Ein Stoppzeichen für die Tiefengeothermie ist das nicht. Aber es verändert ihren Ausgangspunkt. Wer im Oberrheingraben bohrt, bohrt in einer Region, deren Wasser bereits viele Nutzungen mittragen muss.
Aktiv sind dort sehr unterschiedliche Akteure. Vulcan Energy ist ein australisch-deutsches Rohstoff- und Energieunternehmen, das mit seinem Lionheart-Projekt Lithium aus geothermischer Sole gewinnen und zugleich erneuerbare Wärme bereitstellen will. Das Projekt wird politisch auch als Beitrag zur europäischen Rohstoffsicherheit gesehen; über den Rohstofffonds der Bundesregierung soll es mit bis zu 150 Millionen Euro unterstützt werden. Ziel der ersten Projektphase ist nach Unternehmensangaben eine Produktion von 24.000 Tonnen Lithiumhydroxid pro Jahr — rechnerisch genug für Batterien von etwa 500.000 Elektroautos.
Im Januar meldet das Unternehmen "positive Testergebnisse an der ersten Bohrung am Bohrplatz Schleidberg" und zitiert seinen CEO Cris Moreno mit den Worten: "Nach dem Start der kommerziellen Produktion im Jahr 2028 wird Vulcan Europa mit nachhaltigem, kostengünstigem Lithium für die Batterie- und Elektrofahrzeugproduktion versorgen. Durch die Erzeugung geothermischer Energie werden wir außerdem einen Beitrag zur regionalen Wärmewende leisten."
Oben Grundwasser, unten Thermalsole
Dafür will Vulcan lithiumhaltige Thermalsole aus mehreren Kilometer tiefliegenden Reservoirs fördern, der Sole Lithium entziehen und sie dann wieder zurück in die Tiefe schicken. Die Firma spricht von einem "geschlossenen Kreislaufsystem". Ein Kontakt mit oberflächennahem Grund- oder Trinkwasser finde nicht statt, heißt es auf Kontext-Anfrage. Der Oberrheingraben sei gerade deshalb attraktiv: hohe Temperaturen, lithiumhaltige Sole, durchlässiges Gestein, Industrie vor Ort, kurze Wege zur Batterie- und Autoindustrie.
Das Unternehmen Badenova verfolgt ein anderes Ziel. Beim Projekt Erdwärme Breisgau gehe es um regenerative Wärme, nicht um Lithium, erklärt Badenova. Das Tiefenwasser komme aus rund 3.200 Metern, die flachen Grundwasserleiter lägen bei fünf bis maximal 250 Metern. Eine "Beeinflussung/Beeinträchtigung" der flachen Grundwasserleiter sei "ausgeschlossen", abgesichert durch technische Umsetzung und behördlich überwachte Sicherheitssysteme. Lithium spiele derzeit keine Rolle; die Technologie sei noch nicht ausgereift.
Oben also die belasteten Grundwasserleiter. Unten die Wärme- und Rohstoffhoffnung. Dazwischen Stahlrohre, Zement, Gesteinsschichten – und die Frage, wie dauerhaft diese Trennung hält. Die muss ausgerechnet in einer Region überzeugen, deren Wasser bereits belastet ist.
Wasserwerke schauen genau hin
Für die Stadtwerke Karlsruhe als Wasserversorger ist entscheidend, nicht ob, sondern wo und wie gebohrt wird. Tiefengeothermie könne ein Baustein klimaneutraler Wärme sein; für die eigenen Wasserwerke sehen sie derzeit keine relevante Belastung. Doch Projekte müssten außerhalb von Wasserschutzgebieten und Trinkwassereinzugsgebieten liegen und strenge wasserrechtliche Anforderungen erfüllen. Bei sachgerechter Planung ergäben sich "nur sehr wenige Risiken", die allerdings "nicht gänzlich ausgeschlossen werden" könnten, erklären sie.
Es sind verschiedene Blicke auf dieselbe Trennlinie: Die Unternehmen verweisen auf die Distanz zwischen tiefem Thermalwasser und flachem Grundwasser. Wasserversorger und Umweltbehörde fragen, wie verlässlich diese Distanz im Bau, Betrieb und über Jahrzehnte bleibt. Der Naturschutzbund Deutschland (Nabu) fragt, was langfristig sein wird: Wie stabil sind Rohre und Materialien über Jahrzehnte? Welche Wege nimmt das Wasser im Untergrund? Wie sicher ist die Rückpressung? Welche Stoffe braucht es, um Lithium aus dem Tiefenwasser zu gewinnen — also welche Materialien binden das Lithium aus der Sole? Und was geschieht danach mit ihnen? Was passiert im Störfall?
Aus der Grundwasserbelastung folgt also kein einfaches Nein. Aber sie verändert die Gewichte. Die große Studie beschreibt einen ganzen Raum, entschieden wird aber am einzelnen Bohrplatz: Welche Grundwasserleiter werden durchbohrt? Welche Schutzgebiete liegen in der Nähe? Welche Stoffe kommen zum Einsatz? Welche Messungen werden vorgeschrieben? Was an anderer Stelle als beherrschbares Restrisiko gelten mag, wird in einem bereits belasteten Grundwasserraum schneller zur politischen Frage.
Wenn zur Wärme Lithium kommt
Besonders deutlich wird das dort, wo zur Wärme noch Lithium kommt. Wärme ist eine öffentliche Aufgabe: Städte brauchen eine klimaneutrale Versorgung, Gas und Öl müssen angesichts der Klimakrise ersetzt werden. Lithium dagegen bleibt Rohstoffgewinnung. Vulcan verweist auf die Pluspunkte: Lithium aus Europa, kürzere Lieferketten, weniger Abhängigkeit von globalen Rohstoffmärkten. Für viele Menschen dürfte es trotzdem einen Unterschied machen, ob unter ihrer Region Wärme gewonnen oder privatwirtschaftlich ein Rohstoff gefördert und damit voraussichtlich viel Geld verdient wird.
Hinzu kommt der politische Druck, Energie- und Rohstoffprojekte schneller voranzubringen. Vulcan fordert schnellere Genehmigungsverfahren ohne Abstriche beim Umwelt- und Grundwasserschutz. Umweltverbände wie der Nabu warnen dagegen davor, wasserrechtliche Schutzprinzipien der Rohstoffpolitik unterzuordnen und Grund- oder Trinkwassergrenzwerte womöglich abzusenken. Für die Projekte am Oberrhein wird also nicht nur das Tempo der Verfahren entscheidend sein, sondern auch, wie streng der Schutz des Grundwassers geprüft werden wird.
Der Oberrheingraben bleibt damit eine Hoffnungsregion der Wärmewende. Aber keine unbelastete. Wer hier Wärme oder Lithium gewinnen will, muss nicht nur zeigen, dass die Technik funktioniert. Er muss zeigen, warum ein strapazierter Wasserspeicher noch eine weitere Nutzung tragen kann, ohne die Konflikte um Wasser, Rohstoffe und Infrastruktur nur in die Tiefe zu verlagern.
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