Baghira und Noggia würden faires Futter kaufen. Bild: privat

Ausgabe 152
Wirtschaft

Faires Futter im Napf

Von Jürgen Lessat
Datum: 26.02.2014
Die Karlsruher Drogeriemarktkette dm reagiert auf Vorwürfe, Produkte von Lieferanten mit zweifelhaftem Leumund im Sortiment zu haben. Nachdem Kontext über fragwürdige Arbeitsbedingungen beim Brettener Tiernahrungshersteller Deuerer berichtet hatte, hinterfragte der Konzern die Situation der dort eingesetzten Leiharbeiter.

Florian Nelle mag Baghira und Noggia. Doch der Geschäftsführer mag nicht nur seine beiden schnurrigen Stubentiger. Der Katzenhalter aus Pulheim bei Köln ist auch ein Freund fairer Arbeitsbedingungen. Deshalb stieß ihm auch die Kontext-Reportage über eine polnischen Leiharbeiterin, die sich im badischen Bretten beim einem Tierfutterhersteller verdingen muss, übel auf. Kontext-Autorin Lisa Rokahr schilderte in dem Beitrag, unter welchen Bedingungen "Gabriela" lebt und arbeitet. Ein weiterer Bericht in Ausgabe 149 erläuterte, dass nicht nur große Konzerne immer mehr auf billige Leiharbeit und Werkverträge setzen, sondern auch Mittelständler wie die Tiernahrung Deuerer GmbH."Im Internet bin ich danach darauf gestoßen, dass Deuerer auch die Drogeriemarktkette dm beliefert", schreibt Nelle von seinem Rechercheergebnis an die Redaktion. Noggia und Baghira bekamen bislang die dm-Eigenmarke "Dein Futter" aufgetischt.

Nelle bat daraufhin dm um Auskunft zu seinen Lieferbeziehungen zu dem umstrittenen Futtermittelhersteller. Das Unternehmen bestätigte dem Katzenhalter, dass die Firma Deuerer Hauptlieferant der vertriebenen Tiernahrung ist. Auf die Kritik des Kunden, dass Deuerer offenbar sklavenartige Arbeitsverhältnisse dulde, reagierte das Unternehmen zunächst nicht. Erst als der Kontext-Leser in einer weiteren Mail dm konkret darauf hinwies, dass ein Arbeitsgericht dem dm-Lieferanten "feudalistische Strukturen aus der arbeitsrechtlichen Steinzeit" auch gegenüber den eigenen deutschen Arbeitnehmern assistiert hatte, und Nelle zudem ankündigte, künftig vom Kauf von dm-Produkten abzusehen ("Ich finde das um so bedauernswerter, als ich ihre Drogeriemarktkette insbesondere aufgrund der scheinbar recht fairen konzerninternen Arbeitsverhältnisse schätze") reagierte der Drogerieriese ausführlicher.

"Die geäußerten Vorwürfe haben wir sehr aufmerksam zur Kenntnis genommen, und wir erwarten, dass sich unsere Partner ihrer gesetzlichen und ethischen Verpflichtung bewusst sind." Man pflege langfristige Lieferantenbeziehungen und prüfe Lieferanten regelmäßig. "Uns wurde bestätigt, dass sämtliche gesetzlichen Regelungen in vollem Umfang eingehalten werden und die Vorwürfe nicht haltbar sind", teilte mit freundlichen Grüßen der dm-Service-Center dem Kunden mit.

Bislang keine Kenntnis über Vorkommnisse

Kontext hat dm ebenfalls um eine Stellungnahme gebeten, wie das Unternehmen zu den Arbeitsbedingungen bei seinen Lieferanten allgemein und insbesondere bei der Tiernahrung Deuerer GmbH steht. Die Antwort von Ulrich Maith, als dm-Geschäftsführer verantwortlich für das Ressort Produktmanagement, klingt ähnlich wie die der Kundencenter-Mitarbeiterin zuvor: "Einhaltung von Arbeitsbedingungen, sowohl rechtlich wie auch ethisch, gehören zum Selbstverständnis von dm-drogerie markt. Dieses Selbstverständnis tragen wir auch in unsere Lieferkette." Durch jahrelange, vertrauensvolle Zusammenarbeit mit den Lieferanten versuche man dem Anspruch an Fairness in den Arbeitsbedingungen umfänglich gerecht zu werden. In der bisherigen Zusammenarbeit  mit der Firma Deuerer, mit der dm seit vielen Jahren eine enge Lieferantenbeziehung pflege, habe es "bislang keine uns bekannten Vorkommnisse gegeben, welche das Vertrauen in den genannten Lieferanten minderten", schreibt Maith. Die geäußerten Vorwürfe seien sehr aufmerksam zur Kenntnis genommen worden. "Wir haben uns intensiv mit dem Inhaber auseinandergesetzt. Uns wurde detailliert aufgezeigt und versichert, dass die Vorwürfe nicht haltbar seien", so das Fazit.

Zudem übersandte das Drogerieunternehmen als Beweis eine schriftliche Stellungnahme der Firma Deuerer an dm. Darin versichert der Futterproduzent unter anderem, eine "der größten Wirtschaftsprüfungsgesellschaften" beauftragt zu haben, die "Lohnabrechnungen sowie die Zeiterfassung sowohl der Stammbelegschaft als auch der Zeitarbeitsfirmen" überprüft.

Des Weiteren werde diese die Kalkulation der Miet- und Dienstleistungsverträge der Zeitarbeitsfirmen überprüfen. Die Deuerer GmbH zahle ihren Mitarbeitern zudem in der niedrigsten Lohngruppe ein Entgelt, dass über dem Mindestlohn von 8,50 Euro liege. Die Bezahlung der Leiharbeiter erfolge "schon jetzt gemäß dem aktuellen IGZ-Tarifvertrag". Weiter strebe Deuerer "ein Social Audit durch ein unabhängiges Institut an". Des Weiteren erfolge die "Bestellung eines Ombudsmanes für alle Beschäftigten der Tiernahrung Deuerer GmbH", an den "folgeneutral Anliegen aller Art gerichtet werden" können. Und zudem habe man allein in den letzten 12 Monaten über 100 Leiharbeiter in ein festes Arbeitsverhältnis übernommen. "Weitere Übernahmen sind geplant", heißt es am Schluss des Schreibens, das vom 25. Februar 2014 datiert. Ob die Aussagen stimmen, konnte dm somit kaum selbst, etwa vor Ort, überprüfen, obwohl die Firmensitze beider Unternehmen keine Autostunde voneinander entfernt liegen. 

Katzenhalter kauft jetzt lieber Biofutter

Alles in Butter plötzlich in Bretten bei einem der größten Katzen- und Hundefutterherstellern Europas? Nein, glaubt Christian Schick von der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG). Der Gewerkschafter verweist auf den massiven Abbau eigener Arbeitskräfte bei Deuerer in der Vergangenheit. Von rund 1700 Arbeitskräften gehört heute nur jeder dritte zur eigenen Belegschaft. Der Rest teile sich in Werksvertrags- und Leiharbeiter auf. Der gewerkschaftliche Einfluss in dem Unternehmen sei zudem gering, sagt Schick und hofft darauf, dass die anstehenden Betriebsratswahlen im April eine kritischere Arbeitnehmervertretung als heute hervorbringen.

Solang will Katzenhalter Florian Nelle nicht warten. Baghira und Noggia bekommen inzwischen anderes Futter in ihren Napf. "Wir kaufen sogar Biofutter in der Hoffnung, dass es fair produziert wird", sagt Nelle. Irgendwo müsse man schließlich anfangen, auf ethische und soziale Standards zu achten. Und wenn es beim Katzenfutter ist.


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1 Kommentar verfügbar

  • FernDerHeimat
    am 26.02.2014
    Leider hat man als Konsument nur selten die Möglichkeit Einsicht in das Gebahren eines solchen "Zulieferers" zu nehmen. Und viele zucken auch nur mit den Achseln, solange es nicht "ihr" Problem ist und sie dafür die "tollen Preise" haben.

    Dank Hartz IV kann sich das heute allerdings schnell ändern, wenn man einem solchen Frühkapitalisten in die Fänge getrieben wird.

    Und doch... selbst das führt bei vielen dummseligen Egoisten zumeist zu wenig Einsicht, wenn sie - trotz Wissens um die Arbeitsumstände und miesen Steuertricks dieses Unternehmens - auch weiterhin fröhlich (beispielsweise) bei Amazon einkaufen und das auch noch ausdrücklich betonen.

    Tja, liebe Elterngeneration, da habt massgeblich ihr beim Erziehen versagt.

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