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Kämpfer für Mitmenschlichkeit

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"Das C im Namen ist die Selbstverpflichtung, dass unsere Politik an der Botschaft des Christentums zu messen ist." Nobert Blüm lag mit seiner Partei oft über Kreuz, erst recht fand er sich nicht mit ihrer Haltung in der Flüchtlingspolitik ab. Der unermüdliche Mahner ist tot, seine Appelle dürfen nicht verhallen.

Nachrufe gibt es landauf, landab, allenthalben rühmende Worte, deren VerfasserInnen allerdings allzu oft erkennbar darauf aus sind, sich selbst mit zu sonnen in der Beliebtheit des prominenten Querkopfs. Auch die Bundeskanzlerin postet ein gemeinsames Foto von vor dreißig Jahren, Wolfgang Schäuble hebt die "Lust an der streitbaren Debatte" hervor, die er so geschätzt habe an dem "tief in der katholischen Soziallehre verwurzelten" Parteifreund. Annegret Kramp-Karrenbauer lässt wissen, sie sei seinetwegen einst in die CDU eingetreten und dass er "der Sozialpolitik unseres Landes Gesicht und Stimme verliehen hat". Nur der Sozialpolitik? Und NRW-Ministerpräsident Armin Laschet, der bekanntlich gern Kanzler werden möchte, nennt Blüm das "soziale Gewissen der Bonner Republik". Wieso eigentlich nur der Bonner und nicht der Berliner? Immerhin, Volker Bouffier bescheinigt ihm, er habe "große Spuren hinterlassen, die für die Union noch heute prägend sind".

Erstaunlich fällt die Würdigung von Bundesinnenminister Horst Seehofer ausgerechnet in der "Bild" aus: "Politisch und persönlich standen wir uns sehr nahe, gerade weil er mein Lehrmeister war (…) Oft kämpften wir gemeinsam für christlich-soziale Positionen. Das brachte uns den Titel 'Herz-Jesu-Sozialisten' ein." Das ist Geschichtsklitterung, denn der Begriff war für Blüm reserviert und dann auch für Heiner Geißler, der tatsächlich ein enger persönlicher und politischer Weggefährte war und im Alter ein scharfer Kritiker des globalen Kapitalismus; von Seehofer hingegen ist dergleichen nichts publik geworden, er reihte sich einfach selber ein in die noble Riege.

Schwamm drüber, würde der langjährige Bundesarbeitsminister Blüm sagen, darüber lohnt die Aufregung nicht. Über anderes allerdings schon. Denn zeit seines Lebens und erst recht seit 2015 wollte der nimmermüde ehemalige Opelianer – von 1951 bis 1957 - mit dem Abitur auf dem zweiten Bildungsweg weder stumm noch untätig bleiben angesichts der Ungerechtigkeit in der Welt: "Wir, die Bewohner der Wohlstandsinsel Europa, sind die Hehler und Stehler des Reichtums der sogenannten Dritten Welt, denn auf deren Kosten und Knochen haben wir uns bereichert." Dass sich seine Partei dieser Erkenntnis verweigerte, konnte ihn auf die Palme bringen – wie so manches andere Übel, das der Politiker, Schriftsteller und Hobby-Kabarettist mit aller Härte, mit Eloquenz und seinem oft grimmigen Humor bekämpfte. Die Erste Welt, so seine vernichtende Bilanz, zerstöre die Dritte und wundere sich, dass die Zerstörten sich auf den Weg zu den Zerstörern machen.

Seehofer hatte er besonders auf dem Kieker. "Mich schreckt der kaltschnäuzige Ton, den die CSU in der Asyldebatte angeschlagen hat. Dabei waren die Bayern das herzlichste Volk beim Empfangen der Flüchtlinge, die Vorreiter einer neuen Willkommenskultur, auf die ich stolz war", schreibt er einmal. Und ein andermal in einem TV-Interview mit Tränen in den Augen: "Mir bleiben die Bilder der hilfsbereiten Menschen in Erinnerung, welche auf den Bahnsteigen und an der Landesgrenze Bayerns die Gestrandeten in die Arme nahmen. Bayern ist seit dieser Zeit für mich nicht nur das Land der Wies‘n, der Zugspitze und des Hofbräuhauses, sondern das Land barmherziger Gastfreundschaft."

Er mahnte stets vor moralischer Insolvenz

Wie die Stimmung kippte, "von meiner Partei mit zum Kippen gebracht wurde", wie der Satz "Wir schaffen das" nicht nur an den Stammtischen, sondern "auch in Parlamenten verhöhnt wurde", wie Menschlichkeit und Nächstenliebe keine Maßstäbe mehr sein sollten im Umgang "mit armen geschundenen Müttern, Vätern und Kindern", das machte den Arbeitersohn Blüm rasend. Dutzendfach gepostet, getweetet und retweetet wurde in diesen Tagen einer seiner Schlüsselsätze: "Wenn 500 Millionen Europäer keine fünf Millionen oder mehr verzweifelte Flüchtlinge aufnehmen können, dann schließen wir am besten den Laden Europa wegen moralischer Insolvenz."

Das war im Juli 2018. Da hatte er jene Reise in ein griechisches Lager für Geflüchtete schon mehr als zwei Jahr hinter sich, die viel mehr PolitikerInnen aus seiner Parteienfamilie hätten unternehmen müssen. Der polnischen PIS zum Beispiel, die sich besonders lautstark auf das "christliche Erbe" beruft, um es "in einer nichtchristlichen Welt zu verteidigen", oder der Fidesz in Ungarn mit ihren "christlichen Wurzeln". Und nicht zuletzt der Österreichischen Volkspartei, deren Vorsitzender Sebastian Kurz seine "christlichen Grundwerte und Überzeugungen wie einen Kompass in allen Politikbereichen mit Leben erfüllen will" – wie er sagt, ohne rot zu werden. Zugleich lässt er sich jedoch bis heute dafür loben, im Winter 2016 als Außenminister die Balkanroute praktisch im Alleingang geschlossen und damit dem eigenen und etlichen anderen Ländern Europas wahre Fluten mittelloser Migranten erspart zu haben.

40.000 saßen damals dort fest, 12.000 davon im griechischen Grenzdorf Idomeni. Das wollte der damals 80-Jährige Blüm mit eigenen Augen sehen und war fassungslos. Fortan kritisierte er die AnhängerInnen des überharten und auf keinen Fall christlichen Kurses scharf für diesen "Anschlag auf die Menschlichkeit", für die "Kulturschande". Er würde "denen, die da große Töne spucken, mal empfehlen, drei Tage hier zu sein. Dem österreichischen Bundeskanzler, dem slowakischen, der polnischen".

Sätze wie diese brachten ihm viel Sympathie ein, vor allem außerhalb seiner eigenen CDU. Und Häme von rechten KommentatorInnen. Henryk M. Broder beispielsweise tat sich in der "Welt" besonders hervor und meinte aus der warmen Schreibstube beurteilen zu müssen, "Was Blümchen in Idomeni zu sehen bekam". Und sparte nicht mit ganz wichtigen Informationen: "Auf dem Kopf eine 'Batschkapp' oder auch 'Schiebermütze', darunter eine Windjacke, ein Pullover und Jeanshosen, denen der füllige Ex-Minister längst entwachsen ist." Roland Tichy, ein nach weit rechts abgedrifteter früherer Wirtschaftsjournalist, wusste natürlich, dass der ganze Trip Blüm überhaupt nur dazu diente, ein eben fertiggestelltes Buch zu promoten. Und Vera Lengsfeld, früher DDR-Dissidentin, inzwischen irrlichternde Bloggerin, ätzte über den "Abenteuerurlaub eines durchgeknallten Politclowns im griechischen Schlamm (…) Nachdem die Fotos im Kasten waren, kehrte er sogleich in seine Bonner Villa zurück".

Schweigen zur Kritik am Umgang mit Geflüchteten

Davon, dass sich ParteifreundInnen nach solchen Verunglimpfungen an Blüms Seite gestellt hätten, ist übrigens nichts bekannt. Dabei hätten alle wissen können, wie lange sich Blüm schon vor Ort engagiert hatte: In Kurdistan und im Sudan, mit Geißler gemeinsam, oder im Nahen Osten. Die Griechenland-Reise wühlte den Familienmenschen besonders auf. Er tourte durch Talkshows, warb vehement und erfolglos dafür, dass Deutschland auch im Alleingang vor allem Minderjährige aufnimmt. Und er ließ sich bereitwillig vor den Karren der HelferInnen vor Ort spannen. "Die machen was, während ich nur rede", hieß es in einer Online-Solidaritäts-Adresse für den 2015 gegründeten Verein "Seawatch", der spenden- und mitgliederfinanziert Zehntausenden das Leben gerettet hat.

Auffällig, dass keineR der prominenten NachruferInnen aus den Parteien mit dem C sich mit diesem leidenschaftlichen Kämpfer für christliche Nächstenliebe und Solidarität mit den Ärmsten der Armen in den Flüchtlingslagern befasste. Oder damit, wie er unermüdlich die Werbetrommel rührte für die christliche Soziallehre, "um sie endlich wieder aus ihrem Tiefschlaf zu holen". Es war ihm nicht vergönnt. "Das ist sein Vermächtnis", schreibt Schäuble in der "Welt am Sonntag", meinte damit unter anderem "die markante, zu Unrecht oft verspottetete Aussage über die sichere Rente". Und er rühmt Blüms "ganz persönliches politisches Ethos".

Bis zum Staatsakt, der wohl irgendwann in Nach-Corona-Zeiten stattfinden wird, darf nachgearbeitet werden. Apropos Corona: Eine Würdigung der besonderen Art hätte den "linken Konservativen" (so beschrieb Blüm sich selbst), der wusste, dass ihm menschlich-allzumenschliche Selbstverliebtheit nicht gänzlich fremd war, wohl ziemlich gefreut. Seit bald sechs Wochen kennen unsere Nachrichtensendungen nur ein einziges Spitzenthema: die Pandemie. Am 24. April aber machte die 20-Uhr-Tagesschau der ARD eine Ausnahme und rückte den Verstorbenen ganz nach vorn – zurecht.


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