KONTEXT:Wochenzeitung
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Von revolutionär bis quer

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 Fotos: Joachim E. Röttgers und Jens Volle 

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Datum:

Wer dachte, den Tag der Arbeit gebe es nur noch virtuell, der sah sich getäuscht. Leibhaftiger Protest ist geblieben, nur der DGB im Netz verschwunden. Diverse Gruppen, auch revolutionärer Art, zogen durch die Straßen wie einst im vorcoronösen Mai. Am Tag danach versammelten sich Tausende, eher rechtslastiger Natur, auf dem Cannstatter Wasen. Unsere Fotografen sind mitgezogen.

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Ein 1. Mai ohne Latsch-Demo, pardon, revolutionären Aufmarsch, geht denn das? Der DGB Baden-Württemberg hatte sich so entschieden und ließ seine traditionelle Kundgebung komplett im Internet streamen. Das beglückte Innenminister Thomas Strobl (CDU) derart, dass er aus seiner Freude gleich eine Pressemitteilung machen und darin verlauten ließ: "Diese Entscheidung ist vernünftig und verantwortungsbewusst. Ich kann mir vorstellen, wie schwer dem DGB das fallen muss, auf diese Tradition freiwillig zu verzichten." Das wollte er als Innenminister gesagt haben. Als Digitalisierungsminister verlieh er seiner Freude darüber Ausdruck, "dass der DGB mit einem Live-Stream auf neue Wege setzt".

Nun darf gemutmaßt werden, dass Strobl diese "neuen Wege" auch für die nachcoronöse Zeit als Hauptform des Demonstrierens begrüßen würde. Denn auch in diesem Jahr blieb des Ministers Glück nicht ungetrübt. Am 1. Mai wurde die virtuelle gewerkschaftliche Einheitsfront nicht ganz eingehalten: Mehrere Hundert Menschen spazierten in der "Revolutionären 1.-Mai-Demo" vom Markt- zum Marienplatz, und, aufgerufen vom Aktionsbündnis gegen Stuttgart 21, etwa hundert Leute bekundeten erst auf dem Ferdinand-Leitner-Steg, dann am S-21-Bauzaun ihre Solidarität mit den mittlerweile 19 an Covid-19 erkrankten türkischen Arbeitern.

2.-Mai-Demo

Einen Tag später werden aus Hunderten Tausende, wobei die Schnittmengen eher marginal gewesen sein dürften. Es könnten tatsächlich 5.000 gewesen sein, die Organisator Michael Ballweg, ein in Demokreisen unbeschriebenes Blatt, auf dem Cannstatter Wasen begrüßen konnte. Seine Initiative "Querdenken" beschäftigt sich mit den vielfältigen Einschränkungen, welche die Pandemie mit sich bringt und seine Klientel sehr erregt. In Stuttgart sei das "Freiheitsvirus ausgebrochen", sprach der IT-Unternehmer zu seinem Publikum, in dessen erster Reihe der frühere AfD-Stadtrat Heinrich Fiechtner stand. Mit Hut und Megaphon. Die Freiheit der Wasen-Besucher bestand, ausweislich ihrer eilig gemalten Plakate, in der Befürwortung von Jesus und der Ablehnung von Bill Gates, in der Kritik an der Kanzlerin ("Merkelatur"), in dem erstaunlichen Hinweis auf Hannah Arendt ("Kein Mensch hat das Recht zu gehorchen") sowie im Toben von Kindern, die wieder in die Schule wollten.

Die Polizei sprach anschließend von einem ruhig verlaufenen Nachmittag. Die Abstandsregel (1,50 Meter) schien ihr nicht so wichtig, die Autos aus Waiblingen, Balingen, Heilbronn und vom Bodensee waren sauber geparkt, Ausschreitungen wegen Alkohol oder Antifapräsenz gab es nicht. Die nächste Demo der Querdenker soll, wenn es der böse Staat erlaubt, am 9. Mai an der gleichen Stelle stattfinden.


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