Protestaktion bei der Schwäbischen Bauwerk in Stuttgart. Foto: Jens Volle

Ausgabe 418
Wirtschaft

Mit Dank an die Vonovia

Von Minh Schredle
Datum: 03.04.2019
Hört, hört: Der Wohnungsmarkt wird sich wie von selbst regeln. Befindet Harald Simons, der als sogenannter Immobilienweiser die Bundesregierung berät. Seine Agentur Empirica hat jetzt ein passendes Papier dazu lanciert.

Rechtzeitig zu den bundesweiten Großdemonstrationen war die Agentur Empirica präsent. Mit einem Papier und dem programmatischen Titel "Don't Panic: Der #Mietenwahnsinn geht absehbar zu Ende". Prompt findet die These weite Verbreitung in honorigen Medien. "Bauboom macht Hoffnung auf sinkende Mieten", ist im "Handelsblatt" zu lesen, in der FAZ lautet die Überschrift: "Die Mieten wachsen nicht in den Himmel", ganz so, als handle es sich um eine Tatsache.

Die Studie selbst ist noch gar nicht veröffentlicht, und im zehnseitigen Papier, das die zentralen Befunde vorab präsentiert, heißt es zur Methodik der prognostizierten Entwicklungen lediglich: "Quelle: Eigene Berechnungen." Das zentrale Argument, weswegen mit einer Entspannung am Wohnungsmarkt zu rechnen sei, lautet, dass in Deutschland aktuell deutlich mehr Neubauten fertiggestellt werden als in den vergangenen Jahren. Wenn es in den Großstädten mehr Angebote gebe, werde sich die Nachfrage entspannen und die Preise sinken, so die dürftigen Ausführungen, in denen belastbare Evidenz durch meinungsstarke Dogmen ersetzt wird.  "Es [ist] höchste Zeit, jetzt die Herstellungskosten zu senken, bevor Investoren und Kapitalanleger ihre Baulust verlieren", warnt das Papier. Aber Obacht: "Ein (versehentliches) Überangebot dämpft die Mieten zulasten der Renditen."

Ganz neu sind diese Thesen nicht, vorgestellt hat sie schon vor gut zwei Jahren: Harald Simons, Vorstand der Agentur Empirica. Bereits Anfang 2017 verkündete der Immo-Experte, dass in "Berlin und München und möglicherweise auch in Hamburg zukünftig nicht mit weiter steigenden Neuvertragsmieten gerechnet werden" müsse. Daraufhin stiegen die Neuvertragsmieten in Berlin, München und Hamburg ganz exorbitant. In der Bundeshauptstadt erst um 8,0 Prozent innerhalb eines Jahres, und im Jahr darauf sogar um 9,2 Prozent. Macht nichts: Als einer von fünf sogenannten Immobilienweisen berät Simons die Bundesregierung in wohnungspolitischen Fragen.

Denkt man Simons Thesen zu Ende, wonach sich die Preise am Wohnungsmarkt durch Angebot und Nachfrage wie von selbst einpendeln würden, gäbe es politisch gar keinen Handlungsbedarf – denn der Markt würde es ja eigenständig regeln. Ein gutes Argument gegen marktverzerrende Maßnahmen wie etwa staatlich geförderten Wohnungsbau. Denn dieser würde sich als Geldverschwendung entpuppen, wenn es auch wie von selbst klappt.

Die fünf "Immobilienweisen" haben vor wenigen Wochen ihr "Frühjahrsgutachten Immobilienwirtschaft 2019" vorgestellt, der vom "Zentralen Immobilien Ausschuss" (ZIA) herausgegeben wird. Bei letzterem handelt es sich nicht etwa um ein politisches Gremium, sondern um einen Verband der Immobilienwirtschaft. Im Vorwort zum Gutachten der "Immobilienweisen" beklagt sich ZIA-Präsident Andreas Mattner sodenn auch bitterlich über den Ton, der gegenüber "unserer Branche" immer rauer werde, und, tatsächlich, über zu viele regulatorische Maßnahmen der Politik: "In der Vergangenheit mussten wir zahlreiche Eingriffe erleben, die allesamt lediglich zur Verunsicherung von Investoren und zur Verteuerung der Herstellungskosten, aber keinesfalls zur Verbesserung der angespannten Immobilienmärkte beigetragen haben." Übersetzt: Lasst es die Märkte richten! 

Noch vor diesem Vorwort, gleich nach dem Titelblatt zum Gutachten der Berater der Bundesregierung, gibt es auf Seite zwei eine Danksagung an die Unterstützer. Es handelt sich um ein gutes Dutzend Immobilienunternehmen und diverse Banken. Mit dabei sind auch die Allianz (Hauptaktionär: Blackrock) und die Vonovia (Hauptaktionär: Blackrock), deren Aktie als größtes Wohnungsunternehmen in Deutschland (eine Million Mieter) in den vergangenen drei Jahren um etwa 47 Prozent gestiegen ist. Dafür mussten eben ein paar Rentner aus ihren Behausungen verdrängt werden. 

Und vor diesem Hintergrund erscheint zumindest nicht mehr ganz so erratisch, wie Innen- und Bauminister Horst Seehofer im vergangenen September – als gäbe es keine eklatante Wohnungsnot in allen deutschen Großstädten – auf die Idee kommen konnte, bei einem Wohnungsgipfel über rendite-orientiertes Bauen zu referieren. Ebenso bleibt zu befürchten, dass es sich bei dem "Don't Panic"-Papier der Empirica, obwohl es am 1. April erschienen ist, nicht um einen Scherz handelt, dessen Auflösung noch auf sich warten lässt.


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2 Kommentare verfügbar

  • Frank Frei
    am 05.04.2019
    Der freie Markt würde es regeln, wenn es denn einen freien markt gäbe.
    • D F
      am 10.04.2019
      Der Markt sind auch nur Menschen, die entweder Geld durch die Organisation der Arbeitskraft anderer Menschen oder wie im Fall von z.B. Mieten, Zinsen, Dividenden durch leistungsloses Einkommen Geld machen wollen. Warum kriegen wir in Deutschland kein Gesetz hin, das solche Einkommen mit 80-100 Prozent besteuert? Ein Arbeiter, der sagen wir in seinem Leben 45 Jahre zur Miete wohnt und im Schnitt monatlich nur 500 Euro kalt zahlt, zahlt in seinem Mieterleben 270000 Euro in die Taschen eines Vermieters. Zuzüglich Instandhaltungs- und - Setzungsarbeiten, die der Immobilienbesitzer ihm aufdrücken darf. Die kleine Wohnung hätte er vermutlich für nicht mal die Hälfte kaufen können... Wir bräuchten in Deutschland einen Mietkaufzwang, der denen, die die Immobilie nutzen, ein Recht gibt, durch ihr Geld Vermögen anzusammeln, statt wie bisher dem sogenannten Markt, ergo den Vermögenden, zu ermöglichen, ohne Arbeit noch reicher zu werden!

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