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Haltestelle Staatsgalerie

Die Schönheit des Unnahbaren

Haltestelle Staatsgalerie: Die Schönheit des Unnahbaren
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 Fotos: Joachim E. Röttgers 

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Datum:

Wäre die neue Stadtbahn-Haltestelle nahe der Stuttgarter Staatsgalerie eine Komposition, wäre sie Mahlers 10. Sinfonie: hübsch, aber unvollendet. Für eine in Betrieb genommene Baustelle könnte sie jedenfalls kaum großartiger sein – außer, wenn sie gut erreichbar wäre.

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Wenn erwachsene Menschen ratlos im Kreis laufen, wenn sie die Hände in die Hüfte stemmen, seufzen, schnaufen und stöhnen, wenn sie mehrfach auf dem Absatz kehrt machen und schließlich mit gehetztem Blick, in dem der Wahnsinn keimt, an der Verkehrsführung verzweifeln – dann sind sie wahrscheinlich auf der Suche nach der Staatsgalerie. Das Kunstmuseum wird ummantelt von einem identitätsstiftenden Baustellen-Panorama, das mit seiner einzigartigen Grubenvielfalt und dem Stadtbild prägenden Schilderwald inzwischen so sehr zur Stuttgarter Szenerie gehört, dass es glatt als fester Bestandteil der ständigen Sammlung durchgehen könnte.

Um keinen Stilbruch zu riskieren, sprich: dem Motiv der provokanten Verwirrung treu zu bleiben, findet sich vor dem Bau, in dem die offiziell als Kunst anerkannten Werke beherbergt sind, ein abgenudeltes Hinweisschild: Das zeigt eine U-Bahn-Haltestelle an, wo weit und breit keine zu sehen ist. Die Station, die sie Staatsgalerie nennen, befindet sich ums Eck, gut 350 Meter entfernt, im Herzen des Chaos und direkt neben einem Planetarium, das zurecht beleidigt sein darf, nicht als Namensgeber zu taugen. Während die Beschilderung nicht gerade spärlich (und teils widersprüchlich) ausfällt, finden sich für Unkundige nur wenig Anhaltspunkte, wie es vom Museum zur Haltestelle geht. Zu allem Überdruss steht da ein weiterer Wegweiser, der in die Irre führt: Er leitet seine arglosen Opfer direkt zum Höllenschlund, ergo dem Zugang, über den die alte und inzwischen aufgegebene Station namens Staatsgalerie, ein stinkendes und scheußliches Kellerloch, bis vor wenigen Wochen zu betreten war.

Stadtbildprägender Schilderwald – auch eine Art Kunst

Im Zuge des Stadtumgrabungsprojekts Stuttgart 21 musste diese Haltestelle, die den Charme eines Atomschutzbunkers versprüht, weichen. Vor vielen Jahren war einmal vorgesehen, die dafür notwendigen Bauarbeiten binnen zwei Wochen abzuwickeln. Es hat dann aber doch fünf Jahre gedauert, bis am 12. September 2020 eine Baustelle in Betrieb genommen werden konnte. Am neuen Standort fehlen dem Halt noch die Begrünung (einen Baum gibt es bereits), die Anzeigetafeln (ein paar Kabel hängen schon aus der Wand) und die Direktverbindung zum Hauptbahnhof (soll Ende 2023 befahrbar sein). Die Aufzüge hingegen sind zwar vorhanden, aber nicht funktional, wobei bei der Eröffnung betont wurde, dass man auch dieses Problem binnen weniger Tage in den Griff bekommen werde. Vermutlich um Kohärenz zu wahren (schließlich ist die 100 Millionen Euro teure Bau- und Haltestelle ein Teil von Stuttgart 21), ist es bislang bei einer Ankündigung geblieben.

Generell haben es mobilitätseingeschränkte Menschen schwer, an der neuen Haltestelle Gefallen zu finden – insbesondere wenn sie aus dem benachbarten Kernerviertel kommen, respektive: kommen wollen. Der querende Steg über die Stadtautobahn, auf den die Stadt in Sachen Erreichbarkeit verweist, ist nicht barrierefrei. Die nächste Gelegenheit, wohlbehalten über die vielbefahrene Straße zu gelangen, gibt es für Rollstuhlfahrer erst bei der Haltestelle Neckartor. Praktischerweise verkehren hier auch die gleichen U-Bahn-Linien.

Und dennoch: Wo die Dunkelheit besonders finster, kann auch ein Streichholz wie ein Leuchtturm wirken. Und wenn sie einmal fertig wird, ist die neue Haltstelle vielleicht sogar noch hübscher. Zumindest aber weckt sie schon jetzt keine Assoziationen mehr an das Inferno aus der Göttlichen Komödie, wie sie sich Kontext-Autor Rupert Koppold aufgedrängt haben, als er im November 2019 die Zustände in jener grauenhaften Kloake beschrieb, in die kunstbegeisterte NutzerInnen des Nahverkehrs bis vor Kurzem absteigen mussten. Immerhin musste sich auch der arme Dante erst durchs Purgatorium quälen, bevor ihm – alles ist relativ – Paradieses Pracht zuteil wurde. Die Leiden der Höllenbewohner besang er auf seinem schwierigen Weg mit Worten, die vielen Baustellengeplagten in Stuttgart aus der Seele sprechen dürften:

"Und wer zumeist Geduld im Äußern zeigte,
Schien weinend doch zu sagen: 'Mehr nicht kann ich.'"


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1 Kommentar verfügbar

  • C. Heruday
    am 25.09.2020
    Antworten
    Eine städtebauliche Sünde: Einst wurde die Stuttgarter Stadtautobahn gebaut und die Straßenbahn zur unterirdischen Stadtbahn. Immerhin, die Stadtplanung sorgte mit einer zusätzlichen Ebene über den Bahnsteigen an der Haltestelle Staatsgalerie/Planetarium - wie auch am Neckartor - für große,…
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