KONTEXT:Wochenzeitung
KONTEXT:Wochenzeitung

Kunze fürchtet die Scharia

Kunze fürchtet die Scharia
|

Datum:

Während Daimler, Bosch und Voith eine Kampagne zur Integration von Flüchtlingen fahren, warnt ein "Deutscher Arbeitgeber Verband" vor "eskalierenden Migrationsströmen". Mit im Boot der Schriftsteller und DDR-Dissident Reiner Kunze.

Bilder von brennenden Flüchtlingsheimen und pöbelnden Pegida-Anhängern taugen nicht als Werbung für "made in Germany". Das weiß auch die deutsche Wirtschaft, die um ihren Ruf als Exportweltmeister fürchtet. Führende deutsche Unternehmen wie Adidas, Lufthansa, Deutsche Post und Metro engagieren sich deshalb für die Integration von Flüchtlingen. "Wir zusammen" heißt die groß angelegte Kampagne, in der über 60 Unternehmen eigene Integrationsprojekte vorstellen. Mit Daimler, Bosch, Voith und WMF sind auch Global Player aus Baden-Württemberg vertreten.

Die Botschaft von "Wir zusammen" ist klar: Neben der Notwendigkeit, für die Ankommenden Perspektiven zu schaffen, sehen die Unternehmen auch die langfristigen Potenziale, die die Zuwanderung für Deutschland eröffnet. Mit ihrem Engagement wollen die Unternehmen den gesellschaftlichen Wandel positiv mitgestalten und dazu beitragen, dass das Klima in Deutschland von Offenheit und gegenseitigem Verständnis geprägt wird, heißt es auf dem Kampagnenportal.

Doch es gibt auch andere Strömungen. Manche Wirtschaftsvertreter sehen vor allem Risiken in der Zuwanderung. Als Sprachrohr dieser Bedenkenträger fungiert ein Verein aus Wiesbaden, der sich mit dem Namen "Deutscher Arbeitgeber Verband" und schwarz-rot-goldenem Logo einen offiziellen Anstrich gibt. Auf seinem Online-Portal geht es neben Industrie 4.0 und Steuerrecht auch um "eskalierenden Migrationsstrom" und "migrationsfördernde Judikatur". Zu den ständigen Gastautoren, die sich derart der Flüchtlingsthematik widmen, gehört etwa Andreas Unterberger, früherer Chefredakteur der österreichischen Tageszeitungen "Die Presse" und "Wiener Zeitung". In seinem Blog, in Medienkolumnen und Talkshows vertritt Unterberger politisch konservative und wirtschaftlich liberale Positionen. Seine Meinung deckt sich mit dem neoliberalen Friedrich A. v. Hayek-Institut in Wien, wo er neben Seiner Durchlaucht Michael zu Lichtenstein im Vorstand sitzt.

Reiner Kunze warnt vor der Islamisierung Deutschlands

Vor Kurzem gab sich auf dem Portal des Verbands ein neuer Autor mit berühmtem Namen die Ehre: Reiner Kunze. Ende Februar veröffentlichte der Schriftsteller und einstige DDR-Dissident unter dem Titel "Willkommen und Furcht" den "Versuch einer Antwort an junge Fragesteller" zur Flüchtlingsthematik. In ihm warnt er in teils dramatischen Worten vor einer vermeintlichen Islamisierung Deutschlands durch Flüchtlinge. Sie werde befördert durch die "noch immer oder schon wieder etablierten Ideologien, deren Ziel es ist, unsere Rechts- und Gesellschaftsordnung zu überwinden". Diese Ideologien wollten das Land nun auch dem politischen Islam öffnen, was jedoch "nichts mit Asyl zu tun hat", schreibt Kunze.

Als Kronzeugen beruft sich der Schriftsteller auf den deutschen Islamwissenschaftler Ralph Ghadban, laut dem "Muslime die Integration in die westlichen Gesellschaften vermeiden und ihre eigenen Gemeinschaften auf der Basis der Scharia bilden" wollen. Ausgehend von der religiösen Freiheit im Westen forderten sie ihr Recht, nach der Religion und nach einer islamischen Lebensweise zu leben. Damit hofften sie langfristig eine schariakonforme Änderung der säkularen Gesetze zu erwirken, zitiert Kunze den Wissenschaftler.

Für Kunze dräut dadurch Unheil: "Schaffen wir es nicht zu verhindern, dass sich diese Hoffnung erfüllt, werden nicht nur unsere Rechts- und Gesellschaftsordnung, sondern auch unsere kulturelle Tradition und Lebensart 'geschafft' werden", schlussfolgert er in Anspielung auf Merkels "Wir schaffen das".

Kunze stellt aber auch fest: "Menschen, die begründet um Asyl ansuchen, solange Asyl zu gewähren, wie sie akut gefährdet sind und ihre Anzahl das Asylland nicht überfordert, ist Menschenpflicht und sollte jedem von uns ein Bedürfnis sein", postuliert er. "Ich hege keinerlei Antipathie gegenüber Muslimen, die mir dieselbe Würde zugestehen wie ihresgleichen. Muslime mit dem Gastgeschenk der Scharia hinter dem Rücken fürchte ich."

Lange Zeit war es ruhig um den vielfach preisgekrönten Schriftsteller gewesen, der 1977 wegen der regimekritischen Prosa-Sammlung "Die wunderbaren Jahre" aus der DDR aussiedeln musste. Im Rampenlicht stand Kunze, der heute in der Nähe von Passau lebt, im vergangenen Jahr, als ihm die CSU-nahe Hanns-Seidel-Stiftung den "Franz-Josef-Strauß-Preis" für sein Œuvre verlieh. Kunze könne man als einen "poetischen Wegbereiter" des Zusammenbruchs der DDR bezeichnen, so die Stiftung. "Mit seinem mutigen Eintreten für Freiheit und Einheit unseres Vaterlandes hat Reiner Kunze Bleibendes geschaffen", lobte der CSU-Vorsitzende und bayerische Ministerpräsident Horst Seehofer.

Berufsverbot und Bespitzelung im Stasi-Staat haben sein Leben geprägt, sagt Kunze dem Anrufer, der sich nach seiner Scharia-Warnung erkundigt. Dass sich der 82-Jährige zur Flüchtlingsthematik zu Wort meldet, sei der Gesamtsituation geschuldet, die "so komplex und verfahren ist", erklärt er gegenüber Kontext. Mit seinem Beitrag wolle er Antworten auf die Fragen von Jugendlichen liefern, mit denen er im Rahmen von Lesungen immer wieder in Kontakt kommt. "Junge Menschen haben ein absolutes Gehör für Ehrlichkeit", sagt er. Und deutet damit an, dass aus seiner Sicht zum Flüchtlingsthema viele Unwahrheiten in Umlauf sind. Mehr will er dazu nicht sagen.

Der "Arbeitgeber Verband" könnte auch bei der AfD sein

Auch nicht dazu, warum er ausgerechnet auf dem Portal des Wiesbadener Vereins veröffentlichte. "Das war für mich eine Möglichkeit, zu publizieren", sagt Kunze nur. Dabei hätte er vielleicht doch genauer hingesehen, wer ihm die Gelegenheit bot. Denn der vermeintliche Arbeitgeber Verband verkündet auf seinen Internet-Seiten zwar, im Sinne von Ludwig Erhard "die tragenden Prinzipien der freien Marktwirtschaft im öffentlichen Bewusstsein verankern" zu wollen. Versichert wird auch, dass die Mitglieder "die Vision einer freiheitlichen Gesellschaft teilen" und "Markt und Freiheit" bestimmende Elemente ihres Denkens und Handelns seien. Doch tatsächlich fungiert der Verein als konservatives Netzwerk, dessen Publikationen und Ideen auch zur rechtspopulistischen Alternative für Deutschland (AfD) passen.

"Parteipolitisch besitzt der Verband keine Affinität. Persönlich tendiere ich zur CDU der 60er-Jahre, also zur bürgerlichen Mitte", versichert Verbandspräsident Peter Schmidt, der in der Personalberatung tätig ist. Doch die Beiträge seiner Vorstandskollegen und einiger Gastautoren haben eine andere Lesart.

Holger Douglas, Vorstand für Technik und Wissenschaft sowie Verbandssprecher, bezeichnete jüngst die SPD-Landtagsabgeordneten von Hannover, und damit auch Ministerpräsident Stephan Weil, als "Taliban von Niedersachsen". Weil die rot-grüne Landesregierung im vergangenen Herbst angeblich ein Gesetz zur Erleichterung der Unterbringung von ausländischen Flüchtlingen durchpeitschte, ohne die Belange des Denkmalschutzes zu berücksichtigen.

Douglas, der mehr als zehn Jahre beim Süddeutschen Rundfunk und ZDF arbeitete und heute eine Filmproduktionsfirma betreibt, verbreitet derartige Thesen auch über andere Kanäle. Der Journalist zählt zu den fleißigsten Schreibern auf dem Blog von Roland Tichy, dem einstigen Chefredakteur der "Wirtschaftswoche". Tichy wiederum erhielt 2015 die Hayek-Medaille der Wiener Friedrich A. von Hayek-Gesellschaft, in der, siehe oben, Arbeitgeber-Gastautor Unterberger als Vorstand wirkt. So schließt sich das konservative Netzwerk zwischen Piefkes und Ösis.

Energiewende, Klimawahn, Flüchtlinge – alles schlecht

Bemerkenswerte Aktivitäten entfaltete auch Lukas Walangitang, der als 1. Vorsitzender und Finanzvorstand des Arbeitgeber Verbands fungiert. Der "Experte für Audit und Riskmanagement für ein im MDAX gelistetes Unternehmen", so seine Kurz-Vita, betreibt den Blog "ngowatch.de". Die Plattform soll eine "unabhängige, nachvollziehbare und ideologiefreie Aufklärung" über Nichtregierungsorganisationen wie Greenpeace oder LobbyControl ermöglichen und "zu einer sachlicheren, öffentlichen Diskussion über NGOs beitragen". Die meisten Beiträge des Blogs beziehen sich aber auf die Energiewende. Genauer gesagt aufs Schlechtreden der selbigen.

Energiewende und ein angeblicher Klimawahn sind neben der Flüchtlingskrise die Topthemen auch auf dem Arbeitgeber-Verbandsportal. Was nicht wundert: Mit Michael Elicker sitzt ein erklärter Windkraftgegner im Vereinsbeirat. Der Professor für internationales und europäisches Steuerrecht an der Universität des Saarlands gilt in der Windkraftverschwörer-Szene als Idol, seitdem er kürzlich beim Bundesverfassungsgericht eine Beschwerde wegen angeblicher Gesundheitsschäden durch Windrotoren-Infraschall einreichte. Eine aktuelle Studie der Landesanstalt für Umwelt, Messungen und Naturschutz Baden-Württemberg sagt freilich, dass Infraschall alltäglicher und überall anzutreffender Bestandteil unserer Umwelt ist.

Während der Deutsche Arbeitgeber Verband auf seiner Homepage die Reizthemen unserer Zeit ausgiebig erörtert, geizt er mit Angaben über seine Mitglieder. Für welche und wie viele Unternehmen der Verband spricht, erfährt der Besucher nirgends. "Rund 90 Prozent der Mitgliedsunternehmen haben zwischen 5 und 100, einige sogar über 1000 Mitarbeiter", versichert Verbandspräsident Schmidt auf Nachfrage. Genaue Zahlen nennt auch er nicht. Mitglied in der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA) ist der Wiesbadener Verein nicht. Die Vermutung liegt deshalb nahe, dass hinter dem Verband nur eine Handvoll Leute stehen, die mit Hilfe eines Internet-Auftritts politisch Mimikry betreiben. In der öffentlichen Wahrnehmung ist der Verband bislang kaum präsent. Das zeigen nicht zuletzt die bescheidenen Zugriffszahlen seines Internetportals. Vielleicht deshalb hat Reiner Kunzes aktueller Scharia-Brandbrief bislang kaum Wellen geschlagen.


Gefällt Ihnen dieser Artikel?
Unterstützen Sie KONTEXT!
KONTEXT unterstützen!

Verbreiten Sie unseren Artikel
Artikel drucken


6 Kommentare verfügbar

  • Blender
    am 21.05.2016
    Antworten
    ... Und dank der CDU der 60-er Jahre gehört der Islam heute eben zu Detschland. Um für muslimische Arbeitgeber-Wähler interessanter zu werden empfehle ich auch die Umbenennung besagter Partei in wirtschafts freundliche Union (WFU), denn christlich verhält sie sich schon lange nicht mehr, und…
Kommentare anzeigen  

Neuen Kommentar schreiben

KONTEXT per E-Mail

Durch diese Anmeldung erhalten Sie regelmäßig immer mittwochvormittags unsere neueste Ausgabe unkompliziert per E-Mail.

Letzte Kommentare:






Die KONTEXT:Wochenzeitung lebt vor allem von den kleinen und großen Spenden ihrer Leserinnen und Leser.
Unterstützen Sie KONTEXT jetzt!