KONTEXT Extra:
"Mister 125 000 Euro" wird Pensionskommission nicht übernehmen

Der frühere Bundesverfassungsrichter Herbert Landau nimmt seinen Hut – noch bevor er ihn richtig auf hatte. Der 69-jährige Jurist wird nicht Vorsitzender der geplanten Kommisssion, die Vorschläge zur Reform der umstrittenen Altersversorgung für Abgeordnete zu erarbeiten hat. Landau, vor Jahren Staatssekretär in der CDU-geführten hessischen Landesregierung, wollte für seine Arbeit 125 000 Euro Honorar und forderte zusätzlich "ca 35 000 Euro" für die eigene Presse- und Öffentlichkeitsarbeit (Kontext berichtete). Übernehmen sollte diese Aufgabe ausgerechnet Dirk Metz, der Ex-Berater von CDU-Ministerpräsident Stefan Mappus. Landau hatte seit vergangenem Oktober bereits zwei anderen Kommissionen – in Sachsen und Thüringen – geführt. In Erfurt sorgt sein Gutachten zur Stellung und den Möglichkeiten der (CDU-)Landtagsdirektorin gerade für jede Menge Aufregung.

Nach einem Gespräch mit allen vier Fraktionsvorsitzenden am Donnerstag erklärte Landestagspräsidentin Muhterem Aras (Grüne), dass Michael Hund, zwischen 2007 und 2011 Vizepräsident des Bundesverfassungsgerichts, das Gremium leiten und für eine Aufwandentschädigung von 5000 Euro brutto im Monat arbeiten wird. Gekürzt wurden auch die Ausgaben für einen Rat zur Beteiligung der Bürgerschaft. Der sollte ursprünglich 100 000 Euro kosten, jetzt wurde dieser Posten auf 65 000 Euro beschränkt. Die Landesregierung hatte entsprechende kommunale Projekte in der vergangenen Legislaturperiode allerdings nur mit insgesamt 3000 Euro unterstützt. Komplett gestrichten ist die Öffentlichkeitsarbeit. Insgesamt steht ein Etat von 197 200 Euro statt 400 000 Euro zur Verfügung.

In Stuttgart mussten externe Experten berufen werden, nachdem der Landtag mit den Stimmen von Grünen, CDU und SPD im vergangenen Februar eine Rückkehr zum auskömmlicheren staatlichen Pensionssystem beschlossen hatte (Kontext berichtete). Ein im Schnelldurchlauf verabschiedetes Gesetz musste angesichts der öffentlichen Empörung wieder zurückgenommen werden. Das Gremium soll nun Vorschläge unterbreiten, wie die Pensionen neu zu regeln sind, nachdem Abgeordnete, die noch nicht lange im Landtag sitzen, die private Versorgung als Nachteil empfinden. Möglich ist eine Regelungen über ein sogenanntes Versorgungswerk, nach dem Vorbild von Brandenburg und Nordrhein-Westfalen, das die CDU-Fraktion aber bisher ablehnt.

Ende Mai gab Aras bekannt, dass für die Kommissionsarbeit, die im kommenden Spätwinter abgeschlossen sein soll, insgesamt ein Etat von 400 000 Euro zur Verfügung steht. Außerdem erklärte sie in einem SWR-Live-Auftritt, alle Fraktionen "vollumfänglich" über die Rahmenbedingungen informiert zu haben. Die Fraktionschefs Andreas Stoch (SPD) und Hans-Ulrich Rülke (FDP) warfen ihr daraufhin eine "Falschaussage" vor. Am Donnerstagmorgen entschuldigte sich die Grüne hinter verschlossenen Türen für diese Formulierung und nahm sie danach auch vor laufenden Kameras zurück. Stoch und Rülke akzeptierten die Entschuldigung. "Wer von uns ohne Schrammen ist, werfe den ersten Stein", erklärte der FDP-Fraktionschef ausgesprochen versöhnlich. (22.6.2017)


Abschied von der autogerechten Stadt

Sie sind sich keineswegs immer grün, Grüne und Sozialdemokraten im Stuttgarter Gemeindrat. Umso überraschender ist das gemeinsame Vorgehen in einer der großen Zukunftsfragen der Stadt. Die Unterschriften von Anna Deparnay-Grunenberg und Andreas G. Winter (Grüne) sowie Martin Körner und Susanne Kletzin (SPD) trägt ein Antrag zur grundlegenden Umgestaltung der Stuttgarter Innenstadt. Noch vor der Sommerpause soll im Ausschuss für Umwelt und Technik der "Zielbeschluss" fallen, "den Autoverkehr innerhalb des künftigen Cityrings (zwischen Paulinenbrücke und Wolframstraße sowie der Theodor-Heuss-Straße und der B14) nur noch für Lieferverkehre und für die Zufahrten zu den Parkhäusern zu ermöglichen und so die gesamte Innenstadt in einen modernen urbanen Lebensraum umzuwandeln". Zur Begründung heißt es unter anderem, die Erfahrungen aus anderen Städten zeigten, "dass in Fußgänger- und Fahrradzonen der Publikumsverkehr zunimmt, Gastronomie entsteht und der Einzelhandel davon enorm profitiert".

Grüne und SPD wollen "die gesamte Stuttgarter Innenstadt zu einem modernen urbanen Lebensraum machen". Zu lange sei in Stuttgart nur die autogerechte Stadt geplant worden: "Stadtautobahnen durchschneiden die Stadt, Autos kurven durch die schmalen Innenstadtstraßen auf der Suche nach einem der wenigen freien Parkplätze, am Wochenende cruisen die Poser." An manchen Stellen sei es gefährlich für Fußgänger und Radfahrer.

Erschlossen werden soll die Innenstadt mit der 2018 startenden P-Buslinie, die den verkehrsfreien Kern umkreist. Konkret verlangt der gemeinsame Antrag zudem von der Verwaltung, "darzustellen, mit welchen Maßnahmen dieser Zielbeschluss zügig umgesetzt werden kann" und "im Vorgriff auf die Beratungen des Doppelhaushalts 2018/2019 erste Maßnahmen und deren Finanzierung" vorzuschlagen. Wie ein Mehrheit zustande kommen könnte, ist noch unklar. Richter und Körner werben für die gemeinsame Initiative, die mehrere Wochen hinter verschlossenen Türen verhandelt wurde. "Wir wollen gemeinsam eine neue Mobilität", sagt der Grüne und damit Zug und Zug "weg vom Parkplatzsuchverkehr hin zu mehr Lebensqualität". (20.6.2017)


Anzeige: AfD-Landessprecher soll den rechten Arm gehoben haben

Seit März 2017 ist der gebürtige Südtiroler Marc Jongen Vorsitzender der AfD in Baden-Württemberg. Jetzt hat die Staatsanwaltschaft Karlsruhe bestätigt, dass eine Strafanzeige gegen ihn erstattet wurde, weil er am Rande des AfD-Landesparteitags vom Wochenende den rechten Arm gehoben haben soll. "Als 'Begrüßung' einer Protestkundgebung hat er den 'Hitlergruß" gezeigt", heißt in einer Pressemitteilung der Partei Die Linke vom Montag. Eine weitere Anzeige erfolge gegen ein anderes AfD-Mitglied, "der den Demonstrierenden 'Ihr gehört alle ins KZ' zurief".

Jetzt wird geprüft, ob es Fotos oder Filmszenen gibt, die die Vorgänge belegen. "Für menschenverachtende Hetze darf es keinen Raum geben, weder in Karlsruhe noch sonst wo", so der Linken-Bundestagskandidat Michel Brandt. Jongen habe deutlich gemacht, "dass die AfD eine Partei von Rechtsextremisten ist". Es gelte zu verhindern, dass sie im September in den Bundestag einzieht. Der AfD-Landessprecher, der an der Hochschule für Gestaltung (HfG) in Karlsruhe arbeitet, kandidiert am 24.September auf Platz drei der baden-württembergischen Landesliste. Zugleich gibt es aber Meldungen, dass er ins Europaparlament nachrückt, wenn Marcus Pretzell, mittlerweile AfD-Fraktionschef im nordrhein-westfälischen Landtag, sein Mandat niederlegt. (19.06.2017)

Mehr über den rechten Ideologen in unserem Interview mit Philosophieprofessor Michael Weingarten aus der Kontext-Ausgabe 320.


Ende jeder Atomforschung verlangt

Die frühere Grünen-Landesvorsitzende Sylvia Kotting-Uhl hat sich auf dem Wahlprogrammparteitag der Grünen am Samstag in Berlin durchgesetzt. Sie verlangt, dass ihre Partei, im Falle einer Regierungsbeteiligung nach dem 24. September, für ein Ende jeder Form von Atomforschung in Deutschland sorgt. "Wir wollen den Atomausstieg weltweit", so die Karlsruher Bundestagsabgeordnete, die zum linken Flügel zählt. Deutschland dürfe nicht dazu beitragen, dass andere Länder den Weg zur Energiewende nicht finden. Konkret geht es unter anderem um Mittel, die in die Kernfusionsforschung oder in die Entwicklung neuer Reaktorgenerationen fließen. Es dürfe kein Steuergeld für Wiedereinstiegstechnologien geben, sagte Kotting-Uhl, die auch atompolitische Sprecherin der Bundestagsfraktion ist. Eine Gruppe grüner WissenschaftspolitikerInnen hatte sich für eine Fortsetzung der Atomforschung stark gemacht. Zum Kohleausstieg wurde ein Kompromiss verabschiedet. Die 20 schmutzigsten Meiler müssen bis 2030 vom Netz. Die Parteispitze wollte eigentlich ein moderateres Vorgehen durchsetzen. (17.6.2017)


Der ewige Optimist ist tot

Der Kommunist war keiner, der aus dem Fenster stieg und verschwand. Mit hundert Jahren ging Theodor Bergmann immer noch in die Klassenzimmer und erzählte den Kindern, was er von der Kanzlerin und dem Kapitalismus hält. Und dass sie sich eine Gesellschaft wünschen sollen, in der es keinen Krieg und keinen Faschismus gibt. Davon hat er zuletzt in Kontext berichtet. Der ewige Optimist, der auch schon Winfried Kretschmann vor dem Berufsverbot geschützt hat, ist am Montag, 12. Juni, im Alter von 101 Jahren gestorben.

Dazu: Der ewige Optimist


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Foto: www.schaeferweltweit.de

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Ausgabe 161
Wirtschaft

Gefahrenzone Gleisvorfeld

Von Jürgen Lessat
Datum: 30.04.2014
Tarnen, tricksen, täuschen. Mit der Deutschen Bahn beherrscht ausgerechnet ein staatseigenes Unternehmen diese Disziplinen, wobei kostspielige "Überraschungen" beim Milliardenprojekt Stuttgart 21 nur die Spitze des Eisbergs sind. Eigenes Versagen verschleiert das Unternehmen auch, wenn es um die Sicherheit im Bahnverkehr geht, wie ein Untersuchungsbericht zu Zugentgleisungen im Stuttgarter Hauptbahnhof zeigt.

Es war wie verhext. Binnen weniger Wochen entgleisten im Jahr 2012 drei Intercity-Züge im Stuttgarter Hauptbahnhof. Waggons und schiebende Lokomotive sprangen immer an der gleichen Stelle aus den Schienen: an Weiche 227 im riesigen Gleisvorfeld des Bahnknotens, das kurz zuvor für das Tiefbahnhofprojekt Stuttgart 21 erneuert worden war. Während der Unfall des IC 2312 von Stuttgart nach Hamburg am 24. Juli noch relativ glimpflich endete (370 000 Euro Sachschaden), kamen bei der Entgleisung des gleichen Zuges am 29. September auch Fahrgäste zu Schaden: Acht Menschen wurden verletzt. Glücklicherweise nur leicht, obwohl Oberleitungsmasten und -gewichte das Dach eines Waggons durchschlugen. Der Schaden belief sich diesmal auf knapp 1,75 Millionen Euro. Die Unfallserie setzte sich am 9. Oktober fort. Ein Testzug, den die Bahn ohne Fahrgäste über die Pannenstrecke schickte, scheiterte erneut an der Doppelkreuzweiche 227.  Die Entgleisungen verursachten ein gewaltiges Bahnchaos, tagelang war der Stuttgarter Hauptbahnhof nicht mehr auf dem Schienenweg erreichbar.

Videobericht der Nachrichtenagentur 7aktuell zur 2. IC-Entgleisung. Quelle: youtube/7aktuell.de

Untersuchungsbericht: "Zugpuffer primärursächlich"

Inzwischen liegt der Untersuchungsbericht des Eisenbahnbundesamts (EBA) zu den Unfällen der beiden IC 2312 vor. "Primärursächlich" für die Unglücke war demnach das "Versagen von Puffern" an den im Zugverband laufenden Speisewagen "und/oder von unmittelbar benachbarten Wagen", heißt es in der Zusammenfassung. "Begünstigend" auf die Unfallauslösung wirkten zudem, dass die Wagenpuffer mangelhaft gewartet waren und die Züge bei der Ausfahrt aus Gleis 10 zu stark beschleunigten. In bestem Beamtensprech werden auch "infrastrukturseitige Einflüsse der ausgereizten örtlichen Trassierung" als Ursache identifiziert. Sprich: Die Unglückszüge mussten die Doppelweiche 227 über grenzwertig enge S-Gleisbögen passieren.

Am Ende einer kurzen Zugfahrt von IC 2312 am 29. Spetember 2012.
Am Ende einer kurzen Zugfahrt von IC 2312 am 29. Spetember 2012.

Wer sich die Mühe macht, den 53-seitigen Bericht komplett zu lesen, erfährt weitaus Beunruhigenderes, als die Zusammenfassung nahelegt. Nämlich, dass schlicht Schlamperei und offenbar wirtschaftlicher Spardruck die Unfallserie mit auslöste. So fiel den EBA-Experten auf, dass die neu trassierte Ausfahrtrasse von Gleis 10 in mehreren Punkten von bahninternen Regelwerken und Sollvorgaben abweicht. Die engen Gleisbögen seien zwar "durch das interne Regelwerk grundsätzlich legitimiert", gesteht der Bericht zu. Aus Sicht der EBA-Prüfer beeinflusst diese Grenzwertigkeit jedoch "die Entgleisungssicherheit negativ".

"Die Abweichungen sind offensichtlich insbesondere wirtschaftlichen Erwägungen geschuldet", so die alarmierende Schlussfolgerung der Unfallexperten, unter welcher Prämisse die Bahntochter DB Netz AG den Umbau des Stuttgarter Gleisvorfelds durchgeführt hat. Auf Dauer lasse sich dadurch aber nichts sparen, bemängelt der EBA-Bericht weiter. Denn die grenzwertige Trassierung bedinge einen "höheren Verschleiß und größeren Instandhaltungsaufwand", so die Kritik.

Reparaturtrupp ignorierte kaputte Weiche 

Der Bericht deckt zudem auf, dass die Weiche 227 zum Zeitpunkt des ersten Unfalls defekt war. Die Prüfer stellten dies anhand von Inspektionsprotokollen fest, die Monate vorher angefertigt wurden. Laut internen Vorgaben hätte die kaputte Weiche sofort repariert oder mindestens als Langsamfahrstelle ausgewiesen werden müssen, die Züge nur mit maximal 20 km/h passieren dürfen. Beides ist nicht geschehen. Stattdessen beschleunigte der IC-Triebwagenführer am 24. Juli seinen Zug wie gewohnt nahezu bis zum damals gültigen Tempolimit von 40 km/h.

Zudem enthüllt der EBA-Bericht, dass die Bahn die Ermittlungen nur widerwillig unterstützte. Vergeblich warteten die EBA-Beamten auf angeforderte Unterlagen von der DB Netz zur Gleisgeometrie. "Eine eigene objektive Überprüfung konnte nicht erfolgen", heißt es im Bericht dazu. Auch entdeckten die Sachverständigen massive Schlampereien bei der zuständigen Inspektionsabteilung des Unternehmens. Die Durchsicht von Weichenprüfblättern ergab, dass die Bahnmitarbeiter falsche Prüfblätter verwendet hatten. Während der Ermittlungen verschwanden zudem etliche Puffer entgleister Waggons spurlos, die eigentlich im Bahninstandhaltungswerk Eberswalde hätten untersucht werden sollen. Das Verschwinden von Beweismitteln bestätigte die Bahn mit achtmonatiger Verzögerung, nachdem die EBA-Unfallexperten sich nach deren Verbleib erkundigt hatten.

Verkehrsclub sieht frühere Kritik bestätigt

Mit Vorlage des offiziellen Untersuchungsberichts sieht sich der ökologische Verkehrsclub VCD in seiner bisherigen Kritik am Stuttgarter Bahnhofsumbau bestätigt. "Nur um Kosten zu sparen, ist die Deutsche Bahn vom Regelwerk abgewichen und hat beim Umbau der Gleisanlagen für Stuttgart 21 zu enge Weichenverbindungen eingebaut, die letztlich zu den Entgleisungen führten und Menschen gefährdeten", kritisiert VCD-Landesvorsitzender Matthias Lieb. Der Bericht zeige aber auch, dass das EBA ein zahnloser Tiger sei. Die Behörde akzeptiere, dass Unterlagen nicht vorgelegt würden und damit eigene Überprüfungen nicht möglich sind. "Dass im offiziellen Bericht ein armer Pufferteller der Übeltäter sein soll, ist dann kein Wunder", spottet Lieb. Die mangelnde Unterstützung zur Unfallaufklärung sei kein Vertrauensbeweis weder für die Deutsche Bahn noch für die Unabhängigkeit der Untersuchungsstelle. "Dies gibt Anlass zur Sorge im Hinblick auf die Qualität der weiteren Bauarbeiten zu Stuttgart 21", so der VCD.

Innenansichten eines IC-Waggons nach der zweiten Entgleisung.
Innenansichten eines IC-Waggons nach der zweiten Entgleisung.

Mit den Ergebnissen des EBA-Berichts erscheint auch eine juristische Auseinandersetzung fragwürdig, die die Bahn seit der Unglücksserie mit dem Eisenbahnbundesamt führt. Die Aufsichtsbehörde hatte am 12. Oktober 2012, wenige Tage nach der missglückten Testfahrt, alle Zugfahrten auf Gleis 10 des Stuttgarter Hauptbahnhofs untersagt. Mit Bescheid vom 22. Januar 2013 gab sie das Gleis wieder eingeschränkt frei für gezogene Züge sowie Triebzüge ohne sogenannte Seitenpuffer. Für geschobene Zuggarnituren ist der Abschnitt bis heute tabu. Dagegen reichte die Bahn am 21. August 2013 Klage vor dem Verwaltungsgericht Stuttgart ein.

Nach Kontext-Informationen kam es bislang weder zur Verhandlung noch zum Urteil in dem außergewöhnlichen Rechtsstreit, den ein staatseigenes Unternehmen gegen seinen Besitzer, die Bundesrepublik Deutschland, führt. So beantragte der Rechtsbeistand der Bahn mehrere Fristverlängerungen zur Einreichung der Klagebegründung. Zuletzt am 17. März, da man angeblich noch in Gesprächen mit dem EBA stehe. Inzwischen ist der Richterin der Geduldsfaden gerissen. Sie regte an, das Verfahren ruhen zu lassen. Bis zum 17. Juni muss sich die Bahn als Klägerin entscheiden, ob sie klein beigibt oder gegen eine Anordnung prozessiert, die dem sicheren Bahnverkehr im Stuttgarter Hauptbahnhof dient.

Strafrechtliche Konsequenzen hatte die Unfallserie mit verletzten Fahrgästen und Schäden in Millionenhöhe bislang nicht. Die Bundespolizei wertet den EBA-Unfallbericht derzeit aus, wie ein Sprecher der Stuttgarter Bundespolizei-Direktion Kontext bestätigte. In Kürze wollen sich Vertreter der Behörde mit der Staatsanwaltschaft Stuttgart austauschen. Diese entscheidet anschließend, ob es ausreichenden Tatverdacht zur Aufnahme eines förmlichen Ermittlungsverfahrens gibt.

Blick zurück offenbart Erstaunliches

Bereits nach der ersten IC-Entgleisung im Stuttgarter Hauptbahnhof war eine Debatte über die möglichen Unfallursachen entbrannt. Baden-Württembergs Verkehrsminister Winfried Hermann (Grüne) wie auch Stuttgart-21-Kritiker vermuteten einen Zusammenhang mit den Bauarbeiten für den geplanten Tiefbahnhof Stuttgart 21. Auch der ökologische Verkehrsclub Deutschland (VCD) führte den Unfall auf die Baumaßnahmen im Gleisvorfeld zurück.

In Internet-Foren diskutierten Bahnfreunde und Bahnblogger die Unfallserie ebenfalls und vermuteten früh, dass Überpufferung aufgrund der engen Gleisbögen an der doppelten Kreuzungsweiche die Waggons aus den Schienen gedrückt hatte. "Diese Gleislage spottet jeder Beschreibung. So würden höchstens 3-jährige Brio-Bahner und Kinder ein Gleis bauen. Es wäre bereits nach dem letzten Unfall sinnvoll gewesen, sicherheitshalber nicht mit einer schiebenden Lok, sondern einer ziehenden Lok auszufahren", kommentierte der Fachjounalist Friedhelm Weidelich auf seinem Eisenbahn-Blog.

Trial & Error à la Deutsche Bahn: am 9. Oktober 2012 entgleiste der dritte IC, ein Testzug. Foto: Martin Storz
Trial & Error à la Deutsche Bahn: am 9. Oktober 2012 entgleiste der dritte IC, ein Testzug. Foto: Martin Storz

Im Nachhinein betrachtet, lagen alle richtig. Die Deutsche Bahn jedoch wies damals die Annahmen zur Unfallursache scharf zurück. Auf dem falschen Gleis unterwegs war damals auch Nicole Razavi. Die verkehrspolitische Sprecherin der CDU-Opposition im Stuttgarter Landtag hatte die Äußerungen des grünen Verkehrsministers Hermann zur Unfallserie "als unseriös" gegeißelt.

Auszüge aus der "Welt" vom 1. Oktober 2012, nach der 2. IC-Entgleisung:

Ein Bahnsprecher sagte der Nachrichtenagentur dapd: "Kein Mensch kennt die Ursache der beiden Zugentgleisungen." Bevor die Untersuchungen nicht abgeschlossen seien, sei alles Spekulation. "Und daran beteiligen wir uns nicht", fügte er hinzu. Die Bahn selbst habe großes Interesse daran, die Ursache zu erfahren. Deshalb unterstütze sie die Ermittlungen von Eisenbahn-Unfalluntersuchungsstelle und Bundespolizei tatkräftig.

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(Der grüne Verkehrsminister Winfried ...) Hermann hatte zuvor gesagt, am Alter der Infrastruktur könne das Problem nicht liegen, weil das gesamte Gleisvorfeld wegen Stuttgart 21 umgebaut, verkürzt und erneuert wurde. Er wolle den Untersuchungen zwar nicht vorgreifen. Ihm erscheine es aber plausibel, dass wegen der Verkürzung des Gleisvorfelds zum Teil Radien gewählt wurden, die bei ungünstigen Bedingungen zu solchen Entgleisungen führen könnten, sagte Hermann.

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Der VCD-Landesvorsitzende Matthias Lieb hält angesichts von insgesamt fünf Zugentgleisungen und weiterer Pannen seit Beginn der Bauarbeiten für Stuttgart 21 die "Zuverlässigkeit und Sicherheit des Bahnverkehrs im Stuttgart Hauptbahnhof derzeit nicht mehr für gewährleistet". Die Pannenserie der vergangenen Monate lege die Vermutung nahe, dass die Bahn "offenbar kein verantwortlicher Bauherr ist und wegen des Immobilienprojektes Stuttgart 21 anscheinend sogar bereit ist, die Sicherheit ihrer Kunden ernsthaft aufs Spiel zu setzen", sagte Lieb.

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Die Bahn wies "die Spekulationen" des VCD als verantwortungslos zurück. Sicherheit habe bei der Deutschen Bahn oberste Priorität. Jeder Bauzustand werde vom Eisenbahnbundesamt als Aufsichtsbehörde geprüft und abgenommen. Außer den beiden jüngsten Entgleisungen, deren Ursache noch nicht ermittelt worden sei, seien die Unfälle allesamt auf menschliches Fehlverhalten zurückzuführen. "Ich kann den Zusammenhang zu den Stuttgart-21-Bauarbeiten nicht sehen", sagte der Bahnsprecher.

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Die verkehrspolitische Sprecherin der CDU-Landtagsfraktion, Nicole Razavi, forderte von der Bahn, den Ursachen auf den Grund zugehen und diese abzustellen. "Solche Unfälle dürfen nicht passieren", sagte sie der Nachrichtenagentur dapd. "Der technische Sachverstand des Verkehrsministers verblüfft mich aber", fügte sie hinzu. Hermann behaupte, den Ermittlungen nicht vorgreifen zu wollen, tue aber nichts anders. Diese reflexartige Reaktion sei typisch für Hermann und die Stuttgart-21-Gegnern. Sie nutzten jeden Anlass für Kritik am Bahnprojekt. Nun wolle der Minister sogar aus einem Unfall Profit schlagen. "So etwas tut man nicht", sagte Razavi.

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Agentur-Berichte zur Entgleisungsserie (z.B. in der "Welt"):
Erster IC-Unfall hier (25. 7. 2012) hier
Zweite IC-Entgleisung (1. 10. 2012) hier
Entgleisung Testzug (9. 10. 2012) hier


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