Eine empirische Untersuchung, die den Fachkräftemangel belegt, existiert nicht. Fotos: Joachim E. Röttgers

Ausgabe 366
Debatte

Es mangelt an Arbeit, nicht an Fachkräften

Von Martin Staiger
Datum: 04.04.2018
Geradezu fanatisch malen Arbeitgeber das Gespenst des Fachkräftemangels an die Wand. Mit unseriösen Zahlen und falschen Schlussfolgerungen. In Wahrheit mangelt es nicht an Fachkräften, sondern an anständig bezahlter Arbeit.

Es vergeht kaum ein Tag, an dem nicht der Fachkräftemangel beschworen wird. Die Gleichung geht so: Zurückgehende Arbeitslosenzahlen bei gleichzeitig steigender Zahl der offenen Stellen ist gleich Fachkräftemangel. "Händeringend", berichtete Arbeitgeberpräsident Ingo Kramer vergangene Woche, suchten die Unternehmen nach Arbeitskräften. Dass es keine einzige empirische Untersuchung gibt, die einen Fachkräftemangel belegt oder wenigstens überwiegend wahrscheinlich macht, scheint in Zeiten von Fake News unwichtig.

Wie man die Meinung, es herrsche Fachkräftemangel, "macht", hat kürzlich in vorbildlicher Weise der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK) vorgeführt. Am 13. März veröffentlichte er seinen Arbeitsmarktreport 2018 und eine Pressemitteilung mit dem Titel "Fachkräfte gesucht wie nie!". Die zentrale Botschaft: Für 60 Prozent der Betriebe ist der Fachkräftemangel das "Geschäftsrisiko Nummer eins". Die zentrale Zahl: 1,6 Millionen. So viele Stellen können, so der DIHK "längerfristig nicht besetzt werden". Kaum war die Pressemitteilung in der Welt, rauschte es im elektronischen Blätterwald. "DIHK ermittelt. In Deutschland fehlen 1,6 Millionen Fachkräfte", titelte "faz.net". Von der "Zeit" bis zur "Heilbronner Stimme" war als Headline zu lesen: DIHK – Fachkräftemangel belastet Unternehmen immer stärker.

Hintergrund der Pressemitteilung war eine Umfrage des DIHK, an der sich 24 000 Unternehmen beteiligt haben. Der DIHK stellte vier Fragen, für die drei bis acht vorgegebene Antwortmöglichkeiten sowie bei zwei Fragen außerdem "Sonstiges" angekreuzt werden konnten (hier die Ergebnisse als PDF).

Ominöse 1,6 Millionen offene Stellen

Das auf 31 Seiten publizierte Ergebnis des Fragebogens stimmt nun aber nicht mit der Pressemitteilung überein. Dass 1,6 Millionen Stellen längerfristig nicht besetzt werden können, wird vom DIHK zwar im Arbeitsmarktreport 2018 behauptet, aber es wird nicht erklärt, woher diese Zahl kommt – es gibt nicht einmal eine unplausible Erklärung, sondern einfach gar keine.

Außerdem bejahten lediglich 48 Prozent der befragten Unternehmen die Frage, ob sie derzeit offene Stellen länger als zwei Monate nicht besetzen können – und nicht, wie die Pressemitteilung nahelegt, 60 Prozent. Diese Zahl hatte man aus einer früheren Umfrage eingefügt, in der der DIHK seine Mitgliedsunternehmen unter anderem fragte, wo die Unternehmen die "größten Risiken bei der wirtschaftlichen Entwicklung ... in den kommenden 12 Monaten" sehen. Auf diese Frage, auf die auch mehrere Antworten gegeben werden konnten, hatten die befragten Unternehmen zu 60 Prozent "Fachkräftemangel" angekreuzt.

Da in der aktuellen Umfrage außerdem nicht nach der Zahl der Stellen, die nicht besetzt werden können, gefragt wurde, ist es durchaus möglich, dass eine Reihe von Unternehmen mit Ja geantwortet haben, die nur wenige Stellen, im Minimalfall zwei, nicht besetzen können, was nicht unbedingt für einen Fachkräftemangel spricht. Außerdem ist es durchaus üblich, dass die Besetzung einer Stelle länger als zwei Monate dauert.

Nach der Stellenerhebung des Instituts für Arbeitsmarkts- und Berufsforschung (IAB) gab es im vierten Quartal 2017 insgesamt rund 1 184 000 offene Stellen, davon waren 200 000 später zu besetzende Stellen. Rund 20 Prozent der offenen Stellen erfordern keinen Berufsabschluss – bei diesen Stellen kann also nicht davon gesprochen werden, dass sie aufgrund eines Fachkräftemangels nicht besetzt werden können. So bleibt von den angeblich 1,6 Millionen Fachkraftstellen, die laut dem Deutschen Industrie- und Handelskammertag längerfristig nicht besetzt werden können, noch rund die Hälfte übrig. Und da nach den Erkenntnissen des IAB etwas mehr als die Hälfte der offenen Stellen nicht einmal bei der Agentur für Arbeit gemeldet ist, scheint sich bei einer ganzen Reihe von Unternehmen, die neue MitarbeiterInnen suchen, das Händeringen in Grenzen zu halten.

Dem angeblichen Mangel an Fachkräften steht ein großes Überangebot an Arbeitskräften gegenüber. 2,46 Millionen offiziell Arbeitslose, von denen mehr als die Hälfte eine abgeschlossene Berufsausbildung hat, und etwa weitere 960 000 beschönigend als "unterbeschäftigt" bezeichnete, in Wahrheit ebenfalls arbeitslose Menschen, zu denen unter anderem über 58-jährige Langzeitarbeitslose und 1-Euro-Jobber gehören, haben keinen Arbeitsplatz. Außerdem ist eine unbekannte Zahl von Menschen, die nicht bei der Agentur für Arbeit gemeldet sind, ebenfalls auf der Suche nach einer Anstellung. Zum Beispiel Eltern, die wegen der Betreuung ihrer Kinder ausgesetzt haben, oder Kleinselbständige, die sich mangels einer Anstellung selbstständig gemacht haben, aber lieber angestellt arbeiten würden. Dazu kommt eine unbekannte Zahl von Teilzeitbeschäftigten, die ihre Arbeitszeit gerne aufstocken würden.

Jeder Fünfte verdient unter 10 Euro die Stunde

Schaut man sich die Struktur des Niedriglohnsektors an, die vom Institut Arbeit und Qualifikation der Uni Duisburg-Essen im jährlich erscheinenden Niedriglohnreport beschrieben wird, bleibt von der Botschaft vom Fachkräftemangel endgültig nichts mehr übrig. 2015 – neuere Informationen liegen noch nicht vor – verdienten 22,6 Prozent aller abhängig Beschäftigten weniger als 10,22 Euro brutto pro Stunde. 63 Prozent der Niedriglohnbeschäftigten hatten eine Berufsausbildung und elf Prozent sogar einen Hochschulabschluss. Wenn es tatsächlich einen Fachkräftemangel gäbe, müssten sich diese mehr als fünf Millionen im Niedriglohnbereich tätigen Fachkräfte vor besser bezahlten Angeboten eigentlich kaum retten können. Aber nichts passiert. Trotz sinkender Arbeitslosenzahlen verharrt die Niedriglohnbeschäftigung auf fast unverändertem Niveau.

Zwei interessante Zitate aus dem Arbeitsmarktreport 2018 des DIHK zeigen, dass das von den Arbeitgebern beklagte Problem zum großen Teil selbstgemacht ist: "Stellenbesetzungsprobleme bestehen häufig bei Zeitarbeitsunternehmen (83 Prozent)... Auch die Sicherheitswirtschaft (78 Prozent), Gesundheits- und Sozialdienstleister (73 Prozent), der Straßengüterverkehr (63 Prozent) sowie das Gastgewerbe (62 Prozent) sind besonders betroffen. Hier handelt es sich zumeist um Stellen, die eine berufliche Ausbildung voraussetzen, aber keine Hochqualifizierten erfordern." Und: "Das zweithäufigste Motiv der Unternehmen für die Fachkräftesuche ist die Fluktuation von Arbeitskräften (39 Prozent). Hier sind in erster Linie die Dienstleister betroffen (45 Prozent)."

Im Klartext: Branchen mit miesen Löhnen haben Schwierigkeiten, qualifiziertes Personal zu bekommen. Und wer schlecht bezahlt wird, ist schnell wieder weg, wenn er etwas besser Bezahltes findet. Die Therapie des Problems ist naheliegend. Wenn – insbesondere im Dienstleistungsbereich – bessere Löhne bezahlt werden, werden auch die Stellenbesetzungsprobleme geringer. Und wenn nicht nur einzelne, sondern alle Personalabteilungen die Fantasie aufbringen würden, dass man auch Über-50-Jährige, nur in Teilzeit Leistungsfähige, Schwerbehinderte, Langzeitarbeitslose oder (ehemals) Wohnungslose einstellen kann, würde man nicht mehr von Fachkräftemangel sprechen.

Stattdessen rufen die Unternehmen lieber nach dem Staat. So bejahten 55 Prozent der befragten Unternehmen bei der Frage, welche Rahmenbedingungen verändert werden sollen, den Vorschlag "Qualifikation der Schulabgänger verbessern". Bei "Berufliche Bildung stärken (z.B. Berufsorientierung an Gymnasien, Stärkung der Berufsschulen)" kreuzten 58 Prozent Ja an. An dieser Stelle haben die Unternehmen ja Recht. Bei der Bildung liegt hierzulande vieles im Argen. Was vor allem damit zusammenhängt, dass Deutschland einen deutlich geringeren Anteil seines Bruttoinlandsprodukts für Bildung ausgibt als die meisten anderen OECD-Länder. Wie sich das ändern soll, sagt der DIHK allerdings nicht. Im Gegenteil: Er fordert regelmäßig Steuersenkungen.

Aus Steuersenkungen lässt sich mehr Bildung allerdings nicht bezahlen. Doch doch, lautet die Milchjungenrechnung der Angebotstheoretiker: Weil dann mehr Arbeitsplätze entstehen und trotz niedrigerer Steuersätze mehr Steuern reinkommen. Es bleibt die Frage, wer diese schönen, neuen Arbeitsplätze besetzen soll, wenn doch der Fachkräftemangel angeblich jetzt schon so groß ist. Die Antwort ist einfach: Diese Rechnung geht nicht auf.


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14 Kommentare verfügbar

  • D. Hartmann
    am 17.04.2018
    Gehaltsanstieg als sicherer Indikator für Fachkräftemangel:
    Ein "echter" Fachkräftemangel wäre sehr leicht an einem einfachen Parameter zu erkennen nämlich den Gehältern. Diese müssten in den vom Fachkräftemangel betroffenen Bereichen (überdurchschnittlich) schnell und deutlich steigen. (Eine funktionierende Marktwirtschaft vorausgesetzt.)
    Solche Steigerungen sind derzeit in Deutschland kaum bzw. nur in wenigen sehr kleinen Berufsfeldern zu beobachten. Daraus ergibt sich, dass es derzeit keinen weitreichenden Fachkräftemangel gibt.
    Hingegen ist auch 2018 noch zu beobachten, dass sich viele Fachkräfte aufgrund der für sie ungünstigen (Arbeits-) Marktsituation mit mäßigen Gehälter und schlechten Arbeitsbedingungen "zufrieden geben" (müssen).
  • Matti Illoinen
    am 08.04.2018
    Bekannter von mir, Arzt ist mittlerweile nach Norwegen ausgewandert, paradiesische Verhältnisse was Arbeitszeiten und Vergütung gegenüber Deutschland.
  • Andrea K.
    am 08.04.2018
    Man muss sich in diesem Zusammenhang auch die Frage stellen, welchem Zweck der so postulierte Fachkräftemangel dienen soll. Vielleicht die Basis für eine geplante Hartz-IV-Reform? Wer sich heute durch Kommentarspalten blättert weiß, die Mehrheit der Bevölkerung ist bereits überzeugt, wer keinen Job hat, ist faul oder dumm. Denn es herrscht ja Fachkräftemangel. Dieser gesellschaftliche Druck hilft dabei, Arbeitssuchende zu Dumpingkonditionen einzustellen. Den Rest erledigt das Arbeitsamt, denn wer nicht spurt, dem droht die Leistungskürzung.

    Ich selbst war arbeitslos - und die Erfahrungen mit dem Arbeitsamt lassen einem die Haare zu Berge stehen. Da kontaktieren einen die Zeitarbeitsfirmen direkt, denn sie wissen, dass man den "Vermittlungsvorschlag" vom Amt vorliegen hat (woher eigentlich?). Sobald sie erfahren, man ist nicht in H4 sondern noch im ersten Jahr, erlischt das Interesse sofort, denn man hat noch das Recht über Qualifikation und entsprechende Honorierung diskutieren.

    Laut Medienberichten müssen wir auch ständig Arbeitsplätze sichern - mit allen Mitteln. Und wenn doch ein Mangel an Fachkräften herrscht und die Unternehmen Rekordgewinne ausweisen, was bedroht da eigentlich die Arbeitsplätze? Können da die Fachkräfte der Rüstungsindustrie nicht leicht in anderen Bereichen eine qualifizierte Anstellung finden?

    Fragen über Fragen...
    • Peter Kurtenacker
      am 08.04.2018
      Einfach mal bei den Computer-Seiten heise.de und golem.de mitlesen. Da stand schon mehrmals das eigentliche Thema. Fließbandarbeiten, auch Standartsachen in der Verwaltung sind über kurz oder lang weitestgehend am Sterben. Es wird in den einfachen Bereichen viele Arbeitslose geben. Nur die Hochqualifizierten (und der Begriff ist dehnbar) haben eine Chance. Der bessere Rest wird in die schlechter bezahlten Sozialberufe abgedrängt. Und viele die es heute noch verhältnismäßig leicht haben am Fließband gehen unter. Und die automatische Fabrik wird gar nicht mehr in Deutschland stehen. Firmen wie Daimler werden diesen Umschwung nur schwer verdauen, da sich in Deutschland ein Sozialkampf in den nächsten Jahren abzeichnet. Also geht die nächste Generation der Industrialisierung in anderen Länder weiter, wo man den Umweltschutz lockerer nimmt, billige Energie hat und niedrige Soziallasten. Und die Hochqualifizierten wandern dann ab. Habe in der eigenen Verwandtschaft Beispiele dazu.
  • Horst Ruch
    am 07.04.2018
    ......etwas platt ausgesagt.....Es ist die ureigenste Konstruktion der IHK‘s (seit dem Mittelalter) - neuzeitlich Körperschaft des öffentlichen Rechts- als verlängerter Arm des Wirtschaftsministeriums der Politik vorzuschreiben, was (Ranghohen)Bürgern gut bekomme. Dazu dürfen die (Zwangs)Mitglieder ihre Meinung einbringen.
    So entstehen dann gar manch absurde Projekte wie S 21. (für die 20 000 Arbeitsplätze neu geschaffen werden sollten, bloß wo?}
    Nicht zuletzt ist Angela Merkel mit ihrer Wilkommenskultur zur Flüchtlingspolitik ein Opfer eben genau dieser Falschaussage der Industrie gewesen, die „Händeringend“ nach
    preiswerten „Fach“kräften aus dem Flüchtlingsstrom lechzte.
    • Peter Kurtenacker
      am 07.04.2018
      Quatsch. Die IHK entstanden in der Neuzeit. Die Handwerkskammern sind im Mittelalter entstanden. IHK haben sich an dieser Tradition angehängt. Die Kammern hatten vor allen früher, im Mittelalter, teilweise sogar gewerkschaftsähnliche Funktionen. Vor den Gewerkschaften gab es die Gesellenvereine. Die Gesellen waren neben den Meistern nach den Regeln der Kammern gleich stark. Nur die Meister nicht umsonst besser gebildet und zogen die Gesellen dann oft über den Tisch.
      Noch heute sind bei Abstimmung der Bildungsausschüsse Arbeitgeber und Gewerkschaften mit gleicher Stimmenzahl vertreten. Das es in der IHK scheinbar so einseitig zugeht liegt auch an der Dummheit vieler Mitglieder. Damiler ist keineswegs der stärkste Betrieb in der IHK Stuttgart. Im Gegenteil sie sind objektiv betrachtet dort sogar benachteiligt. Es gilt "Bei der Wahl hat jedes Unternehmen – unabhängig von seiner Größe – gleiches Stimmrecht".
      Was wäre wenn die IHK zumachen würde? Dann gäbe es zum Beispiel keine Duale Ausbildung mehr. Der letzte der versuchte, das indirekt zu erreichen war ein gewisser Kanzler von 1998 bis 2005. Glücklicherweise konnten das einige Gewerkschafter an ihrer Führung vorbei verhindern. Übrigens auf Grundlage eines Urteils das die Arbeitgeber so um 1978 gegen die SPD-FDP erstritten hatten. Manche Treppenwitze der Geschichte sind schon irre.
      Wer die IHK abschaffen will ist nur dämlich. Sogar in der DDR hat man eine IHK gehabt. Mit zugegebener falscher Zielrichtung.
      Adolf GRÖFAZ hatte die aber abgeschafft. Haben die blöden Kommunisten, die doch glatt wieder gegründet. Man könnte ja jetzt was böses sagen.
      Das das Kammersystem Renovierungsbedürftig ist bleibt unbestritten. Die arbeiten seit den 50er mit irgendwelchen vorläufigen Gesetzen und jeder Menge Urteilen der verschiedensten Gerichte. Nur jeder sollte sich hier genau kundig machen, bevor er nur "Altes" einreißen will. Oder in die FDP eintreten, die haben da noch bescheuerte Ideen mit ihrer Jugendgang und besoffenen alten Trinker.
  • Andromeda Müller
    am 06.04.2018
    Zu Leiharbeitern , die Ingenieure sind : https://www.youtube.com/watch?v=IIV-P6K2t4M
    Hatte zum Thema bereits mal geschrieben. Wurde zensiert. Zuviele Quellen. Vielleicht klappt es so mit der einen dürren. zu "Arbeitsmarkt" kann man auch einfach den Kabarettisten Volker Pispers auf youtube ansehen (wenn noch zugänglich). Da bekommt man dann seine Sachinformation , für die in der Tagesschau lt. Presserat auf Beschwerde
    keine Zeit ist ,- jahrelang- , darauf mal näher einzugehen .
    Siehe dazu Beitrag in "Hintergrund" . Zur Tagesschau Volker Bräutigam und Friedhelm Klinkhammer (ehem.NDR-Urgestein bei Tagesschau und Verdi).
  • Fritz Meyer
    am 05.04.2018
    Die Rechnung geht schon auf, aber nicht für die Bevölkerung. Unsere Politikerkaste hat sich seit Schröder komplett von ihrer eigentlichen Aufgabe verabschiedet und dient nur noch als williger Handlanger der Wirtschaftslobby.

    Und wenn man solche Artikel liest, dann weiss man auch, was in unserem Land schief läuft:

    http://www.westfalen-blatt.de/OWL/Kreis-Guetersloh/Guetersloh/3155921-Guetersloh-Versicherung-Aerzte-und-Behoerde-verweigern-ihre-Hilfe-Mit-Blasenkatheter-zum-Jobcenter
  • Uwe Borchert
    am 04.04.2018
    (Fortsetzung) Bei der Angabe der offenen Stellen geht es mit den Manipulationen weiter. So werden einfach alle Stelleangebote gezählt. Hinter vielen dieser Anzeigen steht gar keine offene Stelle. So phishen Zeitarbeitsfirmen mit Allgemeinanzeigen nach Daten und andere Firmen benutzen HR-Image-Anzeigen um Werbung zu machen. In beiden Fällen stehen aber keine zu vergebenden Stellen dahinter. Bei den ganzen Rechnungen werden diese Dummyanzeigen nicht aus diesen genommen.

    Ganz grob kann man von einer Dummyquote von mindestens 80% ausgehen, aber 90% sind wahrscheinlicher. Dummyquoten von unter 75% kann man nach verschiedenen Plausibilitätstest jedoch ausschließen. Allerdings gibt es einen hier unerfassten inoffiziellen Arbeitsmarkt, der mit etwa der Hälfte des offiziellen abgeschätzt werden kann. Somit würde ich von irgendwas zwischen 200 Tsd. und 300 Tsd. offenen Stellen ausgehen ... für 8,5 Mio. Arbeitslose im engsten SInn und um die 11 Mio. Arbeitslose im leicht erweiterten Sinn. Vollbeschäftigung und Arbeitskräftemangel sehen anders aus!
    • Karl-Christian Duppeck
      am 05.04.2018
      Es ist schön, dass die Meldungen von den Millionen „offenen Stellen“ im Artikel, aber auch in Ihrem Kommentar kritisch hinterfragt werden. Auch die Arbeitsagentur meldet regelmäßig Rekordzahlen bei den „offenen Stellen“. Jedoch wurde in der Vergangenheit schon häufiger kritisiert, dass etwa über die „Jobbörse“ der Arbeitsagentur in großem Umfang Stellen ausgeschrieben werden können, wobei die Identität des Ausschreibenden allenfalls stichprobenartig kontrolliert wird, was an positiver Außendarstellung interessierte Unternehmen, Datensammler und Betrüger anlockt. So sind dann massenhaft Stellen ausgeschrieben, während die Bewerber oft gar keine Antwort erhalten oder die (wie gefordert) online eingereichten Bewerbungen mit einer automatisierten Standard-Email beantwortet werden, an der dann deutlich wird, dass die Bewerbung gar nicht gelesen wurde. Gleiches gilt, wenn Anfragen zu vermeintlichen „Jobangeboten“ mit einer Absage „beantwortet“ werden, in der das Unternehmen für gar nicht eingereichte Bewerbungsunterlagen dankt. Diese „Stellenangebote“ sind dann häufig monate- bzw. jahrelang oder sogar permanent ausgeschrieben, wobei oft nur das Datum der Ausschreibung ab und an angepasst wird. Dies führt auch dazu, dass viele Stellen gleich mehrfach ausgeschrieben sind. Über Erfahrungsberichte im Internet finden die Bewerber dann heraus, dass sich schon zahlreiche andere Personen um noch heute ausgeschriebene Jobs bewarben, aber bis heute keine Antwort oder nur die üblichen Absagen kassierten. Die „offenen Stellen“ werden derweil als Nachweis für einen „Fachkräftemangel“ verkauft. Nicht zuletzt schreiben auch Zeitarbeitsfirmen extrem viele Stellen aus. Die Bewerber erhalten dann statt eines Jobs das Angebot, sie in den Bewerberpool aufzunehmen, während die Stellen weiterhin ausgeschrieben bleiben.
  • Uwe Borchert
    am 04.04.2018
    Das ist nur die Spitze des Eisberges! Die letzten Zahlen von Destatis sind noch von 2016, aber bereits diese zeigen ein ganz anderes Bild. Nach der Genesis-Datenbank von Destatis gab es damals 45,5 Mio. Erwerbspersonen, von denen aber nach der Arbeitskräfteerhebung (Mikrozensus) nur 37 Mio. ein Einkommen hatten. Somit hatten 8,5 Mio. von 45,5 Mio. kein Einkommen, waren also Erwerbslose im engsten Sinn. Das bedeutete eine Quote von rund 19%. Dazu kommen dann noch über 2,1 Mio. minijobbende Erwerbspersonen mit Befreiung von der SV-Pflicht als Erwerbslose im leicht erweiterten Sinn. Dazu kommt dann noch über eine halbe Mio. Minijobber die nicht auf die SV-Pflicht verzichten, aber als vollwertige SV-pflichtige Erwerbstätige gezählt und nicht gesondert ausgeschrieben werden. Da ist man dann auf etwa 11 Mio. Erwerbslose und hatte eine Quote von rund 24%.

    Fortsetzung folgt!
  • Peter Kurtenacker
    am 04.04.2018
    Der Artikel ist so nicht ganz richtig. Es ist eigentlich eine gefährliche Mischung die gerade läuft, es fehlt tatsächlich in allen Bereichen an allen Ecken an Fachleuten mit Erfahrung. Ein Ausgebildete(r) egal in welchen Beruf ist noch keine fertige Fachkraft.
    Er/Sie muss Erfahrung im Berufsalltag bekommen und von älteren das nötige anschauen können. Aber um das zu machen muss man zu mindestens soviel verdienen, das man davon leben kann und restliche Kosten der Ausbildung auch bezahlen kann.
    Außerdem muss in einer verhältnismäßigen Zeit ein Überschuss aus der Arbeit herausspringen. Wenn es die richtige Mischung aus Begabung, guter Ausbildung und guter bezahlter Arbeit ohne befristete Verhältnisse gibt, wird so ziemlich jeder Mensch glücklich mit seinen Beruf werden können. Und das diese Mischung heute schon im Regelfall nicht da ist, ist das eigentliche Problem.
    Der Mist kam dann in Zuge der neoliberalen Entwicklungen.
    Mit Ausbildung in einen unpassenden Beruf, der aber sehr gut bezahlt wird, werden die meisten auch nicht glücklich. Ich würde zum Beispiel niemanden empfehlen Zahnarzt zu werden, nur weil er da gut verdient. Da gibt es selbst für Einser-Abiturienten manchmal bessere Berufe in anderen Bereichen.
    Aber auch die Gesellschaft muss lernen, das eine gleichmäßige Verteilung, der nötigen Berufe, ein näher beieinander liegendes Gehaltsschema erfordert.
    Der Neid auf Ansehen und Gehalt ist der Antrieb zu den Verwerfungen, die uns heute zu schaffen machen.
    • Jean Claude Noir
      am 04.04.2018
      Warum stehen dann so viele Menschen mit Erfahrung auf der Straße sprich sie sind OHNE Job? Klar, die sind viel zu teuer. Deshalb werden Arbeitssuchende - auch mit guter Qualifikation - gerne an Leiharbeitsfirmen weitergereicht. So fallen sie aus der Statistik und alles ist gut. Nur nicht für die Leute die zu diesen Bedingungen arbeiten dürfen. Es war schon immer so: wer in die Ausbildung junger Menschen investiert sorgt dafür, dass es in seinem Betrieb KEINEN Fachkräftemangel gibt. Es soll doch tatsächlich Firmen geben die sowas machen und die ihre jungen Mitarbeiter nach erfolgreicher Prüfung übernehmen. Die bekommen anschließend natürlich ein gutes Gehalt bezahlt.. Gemeckert wird auch NICHT darüber , dass die Ausbildungszeit eine sehr "kostenintensive" Angelegenheit ist. Ich erinnere mich an meine Azubi-Zeit. Damals begannen einige Betriebe in der Umgebung die anzalh der Auszubildenden zu reduzieren: ihre Bgeründung: die Ausbildungszeit ist viel zu teuer.
  • Frederik Weiss
    am 04.04.2018
    Dieser Statistikzirkus -Ergebnis nach Auftraggeberwunsch- beschäftigt Legionen von (nicht schlecht bezahlten) Mitarbeitern, die von ihrer Existenzberechtigung überzeugt sind. Leichte Beute für die verschiedensten Organisationen, Parteien, usw., die "ihre Zahlen" -für welchen "Unfug" auch immer- brauchen.
    Dass es keinen echten Fachkräftemangel gibt erlebt jeder, der mit Unternehmen aller Größenordnungen zu tun hat. Es wird lautstark geklagt, um dann bei konkreter Nachfrage wieder auf ein "es geht schon" einzubrechen. Unternehmen aller Größenordnungen sind sich "im stillen Kämmerlein" einig, daß es insgesamt zu wenig Arbeitslose gibt, was -mangels Masse- die Einstellung "richtig günstiger Arbeitskräfte" verhindert. Eine überhebliche Ansicht angesichts überquellender Gewinne. Viele Unternehmen hätten gerne für jede Stelle 2-3 geeignete, auf Kosten der Steuerzahler top-ausgebildete Bewerber, die man dann -gerne in mehreren Gesprächen- auf unterstes Gehaltsniveau "quatscht".
    Als Ausnahme darf man das Handwerk bezeichnen. Dort wo der Mitarbeiter -als lang gesuchter, gelernter Kollege- wieder als Mensch und Einzelschicksal arbeitet, wird zum Großteil ordentlich bezahlt und vor einer -wie auch immer bedingten- Kündigung braucht niemand Angst zu haben.
    Staiger hat das Gebahren von Unternehmen und Organisationen sehr präzise dargestellt. Selbst Zeitgenossen, die sich für "belesen und informiert" halten, staunen über diese vorsätzlich plumpen Statistiktricks der Verbände unserer Wachstumsfetischisten.
    Ein ähnliches Statistiktheater läuft derzeit beim Thema "Pflege". Man rechnet Altersstatistiken hoch und gibt schlagzeilengeschuldet "Alarm". Ein paar Einzelfälle in den täglichen TV-Magazinen auf Micky Maus-Niveau und schon hat man 3 Tage "ein Thema". Die "Statistiken" für die Pflege gehen davon aus, daß z.B. der Anteil von Dementen bis 2030/40 gleich bleibt. Wozu fließen dann Milliarden in die Demenzforschung?
    Das Gesundheitswesen ist -mit Verlaub gesagt- die wirklich "irrste Branche" im Land. Milliardenausgaben, ineffizientes Arbeiten, Lobbyeinfluß an jeder Flurecke, große Arbeitsleistungen des "Fußvolks" bei miserabler Entlohnung.
    Sorry für den Ausrutscher: Das Gesundheits(un)wesen ist hier nicht das Thema.

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