Keine "Tagesschau" ohne die digitalen Horroranzeigen von den Tankstellen, die uns verfolgen wie der tägliche Buckelwal. Der Spritpreis hat sich in Deutschland zum Signum, ja buchstäblich zum Aushängeschild der neuen Energiekrise entwickelt. Und die Medien tun alles, um "Benzinwut" und Volkszorn am Köcheln zu halten, inklusive instruktiver Interviews mit Autofahrern, die, den tropfenden Tankrüssel noch im Pistolengriff, ihre Empörung immer aufs Neue ins Mikrophon stammeln dürfen. Frage den Metzger, ob die Wurst gesund ist, und frage den Autofahrer, was er zu 2,50 Euro für den Liter Diesel sagt. Fehlt nur noch der Seelsorger neben der Zapfsäule.
Die Berichterstattung bleibt einäugig, provinziell und aufwieglerisch, als gäbe es auch in Kriegs- und Krisenzeiten ein verbrieftes Grundrecht auf billigen Sprit, um im Drei-Tonnen-Dickschiff die Tochter jederzeit preiswert zum Ballettkurs zu fahren. Zur selben Zeit, da sich die Deutschen über den Benzinpreis aufregen, befindet sich die halbe Welt in akutem Energienotstand, der durch die wackelige Feuerpause im Iran noch lange nicht beendet ist.
Millionen Menschen in anderen Ländern erhalten nur noch knappe Zuteilungen an Sprit, nachdem sie viele Stunden an der Tankstelle gewartet oder dort gleich übernachtet haben. In Thailand werden die Klimaanlagen bei tropischer Hitze auf 26 Grad hochgestellt. In Indien muss mit Massenschließungen von Restaurants gerechnet werden, weil das Gas zum Kochen fehlt. Schulen und Universitäten bleiben in einigen Ländern wegen der Versorgungskrise geschlossen. In Vietnam sind Inlandsflüge verboten, auch in Italien werden Flugrouten gestrichen und auf den Philippinen warnt Staatspräsident Ferdinand Marcos Jr. vor dem Ende des gesamten Flugverkehrs. In Südkorea ist die auf Gas angewiesene Plastikherstellung ins Stocken geraten, die Produktion wurde auf 20 Prozent reduziert und den Tech-Riesen SK Hynix und LG Electronics fehlt der Helium-Nachschub für die Chipproduktion. In Bangladesch geht Hunderten von Textilfabriken der Treibstoff aus, Zigtausende Arbeiter:innen bangen um ihre Arbeitsplätze.
Politik für spritdurstige Vielfahrer
Im Vergleich zur existenziellen Energienot auf anderen Kontinenten sind unsere Spritpreise das sehr viel kleinere Übel, auch wenn die nachgeschaltete Teuerungswelle sich allmählich durch die gesamte Wirtschaft fressen wird. Die direkten Mehrkosten an der Tanke bewegen sich selbst bei Vielfahrer:innen im zweistelligen Bereich. Das steht in keinem Verhältnis zum Ausmaß der Hysterie hierzulande.




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