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Zum Tod von Uli Sckerl

Ein knorriger Realo

Zum Tod von Uli Sckerl: Ein knorriger Realo
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Er war parlamentarischer Chefaufklärer nach dem "Schwarzen Donnerstag" am 30. September 2010, ein Kommunalo der ersten Stunde, der immer auf die Verankerung seiner Grünen in den Gemeinden drängte, ein Mann des strengen Regiments in der Fraktion und bereit zum Kompromiss in der Koalition. Jetzt ist Uli Sckerl im Alter von 70 Jahren an Krebs gestorben.

Über solche Wertschätzungen hätte sich der Rechtsexperte ohne Hochschulabschluss gefreut mit seinem typischen kleinen Lächeln, das dafür stand, dass Sckerl nicht nur laut konnte, sondern auch sanft. FDP-Fraktionschef Hans-Ulrich Rülke nennt "den kämpferischen Grünen" einen Abgeordneten, "der bei allen inhaltlichen Unterschieden mit uns immer den gemeinsamen Weg eines selbstbewussten Parlaments gegangen ist, in dem eine lebendige Streitkultur gepflegt wird". Andreas Stoch (SPD) erinnert an "den überzeugten Verfechter der parlamentarischen Demokratie, streitbar in der Sache, aber immer fair". Innenminister Thomas Strobl (CDU) rühmt die "unheimlich gute Zusammenarbeit" und den "standhaften und verlässlichen Frontkämpfer für unsere Demokratie".

Gerade die CDU jedoch musste für sich selbst erst einmal ein neues Bild entwerfen von dem Weinheimer. Denn er war mehr als nur Widerpart in den beiden Untersuchungsausschüssen des Landtags zum "Schwarzen Donnerstag". Er war für Union und auch für die FDP ein gefährlicher und hartnäckiger Gegner, der sich gegen Unterstellungen und Verdrehungen zu wehren hatte und zu wehren wusste. Immer versuchten die schwarzen Abgeordneten, Blockaden als grundsätzlich rechtswidrig hinzustellen und die, die daran teilnahmen, als DemokratInnen bestenfalls zweiter Klasse. Im ersten Abschlussbericht – vor dem Machtwechsel von 2011 – landeten Sckerls Darlegungen zu der "schlüssigen Beweiskette" noch im Minderheitenvotum, weil die damaligen Regierungsfraktionen vor allem eins nicht wahrhaben wollten: "Dass Stefan Mappus durch sein Handeln bei der Vorbesprechung im Staatsministerium die Entscheidung an sich gezogen hat und für den Einsatz grünes Licht gab."

Im zweiten Ausschuss versuchte der Stuttgarter CDU-Abgeordnete Reinhard Löffler sogar eine Befangenheit des Grünen-Obmanns zu konstruieren: Als Mitherausgeber eines Buchs über den "Schwarzen Donnerstag" liege "in der Person des Grünen eine wirtschaftliche, wenigstens aber ideelle und darüber hinaus persönliche Beteiligung vor, die einen Interessenkonflikt darstellt". Löffler stellte sogar einen Antrag, Sckerl abzulösen. Inzwischen hatten aber Grüne und SPD die Mehrheit im Landtag erobert und schmetterten das Ansinnen ab. Es sei mehrfach versucht worden, wird sich der Betroffene später erinnern, "mir etwas anzuhängen". Gelungen sei es nicht, aber er habe oft schlecht geschlafen, "weil die CDU immer nur versucht hat, Nebenkriegsschauplätze zu eröffnen".

Man darf ihn einen pflichtbewussten Politiker nennen

Auch Nachlässigkeiten konnte er nicht ertragen. Viele Grünen-Abgeordnete können ein Lied davon singen, wie sich ein Tadel aus seinem Munde anhörte, weil für seinen Geschmack zu viele Plätze im Plenarsaal leer blieben, weil er Unpünktlichkeit oder mangelhafte Vorbereitung als chronische Laster wahrnahm. Seltsam nachsichtig hingegen gestaltete sich nach der Bildung der grün-schwarzen Regierung 2016 sein Umgang mit dem neuen Koalitionspartner, zum Beispiel bei den umstrittenen Novellen des Polizeigesetzes. Aber er, der den in Großbritannien üblichen Titel des "Einpeitschers" für den Fraktionsmanager für sich hätte beanspruchen können, sah sich eben dem von Winfried Kretschmann ausgegebenen Kurs verpflichtet. Und der verlangt bis heute, interne Koalitionskonflikte nach Möglichkeit zu vermeiden – selbst dann, wenn die eigene Partei einen vergleichsweise hohen Preis dafür zu zahlen hat.

Sckerl und Kontext

Sich nicht verbiegen, Kante zeigen. Womöglich hat auch dieser Charakterzug Hans-Ulrich Sckerl und Kontext verbunden. Besonders deutlich wurde es immer dann, wenn es galt, Position gegen Rechts zu beziehen, wie etwa im Fall Marcel Grauf, damals Mitarbeiter von zwei AfD-Landtagsabgeordneten, dessen rassistischen Chats Gegenstand langwieriger Prozesse waren und immer noch sind. Sckerl war solidarisch und versicherte, dass er Kontext weiter unterstützen werde, beim Einsatz für die Aufklärung über "rechtsextreme Umtriebe bei der AfD und für die Presse- und Meinungsfreiheit". Besonders gefreut hat uns seine Ermunterung von 2013:

"Ich schätze den kritischen Stil von Kontext. Und das jeden Mittwoch aufs Neue. Auch und gerade eine grün-rote Koalition braucht dieses Medium, um das eigene Tun selbstkritisch zu reflektieren. Dafür vielen Dank! Und bleibt unbedingt das, was ihr seid."  (red)

In seiner Heimatstadt Weinheim war Sckerl Gründungsgrüner und Mitgründer der GAR, der "Kommunalpolitischen Vereinigung der grünen und alternativen Räte in Baden-Württemberg". Ohnehin waren es die KommunalpolitikerInnen, die in der Geschichte des Landesverbands für den ersten Triumph sorgten. Keine kommunalpolitische Debatte auf einer Landesdelegiertenkonferenz, bei der sich der knorrige Realo nicht eingemischt hätte. Früh warb er für eine möglichst breite Verwurzelung der Grünen in Städten und Gemeinden. Einmal versuchte er, unterstützt vom damals frisch gewählten Freiburger OB Dieter Salomon, sogar Landesvorsitzender zu werden. Das allerdings misslang, im Landesvorstand hingegen saß er viele Jahre.

2006 startete er seine Abgeordnetenkarriere im Landtag. Nach fünf Jahren wird er, und bleibt es bis zu seinem Tod, als mächtiger parlamentarischer Geschäftsführer Fraktionsvize und ist damit einer der Konstrukteure des Aufstiegs des Landesverbands zur Baden-Württemberg-Partei. Deren Seele habe er in all ihren Facetten verstanden, rufen die beiden Landesvorsitzenden Lena Schwelling und Pascal Haggenmüller dem "Integrierer, Mentor und Versöhner" nach, ein Homo Politicus, immer da, "egal, wie groß oder klein die Fragen und Anliegen waren".

Die Kante gegen die AfD war immer klar

Mit einer Ausnahme. Als die Grünen – sehr zum Unmut nicht nur der eigenen Basis – einen AfD-Kandidaten als Richter am Verfassungsgerichtshof per Enthaltung durchließen, zeigte Sckerl klarste Kante gegen die "Alternative für Deutschland". Die kritisierte er regelmäßig scharf, weil für "Brunnenvergifter" eigentlich kein Platz in einem Landesparlament sein dürfte und keiner im Kuratorium der "Landeszentrale für politische Bildung". Seit Monaten verweigert der Landtag dem AfD-Vertreter dementsprechend die Zustimmung.

"Wirklich sehr bestürzt und traurig", reagiert Ministerpräsident Winfried Kretschmann auf die Todesnachricht und erinnert an das lange und freundschaftliche Verhältnis. Sckerl sei "außerordentlich engagiert und besonnen" gewesen. Typisch für den 70-Jährigen, der vor Weihnachten, schon gezeichnet von seiner Krankheit, noch einmal an den Plenardebatten teilnahm, sind die Einlassungen auf der eigenen Homepage: "Sind Sie mir nicht allzu böse! Ich rede nicht so gern über mich. Nicht, weil es nichts zu erzählen gäbe, nee, das nicht. Ich bin aber zur Bescheidenheit erzogen worden und finde das heute noch sehr gut so. Ich will daher nicht im Mittelpunkt stehen und nehme mich auch nicht so wichtig."


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2 Kommentare verfügbar

  • Heike Geerke
    am 20.02.2022
    Antworten
    Uli's Kerl war ein realpolitisches Hartei. Bei S21, bspw., hat er links "angetäuscht", um dann "rechts" "zu machen". Das zog sich von letztlich enttäuschenden persönlichen Begegnungen (z.B. hat Skerl die Einrichtung einer Whistleblowerplattform für S21 aktiv durch seine Passivität verhindert) bis…
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