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Der König von Ulm

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Seine 22-jährige Amtszeit ist eine Erfolgsgeschichte. Volksnah, pragmatisch und politisch gewieft weiß er zielgerichtete Allianzen zu schmieden und genießt nicht nur als ehemaliger Präsident des Deutschen Städtetags landesweiten, parteiübergreifenden Respekt. Der Ulmer Oberbürgermeister Ivo Gönner (SPD) gilt als Archetyp eines Stadtoberhaupts und hätte gute Chancen, in der Landes- und Bundespolitik Karriere zu machen – wenn er es denn wollte.

Wenn das Schloss Bellevue Flagge zeigt, ist der Hausherr anwesend, was die Berliner Schnauze gern so formuliert: "Hängt der Lappen oben, sind die Lumpen unten." Derartige Symbolik braucht der Ulmer Oberbürgermeister Ivo Gönner nicht. Seine Gegenwart im Rathaus verkünden leichte Rauchschwaden, die durchs historische Gebäude aus dem 14. Jahrhundert ziehen. Nur Altkanzler Helmut Schmidt raucht mehr und unverfrorener überall als sein Ulmer Genosse. Täte er es ihm gleich, würde man ihm verzeihen.

Denn Ivo Gönner wird nahezu alles verziehen. Er ist der Archetyp eines Bürgermeisters und eines schwäbischen sowieso. Nach seinem etwas spröden Vorgänger Ernst Ludwig hat Ulm mit ihm wieder einen Oberbürgermeister zum Anfassen, der bisweilen so filterlos redet, wie seine Zigaretten sind. Wenn er über die Plätze und durch die Gassen der Innenstadt geht, was er oft und gern tut, findet er an jeder Ecke einen Gesprächspartner. Dabei weiß der 62-Jährige, wie er mit den Menschen umzugehen hat, was von ihm erwartet wird. Er hört zu, gibt jedem das Gefühl, ernst genommen zu werden, ist jovial, humorvoll und kann jedes Gespräch, sollte es ihm zu lang dauern, charmant abwürgen.

Dass seine Amtszeit eine Erfolgsgeschichte werden sollte, war noch nicht abzusehen, als er als erster Sozialdemokrat 1992 überraschend den Chefsessel im Rathaus eroberte. Zumal die Mehrheitsverhältnisse im Stadtparlament keine großen Sprünge erwarten ließen. Was sich bis heute nicht geändert hat: Von den 40 Abgeordneten gehören gerade mal acht der SPD an. Indessen hat der gelernte Jurist schon frühzeitig erkannt, dass es "in der Kommunalpolitik darum geht, gemeinsame Lösungen zu finden", und nicht um Parteiräson. Was Gönner als Überzeugungsarbeit und Kompromissfähigkeit jenseits der Parteigrenzen bezeichnet, werten Kritiker seiner Projekte als Machtgehabe eines Verwaltungschefs, der seinen Gemeinderat "im Griff" und die Bediensteten an der Kandare habe. 

Am ehemaligen Zögling des Jesuiteninternats St. Blasien gleitet das in schwäbischer Gelassenheit ebenso ab wie die Versuche pietistischer und bürgerbewegter Bedenkenträger, kommunale Projekte zu torpedieren. Zumindest trägt er seinen Ärger nicht zur Schau – nur wer ihn genau kennt, weiß, was hinter der hohen Stirn vorgeht, wie es ihn nervt, wenn hinter allem und jedem Mauscheleien vermutet werden. Insgeheim nagt es an dem barocken Gemütsmenschen, wenn an seiner Integrität gezweifelt wird. Dann "erdet" ihn eine Journalistin: seine Frau Susanne, mit der er zwei Kinder hat. Möglicherweise gelingt es auch nicht mehr, nach über zwei Jahrzehnten Herrschaftswissen die Wege einer pragmatischen Stadtentwicklung plausibel und transparent rüberzubringen.

Was er allerdings zu tun hat. Zumindest sind die Ulmer Oberbürgermeister seit dem 14. Jahrhundert zur Transparenz und zum Rechenschaftsbericht gegenüber der Bürgerschaft verpflichtet. Gemäß dem "Großen Schwörbrief", der ersten Stadtverfassung aus dem Jahr 1397, hat das jeweilige Stadtoberhaupt immer am "Schwörmontag" Auskunft über das Geschehene und das Kommende zu geben, verbunden mit dem Schwur, "Reichen und Armen ein gemeiner Mann zu sein". Was de facto mehr ist als pure Tradition und Folklore. Wenn die Schwörglocke läutet, nimmt man Ivo Gönner, der langatmige Reden als "Martyrium" empfindet, beim Wort – gerade auch, was angedeutete künftige Entwicklungen betrifft.

Darunter Herausforderungen besonderer Art, zumal sich Ulm im Gegensatz zu vielen anderen Städten aufgrund der Grenzlage und des Einzugsgebiets in einer speziellen Situation befindet. Die 180 000-Einwohner-Doppelstadt mit Neu-Ulm auf der bayerischen Seite der Donau bildet das Oberzentrum für knapp zwei Millionen Menschen, die im Großraum leben. Das dies unmittelbar in die Stadtpolitik hineinspielt, hat Ivo Gönner schon zum Amtsantritt zu spüren bekommen, als Ulm bereits durch das Stadtqualitätsprogramm finanziell angeschlagen in den Müllnotstand geriet, weil Frankreich nicht mehr bereit war, Ulmer Abfall zu entsorgen. Dies zu lösen bezeichnet Gönner heute noch als "größte Herausforderung" seiner Amtszeit, zumal der Ulmer Bushersteller Kässbohrer in die Krise geraten war.

Trotz des strikten Sparkurses standen im Rathaus städtische Investitionen auf dem Plan. Angesichts des Wohnraummangels, überbordenden Mietpreisen und um Spekulationen zu verhindern, fordert Gönner die Städte nach wie vor dazu auf, "rigoros an einer aktiven Grundstückspolitik festzuhalten". Was sich in Ulm städtebaulich niedergeschlagen und auch überregional Anerkennung gefunden hat – von der Glaspyramide der Stadtbibliothek bis zur "Neuen Mitte" im Spannungsfeld zwischen Tradition und Moderne. Programmatisch legt Ivo Gönner den Schwerpunkt nach wie vor auf Forschung und Bildung. Mit dem Ziel, über die "Bildungsoffensive", die Stärkung der Wissenschaftsstadt und der Technologieförderung, die Stadt wettbewerbsfähig zu halten.

Mit seiner positiven Haltung zu Stuttgart 21 hat sich Gönner indessen bei den Gegnern wenig beliebt gemacht. Wobei er bemüht ist, glaubhaft zu versichern, dass auch die Landehauptstadt vor allem von der Schnellbahntrasse profitieren werde: "Wer einmal mit dem Zug von Mannheim nach Stuttgart gefahren ist, weiß, welchen Vorteil so eine Strecke hat." Wohin seine berufliche Reise mit dem Ende seiner Amtszeit in zwei Jahren geht, steht noch in den Sternen. Er wisse es selbst noch nicht, sagt er. Zumindest sagt er nicht, was er schon weiß. Bislang hat er allen Avancen, in die Landes- oder Bundespolitik einzusteigen, widerstehen können, von denen es nicht wenig gegeben hat. Selbst andere Parteien als die SPD sollen ihn bereits umworben haben.

Momentan gilt aber noch sein Bekenntnis zum Amt des Ulmer Oberbürgermeisters, das für ihn "das schönste der Welt" sei und er sich dafür nicht einmal zum Papst wählen lassen würde. "Amtsmüdigkeit ist nicht gegeben", verriet der passionierte Tennisspieler und Freund eines guten Glases Rotwein. "Es ist noch nichts ausgereift, ich werde mich im nächsten Frühjahr dazu äußern." Zumindest so lange hält er es mit Hellmut Hattler, dem Bassisten der legendären Ulmer Jazzrock-Band Kraan, der beharrlich in der Stadt wohnen bleibt und den Umzug in eine Weltmetropole verweigert, weil er "lieber der König von Ulm als der Depp von New York" sein will.


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1 Kommentar verfügbar

  • Klaus Neumann
    am 16.04.2014
    Antworten
    "Selbst andere Parteien als die SPD sollen ihn bereits umworben haben. " Bei Herrn Gönner kommen nur die F(ast) D(rei) P(rozent) Partei und die, die das Hergöttle von Biberach angehört infrage. Dort im tiefen Süden, dem Texas Baden-Württembergs hiess und heisst es bis heute am Ende der Predigt…
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