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Klos braucht die Welt

Wo Toiletten fehlen, lauert der Tod

Klos braucht die Welt: Wo Toiletten fehlen, lauert der Tod
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Die Toilette. Sie ruft hierzulande peinliches Weghören oder Schmunzeln hervor. Aber niemand mag sich vorstellen, wie es ist, wenn auf 500 Menschen nur ein WC kommt. Hilfsorganisationen wissen das. Doch sie wissen auch, dass lieber für eine Schule gespendet wird als für ein Klo.

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Das stille und sichere Örtchen ist gerade für Mädchen und Frauen wichtig. Überlebenswichtig ist es für alle, denn: In Ländern, in denen es an der grundlegenden Sanitärversorgung mangelt, fehlt es in ländlichen Gebieten auch an einer minimalen medizinischen Grundausstattung. Die nächste Klinik ist meist so weit entfernt, dass die Erkrankten nach tagelangen Fußmärschen oft vor Erschöpfung sterben. Solche Krisen lösen dann kostenträchtige humanitäre Einsätze aus. Dabei wäre eine Durchfallerkrankung wie Cholera nicht nur einfach zu verhindern, sondern auch einfach zu behandeln.

Krisen der Welt

Die Folge unseres hiesigen Wohlergehens ist eine enorme ökologische und soziale Verelendung in anderen Teilen der Welt. Der Krieg in der Ukraine könnte ein Anstoß zum Umdenken sein, darüber, dass unser Lebensstil genauso wenig selbstverständlich ist wie unser Leben in einer friedlichen Welt. Die Spirale aus Konflikten, Krisen und Klimakatastrophen dreht sich immer schneller. In unserer losen Serie "Vergessene Krisen und unser Wohlstand" wollen wir betroffene Regionen und Themen beleuchten, die in der Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit zu kurz kommen.

Teil I widmet sich dem Horn von Afrika. Teil II dem Klimawandel als Fluchtgrund.

Durch eine ausreichende Sanitärversorgung kann Durchfall, Cholera und andere Krankheiten auf einfache Weise vorgebeugt werden. Doch der kurz als WASH bezeichnete Sektor, der "water, sanitation and hygiene" umfasst, muss ständig um Geld kämpfen. Das deutsche WASH-Netzwerk, in dem sich mehr als zwei Dutzend Hilfswerke zusammengeschlossen haben, darunter auch die Welthungerhilfe, weist in einem Positionspapier darauf hin, dass 2018 nur 39 Prozent des Bedarfs an Toiletten in der Katastrophenhilfe finanziert werden konnten. Und wer einmal erlebt hat, wie die Lage ist nach einem Erdbeben und einer Überschwemmung – zu Beispiel in Haiti – weiß, wie wichtig es ist, schnell für Wasser und Sanitäranlagen zu sorgen.

Das Thema ist nicht attraktiv bei der Einwerbung von Spenden. Wer will schon für Toiletten spenden? Dies ist einer der Gründe dafür, warum in den vergangenen zehn Jahren kaum Fortschritte erzielt worden sind. Für Spender:innen ist es attraktiver, Brunnen zu finanzieren oder Schulen. Es liegt aber auch daran, dass man viel zu lange nur auf den Bau von Toiletten gesetzt hat, ohne die sozialen und kulturellen Zusammenhänge zu betrachten. Stephan Simon von der Welthungerhilfe kennt die Daten. Und er weiß, dass dringend etwas getan werden muss.

Herr Simon, Sie sind WASH-Experte bei der Welthungerhilfe. Die Einsicht ist da, warum geht es nicht voran?

In ländlichen Gebieten, hauptsächlich in fragilen Kontexten in armen Ländern, haben 70 Prozent der Menschen immer noch keinen Zugang zu vernünftiger Sanitärversorgung. Sie verrichten ihre Notdurft im Freien. In Europa war die Situation ähnlich, wenn wir ein bis zwei Jahrhunderte zurückdenken. Aber man hat gesehen, dass dadurch in beträchtlichem Maße Krankheiten wie Cholera auftreten, wenn zum Beispiel die Leute in Hamburg mit Abwasser verseuchtes Elbwasser getrunken haben. Aus diesem Grund wurden Abwassersysteme eingeführt.

Warum kann man nicht überall für ausreichend Toiletten sorgen?

Das ist, verglichen mit der Versorgung mit Trinkwasser, eine teure Angelegenheit. Während man für eine einfache Wasserversorgung im ländlichen Raum für rund 300 Haushalte etwa 10.000 Euro für einen zentralen Brunnen investieren muss, liegen die Kosten für einfache Toiletten pro Haushalt bei etwa 200 Euro – insgesamt also bei dem Sechsfachen. Außerdem besteht die Gefahr, dass Hilfswerke von europäischen Standards ausgehen, anstatt zunächst einfache Lösungen zu suchen. Es ist auch möglich, sich stufenweise einem höheren Standard anzunähern, und zum Beispiel mit dem Ausheben von Gruben und einfachen lokal angepassten Latrinen zu beginnen.

Trotzdem gibt es kaum Fortschritte.

Viel zu lange hat man auf rein technische Lösungen gesetzt. Zum Beispiel wurden in einem Ort Toiletten gebaut in der Hoffnung, dass dies dann an anderer Stelle in Eigeninitiative nachgemacht wird. Aber diese Art der Skalierung funktioniert nicht. Auch das Mahnen mit dem Zeigefinger führt nicht weiter, wenn man zum Beispiel der Mutter sagt, sie müsse Hände waschen, sonst wird ihr Kind krank und das verursacht zusätzliche Arztkosten.

Aber das ist doch richtig.

In ländlichen Gebieten mit knappen Wasserressourcen ist Händewaschen oft noch nicht zur Gewohnheit geworden. Gerade nach dem Verrichten der Notdurft und ohne die Benutzung von Klopapier besteht das Risiko, dass Hände fäkal verunreinigt werden. So werden Krankheiten übertragen. Es ist entscheidend, die Übertragungswege zu unterbrechen. Die Übertragung kann auch über Feinstaub oder beim Spielen in verunreinigtem Gelände geschehen, vor allem aber über die Hände.

Außerdem sind Toiletten doch die Voraussetzung dafür, eine Intimsphäre zu ermöglichen?

Ja. Die Gefahr von Belästigungen ist groß, gerade wenn Mädchen und Frauen ihre Notdurft im Freien verrichten müssen. Leider kommt es da auch zu sexuellen Übergriffen. Es gibt auch eine Häufung von Nieren- und Leberkrankheiten bei Frauen. Das hat damit zu tun, dass sie ihr Bedürfnis bis zum Einbruch der Dunkelheit zurückhalten, um ungesehen ihre Notdurft zu verrichten, um nicht sexuell belästigt zu werden.

Auch über Menstruation und die sexuelle Belästigung von Mädchen und Frauen wird nicht gerne geredet. Doch alle Mitgliedstaaten der Vereinten Nationen anerkennen Wasser und Sanitärversorgung als Menschenrechte. Die Realität sieht allerdings anders aus. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) und das Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen (Unicef) haben erschreckende Zahlen vorgelegt. Insgesamt 4,2 Milliarden Menschen, das sind 55 Prozent der Weltbevölkerung, haben keinen Zugang zu einer sicheren Sanitärversorgung. Mehr als 670 Millionen Menschen verrichten ihre Notdurft im Freien. Drei Milliarden Menschen haben keine Möglichkeit, sich die Hände zu waschen oder es fehlen Wasser und Seife. "Frauen und Mädchen können die Menstruation nicht hygienisch oder mit Würde handhaben", heißt es weiter. Die ärmsten Menschen auf dem Land sind am stärksten betroffen. Die Folgen sind eine kontaminierte Umgebung, erhöhte Kindersterblichkeit und die Ausbreitung von Krankheiten, an denen viele Menschen unnötigerweise sterben.

Herr Simon, die Zahlen sprechen für sich. Wie werden heutzutage Sanitärprojekte wirkungsvoll durchgeführt?

Die Herangehensweise hat sich verändert. Es ist wichtig, die entsprechenden Regierungen auf ihre Verantwortung gemäß dem Menschrecht auf Wasser und Sanitärversorgung, das 2010 ratifiziert wurde, anzusprechen, aber auch andere lokale Institutionen wie Bildungseinrichtungen bei der Sensibilisierung für das Problem einzubeziehen. Am wichtigsten ist es jedoch, die Menschen emotional anzusprechen.

Was steckt dahinter?

Langfristig führen Erklärungen nicht zu dem gewünschten Ziel einer nachhaltigen Verhaltensänderung. Wirkungsvoller ist, die Menschen selber erkennen zu lassen, dass Körperhygiene das Wohlbefinden steigert, dass Toiletten Sicherheit bieten, dass Seife gut riecht und dass man sich seinen Mitmenschen nähern kann, ohne sich schämen zu müssen, schmutzige Hände zu haben. Dieses Erkennen ist oft der Auslöser dafür, dass die Dorfbewohner selbst Toiletten bauen und dass das Händewaschen selbstverständlich wird. Ein solcher Prozess ist nicht von außen aufgesetzt, sondern kommt dann aus der Gemeinschaft selbst heraus. Dennoch baut die Welthungerhilfe noch unter bestimmten Voraussetzungen Toiletten: Dort, wo Menschen auf engstem Raum zusammenkommen und zusammenleben. In Schulen, in Gesundheitseinrichtungen, auf Marktplätzen und insbesondere bei Katastrophen und Konflikten an Sammelpunkten oder in Flüchtlingslagern.

Kontext-Autor Rainer Lang hat viele Jahre in der kirchlichen Katastrophenhilfe gearbeitet, unter anderem für Brot für die Welt, die Diakonie und den Weltkirchenrat.


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