KONTEXT:Wochenzeitung
KONTEXT:Wochenzeitung

Polizeieinsatz in Stuttgart

Knüppel mit Ansage

Polizeieinsatz in Stuttgart: Knüppel mit Ansage
|

Datum:

Mit Schlagstock und Pfefferspray ging die Polizei vergangenen Samstag gegen Antifaschist:innen vor, die gegen eine rechte Demo in Stuttgart protestierten. Mehr als 300 Menschen waren stundenlang eingekesselt. Diese Eskalation hätte vermieden werden können. Wenn die Polizei gewollt hätte.

Der Stuttgarter Süden ist nicht unbedingt Berlin-Kreuzberg oder Leipzig-Connewitz. Als weltoffen und eher links gilt der Stadtbezirk aber allemal, was sich auch bei der Landtagswahl widerspiegelt: Mehr als die Hälfte der Stimmen gingen an die Grünen, die Linke kam auf immerhin 10,3 Prozent. Umso mehr ist es eine Provokation für die Menschen in Stuttgart-Süd, was sich am Samstag vor der Wahl, 7. März dort abspielte.

Unter dem Motto "Baden-Württemberg steht auf" sammelten sich gegen 13 Uhr etwa 250 Menschen zu einer Kundgebung auf dem Marienplatz und zogen dann polizeibeschützt weiter durch die Innenstadt. Auf einigen Hoodies waren die Forderungen der Demonstrierenden abzulesen: Frieden, Meinungsfreiheit, Bargelderhalt, Freiheit. "Internationale Veranstaltung", hat ein Mann sich auf sein Demoschild geschrieben, "jeder ist willkommen". Aus den Boxen trällert schrecklich kitschige, höchstwahrscheinlich von KI generierte Musik ("Endlich Frieeeden!"). Eine Rednerin erzählt, man sei hier "weder rechts noch links", sondern "bürgerliche Mitte".

Klingt vielleicht nett und harmlos, ist es aber nicht. Es war ein Zusammentreffen von Querdenker:innen, Verschwörungsanhänger:innen und Rechtsradikalen. Einer hatte ein Schild mit "Keine Weltregierung" bei sich, ein anderer hatte sich eine schwarz-weiß-rote Fahne mit Reichsadler und der Aufschrift "Deutschland mein Vaterland" um die Schultern gehängt. Eine Frau trug eine weiße Jacke der rechten Pseudo-Gewerkschaft "Zentrum", ein anderer Demoteilnehmer steckte im T-Shirt der rechtsextremen Gruppe "Der Störtrupp". Später verließen neun mit Totenkopf-Schlauchschal vermummte Jugendliche den Demozug und schlenderten etwa fünf Minuten lang über die Theodor-Heuss-Straße, bis die Polizei sie stellte. Im März des vergangenen Jahres hatte sich eine ähnliche Melange, nur in deutlich größerer Zahl, im Stuttgarter Stadtgarten versammelt

Über acht Stunden im Polizeikessel

Dass einige Menschen, gerade im Stuttgarter Süden, so gar keinen Bock auf die Schwurblerinnen und Rechtsextremen hatten, ist nicht überraschend. Zwei Gegenversammlungen waren am Rande des Marienplatzes angemeldet. Was dagegen überrascht hat: Die Antifaschist:innen, die bereits eine Stunde vor der rechten Schwurbeldemo am Marienplatz eintrafen, fanden diesen ohne Absperrungen oder Polizeiketten und für alle zugänglich vor. Es bedarf keiner Hellseherei, um vorhersehen zu können, was dann passierte: Die Gegendemonstrant:innen blockierten den Platz.

Die Polizist:innen ließen sie zunächst gewähren, als die ersten Rechten und Querdenker eintrafen, waren die Antifas dann doch ein Problem. Angeblich soll die Polizei per Lautsprecher die Demonstrant:innen dazu aufgefordert haben, den Platz zu verlassen. Viele vor Ort gaben aber an, nichts Derartiges gehört zu haben. Mit Schlagstöcken, Pfefferspray und Polizeipferden prügelten die Beamt:innen den Gegenprotest schließlich vom Marienplatz, mehrere Hundert wurden eingekesselt. Ihnen wurde Landfriedensbruch vorgeworfen: Beamte sollen bei der Rangelei getreten, geschlagen und beleidigt worden sein.

Für die Eingekesselten hieß es dann: abwarten. Einzeln wurden sie von den Uniformierten herauseskortiert, mussten ihre Personalien angeben, sich abtasten lassen und die Taschen leeren, bevor sie anschließend abgefilmt und des Platzes verwiesen wurden. Die Filmaufnahmen sollen mit denen der Ausschreitung abgeglichen werden, um Straftäter:innen ausfindig zu machen, erklärte ein Beamter vor Ort auf Nachfrage. Im Nachgang verkündete das Stuttgarter Präsidium in einer Pressemeldung, dass bei der Aktion mehrere Messer und "Maskierungsmittel" festgestellt worden seien.

Es dauerte über acht Stunden, bis die letzte festgesetzte Person wieder frei war. Wer auf die Toilette musste, wurde von drei Beamten zu einem Dixi-Klo und schließlich wieder zurück zum Kessel begleitet oder pinkelte, im Schutz eines Demobanners, auf das Gitter der Fontäne am Marienplatz. Die pralle Sonne und das zuvor versprühte Pfefferspray machte einigen zu schaffen. Ein junger Mann im Kessel übergab sich, wurde von Sanitäter:innen behandelt und schließlich im Rettungswagen abtransportiert.

Gegenprotest im schlechten Licht

Währenddessen titelte die “Stuttgarter Zeitung” in einem Onlinebericht: "Linke Gegendemonstranten greifen Polizei an". In dem inzwischen aktualisierten Artikel, in dem als einzige Quelle ein Polizeisprecher genannt wird, hieß es zunächst, dass an der rechten Demonstration 500 Menschen teilgenommen hatten, bei den Gegendemos dagegen zwischen 150 und 200. Tatsächlich war das Zahlenverhältnis eher umgekehrt, wie selbst die Polizeipressemeldung nahelegt: Allein im Kessel waren 323 Gegendemonstrant:innen. Das Bündnis "Stuttgart gegen Rechts", das zum Gegenprotest mobilisiert hatte, spricht von insgesamt 700 Personen.

Die Berichterstattung und die Polizeimeldungen zeichnen von den Linken ein übles Bild: Sie seien die Provokateure und Schuld an der Ausschreitung. Timo Brenner, Pressesprecher der Stuttgarter Polizei, stellt den gewaltsamen Einsatz seiner Kolleg:innen in einem Social-Media-Video als notwendig dar: "Leider mussten wir heute kurzzeitig robust einschreiten, um allen ihr Recht auf Versammlungsfreiheit einzuräumen." 

Dabei war klar absehbar, dass die Antifaschist:innen den Marienplatz blockieren, wenn ihnen die Möglichkeit geboten wird. Bei ähnlichen Aufeinandertreffen trennen üblicherweise Barrikaden und Polizeiketten gegnerische Demonstrationen voneinander. Hier ließ man die Antifaschist:innen erst gewähren, um sie später zurückzudrängen – ein rätselhaftes Vorgehen. Die Gemeinderatsfraktion Linke-SÖS-Plus, deren Stadträtin Johanna Tiarks (Linke) selbst vor Ort und eingekesselt war, kritisiert Versammlungsbehörde und Polizei. Die Fraktion beantragt deshalb einen Bericht im Ausschuss, in dem dieses Vorgehen erklärt werden soll.

Behörden weisen Verantwortung von sich

Auf Kontext-Anfrage verweist die Versammlungsbehörde auf die grundrechtlich geschützte Versammlungsfreiheit und die "sehr weitreichende Wahlmöglichkeit hinsichtlich Zeit und Ort" bei der Anmeldung. Zur Blockade des Marienplatzes durch Antifaschist:innen erklärt sie lediglich, dass diese nicht angemeldet war – was auch nicht möglich gewesen wäre, da dort ja die rechte Demo stattfinden sollte. "Aus diesem Grund war der Platz auch für diese Versammlung freizuhalten." In Gesprächen vorab sei eine "Erweiterung der Versammlungsflächen oder eine Vergrößerung der Teilnehmerzahl" des Gegenprotests nicht thematisiert worden. Die Frage, warum die Demonstrationen nicht getrennt wurden, etwa durch Barrikaden, blieb unbeantwortet.

Auch Polizeipressesprecher Timo Brenner vermag auf Anfrage nicht wirklich zu erklären, warum die Antifaschist:innen überhaupt zunächst auf den Marienplatz gelassen wurden. Seine Stellungnahme liest sich so, als ob seine Kolleginnen und Kollegen nicht mit dem Offensichtlichen gerechnet hätten: Ob Demonstrationen mit Absperrgittern getrennt werden, bewerte die Polizei taktisch, Faktoren seien dabei "ÖPNV und Individualverkehr, die Art der Versammlung, die zugewiesene Versammlungsfläche sowie das erwartete Verhalten der anwesenden Personen". Aus seiner Sicht dürfte es "gerade polizeikritischen Personenkreisen" positiv auffallen, dass die Polizei nicht "präventiv jeden Platz zu einer Festung umbaut". Man gehe "zunächst von einem rechtmäßigen Verhalten mündiger Bürger aus", aber wenn "eine Gruppe ganz bewusst die Entscheidung trifft, die Versammlungsfreiheit durch eine illegale Blockade einzuschränken, so liegt die Schuld für diesen Rechtsbruch einzig und allein bei denen, die das Recht brechen". Als Polizei gewähre man Freiraum für demokratischen Protest – wer diesen Freiraum missbrauche, trage dafür allein die Verantwortung.

In der Rückschau bleiben zwei mögliche Erklärungen für die Eskalation: Entweder waren die Beamt:innen am Samstag tatsächlich überfordert und der Einsatz schlecht geplant. Oder die Polizei hat mit ihrer anfänglichen Zurückhaltung den Linken ein Stöckchen hingehalten, über das diese gesprungen sind.

Wir brauchen Sie!

Kontext steht seit 2011 für kritischen und vor allem unabhängigen Journalismus – damit sind wir eines der ältesten werbefreien und gemeinnützigen Non-Profit-Medien in Deutschland. Unsere Redaktion lebt maßgeblich von Spenden und freiwilliger finanzieller Unterstützung unserer Community. Wir wollen keine Paywall oder sonst ein Modell der bezahlten Mitgliedschaft, stattdessen gibt es jeden Mittwoch eine neue Ausgabe unserer Zeitung frei im Netz zu lesen. Weil wir unabhängigen Journalismus für ein wichtiges demokratisches Gut halten, das allen Menschen gleichermaßen zugänglich sein sollte – auch denen, die nur wenig Geld zur Verfügung haben. Eine solidarische Finanzierung unserer Arbeit ermöglichen derzeit 2.500 Spender:innen, die uns regelmäßig unterstützen. Wir laden Sie herzlich ein, dazuzugehören! Schon mit 10 Euro im Monat sind Sie dabei. Gerne können Sie auch einmalig spenden.


Gefällt Ihnen dieser Artikel?
Unterstützen Sie KONTEXT!
KONTEXT unterstützen!

Verbreiten Sie unseren Artikel
Artikel drucken


0 Kommentare verfügbar

Schreiben Sie den ersten Kommentar!

Kommentare anzeigen  

Neuen Kommentar schreiben

KONTEXT per E-Mail

Durch diese Anmeldung erhalten Sie regelmäßig immer Mittwoch morgens unsere neueste Ausgabe unkompliziert per E-Mail.

Letzte Kommentare:






Die KONTEXT:Wochenzeitung lebt vor allem von den kleinen und großen Spenden ihrer Leserinnen und Leser.
Unterstützen Sie KONTEXT jetzt!