KONTEXT:Wochenzeitung
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Gestrandet in Edirne

Gestrandet in Edirne
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Vor einem Monat war die Situation der Geflüchteten an der griechisch-türkischen Grenze in allen Medien, inzwischen hat Corona das Thema weitgehend verdrängt. Die Probleme dort werden dabei nicht geringer, wie unsere Autorin feststellt, die vor Ort war – und dabei auch erfuhr, wie schwierig es ist, an verlässliche Informationen zu gelangen.

Mitte März 2020. Kaum ist die Sonne hinter ein paar Wolken verschwunden, wird es kalt. Roya zieht sich ihre Decke enger um die Schultern. Darunter trägt die 20-jährige Iranerin nur eine dünne Jacke. "Man kann hier nirgends eine warme Jacke kaufen", erklärt sie, beinahe entschuldigend, und deutet die Straße hinauf. Mit "hier" ist Karaağaç gemeint, ein kleiner Stadtteil des türkischen Grenzorts Edirne.

Karaağaç, zwischen dem Fluss Evros und der griechischen Grenze eingekeilt, ist die einzige Ortschaft, in der sich die Menschen auf der Flucht aufhalten dürfen. Zumindest manchmal dürfen diejenigen, die versucht haben, über die Grenze in die Europäische Union zu gelangen, hier sein. Manchmal, das heißt ein oder zweimal die Woche. Die Regeln sind streng hier, ändern sich aber häufig, begründet werden sie nicht. Offiziell nachfragen ist nicht möglich, wenn man keine Akkreditierung als Journalist hat. Und die bekommt man eigentlich nie, zumindest nicht als Freiberufler.

Während Roya versucht, sich an einem kleinen Pappbecher mit Tee aufzuwärmen, nähert sich ein junger Mann. "Sprechen Sie Deutsch?", fragt er, einmal sehr leise, dann etwas lauter. Er entschuldigt sich dafür, dass sein Deutsch nicht mehr so gut sei. Dann beginnt er zu erzählen. Er heißt Ali, stammt aus Afghanistan. Er sei schon in Deutschland gewesen, habe in München gelebt. Drei Jahre lang, dort habe er erst den Deutschkurs besucht, dann etwas mehr als ein Jahr in einem Restaurant gearbeitet. In der Gastronomie, sagt er, da habe er auch eine Ausbildung machen wollen. "Es war gut in Deutschland", betont er, und: "Mir ging es gut."

Ali will nach Deutschland, Afghanistan sei nicht sicher

Ali deutet in Richtung der Grenze, fragt, ob er etwas fragen dürfe. "Glaubt ihr, dass die irgendwann aufgeht? Darf ich hoffen?" Er versteht, dass Griechenland ein armes Land ist, und dass es niemanden mehr aufnehmen möchte. Er winkt ab. Nach Griechenland möchte er ja gar nicht, nur zur Durchreise. Ob er wieder nach Deutschland gehen will? Er nickt. "Evet", sagt er bekräftigend. Ganz selbstverständlich verwendet er das türkische Wort für Ja. Dann muss er lachen. "Ich habe lange kein Deutsch gesprochen." Eine Weile scheint er nach den passenden Worten zu suchen. "Deutschland ist gut", sagt er dann wieder. Wieso er es verlassen hat? "Mein Vater ist tot", antwortet Ali.

Er beschreibt, umschreibt, erzählt seine Geschichte. Am 3. Juli 2018 starb der Vater des 24-Jährigen. Die Mutter des jungen Mannes und seine Geschwister seien daher auf ihn angewiesen gewesen. "Alle kleiner als ich", erklärt er, unterstreicht die Aussage mit einer zärtlichen Geste, als streiche er über die Köpfe seiner jüngeren Geschwister. Er ist der große Bruder in der Familie und damit nach dem Tod des Vaters der Verantwortliche. Deshalb habe er Deutschland verlassen, um sich um sie zu kümmern – und den Vater zu beerdigen.

Jetzt, eineinhalb Jahre später, würde Ali gern wieder zurückkehren. Afghanistan sei nach wie vor nicht sicher für ihn. "Taliban", sagt er, dieses eine Wort genügt. Auf Googlemaps zeigt er sein Dorf. Mitten in den Bergen sei er aufgewachsen. Das Dorf ist so klein, dass man es in der Satellitenansicht nicht erkennen kann. Er scrollt und sucht, der Nachbarort wird immerhin angezeigt. Eine weitere Frage hat er noch: Ob es in Deutschland einen Rechtsanwalt gibt, der ihm helfen kann, zurückzukommen? Sonst will er es so versuchen wie damals, 2015. Er kennt den Weg über die Balkanroute.

Ausharren unter Planen, auf dem Erdboden

Als es dunkel wird, verabschiedet er sich. Es ist Zeit, zurück ins "Camp" zu gehen. Camp meint das, was sich direkt an der Grenze zu Griechenland im türkischen Pazarkule gebildet hat. Dort harren Tausende Menschen in kleinen Zelten, unter aufgespannten Planen oder gar gänzlich schutzlos auf dem Erdboden aus, warten, dass die Grenze sich öffnet oder zumindest irgendetwas passiert.

20.000 lautet die Zahl, die immer wieder zur Sprache kommt. 20.000 Menschen sollen hier auf dem Stückchen Land des europäischen Teils der Türkei Wind und Wetter und den Launen des Militärs an der Grenze ausgesetzt sein. Doch niemand weiß genau, worauf diese Zahl basiert. Auch sonst brodelt die Gerüchteküche. Mal werfen oder schießen die türkischen Soldaten mit Tränengas, mal die griechischen, dann wieder sind es Gummigeschosse. Wer wann wieso anfängt, ist schwer zu beurteilen. Es kursieren Handyvideos, angebliche Beweise dafür, wer der eigentliche Aggressor sei. Dass die griechische Seite sogar Ventilatoren einsetzt (bzw. eingesetzt hat), damit das Tränengas besonders viele Menschen auf der türkischen Seite trifft, scheint belegt zu sein. Gleichzeitig berichten die meisten nicht-türkischen Medien davon, dass das türkische Militär zumeist anfange mit dem Tränengasbeschuss. Da jedoch direkt an der Grenze streng kontrolliert wird, wer überhaupt in Sichtweite gelangen kann, ist unabhängige Zeugenschaft kaum oder gar nicht vorhanden.

In einem Handyvideo sieht man eine kleine Gruppe Männer, die zu den Camp-Bewohnern zu gehören scheinen, und Steine über den Grenzzaun auf die griechische Seite werfen und Tränengasgranaten, die sie erreichen, per Fußtritt entschärfen. Einheimische, die wir fragen, hören in dem Video den Kommentar eines türkischen Muttersprachlers, der sich wohlwollend gegenüber den Steinewerfern äußert. Der Filmende kommentiert das Geschehen und benutzt dabei den Begriff "meine Flüchtlingsbrüder" für die gezeigten Männer.

Es ist eine kleine Gruppe, keine Handvoll, die Steine wirft, das Ganze wirkt eher kläglich als bedrohlich. Trotzdem hält sich das Narrativ von den Massen illegaler Migranten, die hier gewaltsam die Grenze stürmen wollen. Diese Sichtweise scheinen Aufnahmen der beschriebenen Steinewerfer-Szene, die aus anderen Perspektiven gemacht wurden, zu unterstreichen. Mittlerweile äußert jedoch auch der Bundesnachrichtendienst den Verdacht, dass unter türkischer Beteiligung absichtlich eine Eskalation an der Grenze herbeigeführt werden sollte.

Verunsicherung durch willkürliche Kontrollen

Die ausführlichen Gespräche mit Roya und Ali bleiben Ausnahmen. In den folgenden Tagen werden freiwillige Helfer verstärkt kontrolliert. Diese sind hier sowieso sehr selten, und noch seltener gelangen sie über die Checkpoints, die sich auf sämtlichen Brücken über den Evros befinden, überhaupt nach Karaağaç. Außerdem wird mehrfach erklärt, dass Spenden zu verteilen verboten sei. "Jandarma", eine paramilitärische Einheit, die man mit den italienischen Carabinieri und entfernt der deutschen Bundespolizei vergleichen könnte, kontrolliert, in Zivil und völlig unerwartet überall da, wo Schutzsuchende sich aufhalten.

Die Jandarma-Männer sind gut getarnt: in Pullover und Jeans, einer trägt als Requisite eine Plastiktüte aus dem Supermarkt nebenan mit sich herum. Sie sitzen, stehen, schlendern und wirken wie zufällige Passanten. Es ist deutlich, dass sie Übung im Unerkanntbleiben haben. Bei ihren sporadischen Ausweiskontrollen haben sie keinen eindeutigen Fokus auf eine Personengruppe. Mal kontrollieren sie einen der Asylsuchenden, mal einen der wenigen freiwilligen Helfer, mal einen türkischen Passanten. Ein System lässt sich nicht erkennen, wohl aber eine Absicht vermuten: maximale Verunsicherung. Wer hier Kontakt mit den Menschen auf der Flucht aufnehmen möchte, muss auf der Hut sein.

Dabei scheint es egal zu sein, ob es sich um Journalisten oder freiwillige Helfer handelt, und die Grenzen verlaufen sowieso fließend. Gerade freiwillige Helfer bekommen von den Menschen, die hier an der Grenze ausharren, Videos, Fotos und Augenzeugenberichte zugeschickt, die sie in Europa möglichst vielen Menschen zeigen sollen. Oder ein Journalist – wie auch die Autorin dieses Artikels – engagiert sich ehrenamtlich. Der freie Journalist Niklas Golitschek aus Bremen erläutert seinen Rollenwechsel so: " Ich habe mich mit der Entscheidung, in die Türkei zu fliegen, auch um eine Akkreditierung bemüht. Trotz mehrfacher Anrufe bei den zuständigen Behörden in Istanbul und Ankara, auch als ich bereits vor Ort war, habe ich bis heute keine Entscheidung mitgeteilt bekommen. Da ich seit 2015 europaweit ehrenamtlich mit Menschen auf der Flucht arbeite, habe ich kurzfristig über mein Netzwerk Kontakt zu Helfern vor Ort aufgebaut, um mich nützlich zu machen."

Corona: Instrumentalisierung und reale Gefahr

Die Bedrohung durch das Virus ist durchweg präsent bei dieser Reise; sei es durch die Schutzmaskenträger am Flughafen, die vereinzelten Menschen auf der Flucht, die ebenfalls eine solche tragen, oder die überall präsenten Fernsehbildschirme in Gaststätten, über die Nachrichten zum "Koronavirüs" flackern. Bedrohlich ist das Virus vor allem deshalb, weil es schon früh als Begründung verwendet wird, weshalb man die Flüchtenden nicht über irgendeine Grenze lassen könne. Als wir vor Ort sind, haben sich die meisten Grenzlagerbewohner seit zwei Wochen nicht waschen können. Die Menschen, mit denen wir uns unterhalten, freuen sich besonders über Feucht- und Desinfektionstücher, um sich zumindest behelfsmäßig zu reinigen. Da Spenden kaum direkt ins Lager gelangen, sondern von den Geflüchteten selbst die letzten eineinhalb Kilometer von Karaağaç ins Camp transportiert werden müssen, nehmen die meisten lediglich Trinkwasser mit; zum Duschen ist es zu wertvoll. Als das Wetter wärmer wird, gehen manche in den Fluss, um zu baden. Shampoo und Seife sind ab diesem Zeitpunkt die meistgefragten Sachspenden. Als Sanitäranlagen dienen Dixieklos, viel zu wenige für die vielen Menschen. Fließend Wasser steht im Camp bis heute nicht zur Verfügung. Da es nachts nach wie vor stark abkühlt und zudem teils tagelang regnet, wärmen sich die Menschen an offenem Feuer oder aneinander. Auch in der langen Essensschlange, in der die Menschen stundenlang anstehen müssen, sind Sicherheitsabstände, um eine Ansteckung zu vermeiden, unmöglich.  (lre)

Doch genau das soll offenbar verhindert werden. Dreimal wurde Golitschek von der Jandarma aufgehalten und kontrolliert, zweimal von Beamten in Zivil. Sein Eindruck? "Zum einen war das Ziel klar die Einschüchterung, mit langen Telefonaten und vermeintlich intensiven Checks der Pässe. Einmal wurde uns auch – ungefragt – ein Smartphone direkt vor das Gesicht gehalten, um Einzelfotos von uns aufzunehmen. Gleichzeitig sind uns die Polizisten mit übertrieben freundlicher Höflichkeit begegnet. Da wir von einem Kollegen wussten, der bereits fünf Stunden auf einer Polizeiwache verbracht hatte, schwebte die Gefahr einer Verhaftung immer im Hinterkopf."

Die Jandarma in Zivil kontrolliert auch eine Tankstelle etwa 65 Kilometer von Edirne entfernt, zu der, so heißt es, Flüchtende gebracht werden, die von der griechischen Seite wieder zurückgeschickt wurden. Die Menschen treffen wir an, ein Gespräch jedoch ist unmöglich. Obwohl wir lediglich tanken und uns in dem kleinen Tankstellenshop etwas zu trinken kaufen, keine Kameras herumtragen oder andere auffällige Utensilien, werden wir abgefangen. Uns wird klargemacht, dass es unerwünscht sei, dass wir mit den Menschen, die hier auf ihre Abholung warten, in Kontakt kommen.

Unsere Abreise liegt kurz nach dem coronavirusbedingten Einreiseverbot, das die Türkei am 14. März für Reisende aus Deutschland erlassen hat. Es bleibt das schale Gefühl, dass es eigentlich gut wäre, gerade jetzt als Beobachter vor Ort zu sein.

Nachtrag: Am 30. März wurde das Grenzcamp laut Aussage eines Camp-Bewohners und Medienberichten geräumt, das Militär habe daraufhin alle Zelte verbrannt. Der neue Aufenthaltsort der Geflüchteten ist bislang unklar, ebenso, ob die Räumung bereits vollständig erfolgt ist.


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