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In den letzten Monaten seiner Amtszeit schien es fast, als hätte ihn der Erdboden verschluckt. Inzwischen aber schaltet sich Stuttgarts grüner Ex-Oberbürgermeister Fritz Kuhn wieder munter in Debatten ein, und am liebsten macht der Linguist das über Twitter: "Lieber #RobertHabeck, ab heute dusche ich kalt", ließ er jüngst wissen, nachdem der Bundeswirtschaftsminister an uns alle appelliert hatte, sparsamer mit Strom, Gas und Wasser umzugehen. Habeck übrigens geht seinerseits mit gutem Beispiel voran und das schon, seit er ein Baby ist. "Ich hab noch nie in meinem Leben fünf Minuten lang geduscht. Ich dusche schnell", hat er der "Gala", pardon, dem "Spiegel" anvertraut. Und angesichts der gegenwärtigen Krise habe er seine "Duschzeit noch mal deutlich verkürzt".

So weit ist es also gekommen. Im wohlstandsverwöhnten Deutschland zählt auf einmal jeder Tropfen. Und tatsächlich könnte es ungemütlich werden, wenn die rasante Inflation und die explodierenden Energiekosten im kommenden Herbst zu Ende bringen, worauf das Mietniveau am Wohnungsmarkt und der "beste Niedriglohnsektor Europas" (Gerhard Schröder) schon seit Jahren hinarbeiten: nämlich die ärmere Bevölkerungshälfte endgültig in den finanziellen Ruin zu treiben. Die extreme Ungleichheit hat inzwischen solche Ausmaße angenommen, dass sogar eine Multimillionen-Erbin in Talkshows mit Marx um die Ecke kommt und von der Politik fordert: Besteuert uns endlich ordentlich! "Die Krisen-Kacke ist allerorts am Dampfen", stellt unsere Kolumnistin Elena Wolf folgerichtig fest.

Zu einer ähnlichen Ansicht kommt auch der Landtag Baden-Württemberg, auch wenn es der grüne Abgeordnete Oliver Hildenbrand etwas diplomatischer formuliert: "Inzwischen verfestigt sich ja fast der Eindruck, dass aus der Krise ein Dauerzustand geworden ist", sagt er in einer Sitzung der noch jungen Enquetekommission "Krisenfeste Gesellschaft", und auch für Christiane Staab von der CDU fühlt es sich so an, "als würden wir in einer Dauerkrise leben, alle fünf Jahre ist was." Es sei zwar "schon so, dass wir von negativen Nachrichten überflutet werden", sinniert dagegen FDP-Mann Daniel Karreis, "aber das Leben besteht aus Krisen." Wäre schön, wenn man sie vermeiden könnte, geht aber nicht. "Also müssen wir akzeptieren, dass es Störfälle gibt", folgert Karreis. Für ihn stellt sich eher die Frage, welche Krise dann im jeweiligen Moment priorisiert werden muss.

Anpassungsfähig zu bleiben, ist also das Gebot der Stunde, denn: "Nichts ist so beständig wie der Wandel." Mit dieser Weisheit leiteten die Kolleg:innen der "Stuttgarter Zeitung" vor kurzem eine Meldung in eigener Sache ein. Garniert mit drei Stockfotos von Stadtansichten steht dort, sie hätten den Lokalteil "etwas durchgelüftet" – was nicht heißen soll, dass es jetzt weniger zu lesen gibt, sondern als Synonym für "modernisiert" gebraucht wird. "Knackig, von hoher Relevanz, in der Tiefe schürfend und mit Weitblick" sollen die Artikel über die Landeshauptstadt sein, und untermauert wird dieser Anspruch durch Texte wie "Endlich normales Juni-Wetter". Verlass sei dabei auf "die bewährte Mannschaft an Reporterinnen und Reportern", heißt es weiter. Unerwähnt bleibt, dass ein nennenswerter Teil der bewährten Mannschaft den Lokalteil verlässt: Insgesamt sind mindestens neun Stellen betroffen. Das geht aus einer Liste der ausscheidenden Mitarbeiter:innen im Stuttgarter Pressehaus hervor, die unserer Redaktion vorliegt.

Das rigorose Sparprogramm, das ein Fünftel der Belegschaft den Arbeitsplatz kostet, soll nicht zu Einbußen bei der Qualität führen, wie von der Chefetage wiederholt beteuert wird. Und in der Tat ist fraglich, wo die Reise enden soll, wenn man schaut, was aktuell als Exklusiv-Meldung präsentiert wird. "Land will Schoettle-Areal an Stadt verkaufen", hieß es dort vergangenen Montag. Der Schönheitsfehler? Diese Pläne hat Landtagspräsidentin Muhterem Aras (Grüne) bereits am 3. Juni publik gemacht. Vergangene Woche hat Kontext noch einmal ausführlich darüber berichtet. Neu ist, dass nun auch die Stuttgarter Verwaltung eine Kaufabsicht durchscheinen lässt: Das Areal solle künftig "bezahlbare Wohnungen und Arbeitsplätze mit sozialen und kulturellen Angeboten verbinden", wie die "Stuttgarter Zeitung" "exklusiv" aus einer Pressemitteilung der Stadt zitiert.


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2 Kommentare verfügbar

  • Prof. Dr. Dipl.-Biol. Reinhard Gillitzer
    am 29.06.2022
    Antworten
    Das "Weiniger-Duschen" scheint ja dem Deutschen schwer zu beschäftigen und über das zumutbare Maß zu belasten und man fragt sich, wie das tausende Generationen vor uns überlebt haben.
    Unvorstellbar welche Helden unsere Vorfahren waren und welche Weicheier daraus geworden sind!
    Als Dermatologe mal…
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