KONTEXT:Wochenzeitung
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Werbung ohne Zensur

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Wie einbrechende Abo-Zahlen und schwindende Anzeigenerlöse journalistische Arbeit beeinträchtigen können, haben wir in den vergangenen Kontext-Ausgaben umfangreich berichtet. Da verlagert sich mitunter die Themenauswahl von Politik und Wirtschaft auf Beziehungsratgeber und Tipps gegen Langeweile, und die lokale Berichterstattung wird ausgedünnt. Dabei soll natürlich nicht unerwähnt bleiben, dass es auch bei renditepflichtigen Zeitungswaren nach wie vor KollegInnen gibt, die eine exzellente Arbeit leisten. Zwei von ihnen heißen Peter Schwarz und Alexander Roth, beide aktiv für den Zeitungsverlag Waiblingen (ZVW), beide preisgekrönte Journalisten und beide regelmäßig bedroht, weil sie rechte und rechtsextreme Umtriebe im Rems-Murr-Kreis scharf im Blick haben. Doch neben Hintergrundberichten über Reichsbürger und Konsorten erscheint beim ZVW auch "Mein Wochenblatt", das aktuell gezeigt hat, wie gespreizt der Spagat eines anzeigenorientierten Printprodukts ausfallen kann: Auf der einen Seite wirbt die Bundesregierung im Großformat für die Corona-Impfung, die "auch allen, die du liebst" helfe. Und ebenfalls im Lieferumfang enthalten ist eine Beilage, die gegen Impfungen polemisiert – "für die meisten Menschen stellt eine Corona-Infektion keine Gefahr dar" –, gesponsert von der AfD.

Bei inzwischen 120.000 Todesfällen durch das Virus komme dieser Satz "einer Verhöhnung der Angehörigen" gleich, hat sich Gerhardt Hurich geärgert, der seinen wütenden Leserbrief an die "Wochenblatt"-Redaktion auch Kontext zukommen ließ. Erst zwei Wochen ist es her, dass wir über die Empörung berichteten, die eine AfD-Anzeige in der "Frankfurter Rundschau" – ebenfalls eine Anti-Impf-Kampagne – bei Leserschaft und Redaktion verursachte. Die Geschäftsführung bezeichnete den Abdruck rückblickend als Fehler, der sich nicht wiederholen werde. Stephanie Wolf, Leiterin der PR- und "Wochenblatt"-Redaktion, erklärt hingegen auf Anfrage: "Im Zuge einer demokratisch und offen geführten Debatte obliegt es aus unserer Sicht einem Verlag nicht, Inhalte von Anzeigen oder Beilagen zu werten." Sofern Inhalte nicht gegen Recht und Gesetz verstoßen, hätten Werbetreibende das Recht, ihre Meinung frei zu äußern. "Sich das Recht herauszunehmen, nach dem Inhalt zu entscheiden und einzelne Veröffentlichungen abzulehnen, wäre für uns eine Form der Zensur." Allerdings würden alle Inhalte vor der Veröffentlichung geprüft und "in diesem Zuge haben wir auch schon einige Veröffentlichungen vor allem von der AfD abgelehnt".

"Das Inseratenwesen in privater Hand ist die Hauptursache des ganzen Verfalls unserer Presse", befand vor beinahe 100 Jahren, am 4. Januar 1925, der Journalist Erich Schairer, der nach dem Krieg Herausgeber der "Stuttgarter Zeitung" wurde – und der sicher keine Luftsprünge gemacht hätte, wenn er miterleben müsste, wie die Themenauswahl des einst stolzen Blattes "nach Reichweiten- und Abozielen gesteuert werden" soll (Kontext berichtete). Über die Pressevielfalt im Stuttgart der 1920er-Jahre, als es dort noch über zwanzig Tageszeitungen gab, berichtet in dieser Ausgabe Dietrich Heißenbüttel. Ebenso über die Widerstände, gegen die sich kritischer Journalismus schon damals durchsetzen musste.

Das ist ein Anspruch, dem sich auch unsere Redaktion stellen will. "es ist beinahe krieg in europa und in kontext kommt gar nichts dazu", kritisierte ein Leser kürzlich, und der Grund, warum bei uns noch kein Beitrag zur Ukraine-Krise erschienen war, ist schlicht und ergreifend der, dass uns in der Kernredaktion die nötige Expertise fehlt. Doch glücklicherweise gibt es hilfsbereite KollegInnen wie die bei der Schweizer WOZ, die ebenfalls kein profitorientiertes Journalismus-Modell praktiziert. Wir freuen uns, eine Reportage von Anna Jikhareva aus Kiew zweitveröffentlichen zu können, die ein etwas anderes Bild aus der Hauptstadt zeichnet als "kriegsgeile Reporter, die in ostukrainischen Schützengräben Selfies schießen".


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3 Kommentare verfügbar

  • Peter Grohmann
    am 23.02.2022
    Antworten
    Liebe Leute, im Rahmen des Untergangs auch tagsüber der abendländischen Presse wollen wir das Thema PRESSEFREIHEIT / PRESSEVIELFALT in der Reihe "30 Tage im November" aufgreifen. Vom Wert der Menschenrechte: Das sind 30-50
    Veranstaltungen unterschiedlicher Art - vom Antisemitismus und den…
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