KONTEXT:Wochenzeitung
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Stuttgarter Presse in den 1920er-Jahren

"Was meint ihr, Leser?"

Stuttgarter Presse in den 1920er-Jahren: "Was meint ihr, Leser?"
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Es gibt kein Internet und kein Fernsehen, selbst das Radio steckt noch in den Kinderschuhen. Dafür erscheinen allein in Stuttgart über zwanzig Tageszeitungen. Ein Pazifist produziert im Alleingang die vierseitige "Sonntags-Zeitung". Ein Blick auf die Presselandschaft vor 100 Jahren.

"Das Inseratenwesen in privater Hand ist die Hauptursache des ganzen Verfalls unserer Presse." Diese Worte beziehen sich nicht etwa auf den Niedergang der großen Tageszeitungen heute, denen bei rückläufigen Anzeigenerlösen nichts Besseres einfällt, als Qualität und Quantität wegzusparen. Das Zitat stammt aus Erich Schairers Leitartikel zu seiner "Sonntags-Zeitung" vom 4. Januar des Jahres 1925, überschrieben: "Die Zeitung ohne Inserate".

Ein neuer Gesetzesentwurf wolle "dem Redaktör eine Möglichkeit geben, unter Umständen selbst gegen den Willen seines Brotgebers, des Verlegers, zu handeln", schreibt Schairer: "Da lachen ja die Hühner! ... Der deutsche Redaktör bleibt nach wie vor Tintenkuli, solange die Presse mit ihren angeblichen öffentlichen Aufgaben ein käufliches Geschäftsunternehmen ist, dessen Fundament das Inseratenwesen bildet."

Erich Schairer, 1887 in Hemmingen geboren, will kein Tintenkuli sein. Seine Vorbilder sind Karl Kraus, "der tapfere Wiener Journalist und Herausgeber der 'Fackel'", und SPD-Mitbegründer Ferdinand Lasalle, der bereits sechzig Jahre zuvor das "Verderben der Presse" auf das "Annoncenwesen" zurückgeführt habe. Schairer bleibt standhaft. Er habe "die eine Seite Inserate, die im ersten Jahrgang wohl oder übel das Unternehmen stützen musste, im Verlauf von vier Jahren, je um eine Viertelseite, planmäßig 'abgebaut'", erklärt er. "Wollen sehen, ob die Zeitung daran zugrunde gehen wird. Was meint ihr, Leser?"

Pazifistisch, links, aber nicht parteigebunden - und noch heute gut zu lesen: Schairers "Sonntags-Zeitung" bleibt in der Zeitungslandschaft der 1920er-Jahre eine Ausnahme. Über zwanzig Tageszeitungen gab es damals in Stuttgart. Wochen- und Monatszeitungen mitgerechnet, dürften es um die dreißig Zeitungen gewesen sein. In Berlin erschienen fünfmal so viele. Dafür war die Stadt aber auch zehnmal so groß.

Die Lokalzeitungen sind meist Anzeigenblätter

Zwanzig Tageszeitungen: Das erscheint viel für eine Stadt zwischen 300.000 Einwohnern im Jahr 1920 und 400.000 zehn Jahre später. Wie in der Reichshauptstadt handelte es sich allerdings gut zur Hälfte um Lokal- und Stadtteilzeitungen wie etwa die "Cannstatter Zeitung" oder die "Untertürkheimer Zeitung" – Vaihingen, wo der "Filderbote" erschien, oder Zuffenhausen gehörten wiederum noch gar nicht zu Stuttgart.

Die Lokalzeitungen waren, ganz im Gegensatz zu Schairers Projekt, vor allem Anzeigenblätter. Der redaktionelle Teil erfüllte seine Aufgabe vor Ort, was darüber hinaus ging, war zweitrangig. Zwei große, unabhängige Zeitungen existierten in Stuttgart: Das "Neue Tagblatt" erreichte 1932 eine Auflage von 70.000, die "Württemberger Zeitung" von 45.000 Druckexemplaren. Es gab eben noch kein Internet und kein Fernsehen und erst ab 1924 Radio – das allerdings erst mit dem Volksempfänger der Nazis zum Massenmedium wurde. Zählt man die Parteizeitungen dazu, die damals eine wichtige Rolle spielten, wurden in Stuttgart täglich mehr als 250.000 Tageszeitungen gedruckt.

Die "Schwäbische Tagwacht" der SPD kam 1919 auf 26.000 Exemplare. Es folgten – alle mit Auflagen zwischen 15.000 und 25.000 – die "Schwäbische Tageszeitung" des Bauern- und Weingärtnerbunds, die "Süddeutsche Arbeiterzeitung" der KPD, der "Schwäbische Merkur" der Deutschen Volkspartei (DVP), das "Deutsche Volksblatt" des Zentrums und die deutschnationale "Süddeutsche Zeitung" (ohne Beziehung zur heutigen "Süddeutschen").

Hugenberg kontrolliert einen Großteil der Presse

In Berlin war der Konzentrationsprozess weiter fortgeschritten. Die drei Konkurrenten Rudolf Mosse, August Scherl und Leopold Ullstein lieferten sich ein Kopf-an-Kopf-Rennen. Auflagenstarke Blätter wie die "Berliner Zeitung" (Scherl) oder "Berliner Volks-Zeitung" (Mosse) gingen in die Hunderttausende. Um 1900 hatte Ullstein mit seiner "Berliner Morgenpost" zu konkurrenzlos niedrigen Preisen Scherl einen Aufsehen erregenden Zeitungskrieg angesagt.

Was weniger auffiel: 1916 ging Scherls Imperium – laut Eigenwerbung mit Kalendern und Adressbüchern jährlich 300 Millionen Druckwerke – an Alfred Hugenberg. Der stramm rechte Deutschnationale erarbeitete sich eine Monopolstellung in der Anzeigenakquise und damit auch über die Provinzpresse. Schairer übertrieb zwar ein wenig, als er schrieb, "dass vier Fünftel der ganzen deutschen Presse, dazu fast der ganze gewaltige Apparat von Kino und Radio, durch Hugenberg und seine Leute kontrolliert werden." Doch auch Carl von Ossietzky war der Meinung, dass "Hitler auch nicht den Bruchteil seines Erfolges hätte erringen können, wenn nicht die Riesenmacht Hugenbergs hinter ihm gestanden hätte."

Eine Monopolstellung suchte auch Hugo Stinnes zu erringen. "Some say he owns Germany", urteilte 1921 die "New York Times", "Manche sagen, er besitzt Deutschland". Zwei Jahre danach schrieb das ebenfalls in New York erscheinende"Time Magazine": "Sein Ziel ist die Herrschaft über die europäischen Stahlindustrien, und wie alle jene mysteriösen Figuren, die sich im Niemandsland der internationalen Politik bewegen, wird er es so einrichten, dass er gewinnt." Als der Großindustrielle 1924 starb, war er an mehr als 4.500 Unternehmen beteiligt.

Auch Stinnes wollte sich die Presse dienstbar machen. Im Mai 1920 kaufte er das frühere "Sprachrohr Bismarcks", die "Deutsche Allgemeine Zeitung". Diese konnte, als Spielball der Interessen hin- und hergeworfen zwischen Politik und der Industrie, dennoch "während der Weimarer Republik ihre zentrale Stellung auf dem Zeitungsmarkt behaupten und als 'Deutsche Times' firmieren", schreibt die Literaturwissenschaftlerin Barbara Wildenhahn.

Robert Bosch verhindert die Übernahme von rechts

Dieser Schachzug soll Robert Bosch bewogen haben, die Aktienmehrheit des Stuttgarter Zeitungsverlags zu erwerben, zu dem neben den zwei größten Stuttgarter Blättern – also dem "Stuttgarter Neuen Tagblatt" und der "Württemberger Zeitung" – noch die Deutsche Verlagsanstalt (DVA) gehörte. Bosch, der auch von Hugenbergs Manövern gewusst haben wird, wollte den liberalen Geist der württembergischen Presse vor einer Übernahme von rechts beschützen.

Zu den tonangebenden Liberalen im deutschen Südwesten gehörten Friedrich Naumann, Ernst Jäckh und Theodor Heuss. Naumannn, von Beruf Pfarrer, wurde 1907 von Heilbronn aus in den Reichstag gewählt. Im selben Jahr gehörte er mit dem Silberwarenfabrikanten Peter Bruckmann zu den treibenden Kräften bei der Gründung des Deutschen Werkbunds. Heuss war damals sein Privatsekretär, Jäckh Chefredakteur der "Neckar-Zeitung". Als Jäckh 1912 Werkbund-Geschäftsführer wurde, trat Heuss an seine Stelle.

Zu diesem Kreis stieß im selben Jahr auch Erich Schairer, der Heuss zuerst als Naumanns Privatsekretär, dann 1918 als Chefredakteur der Heilbronner "Neckar-Zeitung" ablöste. Nach seinem Theologiestudium in Tübingen hatte er es schon fast bis zum Pfarrer gebracht, als ihn der Philosoph und frühere Pfarrer Christoph Schrempf zum Atheismus bekehrte. Schairer wandte sich dem Journalismus zu: in der Praxis beim Reutlinger "Generalanzeiger", in der Theorie mit einer Promotion über "Christian Friedrich Daniel Schubart als politischer Journalist". Von nun an predigte er nur noch in der Zeitung.

Nach Zensur gründet Schairer seine eigene Zeitung

Als Redakteur der "Neckar-Zeitung" vertrat Schairer zunächst die liberale Linie Naumanns, wurde dann jedoch zum Pazifisten und Anhänger der Gemeinwirtschaft nach dem Modell des Ökonomen Wichard von Moellendorf – einem dritten Weg zwischen Kommunismus und Kapitalismus. Seinem Verleger bei der "Neckar-Zeitung" passte das überhaupt nicht. Als Schairer im November 1919 gegen die Dolchstoßlegende polemisierte, der zufolge Sozialdemokraten und Pazifisten dem deutschen Heer am Ende des Ersten Weltkriegs in den Rücken gefallen seien, zensierte er dessen Leitartikel.

Schairer hatte genug. Wenn er 1.000 Abonnenten fände, plakatierte er an die Litfaßsäulen der Stadt, würde er eine Zeitung gründen. Er fand 600 und legte im Januar 1920 mit seiner "Sonntags-Zeitung" los, die erst in Heilbronn erschien, ab 1925 dann in Stuttgart. Anfangs machte Schairer buchstäblich alles allein, bis er sich nach einiger Zeit auch Mitarbeiter leisten konnte. "Er war Redakteur, Korrektor, Expedient, Inseratensammler und Werbemann in einer Person", erzählt am 100. Geburtstag Schairers 1987 Will Schaber, der 1923 bei der "Sonntags-Zeitung" angefangen hatte, "und am Freitag konnte man ihn sehen, wie er selbst in einem Handwagen den größten Teil der Auflage zum Heilbronner Hauptpostamt beförderte."

Schon nach wenigen Monaten lag die Auflage bei 2.000 Exemplaren. Im Lauf der 1920er-Jahre stieg sie bis auf 8.000 Stück. Nichts gegenüber dem "Neuen Tagblatt" oder gar der "Berliner Morgenpost", die allerdings zu jener Zeit auch nur unwesentlich billiger war und in ihrem redaktionellen Teil, bei zwölf Seiten Gesamtumfang, Schairers vier Seiten kaum übertraf. Der Unterschied lag in der Qualität. Schnell hingeschriebene Tagesnachrichten hier, scharfzüngige Analysen dort. Schairers "Sonntags-Zeitung" hatte Abonnenten in ganz Deutschland.

Gegen den Hugenberg-Konzern war Schairer eine Mücke. Immerhin brachte er es fertig, selbst in nationalsozialistischer Zeit noch einige Jahre weiterzuschreiben. In verschlüsselter Form kommentierte er das Zeitgeschehen. Wenn er etwa über Unfälle amerikanischer "Bus-Führer" schrieb, wusste beim Wort "Führer" jeder, was gemeint war.

1926 hatte ihm ein junger Buchhandelsgehilfe namens Josef Eberle ein Manuskript angeboten und war dann sein Mitarbeiter geworden. Nach dem Krieg wurden sie 1946 gemeinsam die Herausgeber der "Stuttgarter Zeitung" (StZ).

Heute befindet sich die StZ auf dem absteigenden Ast. Die Anzeigenkunden haben die Zeitungen im Stich gelassen. Schuld ist sicher auch die Konkurrenz der Online-Angebote, das Problem aber auch die reine Profitorientierung der Verleger. Die gesamte Region befindet sich in der Hand eines einzigen Pressekonzerns, der das Angebot zunehmend zurückfährt. Und kein Robert Bosch steht bereit um durch den Erwerb der Aktienmehrheit die Qualität zu sichern. So bleibt nur, die digitalen Möglichkeiten zu nutzen und von vorn anzufangen wie Schairer vor 100 Jahren. Mit Unterstützung der LeserInnen.


Info:

Mehr zur "Sonntags-Zeitung", darunter PDFs der kompletten Jahrgänge, auf der Website, die der Enkel und Kontext-Förderer Andreas Schairer zu seinem Großvater eingerichtet hat: www.erich-schairer.de


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2 Kommentare verfügbar

  • Philippe Ressing
    am 20.02.2022
    Antworten
    Chapeau! Ein wirklich guter Artikel, der belegt, ein Blick in die Vergangenheit lohnt, um die aktuelle Entwicklung zu beschreiben. Es war der sogenannte Materndienst des Rechtsradikalen Verlegers Hugenberg, der rund 30% der damaligen Tageszeitungen mit den politischen Nachrichten zentral beliefert.…
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