"Gesundheit ist Menschenrecht", hat einer an die Wand des Behandlungszimmers der griechischen Armenklinik gesprüht.

Ausgabe 173
Überm Kesselrand

"Bitten Sie Frau Merkel um eine Spende"

Von Hans-Peter Koch
Fotos: Popi Melliou
Datum: 23.07.2014
Die Krise hält Griechenland noch immer im Würgegriff. Wer arm und krank ist, leidet besonders unter der Misere. Aber jeder kann helfen – eine Initiative vom Bodensee unterstützt ein ehrenamtliches Projekt griechischer Mediziner. Eine Reportage aus einer Athener Solidarklinik, in der Ärzte und Apotheker kostenlos bedürftige Patienten behandeln.

Das Graffiti im Behandlungszimmer ist nicht die einzige Besonderheit in dieser Klinik. "Gesundheit ist Menschenrecht", hat jemand über die Behandlungsliege gesprayt – ganz diesem Motto folgen die knapp 50 Ärzte, die in einem altertümlichen Bürohaus in der Athener Innenstadt die "Athener soziale Solidaritätsklinik und Apotheke" managen. Gratisbehandlung, genossenschaftlich organisiert.

Der Frauenarzt Giorgos Aristopoulos hat sein gutes Deutsch in einem Dortmunder Krankenhaus gelernt; seit seiner Pensionierung arbeitet er für "Solidarity4all", die alle 12 Athener Solidarkliniken betreibt. Einen Nachmittag pro Woche behandelt und berät er kostenlos vor allem Schwangere – Patientinnen, die wie drei Millionen anderer GriechInnen aus der staatlichen Krankenkasse ausgeschlossen wurden, weil sie die Beiträge schuldig bleiben mussten und jetzt jede Behandlung, jede Beratung bis hin zur Entbindung vorab und cash bezahlen müssen. Was sie regelmäßig nicht können.

Mieten wie auch andere Verbraucherpreise liegen mindestens auf mitteleuropäischen Niveau, häufig auch darüber, während die Monatslöhne in Griechenland mittlerweile bei durchschnittlich 500 Euro stagnieren, ein Lehrer verdient 800 Euro pro Monat. Ein Liter Milch im Supermarkt kostet 1,60 Euro, Obst genau so viel wie hierzulande, ein Liter Sprit sogar 1,70, das U-Bahn-Billett in Athen 2,10.

30 Sozialkliniken mit kostenloser Behandlung

"Ohne unsere Sozialkliniken", weiß Giorgos Chondros von der Linkspartei Syriza, der uns begleitet, "wären diese Frauen, aber auch viele chronisch Kranke, hilflos." Ein Dutzend solcher Kliniken finanziert Solidarity4all allein in der griechischen Hauptstadt, mehr als doppelt so viele im Norden rund um Thessaloniki, der zweitgrößten Stadt des Landes. 

'Klinik' ist schamlos übertrieben. Gerade mal zwei Büros auf zwei Stockwerken mit insgesamt 140 Quadratmetern sind für 700 Euro pro Monat angemietet – drei Behandlungsräume für Ärzte und Zahnärzte, eine Rezeption, in der sich schon mittags 30 Menschen auf 20 Quadratmetern und bis hinaus ins Treppenhaus drängen, eine gänzlich überfüllte Apotheke: voll gestopft mit Medikamenten und medizinischen Geräten, gespendet aus ganz Europa.

Der Gynäkologe Aristopoulos freut sich über ein Ultraschallgerät, das eine Initiative vom Bodensee gespendet hat. "Nur Sonden zur Schwangerschafts- und Herzuntersuchung fehlen noch. Aber die beschaffen wir mithilfe der deutschen Freunde auch noch." Mittlerweile ist ein zweites Gerät vom Bodensee nach Athen auf dem Weg – Ärzte aus dem Hegau organisieren Anschaffung und Transport, eine Bürgerinitiative sammelt Spenden. 

Besonders Gewerkschaften sind hilfreich. Die Ärzte der Sozialklinik berichten von Betriebsgruppen aus Graz und Innsbruck, die Delegationen von Fachleuten schickten, den Bedarf vor Ort zu analysieren und um dann von zu Hause aus gezielt helfen zu können. "Solche gewerkschaftliche Hilfe würden wir uns auch aus Deutschland oder der Schweiz wünschen."

Patientenzahlen steigen von Jahr zu Jahr

Wie dringlich solche medizinische Hilfe ist, zeigt ein Blick auf die Statistik der kleinen Klinik, die Verwaltungschefin Lena Kugea präsentiert – auch die einstige Kleinunternehmerin, deren Firma pleiteging, arbeitet jetzt ehrenamtlich in der Solidarklinik. Während 2013 genau 3917 Patienten behandelt wurden, sind es bis jetzt in 2014 schon 5092, darunter fast 1200 chronisch Kranke, glücklicherweise aber nur neun Notfälle. Und auch Flüchtlinge, deren Status in Griechenland unsicherer noch als anderswo ist, werden betreut – allein fast 900 AusländerInnen aus 21 Staaten suchten in diesem Jahr schon Hilfe in den zur Klinik umgebauten Büroräumen.

Zu denen zählt auch eine Apotheke, professionell von einer einst im Staatsdienst beschäftigten Pharmakologin betreut. In dem 15 Quadratmeter großen Raum stapeln sich Tuben, Päckchen und Spritzen bis unter die Decke, darunter auch Medikamente wie Antibiotika, die hierzulande ohne Rezept nicht über den Ladentisch gingen, in Griechenland der laxeren Gesetzgebung wegen aber problemlos verteilt werden dürfen. Allesamt Spenden aus ganz Europa, die kostenlos an die Bedürftigen abgegeben werden.

Zahnarzt Petropoulos ist sauer auf Frau Merkel

Der freundliche, weißhaarige Herr betrieb früher eine lukrative Privatklinik für Kieferchirurgie. Heute, immer noch keines linken Gedankenguts verdächtig, betreut er mit 19 Zahnarztkollegen über 2000 Patienten in dem kleinen, aber modern ausgerüsteten Behandlungszimmer. Sokratis Petropoulos hält jedem Besucher eine Sammelbüchse unter die Nase: "Wenn Sie Frau Merkel treffen, bitten Sie sie um eine kleine Spende." Doktor Sokratis, der wahrlich nicht zu den Armen im Land zählt, kann sich jedes Mal ereifern, wenn die Rede auf die Politik von EU und EZB kommt: "Wir Griechen werden versklavt, während die Vermögenden im Land und in Europa ungestraft davonkommen."

Doch Vorbehalte gegen deutsche Besucher sind selten. Auch wenn der Kellner in der Plaka, dem Athener Altstadtviertel am Fuß der Akropolis, von einem deutschen Rentnerpaar berichtet, das die Zeche mit dem Hinweis verweigerte, der deutsche Steuerzahler habe doch schon alles bezahlt – die Griechen können unterscheiden zwischen deutschen Politikern und deutschen Besuchern, die vielleicht auch gerade jetzt der Solidarität wegen nach Griechenland reisen.

 

Die Organisatoren der Bodensee-Hilfe für Griechenland bitten um weitere Spenden auf das Treuhandkonto Peter Mannherz bei der Volksbank Konstanz, IBAN: DE18692910000226191801, BIC: GENODE61RAD.


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6 Kommentare verfügbar

  • Rainer Löhle
    am 26.07.2014
    @Griechenlandbashing
    ""Wir Griechen werden versklavt, während *die Vermögenden im Land* und in Europa ungestraft davonkommen."
    oder
    "Dass die Nea Dimokratia (CDU) und PASOK (SPD) durch und durch korrupt sind - also noch schlimmer als hier - und die Oberschicht (damit sind übrigens "die Vermögenden im Land" gemeint) völlig unberechtigte Steuervorteile genießen, sollte allmählich selbst zu schlichten Gemütern durchgedrungen sein."

    Was mich angeht bin ich völlig bei Ihnen! Im übrigen werden die Menschen hier mittlerweile auch versklavt und ich glaube nicht das die Korruption in den deutschen bürgerlichen Parteien wie CDU/CSU, SPD, Grüne, etc. weniger schlimm ist als in Griechenland! Hierzulande wird Korruption einfach professioneller verkauft (Sachzwänge, Alternativlos, etc.) indem der Lobbyismus ins demokratische Mäntelchen integriert wird und dies der Masse der Bevölkerung über führende Medien wie ein Mantra eingehämmeret wird.
    Tut mir Leid, aber im versklaven, ausbeuten und in Sachen Korruption sind die deutschen Parteien und Politiker als ausführende Lakaien der skrupellosen Lobbywirtschaft einfach um Längen besser!
  • Griechenlandbashing
    am 26.07.2014
    Schwarzschild: was an ""Wir Griechen werden versklavt, während *die Vermögenden im Land* und in Europa ungestraft davonkommen." haben Sie nicht verstanden? Kennen Sie Herrn Petropoulos persönlich, so dass Ihre Unterstellungen fundiert sind und nicht einfach nur dümmliches Dahergebrabbel von bei BILD und Focus angelesenen Stereotypen?

    Dass die Nea Dimokratia (CDU) und PASOK (SPD) durch und durch korrupt sind - also noch schlimmer als hier - und die Oberschicht (damit sind übrigens "die Vermögenden im Land" gemeint) völlig unberechtigte Steuervorteile genießen, sollte allmählich selbst zu schlichten Gemütern durchgedrungen sein. Dass nicht jeder Bürger für die Verbrechen seiner Regierung verantwortlich gemacht werden kann, hoffentlich auch.

    Fakelakia hin und her - es gibt reichlich Griechen, die sich völlig gesetzeskonform verhalten - die geben nur nicht so eine schöne Empörungsfolie für den aufrechten Deutschen ab.
    Darunter sind dann z.B. auch griechische Freiberufler, die pleite gehen, weil *der Staat* seine Rechnungen für bei ihnen in Anspruch genommene Leistungen nicht bezahlt, aber weiterhin vorab die Steuerentrichtung verlangt (dazu gehört u.a. auch "Luxussteuer" für ein separates Büro...), während bei Angestellten Löhne und Pensionen gekürzt und massenhaft Leute entlassen werden, während im Bildungsbereich Menschen "leider" nur unentgeltliche Arbeit angeboten werden kann, mit der Karotte einer in ferner Zukunft liegenden eventuellen Anstellung vor den Augen... und das alles während die angesprochene Oberschicht, etwa die Reeder weiterhin unbelästigt von Steuerforderungen bleiben.

    Was die deutsche Korruptionsbekämpfung angeht, könnte man sich im Land von Strauß, Seehofer, S21, der Clement-Schröder-Müller-Clique, von Flugreisen, Bonusmeilen, 12-jährigen IT-Experten aus der eigenen Familie, von Parteispendenaffären und des innovativen neuen Abgeordnetenbestechungsgesetzes (http://www.zeit.de/2014/27/abgeordnetenbestechung-gesetz)
    auch als selbsternanntes (Möchtegern-)Vorbild vielleicht ein bisschen zurückhalten.

    Oder sich bilden; idealerweise direkt vor Ort.

    Es ist eine Schande, wie hier mal wieder ein Volk unter Generalverdacht gestellt wird.
  • Schwarzschild
    am 24.07.2014
    Ah, ja!
    Wenn sich jemand bis über beide Ohren verschuldet, wie der griechische Staat, dann sind die Gläubiger daran schuld. Interessante Logik.
    Und Herr Petropoulos gehört offenbar zu jenen, die vor allem den alten Annehmlichkeiten des dortigen Gesundheitssystems - Stichwort: Fakelaki - hinterhertrauern. Wenigstens ein klein bißchen Einsichtsfähigkeit in eigenes Versagen wäre da doch schon angebracht.
  • FernDerHeimat
    am 23.07.2014
    Jaja, Peter, schlichte Gemüter und schlichte Lösungen.

    Es wäre ja schon mal ein Anfang, die Banken bei uns, die der griechischen Politik zum Geld Verdummen so willig ihre "Unterstützung" angedient hatten - und jetzt auch noch zumeist Gläubiger Griechenlands sind - zur Verantwortung zu ziehen.

    Aber bei dem Thema schweigt sich der "schwarze Block" im Parlament ja immer besonders gründlich aus.
  • Peter Leidinger
    am 23.07.2014
    Griechenland muss sich jetzt aus eigener Kraft helfen!

    Der deutsche Steuerzahler hat schon Unsummen in dieses de facto Staatsbankrotte Land gesteckt ...

    Schafft Griechenland dies nicht, bestehen eigentlich nur zwei Alternativen:

    - 1.): Freiwilliger Austritt aus der EU

    ODER

    - 2.): Ausschluss aus der EU (!).

    Deutschland sollte sich zusammen mit Frankreich auf ein "Kern-Europa" konzentrieren ...
  • FernDerHeimat
    am 23.07.2014
    Die infame Hetze gegen die Griechen in "unseren" Medien sollte noch in bester Erinnerung sein. Die unmittelbaren Konsequenzen hingegen, die kommen nur in Nebensätzen zur Sprache.

    Und Frau Merkel ist die Gallionsfigur für diese Politik.

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