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Baden-württembergische Spielbanken

Bluff bei der Gehaltsverhandlung

Baden-württembergische Spielbanken: Bluff bei der Gehaltsverhandlung
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Als sich die Gewerkschaft Verdi kürzlich mit den landeseigenen Spielbanken auf mehr Gehalt geeinigt hatte, waren die Beschäftigten erleichtert. Doch nun geschah etwas sehr Ungewöhnliches: Der Casino-Aufsichtsrat kippte die Vereinbarung und die Leute stehen ohne Lohnerhöhung da.

Casinos haftet glamouröses Flair an. Elegant gekleidete Croupiers, die geschickt im Umgang mit Roulettekessel, -kugel, Jetons und Spielkarten sind. Zuvorkommend und immer mit freundlichem Lächeln im Gesicht erfüllt das Servicepersonal die Wünsche der gut betuchten und mindestens ebenso teuer wie stilvoll gekleideten Gäste. Zugleich haben Spieltempel auch etwas Anrüchiges an sich, Orte, die zwielichtige Gestalten anlocken. Zu gerne möchte man Mäuschen spielen in den Hinterzimmern, wo vielleicht gar krumme Deals gedreht werden. Diese Klischees, verbreitet von Hollywoodfilmen wie James Bond, sind natürlich nicht (mehr) Realität – auch wenn immer wieder Skandale rund um das Glücksspiel aufgedeckt werden. Meist geht es dabei aber um Online-Casinos.

Umso besser, möchte man meinen, dass Glücksspiel in Deutschland streng reguliert ist. In Baden-Württemberg sind drei Casinos sogar komplett in der Hand einer staatlichen Gesellschaft: der Baden-Württembergischen Spielbanken GmbH & Co. KG. Die erfülle laut Beteiligungsbericht des Landes im Südwesten "den gesetzlichen Auftrag, ein sicheres Glücksspielangebot legal zur Verfügung zu stellen". Mehr als 700.000 Menschen machten 2024 von diesem "sicheren" Angebot im Auftrag des Gesetzes Gebrauch und verkehrten in einer der in Baden-Baden, Konstanz und Stuttgart ansässigen Spielhallen.

Trinkgeld in Gefahr

Casino-Gäste mit glücklichem Händchen sind meist spendabel und bedanken sich mit Trinkgeld bei den Croupiers fürs Spiel. Gesetzlich ist vorgeschrieben, dass das Trinkgeld in einem sogenannten Tronc gesammelt und an die Beschäftigten ausgeschüttet wird. Früher reichte das aus, um das gesamte Gehalt der Beschäftigten zu zahlen. Mit Wirtschaftskrisen, dem Aufkommen von Spielautomaten und Online-Glücksspiel wurde das gegebene Trinkgeld immer weniger. Inzwischen gibt es einen Garantielohn, das nach einem Punktesystem durch den Tronc nur noch aufgebessert wird. Ausweislich des nun gekündigten Tarifvertrags für die Stuttgarter Spielhalle kommt der Chef auf 60 bis 70 Punkte à 107,56 Euro, insgesamt also auf bis zu 7.530 Euro. Aber andere Angestellte liegen mit ihrem Garantielohn sogar unter dem Mindestlohn: Ein Vollzeitmitarbeiter am Automatenspiel etwa liegt beim Berufseinstieg nur knapp über 1.750 Euro (Mindestlohn bei 35-Stunden-Woche: 2.108 Euro). Der Tronc bessert das Gehalt hier maßgeblich auf. Die Gewerkschaft Verdi rechnet mit der Umsetzung der EU-Bargeldrichtlinie ab Juli 2027 (maximal 10.000 Euro Barzahlung) mit "erheblichen Einbußen". Auch Spielbanken-Geschäftsführer Tobias Wald befürchtet einen Rückgang der Trinkgelder und plädiert für "neue angemessene Vergütungsstrukturen" im noch auszuhandelnden Tarifvertrag.  (ks)

Die Spieler:innen spülen damit nicht nur gehörig Geld in die Staatskasse – 2024 fast 85 Millionen Euro –, sondern finanzieren mit ihren Trinkgeldern einen großen Teil des Einkommens der Spielbankbeschäftigten (siehe Kasten). Fürstliche Gehälter können die vom Staat bestellten Dealer – insgesamt zählt die Landesregierung rund 570 Beschäftigte in ihren Casinos – nicht erwarten. Anders als der 2023 eingesetzte Geschäftsführer Tobias Wald: Der konnte sich 2024 über 200.000 Euro plus knapp 8.000 Euro "sonstige Geldwerte Vorteile" in die Tasche steckten. Zuvor saß er zwölf Jahre für die CDU im Landtag. Zum Ausgleich vom stressigen Arbeitsalltag mistet er gerne den Stall seiner Zebu-Rinder aus, offenbarte er dem Staatsanzeiger.

Ausmisten ohne Absprache

Auch im Tarifgeflecht der von ihm betreuten Casinos wollte er ausmisten. So liest sich jedenfalls seine Erklärung dafür, dass im September vergangenen Jahres sämtliche Tarifverträge, auch die betriebliche Gesundheitsförderung und der Altersvorsorgetarifvertrag, aufgekündigt wurden. Das geschah, "weil die bestehenden Tarifwerke unterschiedliche Laufzeiten und Kündigungsfristen hatten und die Tarifverhandlungen für ein einheitliches Tarifwerk, das alle alten Tarifverträge perspektivisch ersetzen würde, im Jahr 2026 aufgenommen werden sollten", richtet Wald per PR-Gesellschaft auf Kontext-Anfrage aus. Es soll also ein einheitlicher Tarifvertrag für alle drei Standorte her, die "Vielzahl der Regelungen sind über Jahrzehnte gewachsen und nicht mehr ausreichend transparent, einheitlich und praxistauglich". Bis ein solcher da sei, ändere sich für die Beschäftigten der Status quo nicht.

Ein einheitliches Tarifwerk ist auch im Sinne der Gewerkschaft Verdi, solange man sich nicht auf den niedrigsten Nenner einigt. Seit Jahren steht das quasi auf der To-do-Liste. Dass aber ohne Absprache alle Verträge gekündigt wurden, überraschte den zuständigen Gewerkschafter Frank Hawel. "Man hätte vorher einen Fahrplan machen können, was ansteht", meint er zu Kontext am Telefon.

Ein neuer, einheitlicher Tarifvertrag wird erst 2027 ausgehandelt sein. Damit die Beschäftigten in diesem Jahr nicht leer ausgehen, machte die Gewerkschaft zur Bedingung für weitere Verhandlungen eine Gehaltserhöhung, die als Sockelbetrag beim künftigen Tarifvertrag gleich angerechnet werden sollte. Die Geschäftsführung zierte sich, war höchstens zu Einmalzahlungen bereit, die nicht in den künftigen Tarifvertrag einfließen. Verdi argumentierte dagegen: Nur mit der Gewissheit, dass die Erhöhung im neuen Tarifwerk aufgenommen wird, könne sichergestellt werden, dass 2026 im Nachhinein keine Nullrunde werde. Und so streikten am 30. Mai zum ersten Mal in der Geschichte der Spielbanken die Beschäftigten. Geschäftsführer Tobias Wald bot Streikbrecher:innen für diesen Tag das doppelte Gehalt.

Knapp eine Woche später, kurz bevor bei einem Turnier in Baden-Baden der beste Croupiers Europas gekürt werden sollte, kam von Wald dann ein Angebot: 230 Euro, die rückwirkend am Januar gezahlt und als Sockelbetrag im neuen Tarifwerk übernommen werden sollten. Die Tarifkommission stimmte zu, eine Friedenspflicht bis zum Ende des Jahres wurde vereinbart.

Verdi vermutet doppeltes Spiel

Doch die Freude währte nicht lange. Der Aufsichtsrat der Spielbanken, bestehend aus fünf Landesbeamt:innen aus den Ministerien, verweigerte die Zustimmung. Knackpunkt sei, so heißt es von Wald und einer Sprecherin des Finanzministeriums übereinstimmend, dass die 230 Euro im künftigen Tarifvertrag verbindlich anzurechnen seien. Das sei "verständlich", lässt Wald ausrichten, der ja selbst am 5. Juni das nun verworfene Angebot machte. Schließlich greife das den anstehenden Verhandlungen voraus. Und damit "wäre der Verhandlungsspielraum für eine signifikante zukunftsfähige Änderung der Tarifwerke im Zweifel zu klein", um ein Einvernehmen zu erzielen. Die 230 Euro stehen weiter als Angebot im Raum, nur eben nicht als Sockelbetrag für den künftigen Tarifvertrag.

Das Kontrollgremium

Die Mitglieder des Aufsichtsrats der baden-württembergischen Spielbanken werden vom Finanzministerium bestellt. "Das Aufsichtsgremium soll sich so zusammensetzen, dass es über alle erforderlichen Kenntnisse und Fähigkeiten verfügt, um seine Aufgabe sachgerecht wahrzunehmen", schreibt eine Sprecherin des Ministeriums auf Anfrage. Aufsichtsratsvorsitzender ist derzeit Thomas Hoffmann, Ministerialdirigent im Wirtschaftsministerium (Vergütung und Sitzungsgeld 2024: 4.100 Euro). Stellvertreterin ist Ministerialdirigentin Annekatrin Schmidt-Liedl vom Finanzministerium (3.100 Euro). Aus demselben Ressort stammt Regierungsdirektorin Madlen Seitz (2.100 Euro). Die übrigen Sitze belegen Ministerialrat Dominik Lang vom Staatsministerium (2.050 Euro) und die Leitende Ministerialrätin Christina Rebmann vom Sozialministerium (2.100 Euro).  (ks)

Aus Sicht der Gewerkschaft wurde nicht mit offenen Karten gespielt, das Angebot sei nur ein Bluff mit dem Zweck, weitere Streiks zu verhindern – vielleicht sogar im Wissen, das es der Aufsichtsrat ablehnen werde. Angesichts des europäischen Turniers in Baden-Baden, dass nur kurz nach dem Angebot ausgetragen wurde, keine abwegige Vermutung. "Wenn ein Aufsichtsrat einfach so ein von den Tarifparteien verhandeltes Verhandlungsergebnis verhindern kann, werden Tarifverhandlungen ad absurdum geführt", kommentiert Hawel. Offensichtlich könne die Geschäftsführung – die eigentlich das operative Geschäft leitet – kein adäquater Verhandlungspartner für die Tarifkommission sein. Am Tag bevor der Aufsichtsrat das Angebot kippte, waren Verabredungen zu Verhandlungen für einen Gesamttarifvertrag getroffen worden. Mit dem Beschluss des Aufsichtsrats sind die zunichte gemacht. Ebenso die Friedenspflicht, Streiks sind wieder möglich.

Intern versucht nun Geschäftsführer Wald, die Belegschaft hinter sich zu bringen. In einem Schreiben an die Beschäftigten nennt er die Ablehnung der 230 Euro pro Monat als Einmalzahlungen durch die Tarifkommission einen "Verzicht auf eine schnelle, unkomplizierte und spürbare Gehaltserhöhung von EUR 2.760 für das Jahr 2026". Eines sei klar, schreibt er: "Unsere Spielbanken werden kein Spielball der Gewerkschaft und einzelner Mitglieder der Tarifkommission werden." Zudem verweist er auf die wirtschaftliche Lage in Deutschland, dass etwa Beschäftigte in der Automobilbranche um ihre Jobs bangen müssten. Klingt, als würde Wald von seiner Belegschaft Dankbarkeit dafür erwarten, dass sie überhaupt noch arbeiten dürfen.


Transparenzhinweis: Der Autor ist Mitglied der Gewerkschaft Verdi.

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