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Phantome aller Orten

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Aber hoppla. Sind die Bosse von Daimler, Porsche, BMW und Audi plötzlich alle grün geworden? Hätte man fast annehmen können als Besucher des Autogipfels vergangene Woche im Porsche-Museum in Zuffenhausen. Alle wollen jetzt nachhaltig sein, selbst Plädoyers für Tempo 130 und kleinere Autos werden ohne Murren hingenommen, "als hätte jemand die Devise ausgegeben, rhetorisch abzurüsten, um der wachsenden Gegnerschaft nicht weitere Munition zu liefern", wie Kontext-Redakteur Josef-Otto Freudenreich beobachtet hat. Kleinere, vernünftigere Autos blieben trotzdem einstweilen Phantome – das Hohelied auf PS und Fahrspaß wurde im Porsche-Museum allenfalls weniger breitbeinig angestimmt.

So oder so wird die Branche wohl umdenken müssen. Die Krise klopft schon beim Autozulieferer Bosch ziemlich manifest an, wo die Geschäftsführung umfangreiche Stellenstreichungen angekündigt hat, die sich der Betriebsrat nicht gefallen lassen will. Eher wenig Optimismus scheint hier Jürgen Resch, Chef der Deutschen Umwelthilfe, zu haben. Er beklagt die unveränderte Fixierung auf SUV-Stadtpanzer bei der deutschen Autoindustrie, mit denen sie "gegen eine Betonwand" rase. Und er fordert ganz klar: "Kauft keine Autos mehr mit Diesel- oder Benzinmotor." Den Auto-Schwerpunkt in dieser Ausgabe rundet Ulrich Viehöver ab, der sich die "bonusverwöhnten Bosse mit turbomäßiger Pensionsberechtigung" vornimmt.

Thüringer Extremismus

Rechtsextremismus und Antisemitismus in Deutschland seien "mehr Phantom als Realität", urteilte  1990 der, wie man so sagt, renommierte Politikwissenschaftler Eckhard Jesse. Nach der Wahl in Thüringen dürfte klar sein, dass auch seine Prognosefähigkeit sehr zu wünschen übrig lässt. Wenn eine Partei wie die AfD fast ein Viertel der Stimmen bekommt, wenn der Landeschef Höcke einer parteiinternen Rechtsradikalen-Gruppierung namens "Flügel" vorsteht und mit gerichtlicher Billigung "Faschist" genannt werden darf, dann haben wir es hier schon mit ziemlich vielen Phantomen zu tun, die zur Wahl stehen und gehen.

Besagter Jesse, dem SZ-Autor Heribert Prantl einmal die "Bagatellisierung rechter Umtriebe" und "grobe Antisemitismen" bescheinigte, gehört zu den Gründervätern der Extremismustheorie. Dabei handelt es sich um ein im kältesten Kalten Krieg ersonnenes Konstrukt, dessen wesentlicher Zweck darin besteht, Rechts- und Linksaußen gleichzusetzen.  

Diese Theorie taugt nichts, weil damit rassistische Gewalt verharmlost und die antikapitalistische Linke diffamiert werde, schrieb schon vor gut einem Jahr Christoph Butterwegge in Kontext. Beliebt und verbreitet ist sie trotzdem immer noch, vor allem bei der CDU, die angesichts möglicher Gespräche zwischen CDU und Linke in Thüringen gerade über den "Tabubruch" lamentiert. Da schreit der baden-württembergische Landesverband natürlich laut mit und nimmt damit "die Relativierung von Nazis in Kauf", wie Kontext-Autorin Johanna Henkel-Waidhofer schreibt.

Hochrisiko-Ort Korntal

Matthias Katsch hält die Evangelische Brüdergemeinde Korntal für den "perfekten Tatort". Das sagte der Mann, der die sexuellen Übergriffe im Berliner Canisius-Kolleg öffentlich machte, im Kontext-Interview auf dem Evangelischen Kirchentag in Stuttgart. Denn wo aus religiösen Motiven nur nach innen geschaut wird, da werde das Außen als feindlich wahrgenommen und geschwiegen. Nun beschäftigt sich Katsch, der kürzlich für seinen Einsatz für die Aufarbeitung sexueller Verbrechen an Kindern und Jugendlichen den Kulturpreis der Internationalen Paulusgesellschaft erhalten hat, erneut mit den Missbrauchsvorwürfen in Korntaler Kinderheimen: als Sprecher der Opfer-Initiative Eckiger Tisch.

Auf Einladung der Selbsthilfegruppe Heimopfer Korntal diskutiert Katsch am kommenden Sonntag ab 15 Uhr mit ExpertInnen und Verantwortlichen darüber, wie körperlicher und seelischer Missbrauch in den Heimen der Evangelischen Brüdergemeinde das Selbstbewusstsein und die Entwicklung der betroffenen Kinder beeinträchtigt haben. Es geht um Schuld und Aufarbeitung, um die Frage, warum ausgerechnet die Kirche zum Tatort wird, und nicht zuletzt um Entschädigung.

Neben Matthias Katsch werden im Stuttgarter LKA Longhorn der Weltliche Leiter der Brüdergemeinde, Klaus Andersen, und Ursula Kress, Missbrauchsbeauftragte der Evangelischen Landeskirche, auf dem Podium sitzen. Außerdem kommen Theologen und Therapeuten zu Wort, sowie ein Vertreter des Aktionsbündnisses gegen Missbrauch Tour 41.

Auch wir von Kontext werden am Sonntag dabei sein. Schließlich haben wir die Missbrauchsvorwürfe öffentlich gemacht und sind am Thema drangeblieben. Das ist auch nachzulesen in unserem Dossier.

Missbrauchsskandal in Korntal

Ein Kontextartikel verschaffte den Missbrauchsvorwürfen ehemaliger Heimkinder Gehör. Doch die Evangelische Brüdergemeinde tut sich schwer mit der Aufarbeitung.

Zum Dossier


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1 Kommentar verfügbar

  • Jue.So Jürgen Sojka
    am 02.11.2019
    Antworten
    „Sind die Bosse … plötzlich alle Grün geworden?“
    Bitte an die Redaktionellen von KONTEXT: Ob es Ihnen möglich sein könnte den "Drehimpuls" um 180° versuchten zu drehen?

    Die Bosse sind nach wie vor Grün hinter den Ohren. Das sollte doch zu erkennen sein!
    Sie, die hochgestellten »ohne eigene…
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