Ausgabe 375
Debatte

Datenkrake in der Hosentasche

Von Peter Hensinger
Datum: 06.06.2018
Das Handy katapultierte in den Neunzigerjahren die Kommunikation in ganz neue Sphären. Es erschien wie eine befreiende Revolution. Mittlerweile hat sich das Blatt gewendet, und Smartphone-Superwanzen erfassen alle Kommunikation. Dagegen sollten wir uns wehren, fordert unser Autor.

Die Digitalisierung soll aktuell vor allem das Wirtschaftswachstum anheizen, sie ist ein "Wachstumsmotor", wie es der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftler Tilmann Santarius kürzlich in der "Zeit" genannt hat. "Allein vom Internet der Dinge erwartet man in den nächsten zehn Jahren in Deutschland 30 Milliarden Euro zusätzliche Gewinne für die Industrie und ein Prozent Wachstum pro Jahr", schreibt er weiter. Bedingung für dieses Anheizen des konsumorientierten Wachstums ist der gläserne Konsument, erschaffen durch Big Data.

Errungenschaft des 21. Jahrhunderts: jedem sein persönlicher Spion. Foto: Jakob Owens/Unsplash
Errungenschaft des 21. Jahrhunderts: jedem sein privater Spion. Foto: Jakob Owens/Unsplash

Data-Mining Firmen sind darauf spezialisiert, Nutzerdaten zu erfassen und auszuwerten. Im Leitfaden "Big Data und Geschäftsmodell-Innovationen in der Praxis" (2015) des Unternehmerverbandes Bitkom wird die betriebliche Praxis des Anlegens von 360-Grad-Kundenprofilen an über 40 Firmenbeispielen dokumentiert. Firmen wie Kreditech, Phantominds und die PSD-Bank verwenden komplexe, selbstlernende Algorithmen, die innerhalb weniger Sekunden die Kreditwürdigkeit von Personen bewerten. Das Screening beinhaltet semantische Analysen innerhalb sozialer Netzwerke und Foren sowie die Analyse von Dateien wie Fotos und Videos. Marktführer im Datenhandel sind Bertelsmann, Otto, die Deutsche Post und Schober-Marketing in Ditzingen, die mit digitalen Profilen eines Großteils der Deutschen handeln. Das Bertelsmann-Unternehmen AZ Direkt bietet von 30 Millionen Bundesbürgern Adressdaten an, die anhand 600 zusätzlicher Merkmale ausgewählt werden können. So berichtet es Wolfie Christl, Netzaktivist und Leiter des österreichischen Cracked Labs, einem "Institut für kritische digitale Kultur", in der Studie "Kommerzielle digitale Überwachung im Alltag" im Auftrag der österreichischen Bundesarbeitskammer.

Die Big-Data-Psychogramme verraten Stärken, Schwächen, Gefühle und Wünsche, deren Kenntnis mit Hilfe von Algorithmen eine personenbezogene Beeinflussung ermöglichen. Diese Daten aus Facebook, Google und Twitter sind das Gold des 21. Jahrhunderts. "Schon 2011 wurde der Wert aller Daten der EU-Bürger auf 315 Milliarden Euro geschätzt. Das Wachstum ist enorm, 2020 könnten die Daten schon 1000 Milliarden wert sein – rund 2000 Euro pro Kopf", schreibt 2015 der SWR auf seiner Website.

Der Datenhandel ist ein diskretes Milliardengeschäft. Christl kommt zu dem Schluss: "Durch die beschriebenen Entwicklungen und Praktiken wird klar, dass eine Art von Überwachungsgesellschaft Realität geworden ist, in der die Bevölkerung ständig auf Basis persönlicher Daten klassifiziert und sortiert wird." Wir müssen nüchtern konstatieren: Grundgesetzlich verbriefte Werte wie das Brief-, das Bank-, das Postgeheimnis, die Unverletzlichkeit der Wohnung stehen nur noch auf dem Papier.

Alltägliche Überwachung

Um das Ganze anschaulich zu machen, ein Beispiel, wie die Daten im Alltag gesammelt werden: Sie betreten ein Einkaufszentrum und nutzen dessen App. Ihr Smartphone stellt beim Betreten eines Geschäfts automatischen Kontakt zu kleinen, in den Regalen versteckten Bluetooth-Sendern her, sogenannten Beacons. Einer der führenden Beacon-Herstellers, IntelliAd, preist die Technologie 2014 in einer Pressemitteilung so: "Aus einer Hand lassen sich neben den bereits messbaren Kanälen Online, TV und Telefon nun weitere Offline-Touchpoints in Echtzeit integrieren und dynamisch in die Online-Marketing-Aktivitäten einbinden."

Porträt Peter Hensinger

Peter Hensinger. Foto: Joachim E. Röttgers

Peter Hensinger, Jahrgang 1948, ist Vorsitzender der Bürgerinitiative "Mobilfunk Stuttgart", zweiter Vorsitzender des Vereins "Diagnose: Funk", außerdem stellvertretender Vorsitzender des BUND Stuttgart. Er hat das Bündnis für humane Bildung mitgegründet, das sich gegen die umfassende Digitalisierung des Schulwesens richtet. Hensinger hält regelmäßig Vorträge zu den Gefahren durch elektromagnetische Strahlung und Digitalisierung. Daraus entstand der vorliegende Text, ein erster Teil zum Thema Smart City erschien in Kontext Nr. 374. (jp)

Weiter heißt es, die Beacons ermöglichten "eine vollumfängliche Verschmelzung der On- und Offline-Daten mit einer 360- Grad-Messung und Auswertung der Customer-Journey (...). Werbetreibende können mithilfe der Beacons nun nachvollziehen, wenn ein User online zu einem Produkt recherchiert und es dann im stationären Geschäft kauft. Eine wichtige Information für das Zusammenspiel von Online-Werbung und Offline-Geschäft (...). Unternehmen sind im ersten Schritt in der Lage, Kundenströme in ihren Läden zu messen und so ihre Produktplatzierung zu optimieren. Im zweiten Schritt können sie ihren Kunden zielgerichtete und ortsbasierte Werbung sowie Informationen in Echtzeit anzeigen, wenn diese den Laden betreten. So erhalten Verbraucher über ihr Smartphone spezielle Angebote und Rabatte, die zu ihnen passen."

Das heißt: Der Händler hat das digitale Kunden-Profil in Echtzeit auf seinem Bildschirm, eine Auswertung der digitalen Spuren aus Internet- und Smartphone-Nutzung, angewandt auf seine Produkte. Der gläserne Konsument bildet sich als abrufbarer digitaler Zwilling im Netz ab. Nicht nur direkte Daten werden erfasst, sondern auch hunderte Metadaten über Einstellung, Charakter und Psyche.

Folgen von Big Data für den Bürger

Wie könnte sich die Datenerfassung auf den Charakter der Menschen auswirken? Durchdenken wir die derzeitige Entwicklung der digitalen Überwachung bezogen auf Kinder und Jugendliche. Die Datenerfassung beginnt heute schon mit der smarten Windel, die den Eltern den Füllstand rund um den Po ihres Kleinsten aufs Smartphone funkt, oder der sprechenden WLAN-Puppe "Hello Barbie" – ein Mikrofon am Kopf der Puppe zeichnet auf, was das Kind mit ihr spricht, schickt es in die Cloud und generiert daraus Puppen-Antworten. "Das Ende der Kindheit" nannte es die "Welt".

Ein Kind bekommt mit sechs Jahren ein Smartphone, spätestens dann beginnen Unternehmen seine Daten zu speichern. Wenn es volljährig ist, ist die digitale Akte bereits prall gefüllt. Der junge Erwachsene bewirbt sich, sein digitaler Zwilling ist schon im PC des Personalchefs. Er weiß, welche Kategorie von Freunden er hat, kennt seine Intelligenz, sein Schul-, Freizeit – und Sozialverhalten, weiß, welche Bücher er liest und was er konsumiert, ob er Sport treibt, wie groß seine finanzielle Abhängigkeit ist, welche Krankheiten er hatte oder hat, kennt seinen Alkoholkonsum, Jugendstrafen, Weltanschauung, Beziehungskonflikte und die sexuelle Orientierung.

Digital Natives kennen keine Welt ohne Smartphone. Foto: Pixabay
Digital Natives kennen keine Welt ohne Smartphone. Foto: Pixabay

Das Smartphone ist das Hauptinstrument der kapital – und konsumorientierten Sozialisation. 2011 hatten 26 Prozent der Jugendlichen ein Smartphone, 2016 sind es schon 97 Prozent der Mädchen und 93 Prozent der Jungen und auch schon 91 Prozent der 12-jährigen Kinder. Und sie nutzen es vom Aufstehen bis zum Schlafengehen, so können bereits die Kinder für die Welt des Konsums konditioniert werden. Der Run von Jugendlichen auf die Primark-Modeketten ist Ergebnis solcher Manipulation. Primark wirbt für seine in Sklavenarbeit hergestellte minderwertige Kleidung nicht über Printmedien oder TV, sondern über Blogger und Influencer in sozialen Medien, direkt auf das Smartphone.

Die Vereinzelung macht manipulierbar

Die Individualisierung und digitale Personalisierung hat enorme soziale Konsequenzen. Sie fragmentiert in Konsumenten. Die bereits achtstündige durchschnittliche Nutzungsdauer von Bildschirmmedien bei Jugendlichen ist ein messbarer Beweis, wie die soziale Face-to-Face Kommunikation schrumpft. "Die zunehmende Konzentration auf die eigene Person fördert den Egoismus und zersetzt den Sinn für Gemeinschaft, Gesellschaft und Solidarität" schreibt die IT-Unternehmerin und Social-Media-Kritikerin Yvonne Hofstetter in ihrem Buch "Das Ende der Demokratie".

Diese Vereinzelung und ihre Folgen können wir täglich beobachten. War früher die morgendliche Vesperpause im Betrieb der Ort täglicher politischer Diskussion, so starrt heute fast jeder auf sein Smartphone, die Schulpause, wo man sich austobte, wird zur Smartphone-Zeit. Die rasante Anstieg der Entfremdung vieler Jugendlicher von der Realität und das Abtauchen in virtuelle Welten war ein Hauptergebnis des "Jugendreport Natur 2016". Natur wird nicht mehr spielerisch entdeckt und erlebt, sondern im Schulunterricht und eigenen Zimmer "angelernt". In der Psychologie sprich man vom Natur-Defizit-Syndrom.

Global vernetzt und einsam: Smartphone-Nutzer. Foto: Pixabay
Global vernetzt, aber einsam: Smartphone-Nutzer. Foto: Pixabay

Seit Snowdens Enthüllungen ist jedem bekannt, dass die Überwachung allgegenwärtig ist. Die Auswirkungen dieser permanenten Ungewissheit werden sich im Unterbewusstsein festsetzen und Handeln bestimmen. Die Entdemokratisierung erfolgt schleichend, auch weil sich die Digitalisierung die Zustimmung mit Illusionen von grenzenloser Information und neuer Demokratie erkauft. Die Entgegnung "Ich habe nichts zu verbergen" ist eine naive Rechtfertigung für jede Art von Überwachung, die für die eigene Bequemlichkeit hingenommen wird. Dahinter steckt auch politische Unerfahrenheit über mögliche Konsequenzen. Die historischen Erfahrungen, wozu der deutsche Staat in der Nazi-Zeit fähig war, aber auch in der Adenauer- Ära mit Kommunisten- und Homosexuellenverfolgung, den schwarzen Listen der Unternehmerverbände, und nicht zuletzt die Stasi-Erfahrungen, werden verdrängt. Wir liefern heute schon auf Vorrat die Daten, auch über politische Netzwerke, auf deren Basis morgen eine mögliche reaktionäre oder rechtsradikale Regierung den Widerstand "smart" unterdrücken könnte.

Kommunikation wird ihres Sinnes beraubt

Brauchen wir Big Data und die Vorratsdatenspeicherung für unsere Sicherheit? Trotz künstlicher Intelligenz, gigantischer Datenvolumen und der ständigen Perfektionierung der Überwachung bekommen die Herrschenden weder die Probleme Europas in den Griff, noch die Kriege im Nahen Osten, sondern vertiefen das Chaos. Dieses Chaos soll mit Überwachung und Manipulation gebändigt werden, um eben dieselbe Politik weiterführen zu können. Ein systemimmanenter Widerspruch.

Die Privatsphäre garantiert die private, autonome Lebensgestaltung, in dem der Einzelne seine Individualität entwickeln und wahren kann. Diese Grundrechte sind heute praktisch aufgehoben. Die erste Phase der Internetrevolution und der mobilen Kommunikation über Handys in den 90er Jahren erschien wie eine Revolution der Kommunikation, der totalen Transparenz und Vernetzung. Derzeit befinden wir uns auf dem besten Wege in die Verwandlung dieser Transparenz in ihr Gegenteil, hin zur totalen Kontrolle der Kommunikation, dem Ende der freien Kommunikation. Die verbindende Kommunikation wird ihres Sinnes beraubt, wird zur Handelsware und Herrschaftswissen für Machtausübung.


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Ausgabe 393 / Ach, die Linke / Jochen Sindberg / vor 5 Tagen 6 Stunden
ein tiefes Danke!!



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