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Amphibienschau bei Ammerbuch

Oh, ein Laubfrosch!

Amphibienschau bei Ammerbuch: Oh, ein Laubfrosch!
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 Fotos: Jens Volle 

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Datum:

Automarken sind heute bekannter als Amphibienarten, klagt Winfried Kretschmann. Der Ministerpräsident und Biologe hat Jugendliche bei einer Expedition in die Welt der Molche und Kröten begleitet – und bei der Gelegenheit verraten, warum er Merkel lieber mag als Scholz.

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Da steht der Ministerpräsident mit Gummistiefeln im Schlamm und freut sich wie ein kleiner Bub auf die Bescherung an Heilig Abend. "So etwas habe ich schon viel zu lange nicht mehr gemacht", erklärt er den Kindern und Jugendlichen auf der naturgeschützten Großseggenwiese in Ammerbuch und wirkt dabei so beseelt und zufrieden, wie er in krisengebeutelten Kriegs- und Corona-Zeiten nur selten auf der Regierungsbank zu sehen ist. "Die Menschen heute kennen meist mehr Automarken als Amphibienarten", sagt Kretschmann unter Gelächter. Er erinnert sich noch an die Teiche seiner Kindheit, da habe es vor lauter Molchen und Fröschen nur so gewimmelt.

Doch wie bei den Bienen und Vögeln ist auch der Amphibienbestand radikal zurückgegangen. 19 Arten gibt es noch in Baden-Württemberg, nur drei von ihnen gelten nicht als gefährdet. Ein paar Exemplare hofft die Initiative Artenkenntnis an diesem Samstag aufzustöbern. Denn: "Zu sagen, Biodiversität ist wichtig, aber keiner kennt sie, macht keinen Sinn", sagt Gerhard Bronner. Er sitzt dem baden-württembergischen Naturschutzverband vor und berichtet, wie über die vergangenen Jahrzehnte eine verhängnisvolle Marktlücke entstanden ist: "In Heidelberg etwa können sie noch heute Biologie studieren, ohne einem lebendigem Tier zu begegnen." Mit der Artenkenntnis sei doch kein Geld zu verdienen, habe es lange geheißen, also wurden Ausbildungskapazitäten abgebaut. Und heute stünden Behörden häufig vor Problemen, überhaupt noch qualifizierte Biologinnen und Biologen zu finden, wenn ein Bauprojekt angedacht ist und per Gutachten erfasst werden soll, was auf den betroffenen Flächen eigentlich alles lebt.

Hier soll das Projekt Youth in Nature, deren Schirmherr Kretschmann ist, gegensteuern. Landesweit sind daran 100 Schülerinnen und Schülern beteiligt, aufgeteilt in fünf Gruppen. Judith Engelke, zuständig für die Sektion Tübingen, erinnert sich an ihre Studienzeit: "Da wurde mir oft geraten, mich anderweitig umzuschauen, wenn ich nicht als Taxifahrerin verenden will." Heute organisiert sie unter anderem ganztägige Exkursionen für Kinder und Jugendliche, die ihnen die vielfältigen Welten von Schnecken, Pilzen, Farnen, Vögeln, Fischen oder Insekten nahebringen sollen, damit es auch in Zukunft Menschen gibt, die eine Assel von einer Wanze unterscheiden können.

Vergangenen Samstag standen Amphibien auf der Tagesordnung. Doch das erste Netz ist eine Niete: Keine Molche, Kröten oder Frösche zieht Experte Thomas Bamann aus dem Tümpel – sondern eine Plastikflasche, oh Schreck. Ein paar Jugendliche verziehen das Gesicht, andere schlagen die Hände über dem Kopf zusammen. Auch Kretschmann ist sichtlich irritiert. Doch handelt es sich ausnahmsweise nicht um Umweltverschmutzung, sondern eine gezielte Platzierung mit Sinn. "Es braucht einen Schwimmer", erläutert Bamann, "damit die Reusen nicht untergehen und die Amphibien darin ertrinken." Die Luft in den Flaschen verhindert, dass die Fangnetze unter die Oberfläche sinken.

Kröten lecken mit Kretschmann

Viele Reusen sind leer geblieben. Doch dann – Jackpot! Ein richtiger Klumpen von Kröten hat sich um ein bedrängtes Weibchen gebildet. "In der Paarungszeit klammern sich die Männchen reflexartig an so ziemlich alles, was sich bewegt", sagt Bamann und demonstriert, wie zum Beispiel Zeige- und Mittelfinger zum Objekt der Begierde werden kann. Der blinde Drang des Sexualtriebs kann nicht nur Menschen ins Verderben stürzen: "Bei Kröten kommt es schon mal vor, dass sich so viele Männchen an ein Weibchen klammern, dass es unter Wasser gedrückt wird und ertrinkt."

Das Anschauungsexemplar hatte mit nur sechs Verehrern Glück. Es handelt sich um Erdkröten – die häufigste Krötenart in Baden-Württemberg –, erkennbar an der charakteristischen braunen Färbung und den "traumhaften Augen", wie Bamann erklärt. "Jede Krötenart hat eine spezielle Augenfarbe, darüber kann man sie identifzieren."

In einer weiteren Reuse ist noch ein anderer Lurch. Ob Ehrengast Kretschmann ihn als Kammmolch identifizieren könnte? "Ja, selbstverständlich", sagt er fast ein bisschen beleidigt und für einen Augenblick deutet sich auf seiner Stirn sogar eine kleine Zornesfalte an. Die weniger gut Informierten lernen, dass der Molch anhand seines gelb-schwarzen Bauchs leicht zu erkennen ist und natürlich am namensgebenden Kamm, den er nur unter Wasser ausklappt.

Nebenbei erzählt der MP die ein oder andere Anekdote. Etwa wie er einmal, in seiner Zeit als Bio-Lehrer, eine Kröte mit in den Unterricht gebracht hat und fragte, ob jemand daran lecken wolle. "Ein Mutiger findet sich immer, und eine Minute später ist ihm der Puls hochgegangen." Immerhin ist das Sekret auf der Krötenhaut giftig und kann bei Menschen Reizungen und Krämpfe hervorrufen, was ihm damals gar nicht so bewusst gewesen sei. "Heute würde man für so eine Aktion wahrscheinlich sofort aus dem Schuldienst entlassen werden."

Merkel habe wenigstens verhandelt

Eine extrovertierte 14-Jährige nutzt die Gelegenheit, den Obergrünen mit Fragen zu löchern und ihm ein paar Ratschläge zu erteilen. Wasserkraft und Fischtreppen lautet ihre Empfehlung für die Energiewende in Baden-Württemberg – dann müssten sich Vögel wie der Rotmilan auch weniger Sorgen um Windräder machen. "Aber Wasserkraft erzeugt viel zu wenig Energie, um damit ganz Baden-Württemberg zu versorgen", beharrt Kretschmann und klopft ihr auf die Schulter. Dann rechnet er vor. "290 Millionen Vögel werden in Deutschland getötet, jedes Jahr. 120 Millionen durch Fenster und Glasscheiben. 100 Millionen durch Katzen. […] Und Einhunderttausend durch Windräder. Das ist also nicht das Problem. Und bei Arten wie dem Schwarzstorch passen wir besonders auf. Wo der ist, werden gar keine Windräder gebaut."

So recht überzeugt ist sie trotzdem nicht. "Mit wem haben Sie eigentlich lieber verhandelt, Merkel oder Scholz?", fragt sie etwas später. Klare Sache: "Mit der Frau Merkel. Die war zwar eine harte Verhandlerin. Aber sie hat wenigstens verhandelt." – "Und der Scholz? Der weiß doch schon immer alles." Da muss der Ministerpräsident lachen: "Ja! Das hast du richtig erkannt."

Es ist ein Alter, in dem einen noch die verschiedensten Dinge umtreiben. Während die 20 wissbegierigen Jugendlichen aus dem Tübinger Umfeld bei einem eisigen Wind in der Pampa stehen, berichtet ein Junge grinsend von einem Klassenkameraden: "Was der immer für Geschichten erzählt. Neulich hat er behauptet, dass das FBI ein Kopfgeld von einer Milliarden Dollar auf ihn ausgesetzt hätte."

Dann kommt es zu einer kleinen Sensation. Ein paar Schülerinnen haben am Rande eines kleinen Sees ein Amphib per Hand gefangen. "Oh, ein Laubfrosch!", freut sich Experte Bamann, "Der ist selten. Schaut euch mal die Finger an, die Haftballen. Das ist der einzige Frosch hier in der Gegend, der klettern kann." Drei Mal versucht der Kleine, mit waghalsigen Sprüngen zu entkommen. Doch so leicht lassen sie ihn nicht gehen. "Jetzt haben wir tatsächlich noch einen Laubfrosch gesehen. Seit Jahrzehnten habe ich keinen Laubfrosch mehr gesehen", sagt Kretschmann entzückt in Richtung seiner beiden Personenschützer, die an diesem Samstag wenig zu tun hatten und auf die die Begeisterung nicht so recht überspringen will.

Ein intaktes Biotop hat ökonomisch keinen Wert

Dass die Sensibilisierung für den Naturschutz und die Vermittlung der Artenkenntnis eine Menge Geld kosten würde, stellt Kretschmann fest. Aber dass er den Eindruck habe, es sei hier gut angelegt. Die Finanzierung in Höhe von 150.000 Euro von Youth in Nature ist zunächst auf zwei Jahre befristet. "Es braucht immer Pioniere ...", setzt der Ministerpräsident zum Schlusswort an – und wird unterbrochen. "Aber, Entschuldigung, wenn ich ihnen ins Wort falle, aber Pioniere braucht es doch auch in der Automobilindustrie", wirft die 14-Jährige ein. Kretschmann blinzelt ein paar Mal verdaddert. "Jedenfalls braucht es immer Pioniere", schließt er dann etwas aus dem Konzept geraten.

Doch anders als beim Daimler entstehen im intakten Biotop keine Waren, die sich verkaufen lassen. Es kann auch nicht bebaut werden ohne kaputtzugehen, es eignet sich nicht einmal für eine landwirtschaftliche Nutzung. Mit anderen Worten: Die Refugien für Amphibien & Co. haben keinerlei Möglichkeit, Einnahmen zu generieren oder Wert im ökonomischen Sinn zu schöpfen – und stehen somit als reine Zuschussbetriebe unter permanentem Rechtfertigungsdruck. "Hier braucht es den Staat", bekräftigt Kretschmann. Aber klar ist für ihn auch: "Hier braucht es vor allem das Ehrenamt."

Organisatorin Judith Engelke beteuert, dass die Ausgaben für den Naturschutz unter grüner Regierungsbeteiligung in Baden-Württemberg deutlich gestiegen sind, dass es mittlerweile auch hauptamtliche Profis gibt, die von ihrer Arbeit leben können – und freut sich darüber, qualifizierten ExpertInnen ordentliche Honorare auszahlen zu können. Ob aber angesichts des dramatischen Artensterbens der vergangenen Jahrzehnte nicht ganz anders über Fragen wie Naturvernutzung, Flächenversieglung, die Finanzierung intakter Lebensgrundlagen und der dazu nötigen Vermittlung von Fachwissen diskutiert werden müsste, ist wiederum eine andere Frage.


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2 Kommentare verfügbar

  • W. Lorenzen-Pranger
    am 20.04.2022
    Antworten
    Winfried Kretschmann, der selbst in der CDU vermutlich dem rechten Flügel zugerechnet würde, beschäftigt sich also auch schon mal mit Kröten. Warum nur fällt mir da ein Satire-Text zur "Krötenwanderung", dereinst über Gerhard Schröder, ein?
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