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Hans Böhm, der erste deutsche Revolutionär

Der Rebell vom Taubertal

Hans Böhm, der erste deutsche Revolutionär: Der Rebell vom Taubertal
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Schon viele Jahrzehnte vor dem großen Bauernkrieg und dem "Armen Konrad" gab es eine erste revolutionäre Massenbewegung in Deutschland, ausgelöst und angeführt von Hans Böhm, dem "Pfeifer von Niklashausen". Von der offiziellen Erinnerungskultur ist er nahezu gänzlich vergessen. Völlig zu Unrecht.

Wir schreiben das Jahr 1476. Das einfache Volk hatte in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts eine schwere Zeit zu durchleiden. Im "Herbst des Mittelalters" war die althergebrachte Ordnung von den Mächtigen einseitig aufgekündigt worden. Gesellschaft und Kirche steckten in einer tiefen Krise. Während des Konzils von Konstanz (1414 bis 1418) hatten sich drei Päpste um die Macht gestritten und der böhmische Reformator Hus war nach einem gebrochenen Versprechen des Kaisers auf dem Scheiterhaufen verbrannt worden.

Eine apokalyptische Stimmung machte sich breit: Sitte und Moral in den Klöstern waren verludert, Missernten und in deren Gefolge Hungersnöte quälten das Land, die Pest wütete und der Kaiser hatte sogar einen Krieg gegen das Bauernheer der Eidgenossen verloren! Die Finanzierung seiner Kriegszüge musste er sich zu allem Übel bei cleveren Geschäftemachern wie den Fuggern zusammenbetteln, die sich dafür als Gegenleistung große Ländereien unter den Nagel rissen und sich in den Adelsstand erheben ließen.

Der niedere Adel dagegen war im Behauptungskampf gegen die immer mächtigeren Klöster, Herzöge und Kurfürsten in eine soziale Abwärtsspirale geraten, was dazu führte, dass sich die Junker all das, was ihnen ihrer Meinung nach von jeher zustand, nun mit brutaler Gewalt aneigneten. Das althergebrachte Nutzungsrecht der einfachen Dorfbewohner an Wald, Weide und Wiesen – die Allmende – wurde ihnen einfach abgesprochen, kurzum: Es waren fürchterliche Jahre angebrochen.

Revolutionäre Reden vor der Marienkapelle

Kein Wunder, dass mehr und mehr apokalyptische Wanderprediger durch die Lande zogen, die in ihren düsteren Prophezeiungen vom unmittelbar bevorstehenden Ende der Welt predigten, vom jüngsten Tag, von der Hölle, in der alle Gottlosen bald gnadenlos schmoren würden – vor allem diejenigen, die nicht die finanziellen Mittel besaßen, um sich mit Ablassbriefen von der ewigen Pein noch im letzten Moment freizukaufen.

Genau in dieser Zeit begann ein junger Schäfer namens Hans Böhm in Niklashausen im Taubertal urplötzlich, vor der örtlichen Marienkapelle revolutionäre Reden zu schmettern: von Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit, vom "Recht des gemeinen Mannes", von der Gottlosigkeit des Kaisers und von den Sünden der Priester. Das war Gotteslästerung! Und dennoch sagte der "Heilige Jüngling", wie sie ihn im Taubertal bald nannten, er vertrete in allen Punkten das göttliche Recht. Denn es sei doch nicht Gottes Wille, dass die einen in Armut, Not und Elend vegetieren müssten, während die anderen in einem gotteslästerlichen Luxus schwelgten. So war das doch zu Zeiten der Ahnen schließlich auch nicht gewesen, die alte Ordnung hatte ganz anders ausgesehen! Es habe eine Zeit gegeben, in der alle Menschen frei und gleich gewesen waren und folglich stelle sich die Frage: "Als Adam grub und Eva spann, wo war denn da der Edelmann?"

Und weil sich der etwa 20 Jahre junge Mann, geboren in Helmstadt bei Würzburg, Viehhirte zu Niklashausen, mit seinen Argumenten auf die Jungfrau Maria berief, die hochverehrte Schutzheilige von Franken, setzte ein regelrechter Sturmlauf nach Niklashausen ein. Von überallher kamen die Menschen: aus Franken, Hohenlohe, vom Main und natürlich aus dem Taubertal, um die Predigten des Heiligen Jünglings begierig in sich aufzusaugen.

Zehntausende pilgerten nach Niklashausen

Man muss sich das einmal vor Augen halten: Wie ein Lauffeuer hatte sich seit dem Tag Mariä Verkündigung, dem 25. März 1476, dem Tag seiner ersten Predigt, herumgesprochen, dass bei der Marienkapelle im Wallfahrtsort Niklashausen ein Jüngling davon berichte, wie ihm im Schlaf die Heilige Jungfrau erschienen sei, die durch ihn ihre Botschaft verkünde: von einem großen Strafgericht Gottes gegen alle Sünder. Dass er die Menschen auffordern solle, umzukehren und auf den Pfad der Tugend zurückzufinden, und dass sie deshalb alle nach Niklashausen kommen sollten, um Buße zu tun. Und allen, die dort am wundertätigen Gnadenbild um Vergebung bitten würden, würde diese Vergebung durch die Heilige Jungfrau auch zuteil werden.

Die Botschaft fiel auf fruchtbarsten Boden – wie ein warmer Regenguss nach einer langen Dürreperiode – und ließ die Saat aufgehen: Zu Zehntausenden müssen die Menschen damals herbeigeströmt sein, eine unüberschaubare Anzahl an Pilgern, die nichts anderes mehr im Sinn hatten, als den wundersamen Jüngling und seine verheißungsvolle Botschaft mit eigenen Augen und Ohren erleben zu dürfen. Es ist zwar völlig rätselhaft, wie das kleine Dorf (heutzutage hat es grade mal 400 Einwohner) in dem engen Flusstal diesen Ansturm bewältigt hat. Im weiten Umkreis muss es kein anderes Gesprächsthema mehr gegeben haben als den Heiligen Jüngling von Niklashausen. Mitten im Frühjahr haben die Männer und Frauen einfach ihre Arbeitsgeräte stehen und liegen lassen und sind ins Taubertal gepilgert, um die frohe Botschaft des jungen Hirten empfangen zu können.

Und seine Forderungen wurden immer radikaler: Alle Hofffahrt müsse sofort konsequent und unnachgiebig bekämpft werden, jedes Schmuckstück, jeder modische Schuh, Brusttücher, Spielzeug, Haarnetze, schlichtweg alles müsse von den Pilgern dem Feuer überantwortet werden, genauso wie er selbst seine Sackpfeife verbrannt habe (die Schäfer haben früher oft auf dem Dudelsack gespielt, deshalb auch Hans Böhms Beiname "Pfeifer von Niklashausen"). Nur so könne man die Heilige Jungfrau davon überzeugen, dass man gewillt sei, auf den Weg der Tugend zurückzufinden. Und all diese Menschen, die doch ohnehin fast nichts besaßen, folgten seiner Aufforderung und warfen auch noch das letzte bisschen Besitz, das sie mit sich führten, ins Feuer. Denn bald schon würde eine neue Zeit anbrechen und alle, die so gehandelt hätten wie sie, die würden eine verheißungsvolle Zukunft erleben dürfen: ohne Adel, ohne Frondienste, ohne private Besitztümer. Alles gehöre künftig allen und jeder Mann und jede Frau könnten glücklich und zufrieden ihr Leben führen. Was für eine Botschaft!

Die Bischöfe waren alarmiert

Bis zu 50.000 Menschen müssen sich in Niklashausen innerhalb weniger Wochen versammelt haben – und selbst wenn diese Zahl für heutige Ohren angesichts der damals wesentlich geringeren Bevölkerungsdichte auch etwas übertrieben klingen mag: Es war auf alle Fälle eine gigantische Massenbewegung, die sich im Frühsommer 1476 über das mittlere Taubertal ergossen hat. Und plötzlich waren auch die Bischöfe in Mainz und Würzburg, die das eigenartige Treiben lange nicht ernst genommen hatten, aufs Höchste alarmiert. Spitzel wurden ausgesandt, um die gottlosen Handlungen in Niklashausen auszukundschaften und Bischof Rudolf von Scherenberg auf dem Würzburger Marienberg Bericht zu erstatten.

Dementsprechend war der Bischof hell entsetzt zu hören, dass sogar ihm, dem vermeintlichen ersten Diener der Heiligen Jungfrau Maria, vorgeworfen wurde, ein gottloser Zeitgenosse zu sein, den selbst bald die Strafe des Himmels treffen würde. Und all diese ketzerischen Behauptungen des jungen Schäfers wurden auch noch durch einen Mönch, der ihm offenbar zur Seite stand, theologisch untermauert! Unerhört!

Jetzt musste gehandelt werden – und zwar rasch! Doch so einfach war es natürlich nicht, inmitten von mehreren Zehntausend Anhängern deren Volksheld gefangen zu nehmen und nach Würzburg auf die Marienburg zu verbringen. Deshalb entschloss man sich zu einer Nacht-und-Nebel-Aktion, während Hans Böhm und seine engsten Helfer dann tatsächlich mitten im Schlaf überrascht und entführt wurden, ohne dass die ahnungslosen Wallfahrer etwas mitbekamen, die in ihrer grenzenlosen Naivität keinerlei Schutzmaßnahmen für ihren Heiligen Jüngling ergriffen hatten.

Am nächsten Morgen dann war das Entsetzen groß – aber da war es natürlich längst zu spät. Hans Böhm war zu diesem Zeitpunkt schon in den Gefängnisturm der Marienburg geworfen worden, wo auf ihn ein kurzer Scheinprozess wartete, dessen Ausgang bereits von vornherein festgestanden hatte. Viele Tausend von Hans Böhms empörten Anhängern zogen nun vor die Tore der Festung und forderten seine Freilassung – vergebens. Als sich die Wut der Menschen mehr und mehr steigerte und konkret Gefahr bestand, dass mit einer Erstürmung der Marienburg zu rechnen war, ließ der Bischof die Kanonen sprechen. Wahllos wurde in die schutzlose Menge gefeuert, die daraufhin in wilder Panik auseinanderstob.

Noch aus dem Feuer drangen Marienlieder

Anschließend wurde Hans Böhm, der in seinem Gefängnis mehrfach gefoltert worden war, hastig und gegen alle juristischen Regeln ein skandalöser Prozess gemacht. Doch alle Folter, alle Strafandrohungen, alle noch so scharfen Verhöre mochten ihn nicht dazu bewegen, von seiner Haltung Abstand zu nehmen und zu widerrufen. Nicht er sei ein Ketzer, sondern der Bischof. Nicht er führe ein gottloses Leben, sondern Rudolf von Scherenberg. Und so endete dieser Prozess nach kürzester Zeit genau so, wie es von Anfang an beschlossene Sache gewesen war: mit dem Todesurteil gegen Hans Böhm und seine treuesten Begleiter.

Am 19. Juli 1476 wurden die Urteile auf dem Schottenanger am Main unterhalb der Marienburg öffentlich vollstreckt. Während die Gefährten vor seinen Augen enthauptet wurden, war für den Ketzer Hans Böhm der Scheiterhaufen reserviert. Kurz bevor der Henker das tödliche Feuer entzündete, soll er dem Delinquenten noch gnadenhalber das Angebot gemacht haben, ihm das Genick zu brechen, um damit den Qualen eines langsamen Feuertodes zu entgehen. Doch Hans Böhm lehnte ab. Aufrechten Hauptes wolle er zur Heiligen Jungfrau in den Himmel aufsteigen. Und so loderten schon kurz danach die Flammen hoch auf, während er weiter bei vollem Bewusstsein war. Bald wurde er vom dichten Qualm verschluckt – blieb aber nach wie vor präsent. Denn zum Entsetzen des Bischofs und dessen Schergen drang klar und deutlich die Stimme des Heiligen Jünglings durch die Qualmwolken an die Ohren der fassungslosen Menschen. Marienlieder! Bis zu seinem letzten Atemzug sang er Marienlieder zu Ehren seiner Heiligen Jungfrau. Und nein, er hatte nicht widerrufen, sie hatten ihn nicht gedemütigt. Selbst vom Scheiterhaufen herunter hatte er ihnen noch einmal drastisch verdeutlicht, wer hier der Ketzer war und wer nicht.

So groß war deshalb auch noch nach dem Ableben des Hans Böhm die Furcht des Bischofs vor dieser Botschaft, dass er die Asche des Delinquenten vom Scheiterhaufen in den Main streuen ließ, um jegliche Reliquienverehrung gleich im Ansatz zu ersticken. Und sicherheitshalber ließ der Kirchenfürst sogar die Marienkapelle in Niklashausen dem Erdboden gleichmachen, dass nicht das geringste an den Heiligen Jüngling erinnern konnte. Allein dessen Namen zu erwähnen oder gar dessen Geschichte zu erzählen, war bei schwerster Strafe verboten.

Das Erstaunliche dabei: Sie haben es dennoch nicht geschafft, die Geschichte vom Leben des Hans Böhm, des Pfeifers von Niklashausen, für alle Zeiten gänzlich auszulöschen. Das Zeugnis über den ersten deutschen Revolutionär, der schon 49 Jahre vor dem großen Bauernkrieg diese gewaltige Bewegung für mehr Gerechtigkeit und Freiheit zustande gebracht hat.

Die "Pfeiferstube" erinnert an den Helden

Dass ausgerechnet die Nazis das Andenken von Hans Böhm für ihre Zwecke missbraucht haben und dass danach die Geschichtsschreibung der DDR Hans Böhms Auftritt im Jahr 1476 zum Epochenjahr hochstilisiert hat, zum ersten Höhepunkt frühbürgerlicher Revolution und zum Beginn der Neuzeit, hat seinem Andenken im anderen Teil Deutschlands während des sogenannten Kalten Kriegs massiv geschadet. Das sind die Gründe dafür, weshalb man sich auch heutzutage noch schwertut, in der deutschen Erinnerungskultur nicht den Platz für Hans Böhm und seine Botschaft zu finden, der ihm eigentlich gebühren würde.

Jahrhundertelang haben sie sich in seinem Heimatort Helmstadt vielmehr für seine Taten geschämt, ihn dort ebenso wie in Würzburg bis vor einigen Jahren verschwiegen – nur im winzigen Niklashausen erinnert die "Pfeiferstube" des Heimatmuseums ausführlich an diesen tragischen Helden. Von Bischof Rudolf von Scherenberg, der den jungen Schäfer hat verbrennen lassen, gibt es ein Porträt, das der fränkische Holzschnitzer Tilman Riemenschneider geschaffen hat – von Hans Böhm dagegen gibt es nur die Erinnerung. Es bleibt zu hoffen, dass seine Geschichte auch im Zuge der Jubiläen rund um den großen Bauernkrieg nicht unerwähnt bleiben wird. Die Geschichte des ersten deutschen Revolutionärs.

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2 Kommentare verfügbar

  • Peter Nowak
    vor 3 Wochen
    Antworten
    Vielleicht wird es auch noch einen Text zu Jos Fritz geben, der auch in der Gegend aktiv war.

    Ich finde es auch nicht einen Mißbrauch, dass in der DDR an diese frühbürgerlichen Revolutionäre erinnert wurde, wie es auch kein Zufall, dass sie in der BRD kaum erwähnt sind.

    In der BRD sind die…
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