Manchmal fehlen einem einfach die Worte. Bernd Sautter, unser Kolumnist und liebgewonnener Autor und Kollege, ist tot. Gestorben mit 59 Jahren, viel zu früh. Anfang 2025 ist Bernd per Mail in der Redaktion aufgeschlagen mit den klaren Worten: "Ihr braucht mehr Sport!" Ein bisschen hat es noch gedauert, bis im Oktober dann seine Kontext-Kolumne "grob unsportlich" startete. Die erste Folge, "Foul am König", fing so an: "Gute Ratschläge am Beginn einer neuen Kolumne: Achte darauf, alle mitzunehmen. Lass niemanden zurück. Mach jeder und jedem ein Angebot. Denk auch an die Minderheiten, also zum Beispiel die bürgerliche Mitte, die Heterosexuellen und Normalbegabten. Begeistere mit deiner neuen Sportkolumne auch die sportfernen Personen. Gerade diese Leute sollst du umarmen. Also all diejenigen, die nicht mal vom Sofa aus zusehen wollen, wie Ausnahmetalente utopische Rekorde brechen, ihre eigenen Grenzen verschieben oder einfach einem Ball hinterherlaufen." Uns, die eher sportferne Kontext-Redaktion, hatte er sofort. Mit dem feinen Humor in seinen Texten, dieser liebevollen Art der Beleidigung, wo eine angebracht war, viel Wissen, viel Engagement, viel Herz. Das war Bernd. Wir werden ihn sehr vermissen und wünschen seiner Familie und seinen Freunden viel Kraft. Den Nachruf auf unseren Kollegen hat ein guter Freund von ihm, der Journalist Bernhard Ubbenhorst, in dieser Ausgabe geschrieben.
Verschlossene Austern zuhauf
Ganz inspiriert sind die Kontext-Redakteurinnen Anna Hunger und Gesa von Leesen von der Jahreskonferenz von "Netzwerk Recherche" (NR) in Hamburg zurückgekommen. Zwei Tage lang beschäftigten sich 800 Journalist:innen auf dem Gelände des NDR mit Recherche. In mehr als 100 Panels ging es um Datenjournalismus, Klimarecherche, internationale Zusammenarbeit und und und. Auch Anna Hunger diskutierte auf einem Podium mit Kolleg:innen: über das "Berichten im Lokalen über Landtagswahlen und AfD". Dabei zeigte sich deutlich, wie schwierig diese Aufgabe für lokale Medien gerade in Ostdeutschland ist. Gesa von Leesen nahm teil an einer Gruppendiskussion für ein Forschungsprojekt der Uni Hamburg und NR über die Spaltung der Gesellschaft und die Rolle von Medien. Netzwerk Recherche vergibt auf der Konferenz zudem die Verschlossene Auster für den Informationsblockierer des Jahres. Gewinner 2026: Berlins Regierender Bürgermeister Kai Wegner.
Transparenzvereitler bei der S-21-Volksabstimmung
Im Juni 2012 ging die Verschlossene Auster an die FIFA, ein würdiger Kandidat hätte auch die SPD Baden-Württemberg sein können. Beziehungsweise deren damaliges Führungspersonal in der grün-roten Landesregierung. Denn das hatte vor der Volksabstimmung über einen Ausstieg des Landes aus Stuttgart 21 im November 2011 viel dafür getan, keine Transparenz entstehen zu lassen. Interessante neue Details dazu lieferte Hartmut Bäumer, von 2011 bis 2014 Amtschef im von Winfried Hermann geführten baden-württembergischen Verkehrsministerium. Bäumer sprach am vergangenen Montag auf der 809. Montagsdemo gegen Stuttgart 21, und was er da erzählte, mochten zwar viele – auch wir bei Kontext – geahnt haben, so deutlich war es aber bislang nicht zu hören.
Die SPD organisierte ab Sommer 2011 gemeinsam mit CDU und FDP, tatkräftig unterstützt von der Deutschen Bahn, die Kampagne gegen den Ausstieg. Zu den Kosten und der Bauzeit "scheuten die Befürworter eine transparente und auf Fakten beruhende Auseinandersetzung", sagt Bäumer – soweit bekannt. Offiziell ging es damals laut Bahn um rund 4,5 Milliarden Euro Gesamtkosten und eine Bauzeit bis 2019. "Dem MVI, dem damaligen Verkehrsministerium, und mir als Amtschef lag demgegenüber ein ausführliches Gutachten der Münchner Bahnsachverständigen Vieregg-Rössler vor, wonach von etwa sieben Milliarden Euro ausgegangen werden müsse", erzählt Bäumer. Doch dieses Büro hatte zu oft Planungen der DB mit zutreffenden Zahlen durchkreuzt. Die Folge: "Auf Veranlassung der SPD einigte man sich in der Landesregierung, dass das Vieregg-Rössler-Gutachten und andere kritische Berichte nicht offiziell durch das MVI in die öffentlichen Diskussionen eingebracht wurde, um die Koalition nicht zu gefährden."
Die Volksabstimmung ging wie bekannt aus, S 21 wurde weitergebaut. "Gelitten hat aber mit diesem Vorgehen aus Angst vor dem Souverän die Demokratie selbst und der Glaube daran, dass in ihr immer mit 'offenem Visier'" gestritten wird, so Bäumers düsteres Fazit. Aktuell liegen die Prognosen in puncto Kosten bei bis zu 14,5 Milliarden Euro, Bauzeit: bis Ende 2031.
Hier geht's zu Hartmut Bäumers Rede-Manuskript und hier zum Video.




3 Kommentare verfügbar
-
Antworten
In Sachen Bäumer-Rede zog es mir gerade die Pantoffeln aus. Meiner Meinung nach sollte sich der ehemalige Amtschef im Verkehrsministerium und ehemalige Vorsitzende von Transparency International Deutschland e.V. eine sinnvollere Tätigkeit suchen, als sich öffentlichkeitswirksam mit Krokodilstränen…
Kommentare anzeigenHelga Stöhr-Strauch
vor 10 Stunden