt die Wirtschaft: He, da ist ja gar kein Wasser mehr im Rhein! Wie sollen da jetzt unsere Frachtschiffe weiterkommen? Auf einmal soll es ganz selbstverständlich jene Politik richten, die sich ansonsten überall raushalten soll, da der Markt ja alles von alleine regele und Eingriffe des Staates da nur stören würden – zum Beispiel lästige Umweltauflagen – reine Schikane, um die Industrie kaputt zu machen…
Vielleicht lag es aber gar nicht allein an grünem Autohass, dass umfassend informierte Bürger:innen sich schon vor Jahrzehnten dafür stark gemacht haben, vermehrt auf Elektromobilität statt Verbrenner zu setzen. Vielleicht war es keine gute Idee, eine Gas-Lobbyistin zur Wirtschaftsministerin zu machen, die nun den Ausbau erneuerbarer Energien sabotiert. Und vielleicht war Robert Habecks Wärmepumpe eigentlich eine ziemlich gute Idee – da gibt es endlich mal eine großartige Innovation für mehr Klimaschutz, doch statt Technologieoffenheit zu demonstrieren, strengt die neurechte Publizistik eine Schmutzkampagne an.
Blackrock-Chef Larry Fink, der vielleicht größte Kapitalist auf diesem Planeten (und damit hoffentlich im ganzen Universum), hat in einem offenen Brief schon 2020 vorgerechnet, warum Nachhaltigkeit auch aus unternehmerischer Sicht ein wichtiges Kriterium für Investitionen sein kann: Weil die Frage drängt, wie sich "Inflationsraten und damit auch die Zinsen entwickeln, wenn die Lebensmittelpreise infolge von Dürre und Überschwemmungen steigen". Oder wie das mit langjährigen Verträgen, etwa Hypotheken über 30 Jahre, weitergehen soll, "wenn Kreditgeber nicht mehr in der Lage sind, die Folgen von Klimarisiken über einen derart langen Zeitraum abzuschätzen".
Dass es fast immer teurer wird, nicht präventiv in Klimaschutz zu investieren, sondern später für die Folgeschäden zu blechen – das gehört zum Basiswissen der Fridays-for-Future-Schulschwänzer:innen. Nicht angekommen ist es bei der Stuttgarter CDU, die einen ebenso erwartbaren wie dummen Vorschlag in die Debatte eingebracht hat. Weil die Stadtkasse leer ist, solle Stuttgart die Klimaschutzziele am besten ganz aufgeben und das gesparte Geld lieber für Hitzeanpassung ausgeben. Dass Klimaschutz die Industrie gar nicht mutwillig gefährdet, sondern eine Grundvoraussetzung für eine langfristig funktionierende Industrie wäre – dieser Schluss ist eigentlich nicht besonders anspruchsvoll, aber bekanntlich senkt große Hitze die Urteilskraft. Und der Stuttgarter Kessel glüht wahrscheinlich schon zu heiß, als dass die konservative Bagage hier noch die einfachsten Zusammenhänge erkennen könnte.




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