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Kind des Genozids

Kind des Genozids
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Drei Jahre war Betty Ndayisaba alt, als 1994 der Genozid in Ruanda ausbrach. Der Tag für ihre Ermordung stand bereits fest. Sie kam davon, verlor ihre Eltern, ihren Bruder und die Annehmlichkeiten eines gehobenen Mittelschichtlebens. Heute ist Ndayisaba Anfang zwanzig. Was macht eine solche Geschichte mit einer jungen Frau?

Betty Ndayisaba umklammert eine Wasserflasche. "Nicht an die kleinste Geste meiner Eltern erinnere ich mich. Nichts!" Die Dreiundzwanzigjährige mit dem eckigen schwarzen Brillengestell blickt starr auf die verschlossene Flasche. Sie dreht sie auf den Kopf, drückt einmal fest zu und platziert sie wieder hinter dem Verkaufstresen. Luftblasen wirbeln nach oben. Als Ndayisaba sie sieht, bricht sie in ein heiteres Glucksen aus. "Ich habe so viele Zukunftspläne im Kopf. Für die meisten brauche ich mehr Geld. Aber das mit dem Laden, das ging sofort." Die zierliche junge Frau mit den langen geflochtenen Haaren gehört seit einigen Wochen zu den wenigen Händlerinnen Kigalis, die Ersatzteile für europäische Automarken anbieten.

Ihr heller Verkaufstresen duftet nach frisch geschlagenem Holz. Dahinter glänzen in einem weißen Regal Vorderlichter, Bremsklötze und Ladegeräte für Batterien. Als sich Ndayisaba nach vorne bückt, um drei Radlager in ein Fach zu stapeln, tanzt an ihrer Halskette ein Blumenanhänger schwungvoll im Kreis. Blumen sind auch auf ihrer Bluse. Weiß, rosa und blau. Dazu eine leuchtend orange Jeans. Ihr Bruder hat Tage, an denen er das Haus nicht verlässt. Sitzt nur zu Hhause und starrt in die Luft. Bei ihr kommt das nie vor. "Meine Verwandten erzählen: Wenn alles um mich herum im Chaos versank, saß ich, die Kleine, immer noch da und war zufrieden." 

Dass Verwandte oder Nachbarn ihr über ihre Kindheit berichten, gehört zu Ndayisabas Leben wie die Zukunftsideen in ihrem Kopf. Die Nachbarn haben ihr zugeflüstert, dass sie ihrem Vater ähnlich sieht. Haben ihr erzählt, dass ihr Vater einen guten Posten bei den Vereinten Nationen hatte und ihre Familie keine Geldsorgen kannte. Auch das Foto der Eltern haben die Verwandten für sie aufgetrieben. Aber egal wie oft sie es sich anschaut: Die Erinnerung an die beiden Unbekannten kommt nicht zurück.

Vergessen hat die Dreiundzwanzigjärige ihre ersten Lebensjahre nicht. Doch die Bilder der Vergangenheit sind wie Wolkenfetzen. Tauchen mal hier und mal dort am Horizont auf. Festhalten kann Ndayisaba sie nicht.

Drei Jahre alt ist das Mädchen mit dem Wasserkanister. Wenn es mit den Fingern gegen den leeren Plastikbehälter stößt, klappert es ein wenig. Zusammen mit ihren zwei älteren Brüdern stapft Betty bergauf in das Stadtviertel Nyamirambo. Die Ananas-Verkäuferinnen am Straßenrand sind verschwunden. Auf der Stirn der Passanten zeichnen sich scharfe Falten ab. "Stopp", schreien die Leute an der Straßensperre den Kindern zu. "Ihr seht ja aus wie der Tutsi-Führer Kagame. Was spaziert ihr hier durch die Gegend?" Groß und dünn sind die Tutsi, sagt man in Ruanda, feine Gesichtszüge, schmales Gesicht. So sehen Betty und ihre Brüder aus. Seit im Land ein Genozid tobt, entscheiden das Aussehen und die Angabe einer Ethnie im Pass über Leben oder Tod eines Menschen.

Ein junger Priester schaut kurz zu Boden, schluckt und stellt sich dann zu den Kindern. "Halt! Es sind doch nur Kinder. Lasst sie am Leben!" Es ist das zweite Mal innerhalb von vierundzwanzig Stunden, dass Betty und ihre Brüder mit dem Leben davonkommen. Die Leichen der Eltern und des ältesten Bruders sind erst seit wenigen Stunden kalt. Jetzt sollen die Kinder an die Reihe kommen, doch die Männer der Hutu-Miliz Interahamwe suchen sie vergeblich.

Wie Vater und Tochter

In seinem Haus in Nyamirambo richtet der katholische Priester für die Geschwister einen Schlafplatz her. Er füttert die kleine Betty und wäscht den rötlich-braunen Staub von dem erschöpften Kinderkörper. Todesschreie durchziehen die unruhige Nacht. Der junge Geistliche wiegt das Kind so lange in seinen Armen, bis es einschläft. 

"Er ist mein Papa", sagt Ndayisaba und ihre sonst leise Stimme klingt so kraftvoll, als ob ihre Lunge für diese Aussage die dreifache Menge an Luft aufgenommen hätte. Auch zwanzig Jahre nach dem Genozid wissen die beiden immer, was im Leben des anderen gerade passiert. Ist er in Kigali, schlendern sie durch die Stadt und bewundern die glanzvollen Geschäfte und Hotels, die aus den Großbaustellen in den Himmel wachsen. Wo einst die gefürchteten Straßensperren waren, lässt sich nur noch erahnen. Im Jahr 2014 müssen die Passanten nur die Grünstreifen neben den sorgfältig angelegten Bürgersteigen meiden. Wer sie betritt, wird scharf zurechtgewiesen.

Den Bauboom in der Innenstadt nimmt Ndayisabas Retter inzwischen aus der Besucherperspektive wahr. Nachdem er während des Genozids miterlebt hat, wie Geistliche ihr Foltern und Morden mit dem Willen Gottes begründeten, legte er das Priesteramt nieder und zog ins Ausland. "Das ist meine Tochter", antwortet er Gaffern, die sich wundern, dass ein Mann von Mitte vierzig mit einer unverheirateten jungen Frau durch die Stadt zieht. 

Heute pfeifen die beiden auf die Meinung ihrer Mitmenschen. Im Jahr 1994 ist sie alles, was zählt. Erfahren die Nachbarn, dass ein Hutu einen Tutsi bei sich versteckt, ermorden sie nicht selten beide. Auch dem jungen Geistlichen kommen sie auf die Schliche. "Diese Kinder gehören doch nicht zu deiner Familie. Du versteckst hier Schlangenbrut!" Der Priester schließt zitternd die Tür und atmet tief durch. Dann setzt er Betty und einen ihrer Brüder – der andere ist verloren gegangen – in einer Kirche ab und flieht. Eingepfercht in einer roten Backsteinkirche überstehen die Kinder die letzten Wochen des Genozids. Als er im Juli 1994 vorbei ist, bleiben sie einfach im Trümmerfeld vor dem Gotteshaus sitzen. Wohin sollen sie auch gehen? "Wir hatten ja niemanden und nichts mehr in unserem Leben."

Ndayisaba richtet sich von ihrem hellen Holzstuhl auf und blickt durch die Ladentür nach draußen. Mit einem dumpfen Geräusch holpern Autos über das Kopfsteinpflaster der abschüssigen Straße. Vorbei an Farbläden, Kopiergeschäften und mittelklassigen Hotels. Vor einer Bar sitzen Männer auf roten Plastikstühlen und trinken Bier. Ihr raues Lachen vermischt sich mit dem Hupen der weinroten Motorradtaxis. Muhima ist ein Geschäftsviertel für Händler, die im Stadtzentrum arbeiten wollen, deren Kassen sich für die Mieten der teuersten Standorte aber erst noch füllen müssen.

Als ein Bekannter ihr in einer flachen Ladenzeile einen Verkaufsraum anbietet, spürt Betty Ndayisaba, dass ihre Händlerkarriere genau hier beginnen muss. "Direkt nach dem Genozid haben wir ganz in der Nähe gewohnt". Ndayisaba öffnet ihre Augen so weit es geht und deutet lächelnd mit dem Arm in die Richtung des Hauses.

Die Häuser sind leer, ihre Eigentümer sind tot oder geflüchtet

Im Jahr 1994 stehen viele Gebäude leer. Ihre Eigentümer sind entweder tot oder geflüchtet. Ein älteres Mädchen nimmt die Geschwiste an die Hand und führt sie vom Kirchplatz in eines der unbewohnten Wohnzimmer. Für Betty und ihren Bruder ist es der Start in ein neues Leben. Das Stillhalten in dunklen Räumen ist überstanden. Auch sie haben wieder ein Recht auf Tageslicht. Bettys Beine laufen und laufen und laufen. Ganze Tage lang streift die fast Vierjährige mit anderen elternlosen Kindern durch die verwüstete Stadt. Nach einem Regenschauer hopst sie barfuß durch den Matsch, an trockenen Tagen kickt sie Staubwolken in Richtung Himmel. "Ich habe einfach nur gespielt und war zufrieden. Von all den Problemen habe ich nichts mitbekommen."

Zu den Problemen gehört, dass sich für Betty immer wieder das Umfeld ändert. Als entfernte Verwandte auf die Geschwister aufmerksam werden, findet das Leben mit dem älteren Mädchen ein abruptes Ende. Betty und ihr Bruder werden bei einer Tante untergebracht, die zwanzig Kinder in ihrem kleinen Haus aufgenommen hat, aber zu traumatisiert ist, um sich auch nur um eines von ihnen zu kümmern. Nach ein paar Jahren zieht sie ohne Erwachsene mit ihren wiedergefundenen Geschwistern zusammen. Dann kommt sie in ein Internat.

Was Betty Halt gibt, ist die Schule. Sie steckt so viel Arbeit in die Prüfungsvorbereitungen, dass sie mehrere Schuljahre überspringen kann. "Ich war der Star der Klasse. Da ich noch so klein war, wollten sich alle um mich kümmern. " Ndayisaba, die sich auch als junge Frau die geringe Körpergröße beibehalten hat, kichert und schaut zu Boden.

Heute dürfte sie eine der jüngsten Frauen Ruandas sein, die einen Laden für Autoersatzteile betreibt. Hinter ihrer Ladentheke stehen ein Tisch und zwei Stühle aus frischem, hellem Holz. Wenn keine Kunden da sind, sitzt Ndayisaba auf einem der Stühle und beobachtet, was vor ihrem Laden passiert. Manchmal gehen die Mörder ihrer Familie vorbei. "Der Sohn des Mannes, der meinen Cousin umgebracht hat, arbeitet gleich da drüben." Ihre leise Stimme wird noch leiser, und sie zeigt mit dem rechten Arm in Richtung der ansteigenden Straße. Noch vor ein paar Jahren wäre sie nie auf die Idee gekommen, auch nur einen Satz mit ihm zu wechseln. Der Wunsch, sich an ihm zu rächen, war zu stark. Doch inzwischen hält sie vor dem Laden immer mal wieder einen kleinen Plausch mit ihm. "Ich habe wirklich vergeben", beteuert Ndayisaba und fährt mit einem Kugelschreiber über das blaue Buchhaltungsheft, das vor ihr liegt. "Rachegedanken bringen nichts. Die Intelligenten in unserem Land haben das hinter sich gelassen und arbeiten nun gemeinsam an einer besseren Zukunft."

Mit dem Heiraten hat sie es nicht eilig, obwohl sie mit dreiundzwanzig in einem Alter ist, in dem ruandische Frauen sich langsam Sorgen machen, als alte Jungfer zu enden. "Ich bin sehr unabhängig." Sie lächelt und wirft den Kopf nach hinten. "Viele ruandische Männer wollen ihren Frauen sagen, was sie zu tun oder zu lassen haben. Ich warte auf einen Mann, der moderner ist. " Sie holt ein Buch unter ihrer Theke hervor und legt es auf ihre Knie. Gerade lernt sie für den Theorieteil der Fahrprüfung. In ein paar Jahren möchte sie nicht mehr nur Ersatzteile, sondern auch komplette Autos verkaufen. Dass sie dann auch selbst ein teures Auto fahren wird, ist für sie klar. 

"Ich bin mir sicher, dass meine Zukunft schön wird." Ndayisaba rutscht auf ihrem Stuhl ein Stück nach vorne und nickt heftig. Sie hat nur drei Jahre mit ihrer Mutter verbracht. Die bewusste Erinnerung an sie ist ihr vor langer Zeit entwischt. Doch geblieben ist das sichere Gefühl, dass ihre Mutter ein gutes Herz hatte. "Ich weiß das einfach", erklärt Betty Ndayisaba mit festem Blick. "Mein größter Wunsch ist es, so zu sein wie sie. An jedem einzelnen Tag meines Lebens treibt mich dieser eine Gedanke an."

 

Johanna Wild arbeitete als Journalisten bei Arte, der "Münchner Abendzeitung" und bei einem Radiosender in Benin. Seit Ende 2011 lebt sie in Kigali und berät und trainiert junge Journalisten aus Ruanda, Burundi und der Demokratischen Republik Kongo. Sie unterstützt sie dabei, ihre journalistischen Beiträge nicht von den Spannungen und Vorurteilen bestimmen zu lassen.


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2 Kommentare verfügbar

  • Tillupp
    am 17.04.2014
    Antworten
    Hier ist der "Blick über den Kesselrand" vielleicht etwas zu weit gefasst für eine Zeitung mit Regionalbezug. Mehr interessiert hätte mich mehr von der Journalistin Johanna Wild zu erfahren, von Ihrer Arbeit in Kigali und wie sie junge Journalisten aus Ruanda, Burundi und der Demokratischen Republik…
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