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Alles hat ein Ende

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... nur die Wurst hat zwei, so lautet bekanntlich eine alte deutsche Volksweisheit, zu deren Popularisierung wesentlich 1986 der Ex-Trio-Sänger Stephan Remmler mit einer schunkeltauglichen Vertonung beitrug. Für weit mehr als zwei Assoziationsketten indes taugt der Spruch dieser Tage, wie der Blick in die neue Kontext-Ausgabe beweist.

Ein Ende hat nun, auch wenn wir es lange nicht für möglich gehalten haben, die Regierungszeit von Ministerpräsident Winfried Kretschmann. Nach 15 Jahren verlässt er seinen Amtssitz in der Villa Reitzenstein, am kommenden Mittwoch, dem 13. Mai wird sein Nachfolger vom Landtag gewählt.

Als Kretschmann 2011 antrat, schwadronierten manche von der nun folgenden "Ökodiktatur". Das hatte damals Kontext gerne ironisch aufgegriffen und die Politcomic-Serie "Der Ökodiktator" ins Leben gerufen, getextet vom taz-Chefreporter Peter Unfried, ins Bild gesetzt vom Stuttgarter Zeichner Björn Dermann. Nachdem die Serie die letzten Jahre eingeschlafen war – jeder hatte dauernd viel zu viel anderes zu tun –, haben wir sie zum Kretschmann-Finale wiederbelebt. Die neue, 35. Folge heißt passend: "Das Vermächtnis des Ökodiktators".

Apropos Vermächtnis: Unter Kretschmann sind die Grünen besonders im Land immer bürgerlicher, disziplinierter und streitunlustiger geworden, wie Kontext-Autorin Johanna Henkel-Waidhofer schreibt. Und wie zum Beleg für diesen Marsch in die Mitte spielte zur Abschiedssause Kretschmanns am vergangenen Mittwoch sogar das Heeresmusikkorps Ulm auf. Nicht nur Märsche wohlgemerkt, wie unsere kundige Musikexpertin Verena Großkreutz in ihrer Manöver-, pardon Konzertkritik anmerkt, aber eine gewisse Disziplin und Zackigkeit lässt sich wohl nicht vermeiden, wenn die Berufsbezeichnung "Musikfeldwebel" oder "Musikmajor" lautet.

Aber halt! Auch wenn die grüne Verbürgerlichung bei vielen in der Partei mit sinkenden Berührungsängsten zur Sphäre des Militärischen einhergeht, einer ist nach wie vor Pazifist, nach eigenen Angaben "bis ins Grab": der ebenfalls nach 15 Jahren scheidende baden-württembergische Verkehrsminister Winfried Hermann. Der könnte als Parteilinker, als "Fundi", kaum weiter entfernt vom anderen Winfried sein. Dennoch hat er es geschafft, sich im Amt einen Ruf als pragmatischer – und teils sehr erfolgreicher – Gestalter neuer Verkehrsideen zu erarbeiten. Kontext-Autor Harald Kirchner hat ihn zum Abschied porträtiert und Bilanz gezogen. Und dabei auch herausgefunden, dass sich Hermann nach dem Ende seiner Ministerzeit wieder verstärkt den Wegen zum Frieden widmen will.

Noch nicht so schnell zu Ende dürfte leider der Erfolg der rechtsextremen AfD sein, die am vergangenen 1. Mai in Göppingen den traditionellen Kampftag der Linken und Gewerkschaften zu vereinnahmen versuchte. Wie groß dabei die Sogwirkung der angebotenen Gratis-Grillwurst war, konnte Kontext-Redakteur Korbinian Strohhuber nur mutmaßen – dass rund 200 Teilnehmende 400 Rote verspeisten, spricht aber doch ein wenig für sich. Immerhin ist die AfD aber nicht nur emsig dabei, die Linken beim Feiertag abzukupfern, sondern auch in Sachen parteiinterne Zerwürfnisse: So hat kürzlich der Landesvorstand der AfD mit sofortiger Wirkung den Stuttgarter Kreisvorstand abberufen. Hintergrund sind, so die Pressemitteilung, "erhebliche organisatorische und finanzielle Klärungsbedarfe". Knapp 40.000 Euro sollen im Kreisverband verschwunden sein. Es geht also um mehr als nur die sprichwörtliche Wurst.

Das trifft auch auf den ehemals ranghöchsten Polizisten Baden-Württembergs zu, dem Ex-Inspekteur der Polizei Andreas Renner. Nachdem Renner 2023 vom Vorwurf der sexuellen Belästigung freigesprochen worden war (Kontext berichtete), geht es vor Gericht nun um die Frage, ob ein "Angebot" Renners an eine Kollegin als Bestechlichkeit zu werten ist: Er stellte ihr während eines Online-Meetings Karrierevorteile in Aussicht, wenn sie sich mit ihm einließe. Die Untergebene hat das Gespräch aufgezeichnet. Ab kommendem Dienstag, 12. Mai wird darüber vor dem Landgericht Stuttgart verhandelt. Wir werden die Wurst, äh, den Fall im Blick behalten.

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