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Ausgabe 376
Schaubühne

Geheimes zum Angucken

Von Anna Hunger
Fotos: Joachim E. Röttgers
Datum: 13.06.2018
Ob sie tatsächlich die soziale Revolte gegen den Datenmissbrauch anzetteln? Wer weiß. Hübsch sind sie jedenfalls, die bunten Streifen, die der Aktionskünstler Florian Mehnert auf Stuttgarts Straßen gesprüht hat. Sie symbolisieren Datenströme, die Menschen im Netz hinterlassen, und sollen sichtbar machen, was Konzerne und Regierungen so sehr interessiert.

Als Edward Snowden vor einigen Jahren den größten Daten-Skandal der Menschheitsgeschichte enthüllte, war die Empörung erstmal groß. Und dann war sie weg. Ausgesessen von den politisch Verantwortlichen, dem Alltag und der Hilflosigkeit anheim gefallen beim Normalmenschen. Wie soll man als nicht IT-gebildeter Mensch auch ankommen gegen so unsichtbare wie übermächtige Gegner aus Wirtschaft, Politik, Sicherheitsbehörden, Geheimdiensten, Riesen-Konzernen, die Einsen und Nullen so aneinanderreihen, dass sie damit ebenfalls unsichtbare Informationen über jeden aus dem Netz fischen können? Die Beschäftigung mit Datenschutz ist immer eine abstrakte.

Der Künstler. Foto: privat
Der Künstler Florian Mehnert. Foto: privat

Der Konzeptkünstler Florian Mehnert möchte die unsichtbaren Datenströme sichtbar machen. Er ist der Herr der vielen bunten Streifen, die momentan durch Stuttgart führen, und die im Stuttgarter Stadtpalais enden. Gelbe, blaue, rosarote, orangefarbene Streifen, einzeln, nebeneinander, schmal oder als breites Band, versinnbildlichen sie digitale Datenspuren, die analoge Menschen hinterlassen, auf dem Bürgersteig.

Die bunten Streifen sind eines von vier Elementen von Mehnerts sozialer Plastik "Freiheit 2.0". Ein zweites Element ist der öffentliche Raum, ein drittes sind Kolloquien über Datenschutz, die die Aktion noch bis zum 24. Juni begleiten.

Ein viertes Element ist die Tracking App, die zur Installation angeboten wird: Wer mag, kann sie aufs Smartphone laden und sich eine Weile von ihr überwachen lassen. Das Ergebnis findet sich am Ende der Datenspur in Stuttgarts erst im April eröffneten Stadtmuseum auf einer Großbild-Leinwand wieder: ein buntes Gewurschtel aus digitalen Wegen, die echte Menschen gegangen sind. So könnten sie also aussehen, die Bewegungsprofile, die von Konzernen, Regierungen, Geheimdiensten gesammelt werden. "Schöne bunte Grafiken" nennt sie der Künstler. Sie machen das Abstrakte, Unsichtbare und Unglaubliche begreifbar – natürlich sind die Datensätze anonymisiert.

Ratte lebt, die Drohnen morden weiter

Mehnert widmet dem Thema Datenschutz und Überwachung schon seit Jahren immer wieder Kunst-Aktionen. 2013 hat er in einem Waldstück Wanzen verteilt und heimlich die Gespräche von Spaziergängern aufgezeichnet. 2014 ließ er Mikrophone und Kameras an fremden Smartphones von Hackern fernsteuern. 2015 setzte er eine Ratte vor eine Webcam und ließ Zuschauer per Internet mit einer Paintball-Pistole auf das Tier schießen. "11 Tage" hieß die Installation, denn am elften Tag sollte die Waffe scharf geschaltet und das Tier mit einem Mausklick gekillt werden. Mehnerts Thema waren die Drohnenkriege, die unter anderem von deutschem Boden aus geführt werden. Nur wenige Tage nach Bekanntwerden der Aktion brach ein Shitstorm über den Künstler herein, inklusive Morddrohungen. Denn wie kann einer nur vor einer Webcam ein Tier töten lassen? Aus geplanten elf Tagen wurden sechs, dann ließ Mehnert die Ratte – natürlich lebendig – aus dem Käfig.

Würden mehr Menschen gegen Drohnenkriege demonstrieren, wenn sie sehen könnten, wer am anderen Ende der Welt durch einen Mausklick ermordet wird? Und generell gefragt: Würden sich nicht mehr Menschen gegen die Datensammelwut wehren, wenn sie sähen, was über sie gesammelt wird? "Vielleicht", konstatierte Medien-Professor Bernhard Pörksen in einem "Zeit"-Artikel über den Künstler, "fehlt dem Überwachungsskandal also einfach die Ratte, das sofort verständliche, emotionalisierende Bild des Opfers." 

Apotheke der Freiheit?

"Freiheit 2.0" hat Mehnert seine soziale Skulptur genannt, denn genau die steht auf dem Spiel und als Frage letztlich im Zentrum seiner Kunst: "Was hat Freiheit mit Big Data zu tun?" Das soll der Diskussionspunkt sein, und um ihn ins Bewusstsein der Menschen zu rücken, hat der Künstler die an seiner Aktion teilnehmenden Einzelhändler, in deren Ladengeschäfte einzelne Streifen führen, umbenannt und jeweils mit dem Namenszusatz "Freiheit" versehen. Der Espressoladen beispielsweise ist nun der Espressoladen der Freiheit, die Zahnarzt-Praxis die der Freiheit. "Da fragt man sich natürlich: Was soll das denn? Apotheke der Freiheit? Und über diese Frage kommen die Menschen dann ins Gespräch", erklärt der 47-Jährige aus dem Markgräflerland, dem südwestlichsten Zipfel Baden-Württembergs. 

Die Antwort des Künstlers auf seine eigene Frage: "Im momentanen Stadium gibt es keine Freiheit, weder in Politik noch im kommerziell Motivierten." Dabei sei Privatsphäre ein Grundrecht: Die Würde des Menschen ist unantastbar. Er sehe mit Sorge, dass sich die Menschen nicht bewusst seien darüber, dass jede Äußerung im digitalen Raum kommerziell verwertet wird. Was passiere wohl, fragt sich Mehnert, wenn der Mensch mit seinen Daten nur noch ein Rohstoff ist?

"Mein Traum wäre es, einen Big-Data-Ethik-Konsens zu finden. Wenn man schmutzige Daten ächtet, kann man die Vorteile nutzen und Big Data unter einem humanistischen Leitbild verbessern." Der Wilde Westen im Datenland jedenfalls müsse endlich aufhören, sagt Mehnert. Vielleicht helfen seine bunten Streifen ja dabei. Hübsch anzusehen sind sie jedenfalls, auch, wenn schon viele von tausenden Schuhsolen täglich abgelaufen sind. Der Künstler sieht's positiv: "Es wäre doch schön, wenn die digitalen Daten im Netz so schnell verblassen würden wie meine aufgesprühten." 

 

Info:

Mehr zu "Freiheit 2.0" und die Termine der Kolloquien gibt es unter diesem Link.


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