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Deutsch-französischer Freibadstreit

Vive la piscine franco-allemande!

Deutsch-französischer Freibadstreit: Vive la piscine franco-allemande!
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Weil französische Badegäste früher aufstehen und ins Freibad im badischen Lahr strömen, sinnieren manche Lahrer im Internet so rege über Zugangssperren für Franzosen, dass sich der OB zu einem Machtwort genötigt sieht. Über einen Sturm im Chlorwasserglas.

Vor 150 Jahren, im August 1870, war die südliche Grenzregion zwischen Deutschland und Frankreich nicht gerade ein place to be. Im Elsass tobten die ersten Schlachten des Deutsch-Französischen Krieges, und die waren ziemlich blutig. Am 4. August die Schlacht bei Weißenburg, am 6. August die bei Spichern und bei Wörth, und am 15. August begann die Belagerung von Straßburg: All das forderte schon im ersten Kriegsmonat mehrere Tausend Tote auf beiden Seiten. Am Ende, 1871, annektierte das neu gegründete Deutsche Reich Elsass und Lothringen. Und in Frankreich sannen große Teile der Gesellschaft fortan auf Revanche, sahen die Pickelhaube als Inbegriff des deutschen Militarismus.

Im Gegensatz zu den immer sehr ausgiebigen und mit viel Politprominenz besetzten Feierlichkeiten zum Gedenken an Ausbruch und Ende von Erstem und Zweitem Weltkrieg blieb der Jahrestag des Kriegsbeginns vor 150 Jahren, der 19. Juli 2020, ziemlich still. Historisch Interessierte fanden in Zeitungsfeuilletons den ein oder anderen Artikel, doch Angela Merkel und Emmanuel Macron trafen sich nicht etwa in Weißenburg/Wissembourg, um sich, selbstredend mit ausreichend coronabedingtem Abstand, zu versichern: So etwas darf nie mehr geschehen, jamais! Wird es natürlich sowieso nicht, mögen jetzt viele sagen, schließlich pflegen beide Nationen schon so viele Jahre die Freundschaft, l’amitié franco-allemande.

Dass sich liebgewonnene Ressentiments wenig um Sonntagsreden scheren, diesen Eindruck konnte man indes vor kurzem im badischen Lahr, rund 40 Kilometer südwestlich von Straßburg und Kehl, bekommen. Denn in dem Städtchen, 1870/71 von Kriegshandlungen verschont geblieben und nur drei Kriegstote beklagend, schienen sich die linksrheinischen Nachbarn einen besonderen Gedenkspaß zu erlauben: Während es französische Truppen vor 150 Jahren nicht schafften, den Rhein zu überschreiten, taten dies nun umso mehr Badegäste, die ins Lahrer Terrassenbad strömten. Das tun sie schon seit Jahren, denn die Region um Straßburg ist in Sachen Freibädern assez triste, ziemlich rar bestückt. Was bislang eher dem Lahrer Lokalpatriotismus zu schmeicheln schien.

Doch nun ist die Situation, einem transnationalen Akteur namens Sars-Cov-2 geschuldet, eine andere. Im Lahrer Bad gelten - wie woanders auch - Zugangsbeschränkungen, ab 1.000 Besuchern auf einmal ist Schicht im Schacht. Und viele Französinnen und Franzosen taten nun, was – wenn wir schon bei nationalen Stereotypen sind – normalerweise eher die Briten bei sommerurlaubenden Teutonen monieren: Sie kamen immer sehr früh, besetzten sozusagen die raren Plätze mit einem virtuellen – oder echten – Handtuch, weswegen viele Lahrer Einheimische das Nachsehen hatten.

"Franzosen bevölkern Freibad" titelte angesichts dessen die "Lahrer Zeitung", berichtete gleichwohl, dass die Stadt in einer Pressemitteilung "möglichen Gedankenspielen, das hiesige Bad für Franzosen zu sperren", eine "eindeutige Absage" erteilt habe. Im Internet freilich wurde hitzig weiter diskutiert, in einer Facebook-Gruppe schrieb etwa ein Nutzer: "Die Logik sollte klar sein: wenn die Stadt den Betrieb finanziell unterstützt, sollten Lahrer bevorzugt werden", ein anderes Mitglied: "Ich kann den Unmut von einigen Lahrern verstehen. Man will nach der Arbeit schwimmen gehen und kommt nicht mehr rein". Es gab allerdings auch andere Meinungsäußerungen: "Das ist einfach nur rassistisch, wenn man sich über Badegäste beschwert, die aus anderen Ländern kommen! Ich schäme mich für diese Lahrer", hieß es in einem Kommentar. "Sich über Franzosen im Terrassenbad aufregen, aber auf Malle am Strand kotzen", in einem anderen.

Die hitzigen Diskussionen führten jedenfalls so weit, dass sich irgendwann der Lahrer OB am 11. August zu einem Statement genötigt sah und französische Badegäste ausdrücklich willkommen hieß: "Wir sind eine weltoffene, eine europäische Stadt! Gäste, auch Badegäste, sind uns stets willkommen". Und weiter: "Es widerspräche jeder europäischen Idee, am Eingang des Terrassenbades Ausweise zu kontrollieren und Nicht-Deutsche auszusperren. Ich finde es bedauerlich, dass dieses Thema überhaupt diskutiert werden muss."

Seitdem scheint, zumindest nach außen, etwas Ruhe in den deutsch-französischen Bäderstreit gekommen zu sein. Und ohnehin geht der Sommer und damit die Freibadzeit so langsam in den Endspurt. Die Grenzregion sollte dennoch über einen neuen Slogan nachdenken: Vive la piscine franco-allemande!


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2 Kommentare verfügbar

  • Udo
    vor 2 Wochen
    Antworten
    Ja ja- die Kleinen streiten sich seit der franz. Revolution und in Vatikan reibt man sich die Hände. Die Dummen sterben nicht aus.
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