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Luigi Pantisano

Der streitlustige Stratege

Luigi Pantisano: Der streitlustige Stratege
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Der Stuttgarter Bundestagsabgeordnete Luigi Pantisano will Vorsitzender der Linken werden. Bekannt ist er für spektakulären Protest und angriffslustige Rhetorik. Zugleich hat er noch eine andere Seite.

Neben veganer Ernährung und Gendersternchen geht auch vom Lastenrad eine erhebliche Triggergefahr aus: Oft reicht schon die Erwähnung, um Aufruhr zu verursachen – die Sichtung eines Lastenrads provoziert bei Teilen der Gesellschaft Unverständnis, Hohn oder blanken Hass. Luigi Pantisano freut sich hingegen jedes Mal, wenn er eines im Stuttgarter Westen sieht. Denn oft bedeutet das: ein Auto weniger.

Es ist das erste Beispiel, das Pantisano im Gespräch mit Kontext einfällt, um den Wechsel von der Kommunalpolitik auf die Bundesebene zu veranschaulichen. Nach knapp zehn Jahren als Stadtrat in Stuttgart ist er 2025 in den Bundestag eingezogen und dort seitdem verkehrspolitischer Sprecher der Linken. Als er noch im Gemeinderat saß, sagt Pantisano, konnte er "die Auswirkungen unserer Entscheidungen viel direkter auf der Straße sehen". Etwa als nach einer hitzigen Debatte die Mehrheit dafür stimmte, die städtische Lastenradförderung um einen Nachhaltigkeitsbonus zu ergänzen: Familien und Alleinerziehende, die über drei Jahre kein Auto angemeldet hatten, konnten nach dem Erwerb eines Lastenrads eine Prämie von 600 Euro beantragen – mit spürbaren Folgen für den Stuttgarter Westen. 

Im Vergleich dazu, sagt der 46-Jährige, sei die Bundespolitik viel abstrakter. Da werde über gewaltige Summen verhandelt. Aber wo die sich wie genau auswirken, lasse sich im Alltag nicht so leicht nachvollziehen. "Und der Bundestag ist wie ein UFO. Da gibt es ganz viele Eingänge, aber wenn man einmal drin ist, ist alles unterirdisch miteinander verbunden – dort können Menschen den ganzen Tag verbringen ohne Kontakt zur Außenwelt." Der Tagesablauf sei für Abgeordnete normalerweise dicht getaktet mit Gesprächen, Beratungen und Sitzungen und der Arbeit im Büro. Nach Feierabend, schildert Pantisano, "bestellen sich die meisten dann einen Fahrdienst: Der Chauffeur hält die Tür auf und fährt dich nach Hause". So bekämen sie nichts mit von überfüllten Bussen und unpünktlichen Straßenbahnen. Sie würden nicht erleben, was gerade die Gesprächsthemen in den Cafés sind. "Sondern du hältst dich nur in dieser Blase auf – die meines Erachtens irgendwie nicht mehr so richtig auf dem Schirm hat, wie Politik gerade bei der Bevölkerung ankommt." 

Öffentlichkeit herstellen: Das kann er

Nun reden zwar nicht nur Abgeordnete der Linken mit normalen Leuten, und es ist als Oppositionspolitiker auch nicht besonders originell, sich selbst als bürgernah und die Regierung als abgehoben darzustellen – aber Pantisano untermauert das Bild mit ein paar handfesten Argumenten. Über die letzten Monate hat er viele Firmenstandorte besucht, die von Schließungen betroffen oder bedroht sind: Stahlwerke, Logistik-Unternehmen, Bosch in seiner Geburtsstadt Waiblingen. "Und alle sind immens wütend auf das, was die Bundesregierung macht. Weil das hier diejenigen sind, die jeden Tag den Laden am Laufen halten mit ihrer Arbeit. Die irgendwie über die Runden kommen müssen, weil das Geld kaum noch zum Leben reicht – und dann kommt die Bundesregierung jeden Tag um die Ecke mit neuen Ideen: Jetzt sollt ihr statt acht Stunden 13 Stunden arbeiten, mit dem Vorwurf, sie würden nur so tun, als seien sie krank. Übrigens leben wir alle auch zu lang und sollen erst mit 70 Jahren in Rente gehen."

Der wachsende Frust spiele der AfD in die Karten und befördere autoritäres Denken. Pantisanos Gegenstrategie hat zwei Kernelemente: Das Klassenbewusstsein schärfen, und selbst eine andere Politik verkörpern. Denn die Streichungen bei der staatlichen Daseinsfürsorge würden laut Pantisano insbesondere Mittelstand und Einkommensarme belasten, während die großen Vermögen weiterhin geschont würden – so dass die Zahl der Millionäre wächst und zugleich die Armut zunimmt. Gegen diese Entwicklung will er mehr Protest auf den Straßen organisieren – erst recht, wenn er beim Parteitag der Linken an diesem Wochenende in Potsdam zum neuen Co-Vorsitzenden neben Ines Schwerdtner gewählt wird.

Eine andere Politik verkörpern, heißt für Pantisano unter anderem, dass pro Monat etwa 1.000 Euro aus seiner Abgeordnetendiät in einen Sozialfonds wandern. Damit wurden zum Beispiel Menschen freigekauft, die inhaftiert waren, nachdem sie ohne gültiges Ticket Straßenbahn gefahren sind. Ein andermal wurde einer von Armut bedrohten Frau eine Waschmaschine gesponsert. Manches davon folgt dem Motto: Tue Gutes und sorge dafür, dass drüber berichtet wird.

Öffentlichkeit herstellen – das ist Pantisano bereits als Stadtrat geglückt: Als zwei junge Familien 2018 im Stuttgarter Süden leerstehende Wohnungen besetzt hatten, gesellte sich Pantisano dazu und trug zum Einzug ein rotes Regal in die neue Bleibe (dem bei linken Umtrieben sehr aufmerksamen Verfassungsschutz ist diese Aktion nicht entgangen, Pantisano musste später wegen Hausfriedensbruch eine Geldstrafe zahlen). Ein Jahr später rief Pantisano mit Komplizen zum organisierten Schwarzfahren auf – und als der Trupp mit seinen Transparenten den Ärger der örtlichen Verkehrsgesellschaft provozierte, entstand Tumult, auch die Polizei war am Start. Die Aktivist:innen für kostenlosen Nahverkehr streamten ihre Aktion bei Facebook. Und Pantisano rief: "Was passiert wohl als nächste Eskalationsstufe? Schicken sie jetzt das SEK?"

Kompromisslose Visionen

Mit dabei war Pantisanos Kollege und Freund Hannes Rockenbauch, seit 22 Jahren Stadtrat für das parteifreie Bündnis Stuttgart Ökologisch Sozial (SÖS). Die beiden haben sich im Architekturstudium kennengelernt, machten schon in der Hochschulpolitik gemeinsame Sache, später bezogen sie ein gemeinsames Atelier. "Luigi erkennt Konfliktlinien und weiß, sie zu politisieren", sagt Rockenbauch. "Zum Beispiel wenn bei der Ausländerbehörde wieder nichts funktioniert – dann macht er das so zum Thema, dass es Aufmerksamkeit bekommt." Aber hinter der Schlagzeile, hinter den kernigen Zitaten, die medial verbreitet werden, sei Pantisano mehr als nur ein Empörer: "Ein politischer Workaholic, der richtig was wegschafft: mit Strategie und Kompetenz." Er stehe für gesellschaftspolitische Visionen und habe dabei die Fähigkeit, Spannungen zwischen Gruppen auszuhalten: "Luigi kann Leute knallhart angehen, und am nächsten Tag trinkt er Kaffee mit ihnen."

Einer, der diese Einschätzungen in der Tendenz bestätigt, ist Alexander Kotz – auch wenn er politisch aus einer ganz anderen Ecke kommt. Kotz ist seit 16 Jahren Fraktionsvorsitzender der CDU im Stuttgarter Gemeinderat, in dieser Funktion ist er mehrfach mit Pantisano aneinandergeraten. Trotzdem ist er mit "dem Luigi" per Du: "Wenn man die politische Diskussion mal ausklammert, ist das eigentlich ein netter Kerl." In der Sache gebe es zwischen den beiden gravierende ideologische Unterschiede. Dennoch beschreibt er Pantisano als "sehr engagiert", er sei "mit Leib und Seele dabei" und: "Bei allen politischen Meinungsverschiedenheiten hatte ich nie den Eindruck, dass er nicht in den Themen drin wäre." Zum Beispiel wenn es wegen Stuttgart 21 zum Scharmützel mit Oberbürgermeister Frank Nopper (CDU) kam. 

Als Parteivorsitzender in der Opposition werde Pantisano sicher "einen guten Job" machen, vermutet Kotz. Weniger gut kann er ihn sich als Regierungspolitiker vorstellen, neben dem Predigen der reinen Lehre müsse in einer Demokratie auch vermittelt werden: "Bei aller Wertschätzung habe ich ihn nicht als jemanden wahrgenommen, der Kompromisse sucht." Das zeige sich gerade bei den Haushaltsberatungen: Im Stuttgarter Gemeinderat gibt es eigentlich eine ökosoziale Mehrheit, die auch gelegentlich zusammenarbeitet. Aber sobald es um Finanzen geht, gestaltet sich die Kooperation zwischen Linken und Grünen schwierig bis unmöglich. 

Sensation nur knapp verpasst

Zumindest in Stuttgart – da zieht Pantisano vom Leder: Hier wären die Grünen ja auch super konservativ und gerade bei sozialpolitischen Fragen oft "noch uneinsichtiger als die CDU". In Konstanz hat er es hingegen geschafft, das linksgrüne Spektrum hinter sich zu vereinen. Und um ein Haar wäre Pantisano dort eine Sensation geglückt: als erster Oberbürgermeister der Linken überhaupt im strukturkonservativen Baden-Württemberg. 

Neben Architektur studierte Pantisano auch Stadtplanung, 2008 endete das mit einem Abschluss als Diplom-Ingenieur an der Universität Stuttgart. Ein Jahr später trat er seine erste Stelle an: als Quartiersmanager in Konstanz, wo er die theoretischen Kenntnisse in der Praxis anwenden konnte. 2015 heuerte Pantisano dann als politischer Geschäftsführer bei der Fraktionsgemeinschaft SÖS-Linke-PluS im Stuttgarter Gemeinderat an, wurde bei der Kommunalwahl im darauffolgenden Jahr selbst zum Stadtrat gewählt und arbeitete ab 2017 als wissenschaftlicher Mitarbeiter bei dem Stuttgarter Bundestagsabgeordneten Bernd Riexinger, dem damaligen Co-Vorsitzenden der Linken neben Katja Kipping. 

2020 war dann die Rückkehr nach Konstanz geplant: Als Oberbürgermeister-Kandidat setzte er auf Umweltschutz und bezahlbare Mieten und forderte den Amtsinhaber Uli Burchardt (CDU) heraus. Im ersten Wahlgang lag Pantisano vorne, ohne eine absolute Mehrheit zu erreichen. Das Ergebnis sorgte für bundesweite Schlagzeilen, der "Spiegel" sah sich genötigt, vor dem "Genossen Camouflage" zu warnen, weil dieser bemüht gewesen sei, im OB-Wahlkampf seine Parteimitgliedschaft bei der Linken so gut wie möglich zu verheimlichen. In dem Bericht stimmen diverse Konservative überein, dass Pantisano "nicht der Kandidat der politischen Mitte" sei, "sondern ein klassischer linker Aktivist" in einer Partei, in der so manch ein Genosse Autokraten umgarne. Im zweiten Wahlgang gewann schließlich Burchardt Amtsinhaber knapp. 

Der Wahl steht wenig im Weg

Dass ein paar Autokraten umgarnende Genoss:innen die Linke inzwischen verlassen haben, hängt indessen auch mit Pantisanos parteiinternen Engagement zusammen: Er war nicht nur an der Gründung des migrantischen Zusammenschlusses LinksKanax beteiligt, sondern auch beim Aufbau der Strömung Bewegungslinke, die sich offensiv gegen das Wagenknecht-Lager in der Partei positionierte und auf eine Abspaltung hinwirkte – die mit der Gründung des BSW im Januar 2024 vollzogen wurde. 

Bei der Bundestagswahl 2025 hat Pantisano den Wahlkreis Stuttgart von seinem Ex-Chef geerbt. Dass er auch beim Parteivorsitz Bernd Riexingers Nachfolge antreten könnte, sei so nicht geplant gewesen, versichert er – und macht zugleich kein Geheimnis daraus, wie stolz er auf seine Aufstiegsgeschichte ist: Als Sohn sogenannter Gastarbeiter aus Italien gibt es keine Jugendbildnisse von Pantisano vor einer Hausbibliothek. Nach der Grundschulempfehlung besuchte er zunächst eine Hauptschule, seitdem hat er sich mit Fleiß und Leistungswillen raufgeboxt. 

Bei einer solchen Biografie bedauert Pantisano es mindestens doppelt, welche Beliebtheitswerte die AfD aktuell in der Arbeiterschaft einfährt – weil die Partei nicht nur rechtsextrem, sondern auch zutiefst neoliberal ist. Pantisanos Weggefährte und Freund Rockenbauch sagt: "Ich kenne niemanden, der ‚keinen Millimeter nach Rechts’ so verkörpert wie Luigi." CDU-Politiker Kotz bestätigt, dass es seit Pantisanos Abschied aus dem Gemeinderat weniger Zwischenrufe bei AfD-Reden gibt. 

S-21-Untersuchungsausschuss?

Als verkehrspolitischer Sprecher der Linken im Bundestag hält Pantisano das Projekt Stuttgart 21 für eine Katastrophe. Erst kürzlich wurde wieder einmal bekannt, dass sich die Inbetriebnahme des Stuttgarter Tiefbahnhofs erneut drastisch verzögert und die nächste Kostenexplosion mit zusätzlichen Mehrkosten von weiteren drei Milliarden Euro bevorsteht. Pantisano spricht inzwischen von einem der "größten politischen und wirtschaftspolitischen Skandale der deutschen Geschichte" und fordert, dass Untersuchungsschüsse auf Bundes- und Landesebene das Gesamtprojekt auf den Prüfstand stellen. Laut Pantisano sei es auch im Interesse der Bundesregierung, dafür zu sorgen, "dass sowas nicht noch einmal passiert". Dennoch ist unwahrscheinlich, dass ein Untersuchungsausschuss im Bundestag zustande kommt: Für das nötige Quorum bräuchte der Antrag der Linken Stimmen aus der AfD-Fraktion. Das schließt Pantisano kategorisch aus. Dem SWR gab er dazu kürzlich ein umfangreiches Interview .  (min)

In der Kommunikation mit den Rechten ist Pantisanos Tonfall nicht immer der diplomatischste. 2018 adressierte er den amtierenden US-Präsidenten Donald Trump über Facebook: "Hey Du blödes Arschloch aus Washington, halt endlich Deine Fresse." 

Mit weiteren Kontroversen ist zu rechnen. Ein besonders großes Pulverfass ist der Nahost-Konflikt in der Linken. Pantisano ist froh über den Mitgliederzuwachs, den die Partei seit der Bundestagswahl verzeichnet: Die Linke werde dadurch jünger, weiblicher und migrantischer. Für viele, die neu dabei sind, ist Palästina das zentrale Thema. Pantisano vergleicht das mit der Politisierungswelle durch den Vietnamkrieg der USA: Als die Zeugnisse der Zerstörung eine junge Generation bewegten, im Protest aktiv zu werden. Dabei versucht sich Pantisano an einem nahezu unmöglichen Spagat: indem er einerseits von einem Genozid spricht und dabei Isreals Existenzrecht als nicht verhandelbar einstuft – was sowohl entschiedenen Freunden als auch entschiedenen Feinden des Zionismus sauer aufstößt. 

Dennoch wirkt unwahrscheinlich, dass Pantisanos Wahl zum Parteivorsitzenden etwas in die Quere kommen könnte: Die Parteiführung steht geschlossen hinter ihm, neben den Bundesvorsitzenden Ines Schwerdtner und Jan van Aken, dessen Nachfolge Pantisano antreten will, unterstützt ihn auch Heidi Reichinnek, die Fraktionsvorsitzende im Bundestag. Wenn es klappt mit dem neuen Amt, stehen die Chancen gut, dass die Linke Gesprächsthema bleibt. Nicht nur durch öffentlichkeitswirksamen Protest – auch Pantisanos erster Auftritt bei Markus Lanz dürfte garantiert zum Spektakel werden. 

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6 Kommentare verfügbar

  • Bernd
    vor 5 Stunden
    Antworten
    Am besten hat mir im Text das Klassenbewusstsein schaffen gefallen. Das halte ich zentral. Solange alle nur reicher werden wollen gewinnt die Afd und andere Spalter zwischen Arm und Reich. Wenn man also mal anfängt zu erzählen wer denn z.B. mit dem Ferrari durch Stuttgart braust und wer sich die…
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