Ausgabe 359
Wirtschaft

Die Porsche-Professur

Von Josef-Otto Freudenreich
Datum: 14.02.2018
Porsche finanziert ein Buch und dann eine Professur. Und alle sollen denken, dass das nur der Wissenschaft dient. Der Rektor der Uni Stuttgart glaubt das, eine grüne Ministerin auch, ein Star-Historiker nicht.

Wenn man sich vorstellt, dass hier ein Mann gesessen hat, der in die original gefälschten Hitler-Tagebücher schauen und die handschriftlichen Gedichte des Führers lesen durfte, dann weht der Geist der Zeitgeschichte durch das Zimmer 8.035. Hier im Kollegiengebäude K II hat Eberhard Jäckel gearbeitet, der ein reputierlicher Historiker war, bis ihm die Kujauschen Tagebücher unterkamen, die er anfangs für echt gehalten hat. Das war sehr schmerzhaft, weil die Geschichte des Nationalsozialismus doch nicht umgeschrieben werden musste, und alle Welt gelacht hat (aktuell tut sie das bei der Landesbühne Esslingen, auf der gerade das "Stern"-Stück "Schtonk" mit Wieland Backes gegeben wird).

Seit fast 20 Jahren sitzt Wolfram Pyta in diesem Büro. Er hat es von seinem Vorgänger Jäckel übernommen und nie verändert. Äußerlichkeiten, beteuert der Professor, seien ihm nicht wichtig. Seinen Tee trinkt er aus einer Mercedes-Benz-Museum-Tasse. Auch Pyta ist NS-Experte. Im Regal stehen, prominent platziert, seine herausragenden Bücher: Hindenburg. Hitler. Porsche. Daneben ist er noch Direktor der Forschungsstelle Ludwigsburg zur NS-Verbrechensgeschichte, Koordinator für das Landesprojekt Geschichte der Landesministerien in Baden und Württemberg in der NS-Zeit, Freundeskreis-Vorsitzender des Stuttgarter Hauses der Geschichte, das als Ehrenvorsitzenden Erwin Teufel (CDU) und das "Hotel Silber" als Problem hat. Und er ist Mitglied beim Fußballverein Fortuna Düsseldorf, was ihn auch schon dazu verführt hat, Bücher über die Bedeutung der Kicker zu schreiben.

Die Hitler-Tagebücher wären Pyta nicht passiert

Zuhörer überrascht er schon mal mit der Aussage, "nirgendwo sonst" werde die Nazizeit so gut aufgearbeitet wie in Baden-Württemberg, womit er zunächst an sich und die internationalen Maßstäbe denkt, die seinem Anspruch zugrunde liegen. Klar, dass ihm die Sache mit den Tagebüchern nicht passiert wäre. "Hitler war ein Redner, kein Schreiber", erläutert der 57-Jährige, das Studium der Quellen erfordere einen kritischen Geist und kühlen Kopf.

Genau den Zweifel nährt er nun selbst – mit seinem jüngsten Buch "Porsche. Vom Konstruktionsbüro zur Weltmarke". Darin schildert Pyta das "Arrangement mit den Nazis" und die Kriegsproduktion von Ferdinand Porsche (1875 – 1951), dem Gründer der Sportwagenfirma, den er als "politischen Konjunkturritter" bilanziert. Das ist harmlos formuliert, wenn man die Arbeit von Ulrich Viehöver als Vergleich heranzieht, der die Legende vom unpolitischen Techniker bereits 2009 entlarvt hat, ohne bei Pyta Erwähnung zu finden. In dem Buch "Stuttgarter NS-Täter", herausgegeben von Hermann G. Abmayr, nennt er Ferdinand Porsche "Hitlers Lieblingskonstrukteur" und "Kriegsgewinnler". Einer, der bis heute Straßen, Plätzen und Schulen unbehelligt seinen Namen gibt. Autor Viehöver hatte damals als erster nachgewiesen, dass die Nähe von Porsche zu den Nazis viel enger war, als bis dahin zugegeben. Das hat die schwäbischen Autobauer schwer in Erklärungsnöte gebracht, mit starken Niederschlägen im "Spiegel" bis zur israelischen Zeitung "Haaretz". Noch im selben Jahr, versprach Porsche, werde ein externer Forschungsauftrag vergeben. Aber dann dauerte es doch fünf Jahre, bis in Pyta ein passender Professor gefunden war, der die Unternehmensgeschichte für die Jahre 1931 bis 1951 quasi neu zu schreiben in der Lage war.

Porsche verspricht völlige Freiheit für die Wissenschaft

Dem beauftragten Ordinarius, der das Wort Auftragsforschung nicht mag, mangelte es an nichts. Zwei für drei Jahre bezahlte Mitarbeiter (Jutta Braun und Nils Havemann), freier Zugang zu den Firmenarchiven, ein Budget über rund 300 000 Euro und die Versicherung des Auftraggebers, keinerlei Einfluss auf den "Prozess der Erkenntnisgewinnung" zu nehmen. Daran habe man sich gehalten, bekräftigt auch Achim Stejskal ("völlige Freiheit"), der Leiter des Porsche-Museums, der für die Kooperation zuständig war. Will sagen: Wenn etwas fehlt oder falsch ist, kann es nicht an Porsche gelegen haben. Was fehlt, schreibt Viehöver im nebenstehenden Kontext-Artikel.

Auch der Adel geht stiften

In Deutschland gibt es laut Stifterverband 806 Stiftungsprofessuren. Das sind 1,7 Prozent des Gesamtbestands. Die meisten sind in NRW und Baden-Württemberg angesiedelt, wo sich insbesondere kleinere Unis privater Zuwendungen erfreuen. Spitzenreiter mit fünf Stiftungsprofessuren ist die Zeppelin-University in Friedrichshafen mit ZF, danach folgen Heilbronn (4) mit Würth und Audi (und ohne Lidl), Esslingen (4) mit Daimler/Porsche, Weingarten (3) mit ZF und den Waldburg-Zeil Kliniken, die einen Lehrstuhl für "Theorie und Praxis der klinischen Pflege" geschaffen haben. Die Kliniken gehören dem Fürstenhaus Waldburg-Zeil. (jof)

Kaum war Pytas Buch auf dem Markt, legte Porsche nach. Die "Weltmarke" kündigte im Oktober 2017 eine Stiftungsprofessur an, die sie für die Dauer von zehn Jahren, sprich für rund drei Millionen Euro, finanzieren will. Angesiedelt bei Pytas Historischem Institut der Uni Stuttgart, gewidmet der Unternehmensgeschichte, natürlich nicht nur jener von Porsche, sondern vieler Mittelständler, besonders in Baden-Württemberg. "Wenn nicht hier, wo dann?", fragt Pyta. Das stärke das Profil der Universität, sei wichtig für den Wirtschaftsstandort, und deshalb brauche es dafür die "Besten der Welt".

Das trifft sich mit dem Anspruch von Rektor Wolfram Ressel, der seine Bildungsstätte auf dem Weg zu einer "weltweit anerkannten Spitzenuniversität" sieht. Zu ihren Ehrensenatoren zählen Reinhold Würth, der Schraubenmilliardär, und Rüdiger Grube, der ehemalige Daimler-Manager und frühere Chef der Deutschen Bahn, die den Ingenieurnachwuchs in Stuttgart fördert. Das sei "einmalig in Deutschland", lobt Ressel, der auch Vorsitzender der Landesrektorenkonferenz ist, und meint die Porsche-Professur. Singulär nicht wegen der Zahl – er hat auch schon einen Leibinger-Lehrstuhl (für Technikgeschichte) im Haus –, sondern weil sich hier ein Unternehmen einerseits zu seiner "nicht so großartigen Geschichte" bekenne, andererseits anderen die Gelegenheit gebe, ihre Vergangenheit "systematisch und neutral" aufarbeiten zu lassen.

Alle haben der "tollen Geschichte" schon zugestimmt

Vertraglich ist alles festgelegt, betont der Rektor, Unigremien und Finanzministerium haben zugestimmt, den Lehrstuhl nach zehn Jahren weiter zu zahlen, in zwei Monaten kann's losgehen, und wenn sich dann ein Maschinenbauer zu den Geisteswissenschaftlern verirrt, hat sich die "tolle Geschichte" schon gelohnt. Scherzt Ressel, der studierte Bauingenieur.

Erfreut zeigt sich auch das grüne Wissenschaftsministerium. Man begrüße es, teilt Sprecher Jochen Schönmann mit, wenn "gesellschaftliche Akteure" Kooperationen mit den Hochschulen eingingen. Sie müssten eben "hohe Qualitätsstandards" einhalten, das staatliche Angebot "sinnvoll ergänzen", und ansonsten gelte die Freiheit von Forschung und Lehre nach Art. 5 Abs. 3 Grundgesetz. Also so einfach ist das nicht, mit dem Ich-kauf-mir-mal-ne-Uni, zumindest nicht in Baden-Württemberg, so scheint's. Das könnte man eher hinter den Professuren von Lidl, pardon, von der Dieter-Schwarz-Stiftung, vermuten. Der Wohltäter, der reichste Mann Deutschlands (Vermögen 37 Milliarden Euro), spendiert der TU München  steuersparend 20 komplett ausgestattete Lehrstühle, wovon künftig 13 in seiner Geburtsstadt Heilbronn am dortigen Bildungscampus eingerichtet werden. Als weißblaue Filiale sozusagen. Frau Ministerin Theresia Bauer, heißt es, sei gar nicht so unfroh darüber, dass der wirtschaftswissenschaftliche Supermarkt von den Bayern betrieben werde. Sollen die sich mit ihren Professoren herum schlagen.

In den Chor der Porsche-Preisenden mischen sich vorläufig nur zwei dissonante Stimmen: Doro Moritz, die GEW-Vorsitzende im Land, und Wolfgang Benz, der Altmeister der Zeitgeschichte. Die Gewerkschafterin lässt wissen, dass von diesen Professuren vor allem die Stifter profitierten, indem sie die Ergebnisse für sich nutzten und das Ansehen ihrer Firmen steigerten. Angesichts des Diesel-Desasters ist das ein so wenig abwegiger Gedanke wie die Forderung, den Hochschulen mehr staatliches Geld zu geben, "um genau solche unseriösen Angebote nicht mehr annehmen zu müssen".

Wolfgang Benz, lange Jahre Leiter des Berliner Zentrums für Antisemitismusforschung, ein Star unter den Historikern, ist alles suspekt, was auch nur nach Auftragsforschung riecht. Er hält sie alle für käuflich, die gesponserten KollegInnen. Aber weil er auf der Ostalb aufgewachsen ist, in Aalen, die Mühsal des Lebens als Lehrling bei der "Ipf- und Jagstzeitung" erfahren hat, kann er auch verzeihen. Für Kontext hat der 76-jährige Emeritus einen kleinen, feinen Text verfasst:

"Auftragsforschung ist willkommen, um den Nachwuchs karg besoldeter Geisteswissenschaften zu fördern. Sie ist für Historiker deshalb auch verführerisch. Denn leicht kann der Eindruck entstehen, eine gelungene Unternehmensgeschichte werde von der auftraggebenden Firma über den Anlass hinaus belohnt. Selbstverständlich sind auch dann die guten Sitten gewahrt, das Unternehmen hat dem Historiker natürlich freie Hand gelassen und dieser hat sine ira et studio in gebotener Objektivität den Auftrag erfüllt. 

Trotzdem ist angesichts einer repräsentativen Studie über den Aufstieg der Firma Porsche vom Konstruktionsbüro zur Weltmarke die Irritation entstanden, die Firma Porsche habe sich nicht lumpen lassen, nämlich der Universität Stuttgart einen Lehrstuhl für Unternehmensgeschichte gestiftet, weil ihr Gründungsvater Ferdinand Porsche in der am Stuttgarter Historischen Institut entstandenen Monografie gute Figur macht. Hier liegt, ohne dass Anlass zu irgendeinem Verdacht aufkommen muss, ein Problem der Freiheit der Wissenschaft. Böse Menschen werden Koinzidenzen vermuten, für die es keinen Raum gäbe, wenn Lehrstühle ausschließlich vom Staat alimentiert würden."

Dieses Schlusswort von Wolfgang Benz ist all denen gewidmet, die Bildung für Banane halten.


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5 Kommentare verfügbar

  • Angela Montgomery
    am 16.02.2018
    Bedauerlich ist, wenn es ein Problem ist zu unterscheiden, ob Professuren /Bücher, sonstige Veröffentlichungen wissenschaftlich fundiert, bzw. recherchiert sind oder von Unternehmen gekauft sind. Auf eine Kontrolle der Regierungsvertreter konnte man noch nie hoffen. Dazu sind sie zu abhängig von den mächtigen Wirtschaftsführern. Es gibt nicht umsonst den Begriff “Deutschland AG.“

    Bis heute warte ich übrigens auf eine offizielle Stellungnahme des österreichischen Familienclans Porsche/Piëch über dessen Beziehungen zum Naziregime. Ich bin Zuffenhäuserin und erlebte den Aufstieg von Porsche mit Staunen. Wie die meisten Unternehmen stiegen sie nach dem Krieg wie “Phönix aus der Asche“ auf. Heute gehört ihnen fast ganz Zuffenhausen. Porsche bestimmt z. B., wo was gebaut wird. Danach richten sich auch die Immobilienpreise.

    Übrigens: Ferdinand Porsche ist nicht der Erfinder der VW-Käfer Karosserie, sondern der Tscheche Béla Barényi. Später kam er ins KZ.

    Angela Montgomery
    • Stephan Krull
      am 30.05.2018
      Eine Stellungnahme zum Verhältnis von Porsche zum NS gibt es von Enkel Ferdinand Piëch: In einem Buch, welches er zu schreiben veranlasst hat, (Auto.Biograhie) steht, dass er, als er von der Geschichte seines Großvaters hörte: "Und als ich die emninente RolleRolle des Konstrukteurs begriff, hat mir die ganze Geschichte bloß imponiert und mich nicht eine Sekunde lang belastet, warum auch?"
  • Thomas Rothschild
    am 14.02.2018
    Auftragsforschung an staatlichen Hochschulen ist schlimm genug und mit der Freiheit von Forschung und Lehre nicht vereinbar. Untersuchungen belegen, dass die Ergebnisse solcher Forschungen den Wünschen der Auftraggeber entsprechen, selbst wenn sich die von ihnen Bezahlten unabhängig dünken. Es kommt aber eine weitere Gefahr hinzu. Die Öffentlichkeit muss genau aufpassen, wie gestiftete Lehrstühle besetzt werden. Dafür bedarf es keiner Verschwörungstheorie. In den siebziger Jahren wollte das CDU-Ministerium der Universität Stuttgart eine Professur für Psychologie "schenken", unter der Bedingung, dass ein vom Ministerium benannter Kandidat, ganz ohne öffentliche Ausschreibung, berufen wird. Die Fakultätsmitglieder, die damals noch Rückgrat zeigten, verzichteten lieber auf den Lehrstuhl, als sich auf diesen Kuhhandel einzulassen. Bei der Installation von Günter Rohrmoser an der Universität Hohenheim trafen Filbinger und die CDU kaum mehr auf Widerstand. Dass eine grüne Ministerin dem Vorbild ihrer CDU-Vorgänger folgen wird, ist angesichts der im Artikel genannten Fakten zu befürchten. Dass die Fakultät dagegen keinen Widerstand leistet, leider auch. Die Zeiten haben sich geändert. Nicht zum Besseren. Vielleicht aber braucht die Politik im Verbund mit der Wirtschaft gar nichts zu oktroyieren. In England gab es einen Spruch, der lautete: "You can not bribe nor can you twist a British journalist. But you don't have to care about, if you know what he'll do without." Das gilt nicht nur für Journalisten, sondern auch für Professoren.
  • Philippe Ressing
    am 14.02.2018
    ...wohin Auftragsforschung führt, zeigen ja die Affen- und Menschentests mit Autoabgasen......und die Forschungseinrichtung betont, man habe nichts davon geahnt, worum es dem Autoverband dabei ging. Da bekomme ich Angst vor deutschen Forschungseinrichtungen!
    • Andromeda Müller
      am 18.02.2018
      Sehr geehrter Herr Ressing ,
      das ist doch alles von einer Ethikkomission abgesegnet worden und bei Forschungseinrichtungen im Ausland wird es nicht anders sein. Erinnern Sie sich und denken Sie doch mal über den Tellerand , z.B. an pharmazeutische Medikamenten-Studien in Indien und Afrika durch internationale Konzerne (v.a.USA/GB/D/CH/F uva.) . Recherchieren und stellen Sie doch bitte hier mal eine Achse des Bösen auf.
      Beginnen Sie meinetwegen mit "Schokoladendiät" und enden Sie mit Peter Götsche (dänisches Ö). Da bekomme ich noch..... mehr Angst als Sie .

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